Publikationen: Zeitung ÖBV-aktiv Nr. 45
Der Geldwert von Erfahrungen
von Ernst Gehmacher
Erfahrung war vor der Bildung. Vor dem "auswendig"
Lernen von kognitiven Inhalten ohne Gefühlswert kommt
das emotionsgeladene "inwendige", also ganzheitliche
Erleben, Begreifen, Einsehen, Verinnerlichen - das Erfahrungslernen.
Von Urzeiten her trat es nie getrennt auf vom Speichern neues
Wissens. Bis zur Verordnung der allgemeinen Schulpflicht vor
nicht einmal dreihundert Jahren bedeutete Lernen immer Zögling
eines Präzepten, Lehrling eines Meisters, Adept eines
Gurus zu sein. Und bis heute nennt man Personen von höchstem
Kenntnisgrad nicht Absolventen oder Akademiker, sondern "Experten",
also Menschen mit "experience", Erfahrung, "Erfahrene".
Und von Kindheit auf ist Erfahrungslernen das Natürliche
und Selbstverständliche. Die Muttersprache lernt man
nicht mit Grammatik und Vokabelheft. Kein Talent entfaltet
sich ohne ein Übermaß an Übung und Erfahrung.
Erst jene Entwicklung zu immer mehr Arbeitsteilung und Spezialisierung,
die mit der "Modernisierung" eng verbunden ist,
hat das kognitive, nicht direkt dem Erleben verbundene Wissen
von der ganzheitlichen, mit starken Gefühlen geladenen
Erfahrung immer mehr losgelöst. Mit dem kollektiven Unterricht
in den Schulen hat es begonnen. Ein Lehrender trichtert nun
vielen Nicht-Wissenden Lehrstoff ein. Nach dem ehrfurchtgebietenden
Meister des "einen" Buches - dem Priester, Rabbi,
Schriftgelehrten - treten die Vielbelesenen und die Vielschreiber
die Dominanz an. Und nun braucht man das Know-how des Meisters
immer weniger. Die pure Masse des entpersönlichten Know-what
häuft sich in Bibliotheken und wuchert in Datenbanken.
Es genügt ganz wenig Erfahrung, um es sich dort abzuholen.
Das ist, alles in allem, eine Bereicherung der Gesellschaft.
Diese Abtrennung des Wissens von der Erfahrung, die Stückelung
in immer kleinere und der unmittelbaren Erfahrung ferne kognitive
Inhalte, die nicht mehr auf die Speicherung in menschlichen
Neuronen angewiesen sind, haben die modernen Wissenschaften
und Technologien hervorgebracht - und die daraus resultierende
ungeheure Macht der Maschinen, Apparate, Organisationen.
Allerdings - auch die damit verbundenen Nachteile und Gefahren
für Umwelt, Frieden und Menschheit. Diese Dämonen
der Modernisierung sind aber wiederum nur mit Wissen zu bannen.
Mit noch mehr kognitivem Wissen.
Wo bleibt da der Wert von Erfahrung?
Zwei Funktionen von Erfahrung seien da für sich betrachtet:
- die Bewahrung der menschlichen Ganzheit gegenüber
Zersplitterung in Spezialisierung, gegenüber der Dominanz
der Funktionen, gegen die Entfremdung des Menschen zum "Fachidioten"
und zum "Apparatschik";
- die Entwicklung des gesellschaftlichen Wissens und der
sozietären Intelligenz zu nachhaltiger Überlebensfähigkeit
der Kultur, die Vermeidung einer Hypertrophie von Techniken
zum Selbstzweck (wie im Wettrüsten, im Wett-Protzen
im Konsum, im Maschinen-Kult, in esoterischer Wissenschaftsvergötzung).
Eine starke Ausrichtung auf Lebenserfahrung stärkt beide
Faktoren in unterschiedlichem Maß je nach der Art der
Erfahrung.
Der menschlichen Ganzheit dienen vor allem individuelle Lebenserfahrungen
im engeren persönlichen Umkreis, in einer Alltags- und
Arbeitswelt, die mit dem eigenen Beruf und Wirkungskreis verbunden
ist.
Zur sozietären Intelligenz trägt am stärksten
eine erfahrungsorientierte Bildungskultur bei, wie sie sich
in der dualen Ausbildung, in Lehr- und Wanderjahren oder in
praxisnahen Kurssystemen verkörpert und in der Honorierung
von vielfachem Berufserfolg sowie der Geringschätzung
von Qualifikationstiteln äußert.
Der Wert von menschlicher Ganzheit ist für das Individuum
"unermesslich". Ähnlich wie Überleben,
Gesundheit, Wohlbefinden ist psychische Ganzheit Lebensqualität
an sich. Für die Gesellschaft ist jedoch eine Kosten-Nutzen-Rechnung
möglich und sinnvoll. Der eigenen Sozietät bringt
die menschliche Ganzheit ihrer Mitglieder wesentliche Leistungen.
Man mag einen ganzheitlich Erfahrenen gegenüber einem
"Fachidioten" in seinem Wert etwa mit einem guten
Manager-Generalisten gegenüber einem Buchhalter oder
Laboranten gleichstellen. Veranschlagen wir dafür nach
dem Marktwert, über den Daumen, als Lebensnutzen-Mehrwert
etwa fünf Millionen Euro.
Was ist dafür auf der Kostenseite an Investitionen aufzuwenden?
Das Urvertrauen aus einer glücklichen Kindheit, die Förderung
der freien Entfaltung von Jugend an, Geselligkeit, Reisen,
Abenteuer, Ferialpraxis, Berufswechsel, Sabbaticals, Klubs
und Gemeinschaften, "education sentimentale", Freiheit
und Experimente beruflich wie privat: Das alles kostet Zeit,
eigene Zeit für Erfahrungen, zugewendete Zeit von Bezugspersonen
- und auch etwas Geld. Den in der Armut und in enger Disziplin
Gefangenen ist solcher Erfahrungsreichtum nicht zugänglich.
Es sei denn, sie brächen aus. Doch hoch gegriffen, werden
20 Lohnjahre dafür aufgewendeter Arbeit, des Heranreifenden
wie seiner "lehrenden" Erfahrungspartner, sicher
genügen: Lohnjahre x dem Durchschnittswert von 70.000
Euro machen in Summe 1.4 Millionen.
Dem steht eine Ernte von 5 Millionen gegenüber: 350 Prozent
Rendite für die Produktion von menschlicher Ganzheit
durch Erfahrungslernen, das lohnt sich - auch wenn man es
über die Jahre diskontiert - also solide Anlage für
die Gesellschaft.
Doch noch günstiger sieht die Investition in eine erfahrungsorientierte
Bildungskultur für die Gesellschaft aus - wenngleich
nur indirekt, über den kollektiven Nutzen, für den
Einzelnen.
Eine Gesellschaft mit hoher sozietärer Intelligenz gehört
zu den historischen Modernisierungsgewinnern (ebenso wie ein
intelligentes Unternehmen zum Gewinner auf dem Markt wird).
Vorsichtig geschätzt, erbringt eine solche internationale
Position eine um zwei Prozent höhere Wachstumsrate im
Nationalprodukt, durchschnittlich und konstant.
Der Preis für eine erfahrungsorientierte Bildungskultur
liegt nur in der Einführung. Existieren diese Muster
einmal, ist das Ausbildungssystem erst praxisnahe, sind die
Lohnsysteme schon auf berufliches und soziales Engagement
ausgerichtet, hat man sich auf lebenslange Flexibilität
allgemein eingestellt, so kostet dieses "offene"
Bildungssystem nicht mehr als eine traditionell auf erbüffeltes
Wissen und rigide Qualifikationen aufgebaute Bildungskultur.
Wahrscheinlich sogar weniger.
Eine Gesellschaft muss sich nur mit allgemeinem Konsens entschließen,
einmal über 15 Jahre eine grundlegende Umstellung des
Bildungssystems zu bewerkstelligen - und die Ernte wird sich
für ein halbes Jahrhundert einstellen (wahrscheinlich
bereits beginnend nach 8 Jahren, wenn die ersten Absolventen
davon schon voll profitieren). Der Aufwand mag für die
Umstellung 3 Prozent des Budgets betragen, etwa ein Prozent
des Nationalprodukts. Den Kosten von 15 Prozent des Nationalprodukts
steht ein Nutzen von 2 Prozent über 50 Jahre, also von
100 Prozent, gegenüber - ein Ertrag von 666 Prozent.
Wie man das immer diskontiert, schlägt diese Rendite
jede langfristige Geldanlage.
Also ein Geheim-Tipp: Investition in Erfahrung.
Ganz so geheim ist das wohl nicht. Jede erfolgreiche Elite
hat ihre eigenen Erfahrungswelten in Ritualen, Turnieren,
Gesellschaftsleben und Leistungspraxis entwickelt. Jede erfolgreiche
Gesellschaft ist stolz auf ihre großen Praktiker und
Self-Made-Men. Und Erfahrungslernen wird auch heute weithin
gepredigt.
Aber warum nicht in gleichem Maß praktiziert?
Das Hemmnis liegt nicht im Nicht-Wissen. Und nicht in den
Kosten. Die Barriere besteht aus zwei mächtigen Motiven:
Bequemlichkeit und Angst. Erfahrung ist mühsamer und
erfordert mehr Einsatz als das Schulbank-Sitzen. Und Erfahrung
ist, weil wirkliches Leben, riskanter als das Aufsagen-Lernen
von Theorie.
Jedes Erfahrungslernen beginnt daher mit Tätigkeitsfreude
und Mut - mit dem Flow-Erlebnis und dem Urvertrauen.
