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Gewalt udn Moderne

Publikationen: Zeitung ÖBV-aktiv Nr. 47-48
Gewalt und Moderne - Revolution und Terror

2. Teil von Charles Taylor

Die demokratische Republik besteht aus Bürgern, die sich selbst als Volk regieren. Mit diesem Selbstverständnis geht eine Erzählung einher, die oft von Gewalt berichtet - von Gewalt, die uns angetan wurde, und von unserer Gegengewalt. Diese wird als gut betrachtet; ihr geläufiger Name ist Revolution. Bei dieser Erzählung, so die Überzeugung, handelt es sich nicht um einen Mythos - das Erzählte ist keine Erfindung, sondern wirkliche Geschichte: Wir mussten kämpfen, denn wir wurden unterdrückt. Aber erklärt das die Gewalt, von der erzählt wird, hinreichend?

Die Gewalt der Revolution ist der Terror. Was ist Terror? Terror ist nicht einfach Gewalt gegen Feinde. Es muss dreierlei hinzukommen. Erstens die Konstruktion des Feindes: Alle, die mit der propagierten Linie nicht übereinstimmen, sind als Verräter zu betrachten, als unversöhnliche Feinde, die eliminiert werden müssen. Dies schließt ganze Gruppen ein, gleich, welche Position ihre einzelnen Mitglieder vertreten, beispielsweise den Adel oder die Bevölkerung der Vendée. Damit eskaliert die Gewalt. Zweitens braucht es einen bestimmten Diskurs, der die Argumentation für Säuberungen mit einer Beschwörung von Tugenden kombiniert. Drittens gehört zum Terror ein rituelles Moment in Gestalt öffentlicher Exekutionen.

Der Terror der Revolution kann nun aus zwei Perspektiven betrachtet werden. Zum einen kommt ihm ein gewisses Moment von Kontinuität zu - er ist ein Überbleibsel aus der Kultur der Volksaufstände unter dem Ancien Regime. Die Menschen in den Städten wehrten sich z.B. gegen das missbräuchliche Hochtreiben des Getreidepreises. Ihr Handeln wurde durch einen starken Gemeinschaftskodex geregelt, den Edward Thompson als „moralische Ökonomie" bezeichnet hat. Deren Logik war, dass, wenn etwas schief geht, jemand dafür herhalten muss. Dass das Problem vielleicht in den anonymen Mechanismen der politischen Ökonomie lag, konnten die Bürger nicht akzeptieren. Ein Bösewicht musste gefunden werden. Sobald er identifiziert war, wurde er der Gewalt ausgeliefert, von symbolischen Akten wie seiner Verbrennung in effigie über die Demolierung seines Eigentums bis zu grausamen Formen der Hinrichtung. Diese Art der Bestrafung wurde als ein Akt der Vergeltung bzw. Säuberung betrachtet.

Ohne Zweifel standen die Nationalversammlung und der Konvent in den ersten Jahren der Revolution unter dem Druck dieser Volkskultur. Besonders traumatisch für die politische Elite waren die Massaker vom September 1792. Der einzige Weg, diese Gewalt zu bändigen, schien ihre Kanalisierung; oder wie Danton es ein Jahr später ausdrückte: „Soyons terribles pour dispenser le peuple de l'etre." So entstand ein Klima, das der Versuchung Vorschub leistete, jeden Fraktionskampf durch die Mobilisierung der Massen zu entscheiden. Damit wurde die politische Auseinandersetzung zum Kampf auf Leben und Tod. Eine Hobbessche Welt war entstanden, in der Angriff oft die einzige Form der Verteidigung war. Wer versuchte, die mörderische Spirale anzuhalten, konnte ihr selbst zum Opfer fallen, wie Danton erfahren musste. Aus der zweiten Perspektive auf den Terror tritt die Ideologie von Tugend und Reinheit stärker hervor. Hier ist Robespierre das beste Beispiel. Für ihn lag der Schlüssel zur republikanischen Regierungsform in der Tugend, die er als „l'amour exclusif des lois de la patrie" definierte, der er aber zugleich einen Rousseauistischen Anstrich gab: Die Tugend entsteht aus der Verschmelzung von Eigenliebe und Liebe zum Vaterland. „L'ame de la , Republique, c'est la vertu, c'est l'amour de la patrie, le dévouement magnanime qui confond tous les intérets dans l'intéret general", wie er es in einer Rede von 1792 formulierte. Vor diesem Ideal sind all jene „laches egoistes", die sich nicht zu seiner Höhe aufschwingen, Feinde der Republik.

Dann ist es nur noch ein Schritt zu dem Schluss, dass die neue Regierungsform nur geboren werden kann, wenn diese Kräfte von der Bühne verschwinden - durch einen Akt der Säuberung. Das hochgesteckte Ziel rechtfertigt jedes Mittel, denn es würde endlich «remplir les voeux de la nature, accomplir les destinées de l'humanité, tenir les promesses de la Philosophie, absoudre la Providence du long regne du crime de la tyrannie.» So konnte sich die Terrorwelle des Juni und Juli 1794 auf die Idee der Reinheit und der Herrschaft der Tugend stützen.

Diese Philosophie weist Parallelen zur Logik der Volksaufstände auf. Auch hier wird das Übel einem Übeltäter zugeschrieben statt einzuräumen, dass die Probleme der neuen Gesellschaft auch strukturellen Faktoren entspringen können. Wenn etwas schief lief, musste ein Komplott dahinter stecken. Die beständige Beschwörung einer „aristokratischen Verschwörung" zeichnet die Volkskultur ebenso wie den Diskurs der Jakobiner aus. Die Verbindung zwischen beidem wurde von Marat geliefert, der die Öffentlichkeit in einem Zustand fiebriger Wachsamkeit gegen verborgene Feinde hielt. Dazu kam, dass man jenen, die für das Unglück verantwortlich gemacht wurden, unterstellte, dass sie bewusst handelten, weil sie verderbt und unverbesserlich waren. Ihre Eliminierung war daher unvermeidlich.

Ich möchte nun behaupten, dass beide Perspektiven zutreffen. Die revolutionäre Elite wurde durch Druck von unten in eine Politik des Terrors gedrängt und fiel dann der Versuchung anheim, diesen Druck für die jeweils eigene Fraktion zu instrumentalisieren. Diese Entwicklung wiederum verlieh dem Jakobinischen Diskurs eine Macht, die er allein nie gewonnen hätte. Das Ergebnis war eine Wiedergeburt von Gewalt in neuem Gewande, mitten im Herzen der „rationalen" Moderne. Die Jakobiner versuchten, die Gewalt der Straße zu kanalisieren, aber sie wollten sie auch rationalisieren und läutern. Die Rechtfertigung für diese Gewalt lag nicht in der überkommenen Moral, sondern in dem rationalen Rekurs auf eine Tugend, die versprach, die Menschheit auf eine neue Höhe zu führen. Daher konnten die Opfer auch nicht dem Mob überlassen werden, sondern mussten nach rationalen Kriterien identifiziert werden. Entsprechend war die neue Liturgie nüchtern, „sauber" und wissenschaftlich begründet:

Der rasche Tod durch das quasi-chirurgische Instrument der Guillotine löste das grausame symbolische Spiel der rachedurstigen Massen ab, das Elemente des Karnevals mit solchen des Schauerdramas vermischte. Die alte Melodie der Selbstreinigung durch die Opferung eines Sündenbocks wurde nun vorgetragen im neuen Register rationaler Moral. Die Bolschewiken sollten später einen ähnlichen Weg gehen.
Wir stehen hier vor einem Paradox. Auf der einen Seite das Ideal einer Republik, die vollkommene Gleichheit, Gerechtigkeit und Frieden für alle garantiert - die wohlgeordnetste und friedliebendste Regierungsform in der Geschichte. Auf der anderen Seite die Überzeugung, die Menschheit müsse im Namen dieser Republik gesäubert werden. Dies ist dann kein Widerspruch mehr, wenn all jene, die die Republik ablehnen, als bösartig angesehen werden. Sie schließen sich damit selbst aus der Menschheit aus. Damit steht ihrer Eliminierung nichts mehr im Wege.

Resümieren wir: Einheit kann durch die Säuberung von inneren Feinden gestiftet werden (Sündenbock-Mechanismus). Sie kann aber auch durch die Niederwerfung äußerer Feinde hergestellt werden (Kreuzzug). Beide Strategien können verknüpft werden. So versuchte das Direktorium den Furor der inneren Säuberungen durch die gemeinsame Sache eines Krieges gegen die europäische Koalition zu zähmen. Napoleon setzte diese Strategie fort. Sein Heiliger Krieg, sein Kreuzzug war die Ausbreitung der Revolution über ganz Europa. Dabei wurde die Kriegerkultur des Ancien Regime übernommen und zugleich demokratisiert. Die Revolution überwand ihre Zerrissenheit also, indem sie die inneren Säuberungen in der Glorifizierung eines Krieges mit äußeren Gegnern sublimierte. Daher ist der Opferkult auch für die neue republikanische Identität so zentral. Was dem Patriotismus Größe verleiht, was uns mit etwas Edlem und Unzerstörbarem verbindet, ist das Gedächtnis des in einem Krieg vereinten Volkes. Mit den Toten können wir nicht brechen, wir müssen ihnen, die ihr Leben für uns geopfert haben, die Treue halten. Also wieder Opfer, wieder Gräber und das Heilige. „Es sind die Toten, die uns verpflichten" (Benedict Anderson). Der symbolische Ausdruck der Demokratisierung des Kults der toten Kriegshelden ist das Mahnmal des Unbekannten Soldaten.

All dies hilft vielleicht zu verstehen, wie es möglich war, dass das moderne, rationale, „zivilisierte" Europa in das Grauen des Ersten Weltkriegs stolperte und so eine massive Destabilisierung der westlichen Zivilisation auslöste. Hier spielte der demokratische Staat, aber auch der Nationalismus eine Rolle.

Nation und Identität
Die Republik hat ein neues Subjekt: das Volk oder die Nation. Die Nation kann als ein vorab bestehendes kulturelles bzw. sprachliches Gebilde verstanden werden. Sie unterscheidet sich von anderen Nationen, doch ist diese Differenz von anderer Art als die zwischen Kulturen oder religiösen Gemeinschaften. Die Nation versteht sich als eine bestimmte unter gleichen.

Sie gründet sich auf den „Willen des Volkes", wie die Republik. Doch bedeutet das hier, dass „Identität" ins Spiel kommt. Der moderne Horizont wird über den Begriff der Identität bestimmt. Identitäten verstehen sich jeweils als eine unter vielen, und sie bedürfen der Definition, der näheren Bestimmung. Letzteres vollzieht sich auf zwei Ebenen, der individuellen (Expressivismus) und der gesellschaftlichen (unsere Identität hatte bisher keine Chance, weil sie durch fremde Imperien unterdrückt wurde, bzw. der Lauf der Geschichte zwingt uns dazu, uns neu zu definieren, damit wir dieselben bleiben). Daher rührt all die „erfundene" Geschichte, von der Hobsbawm spricht.

Identität geht einher mit Anerkennung. Ein Mangel an Anerkennung kann uns aus der Bahn werfen. Die Mächtigeren und Erfolgreicheren können die Identitätsdefinitionen der Schwächeren beschädigen oder zerstören, um so mehr, als gerade die Schwächeren oft über ihre Identität zerstritten sind. Wenn wir annehmen, dass eine Nation samt ihrer Identität eine Nation ist unter anderen, wo liegt dann das Problem? Können wir nicht lernen, uns gegenseitig zu tolerieren? Ja, aber dies kann dadurch erschwert werden, dass wir „unserem" Weg folgen. Unser Weg, menschlich zu sein in der modernen Welt, kann zum Problem werden, wenn ihm Anerkennung versagt bleibt oder er missverstanden wird.

Die möglichen Spannungen können aber auch durch die Demokratie als eine auf dem Willen des Volkes gegründete Souveränität verstärkt werden. Demokratie setzt voraus, dass wir unserem Weg folgen können, ohne von anderen herausgefordert zu werden, die dessen Legitimität in Frage stellen. Das wird aber erschwert durch die Bindung an ein bestimmtes Territorium, die einen wesentlichen Bestandteil des modernen Staates bildet. Unsere Identität verbindet sich mit diesem Territorium. Das Charakteristikum moderner Identitäten besteht darin, dass sie, obwohl stets das Resultat schöpferischer Neudefinition, immer auch an ein Vorgegebenes gebunden sind, sei es eine Sprache, eine Tradition oder ein Boden; auch die Religion kann hier als historisches Unterscheidungsmerkmal dienen.

In diesem Kontext werden die Anderen zur Bedrohung, und zwar in anderer Weise als bei den Formen der Bedrohung für den sozialen Zusammenhalt, die oben erwähnt wurden. Denn das Prinzip der Volkssouveränität macht Minderheiten zu einem Problem. Nach diesem Prinzip wird die Identität eines Staates in letzter Instanz vom Volk entschieden. Wenn wir einer Minderheit einen Platz in unserem Volk einräumen, kann diese beanspruchen, unsere politische Identität zu ändern; wenn wir diese Minderheit ausschließen, verweigern wir ihren Mitgliedern eines der Grundrechte der Moderne, das Recht auf Staatsbürgerschaft. In beiden Fällen kann es dazu kommen, dass die Minderheit Teile unseres Territoriums für sich reklamiert. Also müssen wir ihre Mitglieder assimilieren, und wenn sie sich widersetzen, sind wir versucht, zum Mittel der ethnischen Säuberung zu greifen. Daher ist es kein bloßer Zufall, dass das 20. Jahrhundert sowohl den Aufstieg der Demokratie als auch den Höhepunkt der ethnischen Säuberungen verkörpert.

Wenn die übergreifende Idee des modernen Nationalismus darin besteht, dass alle Völker gleichgestellt sind und jedem seine Existenzberechtigung zukommt, warum sollen wir dann Andere ausschließen, geschweige denn töten? Die Antwort ist: Weil sie Angreifer sind, und Angreifer sind sie, weil sie hier sind. Was zum Wohl aller beitragen sollte, nämlich die Idee, dass jedes Volk ein Recht auf seine Identität hat, schlägt in Unheil um, wenn wir zu behaupten beginnen, dass wir unsere Identität nicht mehr voll auf „unserem" Territorium entfalten können, weil wir von Anderen daran gehindert werden. Sie sind die Angreifer, also sind wir Opfer. Die Idee der Gleichheit der Völker bildet heute die Grundlage für die universale Berufung auf das Opfer-Szenario. Sie ist ein Merkmal unserer Zeit geworden.

Die moderne Moralordnung intensiviert so Konflikte, indem sie sie moralisiert. Früher, als z.B. Christen Muslimen gegenüberstanden, als die Türken die traditionellen Feinde darstellten, Feinde, die einer unverständlichen Religion anhingen und gar nicht anders konnten, als uns anzugreifen, war es ebenso normal, sich zu verteidigen. Es gehörte zur Ordnung der Dinge. Doch nun, unter der universalistischen Moral, sind die Kontrahenten gleichgestellte Teilhaber ein und derselben moralischen Ordnung. Und es sind sie, die sie verletzt haben, während wir unschuldig sind. Damit haben sie sich selbst außerhalb der Ordnung gestellt und verdienen nicht länger den Schutz, den diese gewährt. Sie sind schlecht, bösartig. Sie zu bekämpfen erlaubt uns, unsere Unschuld auszudrücken; und es ist unsere Pflicht.

Diese Moralisierung des Konflikts erhöht den Einsatz und gibt dem Hass gegen Gruppen einen neuen Schub heiligen Zorns. Im Namen der Moral haben seinerzeit die Bolschewiken die Kulaken vernichtet oder werden heute auf dem Balkan alte Rivalitäten zwischen Völkern zu Kriegen angeheizt. Es gibt viele weitere Beispiele. Die Nazis stellten Deutschland als Opfer des „Diktats von Versailles" dar. Die indische BJP (Bharatiya Janata Party) macht aus den indischen Muslimen Eindringlinge. Auf die Logik, dass, wer ungerecht behandelt wird, auch das Recht zum Gegenschlag hat, stützen sich heute die meisten terroristischen Bewegungen. Das ist insbesondere in Palästina zu beobachten, und nicht nur auf einer Seite.

Hier gibt es eine fatale Alchemie, die aus einer Bedrohung für die Identität unversehens eine Lebensbedrohung werden lässt. Eine Minderheit kann schon durch ihre schiere Anwesenheit als Bedrohung erscheinen. Der erste Schritt besteht darin, diese Anwesenheit als Aggression zu interpretieren. Wenn damit unsere Identität bedroht ist, dann vielleicht auch unsere Existenz. Es bedarf nur einiger glaubwürdiger Berichte über brutale Übergriffe, und die Eskalation ist unaufhaltsam. Junge Männer, die nur darauf warten, solche Akte zu begehen, gibt es immer. Sie fallen über ein Dorf her, das dann ihr Dorf angreift. Damit gibt es bereits eine Erzählung auf beiden Seiten, die den Automatismus der Rache nährt. Auf diese Weise wird auch das in ethnisch oder kulturell gemischten Gemeinschaften bestehende Vertrauen zerstört, die seit Generationen friedlich zusammengelebt haben. Wenn dies einmal geschehen ist, gibt es kein Halten mehr. Dieser Mechanismus kann von der Elite in Gang gesetzt bzw. instrumentalisiert werden, um die Massen für die von oben definierte nationale Sache zu mobilisieren. Das Bosnien der 90er Jahre ist ein Beispiel dafür. Es gibt aber auch Beispiele, etwa den Punjab, wo das Gewebe der die Gemeinschaften übergreifenden Beziehungen am Ende widerstandsfähig genug war, die Kette der Gewalttätigkeiten zwischen Sikhs und Hindus zu unterbrechen.

Der Andere als Patient
Von den eben beschriebenen Konstellationen heben sich die vielen modernen Gesellschaften ab, in denen der Grad der alltäglichen Gewalt niedrig ist. Der Unterschied zu früheren Epochen ist schlagend. Man vergleiche etwa das Frankreich des Ancien Regime mit dem heutigen. Die moderne Zivilisation hat das Paradox von Gesellschaften hervorgebracht, die im Inneren über lange Zeiträume friedlich sind wie nie zuvor und die zugleich nach außen hin immer wieder verheerende Kriege führen, von denen sie zuweilen selbst verschlungen werden. Die zunehmend langen Perioden inneren Friedens geben uns die Hoffnung, dass die moderne Zivilisation eines Tages Krieg und Gewalt überwinden wird, eine der großen Ambitionen des Liberalismus. Doch diese Hoffnung verdunkelt sich schnell, wenn wir an die zur selben Moderne gehörenden Kriege und ethnischen Säuberungen denken.

Wie aber funktioniert der innere Frieden? Unsere Kultur ist auf die Idee einer Ordnung gegründet, die allen Individuen die gleichen Rechte gewährt und ihnen erlaubt, sich selbst zu verwirklichen, und zwar so, dass sie sich durch ihr Handeln wechselseitig bereichern und fördern. Es ist dies nicht nur eine Idee, sondern ist ein fester Bestandteil unserer Institutionen und Praktiken geworden, in Politik und Wirtschaft, im gesellschaftlichen Selbstbild, in der Sozialisierung und Ausbildung des modernen Subjekts. Diese etablierte Ordnung trägt wesentlich dazu bei, uns in Schranken zu halten und Bedrohung und Gewalt weitgehend zu unterbinden. Zugleich spüren wir, wie fragil diese Ordnung ist und wie sehr sie davon abhängt, dass es gelingt, die große Masse der Bevölkerung in Wirtschaft und Wohlfahrtsstaat einzubinden.

Doch selbst wenn sie optimal funktioniert, kann die moderne Ordnung verschiedene Formen von Diskriminierung und Ausgrenzung hervorbringen, die an die Stelle vormoderner Hassmotive treten. Vom Überleben blutiger und ritualisierter Gewalt in der Moderne war weiter oben die Rede. Aber es gibt eine Art latenten Hasses auch dort, wo die Gewalt unter Kontrolle ist. Wie kommt es dazu?

Ein weiteres Merkmal der modernen Moralordnung besteht in ihrem Desengagement, dem Appell, die Dinge aus einer gewissen Distanz zu betrachten, sie zu objektivieren, also sich einer gewissermaßen wissenschaftlichen Perspektive zu befleißigen. Dafür gibt es viele gute Gründe, und nicht zuletzt den, dass uns diese Haltung suspendiert von dem wilden, metaphysisch-religiösen Moment der numinosen Gewalt, vom heiligen Zorn. So können wir nüchtern überlegen, was zu tun ist, um Konflikte zu lösen; unser Handeln verlagert sich aufs Behandeln: Heilen, Reformieren, Bessern. Zu dieser Objektivierung gehört eine Art therapeutischer Einstellung. Problemfälle fallen nicht mehr unter die Kategorie des Bösen; es handelt sich um Pathologien, die kuriert werden müssen. Damit sind wir zu Antipoden Robespierres und seiner umfassenden Moralisierung geworden. Die neue Perspektive rechtfertigt es, die Betroffenen als Fälle, als Patienten zu behandeln. Wer dem Bösen verfallen war, hatte noch eine Art von Würde; der Patient aber repräsentiert nur noch einen Defekt. Darin liegt die Möglichkeit einer paradoxen Entgleisung, in der das ursprünglich Gute der modernen Ordnung ins Bösartige umschlägt.

Menschen als krank, als pathologische Fälle zu betrachten, die der Behandlung bedürfen, macht sie zu Anderen: sie sind nicht mehr gleichberechtigte und ernstzunehmende Gesprächspartner, ja nicht mehr Meinesgleichen. Hier bildet sich eine moderne Analogie zu den früheren Modellen der Definition von Außenseitern heraus, die den Anderen einmal mehr zu einem Wilden, zu einer anderen Spezies macht, die einen anderen Raum bewohnt, der nicht zu unserer Ordnung gehört. Sobald diesen Anderen einmal die Mündigkeit abgesprochen ist, ist die Bahn frei, sie ohne Rücksicht und Respekt zu behandeln, zu ihrem eigenen Wohl, versteht sich. Man denke an die politisch Korrekten in den USA und wie sie „Homophobe" oder „Misogyne" behandeln. Öffentliche Bloßstellung, Umerziehung oder Schlimmeres scheinen plötzlich gerechtfertigt. Es scheint, hier feiert der heilige Zorn seine Rückkehr in neuem Gewande. Das Desengagement, die neu gewonnene Distanz wäre dann Heuchelei, eine Farce.

Die beiden Formen des Hasses, der identitäts- und der moralbezogene, können sich auch verbinden. Ein Beispiel dafür ist der Kreuzzug der internationalen Gemeinschaft gegen Milosevics Serbien. Mir geht es hier nicht darum zu behaupten, dass er eine Fehlpolitik war; seine Beurteilung ist eine andere, schwierige und komplexe Frage. Doch gleich, ob gut oder schlecht, wir sollten uns im Klaren sein über die Gefühle, die im Zeichen dieses Krieges in unseren Gesellschaften mobilisiert wurden. Einige davon sind beunruhigend.

In einer noch ganz anderen, ja entgegengesetzten Weise kann die Distanzierungsstrategie der modernen Gesellschaften Gewalt hervorbringen. Die Austreibung des Numinosen aus der Gewalt im Namen von Frieden und Ordnung lässt die Gestalt des Helden verschwinden; das Leben verliert an Größe. Das erscheint vielen als ein zu hoher Preis. Es hat darauf verschiedene Reaktionen gegeben. Der vielleicht einflussreichste Denker, der dies in radikaler Weise artikuliert hat, war Friedrich Nietzsche. Auf der politischen Bühne war es vor allem der Faschismus. Heute sind es weniger spektakuläre Formen, in denen sich die Sehnsucht nach Heroismus ausdrückt, etwa in den Gewaltritualen der Skinheads.

Lesen Sie dazu auch Teil 3: „le souci de la victime", die Sorge um das Opfer.

Aus dem Englischen von Klaus Nellen
mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift "Transit"

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