ÖBV Ausstellung

Gegenstück der Wahrnehmung

Thomas Reinhold
„BILD - Gegenstücke der Wahrnehmung“

ÖBV Atrium
1010 Wien, Grillparzerstr. 14      » Lageplan

Ausstellung: 01.02.2017 - 30.04.2017 Mo-Fr 8-16 Uhr

Thomas Reinhold war Ende der 1970er Jahre Mitinitiator der "Neuen Wilden Malerei" in Österreich, wandte sich aber Mitte der 1980er Jahre medienreflexiven Aspekten der Malerei und Fotografie zu. So bezieht sich seine neue Werkgruppe "BILD" im Atrium der ÖBV auf das verwobene Netz aus Bild und Wahrnehmung. Großformatige Schüttbilder stehen bei der Ausstellung im Mittelpunkt.

Bericht zur Vernissage

Vernissage: 31.01.2017 um 19 Uhr
    Eröffnung: Mag. Josef Trawöger Vorstandsvorsitzender der ÖBV
Kuratorin: Jacqueline Chanton
Musik: Julian Gamisch, Musiker und Komponist, Piano
Laudatio: Patricia Grzonka, Kunst- und Architekturhistorikerin

Thomas Reinhold im Gespräch über seine Ausstellung im ÖBV Atrium.

ÖBVaktiv: Ihre Präsentation in der ÖBV trägt den lapidaren Titel „BILD“. Was bedeutet dieser so häufig und oft auch missverständlich verwendete Begriff aktuell in Ihrer Malerei?

Reinhold: In der neuesten Werkgruppe BILD, aus der ich für die Räumlichkeiten der ÖBV repräsentative Beispiele ausgewählt habe, beziehe ich mich auf das verwobene Netz aus Bild und komplexer Wahrnehmung. Der Titel verweist auf die sich verdichtende Struktur des Malprozesses, die dafür sorgt, etwas Bild werden zu lassen, das nicht im Sinne eines Abbildes oder einer Umsetzung von Erlebtem zu verstehen ist. Während des Malens versuche ich vielmehr im Sinne eines Pendants, mich direkt in den Gegenstücken meiner Wahrnehmung aufzuhalten.

ÖBVaktiv: Das klingt für den Laien etwas kompliziert. Wie sieht dies praktisch bei der Arbeit im Atelier aus? Treten Sie bewusst aus dem Malprozess heraus und halten inne, um zu sehen, wie sich das Bild Schicht für Schicht, oder besser gesagt Schüttung für Schüttung, verändert, verdichtet?

Reinhold: Ja, das trifft es ziemlich genau, denn die Leinwände werden am Boden auf Kisten aufgebockt, die dünnflüssige Ölfarbe aus Behältnissen aufgebracht und durch Anheben des Rahmens transportiert. Da muss ich ja wiederholt zurücktreten und überlegen, wie es weitergeht, wie sich die Komposition entwickeln soll. Die Verlangsamung des Malprozesses – die mehrfach wiederholte Handlung des kalkulierten Schüttens, das vom Zufall mitbestimmte Manövrieren und die sukzessive Entwicklung von Farbräumen – zielt aber auch auf eine Entschleunigung unserer Wahrnehmung ab.

ÖBVaktiv: Mit „unserer“ ist nicht nur die Wahrnehmung des Künstlers gemeint. Sie betonten in Gesprächen mehrfach, wie wichtig Ihnen die Bereitschaft der Betrachterin oder des Betrachters ist, sich für Ihre Arbeiten Zeit zu nehmen, auf ihre BILDER einzulassen und selbst ein aktiv wahrnehmendes Gegenstück zu bilden …

Reinhold: … indem ich zu einer beinahe archäologischen Sehweise auffordere, ohne die man den geschaffenen Bild-Raum in seiner Gesamtheit gar nicht erfassen könnte.

ÖBVaktiv: Sie interessieren sich neben westlicher auch stark für außereuropäische Kunst. In Ihrem Atelier befinden sich archaische Holzskulpturen und etliche Bücher zur alten chinesischen Malerei. Spiegelt sich darin das eigene Streben nach Reduktion, Verlangsamung und einer überzeitlichen Gültigkeit Ihrer Werke wider?

Reinhold: Die von Ihnen angesprochene Stammeskunst kommt aus Afrika und Südostasien, ich habe sie großteils gegen eigene Arbeiten eingetauscht. Und das hier aufgeschlagene Buch zeigt ein Rollenbild des von mir bewunderten chinesischen Meisters Xú Wèi aus dem 16. Jahrhundert. Hier sehen Sie ganz deutlich, was Max Weiler meinte, wenn er eine Reihe von Gemälden nicht „Landschaft“, sondern „Wie eine Landschaft“ nannte. Lavierte Pinselkleckse und oft breite Pinselzüge entfalten sich bei längerer Betrachtung zu Formen, die wir aus der Natur kennen. Die Malerei entsteht wie ein Naturereignis.

ÖBVaktiv: Vor einigen Jahren verbrachten Sie selbst mehrere Monate in China – ein Aufenthalt, der sicher Spuren hinterließ?

Reinhold: Ja, ich bewarb mich 2010 bei der Kunstsektion im Bundeskanzleramt erfolgreich für ein Auslandsatelier- Stipendium in Shanghai. Dort entstand eine Fotoserie, der „malerische“ Nachtaufnahmen und „fotografische“ Malerei zugrunde liegen – Licht bestimmter Farbe sowie Licht und Farbe in kinetischen Abläufen. Mittels Bewegung und Zeit komponierte ich Fotos, die den Überlagerungen von Schüttungen meiner Gemälde ähnlich sind.

ÖBVaktiv: Von Shanghai zurück zur ÖBV Ausstellung: Für die musikalische Umrahmung des Eröffnungsabends konnten Sie den aufstrebenden Musiker und Komponisten Julian Gamisch am Piano gewinnen. Wie ist es zu dieser fruchtbaren Zusammenarbeit gekommen?

Reinhold: Ich besuche hin und wieder Konzerte der Kompositionsklassen der Musik und Kunst Privatuniversität. Querverbindungen zu anderen Medien haben mich schon immer interessiert und so hat sich der Kontakt mit Gamisch ganz natürlich ergeben. Er bat mich für die Entwicklung seiner Komposition für die Vernissage um einige meiner Farbproben auf Papier – Ton zu Ton sozusagen.

ÖBVaktiv: Danke für das Interview.

Das Interview führte die Kunsthistorikerin und Kuratorin Mag.a Maria Christine Holter.

Zur Person Thomas Reinhold

Magda Csutak

1953 in Wien geboren, 1974 bis 78 Studium an der Universität für angewandte Kunst in Wien, 1999 Auftrag für die Gestaltung der Fenster der „Chapelle de la Résurrection“ in Brüssel, Rue van Maerlant, 2010 Atelierstipendium des bka in Shanghai, 2011 Preis der Stadt Wien für bildende Kunst

Ausstellungen (Auswahl), EA = Einzelausstellung

2016 „Transport und Kommunikation“, Sammlung Friedrichshof, Stadtraum (EA), „Liquid:Morph“, gemeinsam mit Georgia Creimer, Art Room Würth, Böheimkirchen, „Tief.Dunkel II“, Galerie Menotti, Baden 2015 „Nahe Ferne“, Landesmuseum Niederösterreich St. Pölten, Galerie Exner Wien (EA), „Expressionismen“, Museum der Moderne Salzburg 2014 „Pendant“, Ausstellungsbrücke im Landhaus St. Pölten (EA)

Thomas Reinhold

2012 „Tektonik der Schwebe“, kunsthaus muerz, Mürzzuschlag (EA), „Sammlung Sigrid und Franz Wojda“, MMK Klagenfurt
2011 „Realität und Abstraktion“, Museum Liaunig, Neuhaus, Galerie Gölles Fürstenfeld (EA)
2010 „Malerei: Prozess und Expansion“, MUMOK Stiftung Ludwig Wien
2009 „Wesentlich“, Galerie Michitsch Wien (EA) 2008 „repro-spektiv:re-produktiv, aus dem vollen geschöpft“, Galerie Kunst & Handel Graz (EA)
2007 „Konzeptuelle Fotografie aus Sammlungsbesitz“, Museum der Thomas ReinholdModerne Rupertinum Salzburg
2006 „Crossover“, Koroska Galerija Slovenj Gradec
2005 „synergie:paradox“, gemeinsam mit Julie Hayward, Museum für Gegenwartskunst Stift Admont
2004 „Vision einer Sammlung“, Museum der Moderne Salzburg.

Mehr Informationen:

www.thomasreinhold.com