ÖBV - Österreichische Beamtenversicherung, Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit - ÖBV Versicherung

Gemeinwohl

Publikationen: Zeitung ÖBV-aktiv Nr. 41/42
Gemeinwohl: Verantwortung & Service

Auszüge aus den Überlegungen von Prof. Ernst Gehmacher zur Expertenrunde "Gemeinwohl - die Bedeutung des Öffentlichen Dienstes".

Die Stärken des Öffentlichen Dienstes


Der Zeitgeist stellt den öffentlichen Dienst in Frage: Marktmechanismus, quantitative (pekuniäre) Kosten-Nutzen-Rechnung und leistungssteigernde Flexibilisierung als Erfolgsrezepte der Modernisierung werden den Leistungen für die Gesellschaft und einem sozial gerechten Gemeinwesen entgegengestellt. Der Ruf nach der Demontage von gewachsenen sozialen Strukturen wird laut.

Diese für die gesamte Gesellschaft bedrohliche Tendenz der Abwertung und Verdrängung des Öffentlichen Dienstes (bei real ständig steigendem Bedarf) ist unübersehbar.

Im Bildungssektor setzt man etwa auf eine stärkere Ausrichtung der Lehrpläne auf die Nachfrage der Wirtschaft.
Dennoch schreitet der Trend voran, die Lehrer schlechter zu stellen, den Schulen weniger Lehrkräfte zu bieten und einen zunehmenden Teil der "marktfähigen" Berufsbildung und Selbstentfaltung dem öffentlichen Bildungswesen zu entziehen, um davon Private profitieren zu lassen.

Für den Schaden, der daraus langfristig durch den Rückgang humanitärer Allgemeinbildung und die zunehmende Abgrenzung von Kompetenz-Eliten entsteht, gibt es kein objektives Alarmsystem und daher kaum ein Bewusstsein.

Im Sicherheitssektor geht es weniger um Privatisierung und Ausgliederung als um die Bedeutung der öffentlichen Funktion überhaupt. Auch da erscheint die defensive Haltung in Österreich verbreitet.

Polizei und Gendarmerie haben ungeachtet dieses Zeitgeistes Chancen, für ihre Gemeinwohl-Leistungen Beifall und Sympathie zu ernten. Die Bedrohung durch Gewaltverbrechen, Wirtschaftskriminalität, Drogenhandel und Mafiapraktiken nimmt mit der globalen Modernisierung zu - und macht auch vor ländlichen Sicherheits-Oasen nicht Halt.

Die öffentliche Hand ist kein Lieferant individueller Dienstleistungen - nicht zum Marktpreis und schon gar nicht gratis.
Um nachhaltig gegen Zeitgeist und Vorurteile Anerkennung zu gewinnen, muss man das echte Produkt in seinem wahren Wert herzeigen.

Das Produkt des öffentlichen Dienstes lässt sich in drei Leistungen fassen, die in klarem Gegensatz zu marktgängigen Produkten vergleichbarer Art stehen:

  • die Gebundenheit an gesetzliche PFLICHT - nicht der Kunde ist König, sondern die Dienstpflicht, die bis zum Einsatz von Gesundheit und Leben gehen kann;

  • das egalitäre SERVICE ohne Ansehen der Person - das Marktprinzip im öffentlichen Dienst würde käufliche Beamte und Bestechung hervorbringen;

  • das GEMEINWOHL als Leistungsmaß - der kollektive Nutzen, das Wohl der Gesellschaft als Ganzes ist mehr als die Summe des individuellen Nutzens (und lässt sich bewerten, obwohl es keine Marktpreise dafür gibt).

In Bezug auf die äußere und innere Sicherheit sind diese drei Leistungsaspekte besonders deutlich wahrnehmbar. Der Gemeinwohlwert einer sicheren Sozietät lässt sich an dem Vergleich des wirtschaftlichen Erfolgs und des Wohlbefindens in einer modernen Demokratie gegenüber einer Gesellschaft in dauerndem Bürgerkrieg ermessen.

Der Unterschied im Wohlstand ist gigantisch. Und wenn man diesen Gewinn auch nicht zur Gänze den Leistungen der öffentlichen Sicherheit zuschreiben darf, sondern auch noch die Effekte von Bildung, Wissenschaft, Gesundheit, Kultur und Infrastruktur in Rechnung zu stellen sind, rechtfertigt ein solches Kalkül mehr an Aufwand, als heute in Österreich für Sicherheit eingesetzt wird.

Im Bildungswesen liegen die großen Leistungen des Öffentlichen Dienstes ebenfalls in diesen drei Eigenheiten. Und wohin geriete eine Gesellschaft, die nur den Zahlungskräftigen und den Hochbegabten Lesen und Schreiben lehrte?

Wenn einmal die Minderheit der Bildungsversager und der kulturell Marginalisierten die Wirtschaft lähmt und die Demokratie radikalisiert, ist es zu spät. Bildung wächst erst in Generationen heran. Bildung muss für alle da sein und die Einheit einer Gesellschaft bewerkstelligen.


Prof. Gehmacher, Gründer des Meinungsforschungsinstitutes IFES, ist einer der führenden Experten in der Gesellschaftswissenschaft.

Lesen Sie dazu auch: Beamte erzeugen Gemeinwohl

nach oben