ÖBV - Österreichische Beamtenversicherung, Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit - ÖBV Versicherung

Prof. Ernst Gehmacher

Publikationen: Zeitung ÖBV-aktiv Nr. 38
Beamte - gestern und morgen

Auszüge aus einem Artikel von Prof. Ernst Gehmacher

Beamte, Staatsdiener mit eigenem Status, gibt es erst seit dem Entstehen des modernen Staates im Prozess der Modernisierung.

Mit der Auflösung der überschaubaren kleinen Gemeinschaften und der erblichen Elitefunktionen, wie sie im Feudalismus gegeben waren, mit der Bildung großer Nationalstaaten und der technischen Revolution in der Industrialisierung übernahmen Beamte immer mehr Aufgaben der Verwaltung und der Sorge um das Gemeinwohl.

Im Wesentlichen dauert das Gestern der Beamten nicht viel länger als dreihundert Jahre an. In diesem Gestern hat sich die Zahl der Beamten in Europa stetig vermehrt. Allerdings lief dieses Wachstum nur dem Wirtschaftswachstum hinterher und folgte der Zunahme der modernen Berufstätigen.

Die traditionelle agrarische Lebensform als Subsistenzwirtschaft mit geringen Überschüssen, die noch vor 200 Jahren mehr als 80 Prozent der Bevölkerung ausmachte, ist in den modernen Gesellschaften nun auf etwa 5 Prozent zurückgegangen. Die in der Industrie Beschäftigten sind noch rascher angewachsen als die Beamten. Das war bis vor kurzem so: im Gestern.

Die Struktur der Beamtenschaft ist noch großteils von dieser Entwicklung geprägt. Beamte trugen im Wachstumsprozess der Modernisierung, zumindest in den europäischen Gesellschaften und ihren Nachahmern, auch jene nachhaltigen und langfristigen Technisierungen, die der Markt gar nicht oder nur schwer geleistet hätte: den Aufbau des öffentlichen Verkehrs und der Telekommunikation (wie Bahn und Post), die Expansion des Bildungswesens (Schule und Hochschule), die Entfaltung eines gewaltigen Gesundheits- und Sozialwesens.

Der Gemeinwohlwert dieser Ausbauleistungen war so evident, dass es keine Ideologie gab, die dieses Engagement des Staates in Frage gestellt hätte. Erst jetzt wird in all diesen Bereichen privatisiert. Gleichzeitig wuchsen die "Kernaufgaben" des Staates - die Ordnungsleistungen der Verwaltung und der sozialen Mittelverteilung (Finanzverwaltung und Sozialversicherung) sowie die Bewahrung von Frieden und Sicherheit. Erst jetzt werden diese Leistungen kritisch betrachtet.

Erst im Verlauf der letzten fünfzig Jahre wurde die Frage um die optimale Rolle des Staates zum Brennpunkt des politischen Disputes. Die Staatsmodelle des "realen Sozialismus" mit der totalen politischen "Verbeamtung", des "privatwirtschaftlichen Liberalismus" mit der "Staatsminimierung" und der "sozialen Marktwirtschaft" mit einer gemischtwirtschaftlichen Ideologie traten von der Mitte des 20. Jahrhunderts an immer stärker in Konkurrenz.

Dieser Wettlauf der Staatsmodelle um den Siegerpreis der "kulturellen Evolution" ist heute noch nicht entschieden.
Doch die extremeren Varianten dürften aus dem Rennen sein. Die politisch-ideologischen Modelle ganz rechts und ganz links haben letztlich nie ganz der Realität standhalten können. Die Vergötzung des Staates im Faschismus wie im Kommunismus scheiterte katastrophal. Denn die Wirklichkeit war immer anders.

Je höher entwickelt eine Gesellschaft, umso mehr Staat braucht sie. Und es gibt keine moderne Gesellschaft, in der über die letzten zweihundert Jahre der Anteil der Beamten nicht gestiegen wäre - aber immer in einer Relation zur Gesamtenwicklung der Wirtschaft und der "modernen" Beschäftigung.

Wenn man daraus schließt, dass die Beamten ein wesentliches Strukturelement der Modernisierung sind - und sich willkürlich weder abschaffen noch vermehren lassen -, so muss eine Prognose der Beamtenschaft von Morgen von den zu erwartenden Entwicklungen der Gesellschaft ausgehen. Eines ist dabei sicher: Nur eine globale Katastrophe kann den Fortgang der Modernisierung verhindern - und nur die Modernisierung kann die Katastrophe einer Eskalation von Gewalt und Umweltzerstörung verhüten.

Für die nächsten Jahrzehnte ist in Europa Wirtschaftswachstum angesagt, so um die 3 Prozent jährlich. Gleichzeitig steigt die Arbeitsproduktivität nicht nur in allen technologischen Bereichen; die neuen Maschinengenerationen ersetzen auch zunehmend Kommunikation und die rational-rechenhafte Intelligenz des Menschen.

Technisch nicht ersetzbar bleiben große Teile der Dienstleistungen, vor allem insofern sie soziale und emotionale Intelligenz und Zuwendung erfordern. Und der Bedarf läuft hier dem Angebot davon: in Gesundheitswesen und Pflege, in Erziehung und Bildung, in Psychotherapie und Lebenshilfe, in Vermittlung und Orientierungshilfe, in Sicherheit und Schutz, in Service und Bedienung.

Für solche "personengebundene Dienstleistungen" gibt es derzeit nur eine Grenze des Wachstums: die Finanzierung.

Aus dem Wesen der Marktwirtschaft ergibt sich daraus: Vollbeschäftigung und damit Wettbewerbsfähigkeit in der globalen Gesellschaftskonkurrenz werden jene Gesellschaften haben, die High-Tech exportieren und lokal ein reiches Angebot an personengebundenen Dienstleistungen produzieren.

Wiederum, wie in der Evolution von Gestern, setzt das Pionierleistungen voraus: in neuer Bildung und Umschulung auf den Bedarf hin, in Forschung und Entwicklung, in neuen Ordnungs- und Verteilungsleistungen der öffentlichen Hand. Doch diesmal nicht nur auf der Ebene des Nationalstaates, sondern global, kontinental und regional, aber auch kommunal und in den Basis-Gemeinschaften der Arbeitswelt, des Wohnens und der Freizeit

Wird man dazu Beamte brauchen?
Die Antwort ist: teils - teils.

Ganz sicher sind Beamte notwendig, wo es um Verwaltung und Ordnungsleistungen der öffentlichen Hand geht, um die Kern-Domäne des Staates. Dort sind loyale und unbeeinflussbare - also "pragmatisierte" - Beamte so unerlässlich, dass selbst die Optimierung der Effizienz hintansteht. Die soziale Position dieser "Kern-Beamten" ist stark.

Die Marktwirtschaft kann jedoch Beamte dort durch "nachfragebestimmte" Kräfte ersetzen, wo Klienten und Kunden für ihren eigenen Nutzen direkt zahlen. Kann, muss aber nicht.

Denn auch die öffentliche Hand kann genauso marktwirtschaftlich effizient agieren wie Unternehmen - wenn sie nicht auf das Gemeinwohl und die soziale Umverteilung Rücksicht nehmen muss.

Beamte können genauso gut ehrenamtliche Helfer einsetzen wie Non-Profit-Organisationen - wenn sie das Vertrauen der Spender haben. Der Unterschied zwischen Staat und Privat liegt nicht im Eigentum und im Management; beide, öffentliche wie private Unternehmen können effizient wirtschaften oder bankrott gehen.

Das entscheidende Kriterium ist das Gemeinwohl. Wo eine Dienstleistung keine Gemeinwohlleistung beinhaltet, sondern nur kurzfristig individuellen Bedarf deckt und vom Klienten bezahlt wird (egal, woher dieser sein Geld nimmt - aus Arbeit, Transfer, Ersparnissen oder Diebstahl), ist der Markt am effizientesten. Und da muss der Dienstleister kein Beamter sein. Und wenn er es ist, muss er motiviert werden, Markterfolg zu erzielen - genau wie jeder private Dienstnehmer auch.

Anders, wenn es um das Gemeinwohl geht. Dann muss der Staat oder eine NGO (Non-Governmental-Organization) den Bedarf bestimmen und die Leistung motivieren und bezahlen; mit dem Geld, das nach politischem Konsens als Steuer aufgebracht wird oder von Sponsoren freiwillig gespendet wird. Und dann braucht man Beamte. Zumindest, um den Geldfluss zu regeln und die Gemeinwohlziele zu verfolgen. Oft wird es aber auch am effizientesten sein, - auch für die Dienstleistung selbst - "Beamte" einzusetzen. Oft auch nicht. Das ist eine Frage der Verfügbarkeit, der Arbeitsumstände, kurz: der Praxis.

Viel schwieriger ist das Problem der politischen Bestimmung vom Gemeinwohl, insbesondere wo es sich um soziale Umverteilung handelt - oder zumindest damit verbunden ist. Gerade das ist aber auch der entscheidende Punkt jeder Gesellschaft. Staaten, Gesellschaften, Kulturen sind in der ganzen Geschichte der Zivilisation immer wieder an mangelnden Gemeinwohl-Leistungen zugrunde gegangen.

Denn alle Lebensgrundlagen, die für alle unteilbar da sein müssen, alle "kollektiven Güter", bedeuten Gemeinwohl: die heile Umwelt, Frieden und Sicherheit, Gerechtigkeit und Demokratie, nachhaltige Ressourcen und die Infrastruktur für Verkehr, Energie und Bildung, die Schönheit der Landschaft und der Städte. Und eine Gemeinwohl-Leistung ist auch die Erhaltung und Stärkung von Marktwirtschaft und Demokratie - denn beide brauchen Ordnung und Kontrollen.

Für individuelle wie für kollektive Güter, für den privaten Konsum wie für den Gemeinwohlnutzen gilt die Regel, dass bei zunehmender Versorgung Sättigung eintritt, dass der "Grenzwert" jedes "Noch-mehr" abnimmt.

Und nun scheint in den modernsten und reichsten Gesellschaften der Wert zusätzlichen privaten Konsums gegenüber dem Wert von Gemeinwohl deutlich abzunehmen. Nicht mehr Mangel und Not des Einzelnen sind dort das größte und wachsende Problem, sondern Stress und Gefährdung durch Umweltschäden, Unsicherheit und sozialen Konflikt.

Es ist für die nächste Periode vorherzusehen, dass jene Gesellschaften voran sein werden, die mehr Gemeinwohl hervorbringen. Dort werden die Menschen nicht nur glücklicher leben, sondern auch zu mehr Leistung motiviert sein, dorthin wird es auch die Besten ziehen.

Damit wird aber auch der Bedarf nach Methoden der Effizienzsteigerung und Leistungsoptimierung für die Gemeinwohl-Leistungen immer dringlicher. Es ist eines klar: es wird in Zukunft viel mehr "Beamtenleistungen" geben - durch höhere Effizienz der Beamten-Dienstleistungen, durch mehr Beamte und durch neue Formen von Beamten in gemischtwirtschaftlicher Gemeinwohlarbeit.

Der Bedarf ist bei steigendem Wirtschaftswachstum und der Verlagerung der Beschäftigung zu den Dienstleistungen stetig wachsend. Völlig absurd erscheint es, von einer Reduktion der "öffentlichen Dienste" zu reden. Freilich können diese Dienste auch andere Formen annehmen. Reformen in der Organisation öffentlicher Dienste sind dringlich, wenngleich nicht leicht und schnell zu Erfolg zu führen.

Der Ansatz zu einem "new public mangement" verdient höchste Beachtung. Es gilt, mit neuen Methoden Erfahrung zu sammeln, die Effizienz des Öffentlichen Dienstes in allen Funktionen und Formen objektiv zu evaluieren, aus "best practices" zu lernen - und das Bild des "neuen Beamten" auch ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Der Bedarf an Gemeinwohl ist schon da.

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