Publikationen: Zeitung ÖBV-aktiv Nr. 45
Enron, Andersen und der virtuelle Kapitalismus
von Egon MatznerBesuchern der Veranstaltungen im ÖBV-Atrium ist Egon Matzner vielleicht noch aus dem Vorjahr in Erinnerung:
Im Oktober präsentierte der renommierte Finanzwissenschafter seine zehn Thesen zur Republik Österreich. Andere kennen ihn von seinen scharfsinnigen Kommentaren zu Innen- und Außenpolitik in den österreichischen Medien. ÖBV-aktiv erhielt von Prof. Matzner jetzt aus Kanada eine Analyse des Falles "Enron".
Enron - einer der größten US-Konzerne und Paradebeispiel für den freien Kapitalismus - war Ende letzten Jahres überraschend in Konkurs gegangen. Prof. Matzner analysiert in seinem Bericht die verzweigten und nur schwer durchschaubaren Hintergründe des Unternehmenszusammenbruchs, der Tausende Anleger um ihre Ersparnisse und damit auch ihre Pensionssicherung brachte.
Freunden guter Literatur ist dringend die Lektüre des
Wall Street Journal oder der Financial Times zu empfehlen.
Sie werden sofort entdecken, dass deren tägliche Berichte
über den Bankrott des Energieriesen Enron, die Todeszuckungen
des globalen Wirtschaftstreuhänders Arthur Andersen LPP
oder die letzten Untersuchungsergebnisse der obersten US-Finanzbehörde,
der US-Securities and Exchange Commission den Klassikern populärer
Literatur wie Hans Christian Andersens "Des Kaisers neue
Kleider", Lewis Carrolls "Alice im Wunderland"
oder Agatha Christies "Zehn kleine Negerlein" in
punkto Spannung um nichts nachstehen.
Der Fall Enron ist in der Tat eine faszinierende Geschichte.
Wer sie zu lesen vesteht kann daraus Wesentliches über
die Funktionsweise des gegenwärtigen Kapitalismus erfahren.
Man muss sich dabei ins Bewusstsein rufen, dass Enron, das
"Power House", noch bis vor einem halben Jahr als
Musterunternehmung eines deregulierten und deshalb innovativen
Kapitalismus gegolten hat. Es war ein junges, erst in den
Achtzigerjahren in Houston (Texas) gegründetes Unternehmen,
das sich als Anbieter, d.h. Ersteller, Verteiler und Händler
von Energieformen aller Art betätigte. Innerhalb von
weniger als zwei Jahrzehnten gelang es den Texanern zur fünftgrößten
Unternehmung der Welt aufzusteigen.
Im Dezember 2001 musste Enron plötzlich und ohne Vorwarnung
Konkurs anmelden. Seither hat das Unternehmen in den USA zurecht
maximale Medienaufmerksamkeit erhalten und selbst Berichte
über den "Krieg gegen den Terrorismus" in den
Hintergrund gedrängt. Zutage tritt das Bild eines fast
undurchdringlichen Gestrüpps aus Geschäft, Politik,
Medien, Justiz und Selbstinszenierungen. Dennoch lohnt sich
der Versuch, Durchblick zu gewinnen.
Gelingt es, so erkennt man die Arbeitsweise fortgeschrittener
Unternehmungen der so genannten Neuen Ökonomie. Man erwirbt
sich dabei Kenntnisse, die selbst in den aktuellsten Lehrbüchern
kaum zu finden sind. Wie durch ein Vergrößerungsglas
erblickt man ein Phänomen, das man Virtualismus als höchste
Stufe des Kapitalismus nennen kann.
Enron stellt im Kern eine sehr ausgeklügelte Form eines
Pyramidenspiels dar, das nach dem Italo-Amerikaner Charles
Ponzi (1882-1949), der 1924 mit seiner Bank in Boston einen
großen Skandal verursachte, "Ponzi-Finanzierung"
genannt wird. Im Fall Enron wurde die Kreditfinanzierung der
Geschäftstätigkeit mittels "kreativer"
und "aggressiver" Bilanzierungstechniken, sowie
durch "institutionelle Innovationen" getarnt, Techniken,
die noch zu erklären sein werden. Diese Praktiken setzte
man so lange fort, bis der Ponzi-Finanzierung die letzte Stunde
schlug: sie brach an, als Enron weder seine Kredite tilgen
noch die Zinsen bezahlen konnte.
Den Fall Enron begünstigte die zeitgeistige Vorliebe
für den Abbau von Regeln in hohem Maße. Regeln
und Institutionen, die den Spielraum unternehmerischer Entscheidungen
einschränken, gelten in der Ära der globalen Deregulierung
als Hindernis für effizientes und innovatives Wirtschaften.
Deshalb wurden viele Vorschriften gelockert oder beseitigt.
Tätigkeiten, die bisher strikt getrennt vonstatten gingen,
wurden nun in einer Firma und unter einem Dach zusammengeführt.
Das betraf die Bereiche Sparen und Kredit, die in den USA
bis Mitte der neunziger Jahre aus guten Gründen vom Anlagegeschäft
getrennt waren. Ebenso waren nunmehr die Sparten Wirtschaftsprüfung
sowie Firmen- und Börsenberatung unter dem Dach einer
einzigen Firma wie Arthur Andersen & Partner zugelassen.
Man kann deshalb Enron als legitimes Kind überschießender
Deregulierung bezeichnen, das selbst zu einem Motor der Deregulierung
wurde.
Enron und der nunmehr kurz vor dem Aus stehende Wirtschaftsprüfungskonzern
Arthur Anderson LPP waren kongeniale Partner füreinander.
Andersen ist eine der fünf großen Wirtschaftsprüfungsunternehmungen,
bekannt als "Big Five". Diese sind Inhaber von Lizenzen
der wichtigsten Finanzaufsichtsbehörde der Welt, der
US-Securities and Exchange Commission. Als solche sind sie
autorisiert, die korrekte Bilanzierung von Aktiengesellschaften
(public corporations) zu bestätigen, die an der New York
Stock Exchange notieren.
Ein solches Testat ist für die Zulassung zum Handel an
US-Börsen zwingend vorgeschrieben. Im Zuge seiner Kooperation
mit Enron erfand Arthur Andersen LPP den Tausch (englisch
swap) von Netzwerk-Kapazität: einen scheinbar perfekten
Finanztrick. Bei diesem Jonglierakt verleiht Enron an seinen
Geschäftspartner freie Kapazität. Diese Transaktion
schlägt sich in den Büchern des "Kapazitätskäufers"
als Investition (Kapitalausgabe) nieder, während sie
in den Büchern des Verkäufers als Barerlös
erscheint. So verbessert sich die Vermögensposition der
beiden an der Transaktion beteiligten Partner.
Luftgeschäfte solcher Art stehen durchaus im Einklang
mit der US-Gesetzgebung und werden auch in den Büchern
"unter dem Strich" ausgewiesen. Das "Kleingedruckte"
unter dem Strich nimmt in den Bilanzen oft Dutzende Seiten
ein. Es ist nur für Eingeweihte aussagekräftig.
Dem Fall Enron mangelte es nicht an "Phantasie",
fand Michel Capuano, Abgeordneter des US-Kongresses aus Massachusetts.
In einem Untersuchungsausschuss des US-Senats stellte er fest:
"Da wurde etwas gekauft, was man nicht brauchte, mit
Geld, das man nicht hatte, und man verkaufte es jemandem,
der keinen Bedarf danach hatte". (Originalzitat in Globe
and Mail, Toronto, 22. Mai 2002, S. B6)
In Enrons ingeniösem Versteckspiel spielten Partnerschaften,
die sogenannten SPEs (special purpose entities), eine wichtige
Rolle. Enron hatte in den Jahren vor seinem Konkurs an die
5.000 solche SPEs errichtet, in welchen ausgewählte Enron-Mitarbeiter
gleichzeitig als Partner und als Angestellte fungierten. Der
besondere Zweck dieser Partnerschaften bestand in der Aufblähung
der Aktiva und in der Unterbewertung der Passiva. Der Vermögensstatus,
der in der Bilanz aufschien, war daher ein rein virtueller,
der absichtsvoll nicht den realen Wert der Unternehmung wiedergab.
Enron, und das ist das Gefährliche an dem Fall, ist keine
Einzelerscheinung. Arthur Andersen verkaufte seine Erfindung,
den capacity swap ("Kapazitäts-Tausch") aggressiv
an seine Kunden in der Energiebranche und anderen kapazitätsintensiven
Wirtschaftsbereichen. "Kreatives Bilanzieren" verbreitete
sich generell unter börsenotierten Unternehmungen. Der
finanzielle Status und die Profitabilität vieler großer
und als besonders erfolgreich geltender Unternehmungen (genannt
blue chips) wurden mit Täuschungsabsicht überbewertet.
Man schätzt die Aufblähung auf 15 Prozent des Börsenwertes,
eine Wertberichtigung würde neuesten Schätzungen
zufolge rund 1 Billion US Dollar betragen.
Auch der erwartete Aktienwert wurde auf diese Weise verfälscht.
Tausende professionelle Anleger und noch mehr private Sparer
wurden so zu Kaufaufträgen verführt. Ihre Wertpapiere
büßten beim Kurssturz der Jahre 2000-2002 Billionen
US-Dollar an Wert ein. Tausende Enron-Mitarbeiter, deren Betriebspension
auf Enron-Aktien beruhte, verloren ihre Ersparnisse, die sie
für ihre alten Tage gebildet hatten.
Enron wurde zum Musterbeispiel eines weitverzweigten Netzwerkes,
in welchem verdächtig enge Beziehungen zwischen den Führungskräften
des Unternehmens und einflussreichen Persönlichkeiten
der zwei großen amerikanischen Parlamentsparteien bzw.
der jeweiligen Regierungen der USA, aber auch Großbritanniens
bestanden.
Enron war stolz auf seine Rolle als direkter oder indirekter
Förderer der politischen Ambitionen von US-Präsident
George W. Bush, aber auch von Großbritanniens Premier
Tony Blair. Dieses Muster des Kaufens von Gunst und Zugang
erstreckte sich über das gesamte Spektrum öffentlicher
Aufmerksamkeit - von den Medien, über den Sport, bis
zu Kirche und Caritas; auch der diskretere Bereich von Kontrollbehörden
und Justiz war nicht ausgenommen.
Neben der allseitigen Begünstigung von Politikern waren
es diese Kontaktzonen, in welchen ein guter Teil des Profits
erfunden wurde, den die Führungskräfte, genannt
chief executive officers (CEOs), einstrichen. Wäre ein
ähnlicher Fall in einem Land wie z.B. Japan aufgetreten,
so hätte man von typischer Vetternwirtschaft (cronyism)
gesprochen. Zur Ehre der US-Wirtschaft ist jedoch eines festzuhalten:
Die Marktkräfte wurden nicht daran gehindert, das Kartenhaus,
Enron genannt, zum Einsturz zu bringen.
Enron trägt auch zur Klarheit der konkret existierenden
Unternehmensethik bei.
Enron bildet nämlich auch ein Musterbeispiel an maßloser
Selbstbereicherung des Führungspersonals. Die höchsten
Direktoren erhielten neben üppigen Jahreseinkommen auch
Optionen auf Enron-Aktien in Schwindel erregender Höhe.
Diese Praxis führte dazu, dass die executives die Aktienkurse
mit allen Mitteln in die Höhe trieben. Dazu kommt, dass
nach US-Steuerrecht solche den Führungskräften eingeräumte
Aktien-Optionen nicht als gewinnmindernde Ausgabe oder Rückstellung
zu verbuchen sind. Diese legale Praxis wird allerdings moralisch
in höchstem Maß fragwürdig, wenn das Führungspersonal
seine Option auf Aktienverkauf wenige Monate vor dem Bankrott
realisiert.
In den Untersuchungsausschüssen des Kongresses und des
US-Senats verweigerten mit einer Ausnahme alle solcher Art
begünstigten Herren die Aussage unter Berufung auf ihr
verfassungsmäßiges Recht. Diese Ausnahme, der Aufsichtsratsvorsitzende
Enrons, erklärte, dass er von den Manövern mit Kapazitäts-Swaps
und SPEs nichts gewusst hätte. Er meinte, dass dies Sache
der Buchhalter und Anwälte Enrons gewesen wäre.
Gleichzeitig wurde jedoch bekannt, dass Enrons Aufsichtsrat
doppelt so oft wegen der Remunerationen seiner Führungskräfte
getagt hatte als wegen des Vermögensstatus des Unternehmens.
Ähnliches wird über andere große Unternehmungen
berichtet, die zu Jahresbeginn 2002 in den USA Konkurs anmelden
mussten, wie Sunbeam, Waste Management und Global Crossing.
(Bericht von J .R. Finlay, "Corporate directors need
a moral compass", in The Globe and Mail, Toronto, 22.
März 2002, S. A19).
Den größten Coup seit Beginn von Enrons Konkursverfahren
landeten freilich die Rechtsanwälte. Von Dezember 2001
bis März 2002 betrugen die gesetzlich genehmigten Ausgaben
für Rechtsanwaltskosten 12 Millionen US-Dollar, eine
Summe, die immerhin so groß war, dass jetzt die Gerichte
in New York mit deren Überprüfung beschäftigt
sind. Dabei darf man nicht vergessen, dass Rechtsanwaltskanzleien
im Fall Enron ihren eigenen Part gespielt haben. Ihre Empfehlungen
wurden nämlich seit Mitte der Neunzigerjahre, nachdem
die Clinton-Regierung die Haftungsgrenzen drastisch gesenkt
hatte, immer riskanter.
Enron wirft auch einiges Licht auf die Schwierigkeiten, die
jede Aufklärung illegaler Geschäftspraktiken mit
sich bringt. Die Transaktionen mit Derivaten, die als ein
besonders wichtiges Mittel der Steuerhinterziehung und der
Geldwäsche in großem Stil fungieren, beruhen auf
besonders schwer zu durchschauenden Verträgen, wie unlängst
eine Schweizer Studie belegte (Wolfgang Hafner, Im Schatten
der Derivative, Eichborn 2002). Das Wissen der Untersuchungsrichter
und Staatsanwälte ist zumeist jenem der Täter unterlegen.
Die Hüter der Gesetze und der Geschäftsmoral sind
daher selten imstande die Täter zu ertappen, es sei denn
diese bedienen sich der antiquierten Methode des vollen Geldkoffers,
mit dem sie beim Überschreiten der grünen Grenze
ertappt werden.
Durch das Wissensgefälle noch mehr benachteiligt sind
die Mitglieder von Regierungen und Parlamenten. Diese Schwäche
des Rechtsstaates ist dem globalisierten Finanzkapitalismus
endemisch. Auch dafür ist der Fall Enron typisch. Gegen
Andersen wurde von der US-Justizbehörde Anklage erhoben,
weil seine Mitarbeiter bei der Vernichtung von Dokumenten
beobachtet wurden.
Der Fall Enron hat ferner eine Seite des "Shareholder-Kapitalismus"
enthüllt, die bisher kaum beachtet wurde. So hat eine
genaue Beobachtung der Einkommensentwicklung ergeben, dass
bei Enron und ähnlichen Firmen das Einkommen des Führungspersonals,
der CEOs, maximiert wird. Den Ausschüttungen an institutionelle
Investoren wie Pensionsfonds und Lebensversicherungen oder
gar an individuelle Anlagesparer wird weit weniger Beachtung
geschenkt als dem Prinzip des shareholder value entsprechen
würde. Die enttäuschten Investoren erkennen diesen
nun als einen Mythos, der in Wirklichkeit als Instrument fungiert,
den CEOs zu unverdientem Reichtum zu verhelfen. (Diese Beobachtung
geht auf Robert Heller zurück; siehe "The futile
hunt for the Holy Grail", Oberserver, 17. März 2002,
S. B10). Vielleicht sollte man deshalb von "shareholder
value" auf den Begriff "CEO value" übergehen.
Enron macht, und das ist verdienstvoll, des weiteren die klägliche
Rolle deutlich, die die lange beweihräucherten "Analysten"
und sonstigen Börsenspezialisten während der "dot-com-Bonanza"
und deren unheroischem Ende gespielt haben. So haben die Sprecher
von "Forschungs"-Abteilungen in Investitionsbanken
ebenso wie die Analysten von Top-Medien den Kauf von Enron-Aktien
noch bis zwei Wochen vor dessen Konkursantrag empfohlen. Es
stellt sich heraus, dass Analysten sich generell vor Verkaufsempfehlungen
hüten. Nicht selten nimmt dieses etwas sonderbare Verhalten
auf andere Interessen Rücksicht, z.B. auf eine Konsulententätigkeit,
die des Analysten Brotgeber gleichzeitig bei derselben Firma
ausübt, deren Aktien dieser zu bewerten vorgibt.
Der Fall Enron bringt schließlich die globale Dimension
von Buchhaltungs-Regeln und Bilanzierungs-Prinzipien ans Licht
der Öffentlichkeit. Es wurde eingangs erwähnt, dass
nicht-amerikanische Firmen, die an der New York Stock Exchange
gehandelt werden wollen, aus Gründen der Transparenz
ihren Vermögensstatus nach den Generally Accepted Accounting
Principles (GAAP) deklarieren müssen; außerdem
muss ihr Status von einem der "Big Five" Rechnungsprüfungs-Unternehmen
mit Lizenz der US-Security and Exchange Commission beglaubigt
werden.
Institutionelle Investoren, wie Pensionsfonds oder große
Investitionsbanken, verlangen deshalb von Börsen, die
sich außerhalb der USA als Handelsplätze etablieren
wollen, sich GAAP verbindlich zu machen. Schon seit Jahren
gibt es deshalb Bemühungen, GAAP global durchzusetzen.
Globalisierung, oder, wie in diesem Fall, Amerikanisierung
der in Europa üblichen Bilanzierungsprinzipien, rangiert
deshalb hoch auf der Tagesordnung der EU. Der Fall Enron hat
jedoch verständlicherweise Widerstand gegen diese Form
der Globalisierung hervorgerufen. Wortführer der Gegner
ist der standfeste EU-Kommissar Frits Bolkenstein aus Holland.
Er warnt vor GAAP und plädiert für die Erstellung
von EU-Bilanzierungsprinzipien, die den Interessen der "Konsumenten",
das sind in diesem Fall die gewöhnlichen Aktienkäufer,
besser entsprechen.
In diesem Zusammenhang ist es wichtig, sich den Unterschied
zwischen US-Regeln und europäischen Prinzipien klar zu
machen. Er beruht auf dem Wert, der in den USA auf die Einhaltung
formaler Regeln und in Kontinentaleuropa auf die Geltung des
Grundsatzes kaufmännischer Vorsicht gelegt wird. Wären
bei Enron und Anderson europäische Prinzipien beachtet
worden, so hätten deren Aktiva zum Niedrigstwert und
die Passiva mit dem Höchstwert angesetzt werden müssen.
Es hätte viel geringeren Spielraum für "kreative
Buchhaltung", "institutionelle Innovation",
"Kapazitäts-Swaps" oder "SPEs" gegeben.
Die US-Regeln räumen dem Grundsatz der kaufmännischen
Vorsicht weniger Bedeutung ein. Deshalb spricht man im gegenwärtigen
Konflikt von einem Kampf zwischen US-Regeln und europäischen
Prinzipien. Man kann auf den Ausgang dieses Konfliktes gespannt
sein. Ich befürchte jedoch, dass die weniger zur Vorsicht
mahnenden US-Regeln, die dem virtuellen Kapitalismus mehr
Entfaltungsmöglichkeiten einräumen, die Oberhand
behalten werden.
Dafür lassen sich drei Gründe ins Treffen führen:
Erstens die Tendenz, den höheren Wert eines virtuellen
Vermögens dem niedrigeren Wert des realen Nettovermögens
vorzuziehen. Es gibt Analysten, die vor der Einführung
europäischer Prinzipien warnen, weil dann die virtuellen
Werte von Unternehmungen in einem so hohen Maß abgewertet
werden müssten, dass weitere Konkurse unausweichlich
wären. Zweitens hat das US-Eigentum an börsennotierten
europäischen Unternehmungen bereits einen Anteil von
40 bis 50 Prozent erreicht. Drittens haben europäische
Aktiengesellschaften weiterhin großes Interesse, an
den US-Börsen zugelassen zu werden.
Am Ausgang dieses Konfliktes wird sich meine Hypothese, dass
es bei der Globalisierung um die Durchsetzung globaler Spielregeln
geht, gut überprüfen lassen. Bisher bedeutet Globalisierung,
dass das globale Spiel überwiegend nach US-Regeln abläuft.
Meine Hypothese könnte dann als falsifiziert gelten,
wenn sich die zur Zeit starken Tendenzen zur Veränderung
des Regulierungs-Regimes zum Vorteil der Shareholder durchsetzen
würden. Das wäre dann der Fall, wenn sich der US-Kongress
für das europäische Prinzip kaufmännischer
Vorsicht entschiede. (Gewichtige Stimmen hierzu kamen bereits
zu Wort; siehe "The Race is On for Tougher Regulation",
The New York Times, 10. Februar 2002, S. B13).
Mittlerweile ist Enron nach jüngsten Schätzungen
und Eliminierung virtualisierter Werte von der Nummer 5 unter
den 500 größten Unternehmungen der Welt auf einen
Rang unter 100 abgestiegen. An diesem Punkt unterbrechen wir
für heute die Unendliche Geschichte des Kapitalismus.
Ich warte gespannt auf die nächsten Ausgaben des Wall
Street Journal und der Financial Times.
