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Gewalt und Moderne

Publikationen: Zeitung ÖBV-aktiv Nr. 46
Gewalt und Moderne

1. Teil von Charles Taylor

Gegenstand der folgenden Überlegungen ist die Gewalt gegen ganze Gruppen von Menschen, etwa in Gestalt des Genozids oder ethnischer Säuberungen. Die Tatsache, dass uns diese Art von Gewalt in unserer "zivilisierten" Epoche so häufig begegnet, ist tief beunruhigend.

Das dramatischste Beispiel aus der letzten Zeit ist der 11. September 2001. Der Anschlag auf das World Trade Center verurteilte Tausende zum Tode, nur weil sie in diesem als Wahrzeichen einer gottlosen Zivilisation angesehenen Gebäude arbeiteten. Wie erklärt sich die ständige Wiederkehr der Gewalt? Handelt es sich um Relikte aus früheren Epochen oder um Rückfälle in vormoderne Zeiten? Beunruhigend ist nicht nur, dass solche Gewalt überhaupt auftritt, sondern auch, dass sie zur Eskalation neigt, dass sie gerne mit einer Rhetorik der Säuberung einhergeht und dass sie oft ein rituelles Element enthält. Die beiden letzten Eigenschaften erinnern uns an Gewaltformen, die mit Opferpraktiken "primitiver" Religionen verbunden sind, und verstärken so den Eindruck eines Rückfalls.

Eine Erklärung für das Fortdauern von Gewalt in unserer Gesellschaft könnte man auf der biologischen Ebene suchen. Gemeinhin wird die menschliche Natur als unveränderlich angesehen, im Gegensatz zur Kultur und ihrem "Fortschritt". In der Tat springt ins Auge, dass in den meisten Fällen von Gewalt Männer die Täter sind. Läuft letztlich alles auf eine Frage der Hormone hinaus?

Sicher spielt die Körperphysiologie hier eine wichtige Rolle, aber sie ist ein Faktor des menschlichen Lebens, der nie allein auftritt, sondern immer vermittelt durch die Bedeutung, welche die Dinge für uns haben. Der Verweis auf den Hormonhaushalt erklärt nicht, warum Menschen für bestimmte Bedeutungen empfänglich sind. Die verschiedenen Typen von Gewalt gegen Gruppen scheinen sehr komplexe Bedeutungen zu haben, die in den meisten Fällen nur auf
der Ebene der entsprechenden Kultur verstanden werden können.

Auch der soziobiologische Ansatz ist nicht befriedigend. Er versucht, die heute zu beobachtenden Muster von Gewalt damit zu erklären, dass die Menschen im Laufe der Evolution gelernt haben, aggressiv gegenüber den jeweils anderen zu sein und Bindungen unter Ihresgleichen zu bilden. Ein solches Verhalten mag in der Tat Vorteile mit sich gebracht haben, erklärt aber nicht die Bedeutungen, in die Gewalt eingebettet ist, bzw. reduziert sie instrumentalistisch.

Diese Bedeutungen sind nicht nur ein entscheidender Faktor der Gewalt, sondern haben eine "metaphysische" Dimension, insofern sie Fragen bzw. Antworten darstellen etwa über den Sinn des Lebens oder über Gut und Böse. Mit einer gewissen Berechtigung erinnern sie an "primitive" historische Epochen und Religionen und erzeugen so den Eindruck eines Rückfalls. Doch obgleich es offensichtlich eine Kontinuität mit dieser Vorzeit gibt, ist, was wir heute beobachten, nicht einfach eine Wiederkehr, sondern eher die Neuauflage einer alten Geschichte, die Transponierung alter Melodien in ein neues Register. Im folgenden möchte ich versuchen, einige dieser Bedeutungen herauszuarbeiten.

Die metaphysischen Bedeutungen von Gewalt

Von Anbeginn schließt Religion die Idee und die Praxis des Opfers ein. Wir müssen etwas darbringen, sei es um Gott zu beschwichtigen oder zu nähren oder um seine Gunst zu gewinnen. Diese Haltung kann auch spiritualisiert oder moralisiert werden: Da wir unserem Wesen nach unvollkommen sind, Gottes Ansprüchen nicht genügen, müssen wir das Schlechte an uns opfern, oder etwas anderes, um für das Schlechte zu sühnen. Das Gefühl der Unwürdigkeit spielt hier eine wichtige Rolle.

Menschen waren immer der Bedrohung zerstörerischer Kräfte ausgeliefert: Naturkatastrophen wie Orkane, Erdbeben, Hungersnöte und Überschwemmungen, aber auch von Menschen ausgehende Gewalt wie etwa Kriege, bedrohen uns von jeher. Wir verleihen diesen Bedrohungen eine Bedeutung, indem wir sie als Anspruch eines unheilvollen Schicksals verstehen, das uns im Gegenzug zu dem auferlegt wurde, was wir den Göttern schulden, oder wegen unserer Unvollkommenheit.

Diese Interpretation entspricht Nietzsches Vorstellung, dass wir unserem Leiden einen Sinn zu geben versuchen, um es erträglicher zu machen. Man könnte es aber auch umgekehrt betrachten: Am Anfang steht das Gefühl des Ungenügens, und es erzeugt das Bedürfnis, ihm eine Gestalt zu geben durch bestimmte Formen des Leidens. Religion kann uns helfen, uns mit dem Schicksal zu identifizieren und Zerstörung als göttlich zu sehen. Wenn uns dies gelingt, dann entsagen wir allem, was der Zerstörung anheim fällt, und reinigen uns auf diese Weise. Der Zerstörung werden so ein Sinn und ein Zweck verliehen; sie wird gewissermaßen domestiziert und verliert in dem Maße ihren eigenen Schrecken, wie sie Teilhabe am Schrecken des Numinosen gewinnt.

Diese Praxis impliziert, dass wir uns einem äußeren, höheren Willen oder Zweck unterwerfen. Es gibt aber auch eine Weise, mit Gewalt und Zerstörung und dem Schrecken, den sie verbreiten, umzugehen, die uns ein Machtgefühl verleiht. Sie stellt ein wesentliches Element der Ethik des Kriegers dar. Wir bieten der Furcht die Stirn und nehmen die Möglichkeit eines gewaltsamen Todes an, wir sind »Tote auf Urlaub«. Mit dieser Einstellung leben wir im Element der Gewalt wie Könige, ohne Furcht, wir teilen den Tod aus, wir beherrschen ihn. Was zuvor Schrecken einflößte, ist jetzt aufregend und belebend. Es verleiht unserem Leben Sinn, transzendiert es. In allen auf Kriegertum aufgebauten Kulturen ist die Bereitschaft, sein Leben zu wagen, eine Quelle der Würde und der Ehre. Wer sich drückt, verliert beides.

Wir haben es also mit zwei Weisen des Umgangs mit dem Schrecken zu tun: Die eine beschwichtigt die Gewalt, indem sie sie ihrer numinosen Macht entkleidet oder sie mit einer höheren Macht identifiziert, die letztendlich gut ist. Die andere Weise akzeptiert die numinose Macht der Gewalt, polt aber die Furcht um: Was uns vorher eingeschüchtert hat, stachelt nun an; was vorher das Leben bedrohte, gibt ihm nun Kraft und lässt es seine normalen Grenzen überschreiten. Hier liegt die Quelle für eine Kampfbereitschaft, die Taten vollbringen lässt, die im Alltag undenkbar wären.

Darüber hinaus gibt es Praktiken, welche diese beiden Einstellungen kombinieren, etwa in Kulturen, die Menschenopfer darbringen. Einerseits unterwirft man sich dem Gott, doch werden die Opfernden hier zu Subjekten von Gewalt: Sie üben sie aus, statt sich ihr auszuliefern, sie waten in Blut, mit heiligem Furor. Dieses Terrain, auf dem sich Religion und Gewalt treffen, hat René Girard in einer Reihe bahnbrechender Arbeiten untersucht.

Reinigung

Girard versteht heilige Gewalt als Mittel zur Wiederherstellung von Einheit durch den Angriff auf ein Opfer. Dieser Akt schließt die Risse, die durch Rivalität in der eigenen Gemeinschaft entstanden sind. Doch wie werden Menschen, Gruppen zu solchen Opfern? Gegen die inneren zerstörerischen Kräfte, gegen die Gefahr der Korruption und des Zerfalls der Zusammenhalt stiftenden Ordnung bilden wir eine neue Einheit, die alle umfasst, außer einen - eben das Opfer. Dieser Mechanismus kann sich mit dem der Schaffung eines Sündenbocks überschneiden. Der Akt ist kathartisch, er entfernt das Übel aus der Mitte der Gemeinschaft, und zwar so, dass der Sündenbock alles Schlechte verkörpert. Die Einheit der Gemeinschaft ist damit wiederhergestellt.

Das Gefühl des Zusammenhalts kann auch durch die Konzentrierung auf einen externen Feind gestärkt werden. John Keegan hat gezeigt, dass der Krieg, ein wesentliches und durchgängiges Element der menschlichen Geschichte, in seinen Anfängen ebenfalls weitgehend ritualisiert war. Das hat übrigens den Schaden, den er anrichten konnte, in Grenzen gehalten. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass »Fortschritt« in bezug auf den Krieg heißt, dessen Zerstörungspotenzial in dem Maße zu vergrößern, wie er sich von diesen archaischen, vorrationalen Formen emanzipiert.

Kommen wir auf den Sündenbock-Mechanismus zurück. Warum wollen wir uns vom Übel reinigen? Und wie wird man zum Kandidaten für die Sündenbock-Rolle? Wer wird zum Außenseiter? Wir definieren uns durch unseren Glauben, unsere Moral und Ideale, durch eine Lebensweise. Diese Orientierungen brauchen wir, weil wir nicht im Chaos - unter willkürlicher Gewalt, Zerstörung und Sinnlosigkeit - leben können.

Zu unserer Lebensstrategie gehört auch, dass wir davon ausgehen, dass das Böse außerhalb unser selbst angesiedelt ist, denn es als Teil unser selbst zuzulassen, würde uns lähmen - es sei denn, wir werten es um und machen es zu unserem Prinzip oder wir beziehen eine Position »jenseits von Gut und Böse«.
Um das Übel oder die Unordnung als extern betrachten zu können, brauchen wir einen Widerpart. Diese Rolle haben vorzugsweise die »Barbaren« oder »Wilden« gespielt. Die als Kontrast dienenden Anderen helfen uns bei unserer Selbstdefinition; sie helfen aber auch, das Übel, die Schwächen und Fehler, als extern zu definieren: Schließlich sind wir keine Barbaren, Wilden, Nazis, Stalinisten, Mörder etc. Solange die Anderen weit weg sind und es keinen Kontakt zu ihnen gibt, ist dieser Mechanismus ziemlich harmlos, obwohl sich dies rasch ändern kann, sobald eine Berührung hergestellt ist. Man denke an die Grausamkeiten der Conquista oder des Sklavenhandels.

Es kann aber auch so sein, dass der Andere als Bedrohung wahrgenommen wird, etwa wenn sich die bestehende Ordnung in einer Krise befindet. Er wird dann als Feind identifiziert, außerhalb oder innerhalb der eigenen Gemeinschaft. Beispiele hierfür sind der Antisemitismus und die Hexenverfolgung vor der Aufklärung. Mit der Emanzipation verwischte sich die Innen-Außengrenze des Christentums. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert konnte so ein neuer Antisemitismus entstehen, ein Sündenbock-Mechanismus, der die Juden nun als Außenseiter definierte, welche die Ordnung von innen untergraben. Dies kulminierte im Nazismus, der die Kriegerethik wiederbelebte und eine Mythologie der Ausmerzung des Übels schuf, die den Genozid an den Juden zur heiligen Mission erklärte.

Heiliges Töten

Man kann den Sündenbock-Mechanismus als Konvergenzpunkt zweier Strategien beschreiben. Die eine besteht darin, uns zu vergewissern, dass wir auf der Seite des Guten und der Ordnung sind, indem wir einen Gegensatz konstruieren, von dem wir uns absetzen. Die zweite bezieht spirituelle Stärke aus der Identifizierung mit der numinosen Gewalt der Götter. Dies geschieht aktiv, etwa in Gestalt heiliger Massaker. Die erste Strategie kann auch allein auftreten; ein Beispiel dafür ist das indische Kasten-System. Doch wenn beide zusammenkommen, ist das Resultat besonders verheerend.

Das vom Gegensatz gut / böse angetriebene heilige Töten kann in zwei Hauptformen erscheinen. Der Sündenbock wird im Inneren identifiziert und dann angegriffen, getötet oder vertrieben. Oder ein Kreuzzug wird organisiert gegen einen externen Anderen. Hier werden nicht nur numinose Gewalt und Reinheit verschmolzen, sondern es wird auch die Stellung des Kriegers als Herr des Todes verbunden mit der höheren Sache der numinosen Gewalt. Damit wird die gesamte zentrifugale Gewalt in eine höhere Einheit überführt und dem Krieger eine gesteigerte Bedeutung verliehen.

Der Kreuzzug ist ein paradigmatischer Fall, insofern er eine Lösung darstellt für den Konflikt zwischen dem christlichen Glauben und der Lebensweise der aristokratischen Krieger in der mittelalterlichen Gesellschaft, für den ewigen Kampf der Kirche, einer widerspenstigen und kriegerischen Aristokratie ihren "göttlichen Frieden" aufzuzwingen.
Was bedeutet die Identifikation mit der numinosen Gewalt? Nicht notwendig eine Identifikation mit dem Guten. In der Vor-Achsenzeit waren die Götter gut und böse zugleich, einige eher gut, andere eher böse, oft aber beides gleichermaßen. »Gut« bemisst sich hier nach menschlichen Maßstäben: alles, was Leben, Gesundheit und Wohlstand zugute kommt.

Doch mit der Revolution der Achsenzeit wurde das Göttliche der Seite des Guten zugeschlagen und gleichzeitig als etwas definiert, das über das irdische menschliche Wohl hinausgeht: Nirwana etwa oder ewiges Leben. Einige Formen dieser Revolution verbinden Gott mit einer Vorstellung von Moral, mit einem Kodex, wie etwa bei Platon. Das trifft auch für den Gott der Propheten zu, der sein Volk ermahnt, den Witwen und Waisen beizustehen statt Opfer darzubringen.

Die moderne rationale und säkularisierte Welt geht hier noch einen Schritt weiter. Moral hat rationalisierende Wirkung, denn ihr Kodex geht auf bestimmte Vorstellungen von dem zurück, was für das menschliche Wohlergehen gut und was ihm abträglich ist. Das bringt die Idee der Verantwortlichkeit ins Spiel. Wer gegen den Kodex verstößt, wird bestraft. Damit entfernen wir uns von den Ambivalenzen der frühen Religion, unter der das Heilige sowohl Segen brachte als auch Schrecken.

Im christlichen Kontext bedeutete die Identifikation mit der göttlichen Gewalt eine Identifikation mit dem göttlichen Zorn, mit dem Ketzer und Hexen verfolgt wurden. Man sollte annehmen, dass die moderne Moral und die entzauberte, rationalisierte Welt dem allen ein Ende machen sollte. In dieser Welt gibt es keinen Platz mehr für den Zorn Gottes, und selbst unter den Gläubigen ist die Hölle nicht mehr das, was sie einmal war. Doch wie wir am Antisemitismus sehen, kann die moderne Welt das Böse auch vermehren. Vielleicht macht der Siegeszug der Moral alles schlimmer, vielleicht gebiert die aufgeklärte Welt nur neue mörderische Phantasien. Wie "überholt" ist Gewalt, genauer der Exzess von Gewalt? Betrachten wir einige Beispiele für den Übergang zu neuen Formen von Gewalt gegen Gruppen.

Lesen Sie daszu auch Teil 2: Revolution und Terror

Aus dem Englischen von Klaus Nellen
mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift "Transit"

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