Publikationen: Zeitung ÖBV-aktiv Nr. 50
Frauen im Versicherungsaußendienst
In der ÖBV sind Frauen im Außendienst überdurchschnittlich stark vertreten
von Ingrid ReifingerDer Versicherungsaußendienst ist nach wie vor fest in männlicher Hand. Die Personalstatistik des Verbandes der Versicherungsunternehmen Österreichs zeigt, dass der Anteil der Frauen im Jahr 2002 bei gut 14 Prozent lag. In den letzten Jahren ist der Anteil zwar kontinuierlich angestiegen, dies aber nur geringfügig. In der ÖBV allerdings sind Frauen im Außendienst mit 38 Prozent Österreich weit überdurchschnittlich stark vertreten. Haben Frauen eine Chance in den gut bezahlten und durch einen Kollektivvertrag abgesicherten Bereich vorzudringen?
Das Image der zumeist männlichen Außendienstmitarbeiter in der Versicherung und auch im traditionellen Verkaufsaußendienst war zumindest in der Vergangenheit ausgesprochen schlecht. Das geringe Ansehen dieser Gruppe hing damit zusammen, dass es sich meist um unzulänglich qualifizierte Berufswechsler handelte, die eine kurzfristig angelernte Tätigkeit ausübten und oft zweifelhafte Vertriebsmethoden anwandten. Das Institut für Markt- und Sozialanalysen in Linz befragte 1993 über 1000 Personen zum Thema: „Sozialprestige von Berufen“. Nur drei bis fünf Prozent der Befragten meinten, dass die Tätigkeit des ´Vertreters` in der Bevölkerung großes Ansehen genieße. Dieser Beruf bildete knapp vor „Verkäufer“ das Schlusslicht in der Abfolge von unterschiedlichen Tätigkeiten.
Nun gibt es doch mehrere Anzeichen dafür, dass sich dieses Negativimage des Verkaufsaußendiensts ändert. Dieser Wandel hängt vor allem mit veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zusammen. Da wäre vor allem die verstärkte Konkurrenz am Markt zu nennen. In dieser Situation gewinnen langfristige Kundenbeziehungen, die auf Vertrauen basieren, ganz besondere Bedeutung im Gegensatz zum kurzfristigen Geschäft mit dubiosen Verkaufsmethoden. Die Beratung von Kundinnen und Kunden wird in dieser Situation zunehmend wichtig. Dies setzt auch eine bessere Ausbildung der AußendienstmitarbeiterInnen voraus. Mit der Schaffung des Lehrberufs Versicherungskaufmann und einer speziellen Prüfung am Bildungswerk der Österreichischen Versicherungswirtschaft für den Außendienst werden in der Versicherung langfristig gesehen große Hoffnungen in eine Image-Verbesserung gesetzt.
Können mehr Frauen im Versicherungsaußendienst zur Aufwertung dieser Tätigkeit beitragen? Helga Panzenböck, Landesdirektorin der ÖBV Wien, meint dazu: „Frauen haben bei den Kunden eher einen Vertrauensvorschuss, Männern wird mehr Wissen zugebilligt. Das ist Teil unseres unbewussten Rollenverhaltens.“ Ein Versicherungsprodukt ist für Kunden sehr abstrakt und wenig greifbar. Auch die Vergleichbarkeit von Versicherungsprodukten der unterschiedlichen Anbieter, und das wissen nicht nur die Insider, ist sehr schwierig. Für die Kaufentscheidung ist deshalb das Vertrauen sehr wichtig, dem Unternehmen, aber auch dem einzelnen Außendienstmitarbeiter gegenüber. Da können Frauen punkten.
Ihrer Beobachtung nach sind Frauen tendenziell weniger profitorientiert, Männer kalkulieren eher, obwohl sie natürlich vor stereotypen Rollenzuschreibungen warnt.
Eine Markterhebung hat ergeben, dass sich Frauen gerne von Frauen beraten lassen, so wie übrigens auch Männer. Die abzwien.akademie ist ein Beratungsunternehmen, das sich zum Ziel gesetzt hat, den Anteil von Frauen in Unternehmen, in gut bezahlten Positionen zu erhöhen. „Wir sehen uns als Vermittler zwischen unterschiedlichen Gruppierungen am Markt. Das sind einerseits Unternehmen, die Frauen einstellen wollen und andererseits gut qualifizierte Wiedereinsteigerinnen, die einen gut bezahlten und abgesicherten Job suchen. Es geht uns darum eine Win–Win–Situation herzustellen“, meint die Geschäftsführerin der abzwien.akademie Ursula Rosenbichler. Sie sieht seit einigen Jahren sehr gute Chancen für Frauen im Finanzdienstleistungsbereich.
So wurde vor zwei Jahren in Zusammenarbeit mit dem AMS Wien und einer österreichischen Versicherung ein Pilotprojekt konzipiert und begleitet, um den Frauenanteil im Außendienst zu erhöhen. Doch zeigte sich auch bei diesem Projekt, dass Frauen schwer für den Außendienst zu gewinnen sind. Viele Frauen trauten sich nicht zu, zu verkaufen; wenn sie es aber täten, seien sie sehr erfolgreich, so die Schlussfolgerung der Projektorganisatoren.
„Frauen sind im Versicherungsaußendienst mit ganz bestimmten Hürden konfrontiert“, weiß Ursula Rosenbichler aus Erfahrung. Der Erfolgsmotivator Geld wirkt bei Frauen nicht in dem Ausmaß wie bei Männern. Das Berufsbild von Außendienstmitarbeitern hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert, nach dem Motto „Vom Keiler zum Berater“. Die Provisionssysteme bilden diese Entwicklung aber vielfach noch nicht ab. „Wir bemühen uns seit Jahren um eine Veränderung des Entgeltsystems im Versicherungsaußendienst, bis jetzt aber vergeblich“, meint Gerhard Loibl von der GPA, der für den Wirtschaftsbereich Versicherung zuständige Gewerkschaftssekretär. Nicht nur die Beratung, auch Verwaltungsarbeiten am Laptop, die vielfach vom Innendienst zum Außendienst verlagert worden sind, müssten im Entgeltsystem stärker berücksichtigt werden. Für Frauen scheint dies besonders negativ zu sein, denn Frauen haben ihre Stärken oft in der Beratung, finden aber, so Rosenbichler, schwieriger zu einem Abschluss als Männer.
Weiters stellt die Familie oft einen hemmenden Faktor dar. Dies vor allem in ländlichen Gebieten, wo in der „Haupttelefonierzeit“ zwischen 16 und 20 Uhr die Kinderbetreuungseinrichtungen praktisch geschlossen sind. Und natürlich erweisen sich die Unternehmenskulturen, die stark durch den männlichen Außendienst geprägt sind, als Hürde. Eine ausgesprochene Männerwitzatmosphäre wirkt einfach abschreckend auf Frauen. Eines sei aber gewiss, so Rosenbichler weiter, mangelnde Qualifikation oder Kompetenz von Frauen sei sicher kein Hemmschuh, um in die Außendiensttätigkeit vorzudringen.
„Wenn die Unternehmen Frauen wollen“, so Rosenbichler, „dann müssen sie etwas tun, damit sie diese bekommen, aber auch damit sie bleiben“. Vor allem die Rahmenbedingungen müssen in den Betrieben adaptiert werden. Da müssen z.B. geeignete Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie gesetzt werden. Das heißt aber auch über Arbeitszeitregelungen nachzudenken, die Frauen entgegenkommen. Die Einstellung, Teilzeitarbeit im Außendienst sei nicht notwendig, weil es ohnehin eine flexible Zeiteinteilung gib, greift zu kurz. Wie viel Arbeitszeit auch am Wochenende aufgewendet werden muss, um die vom Unternehmen vorgegebenen Mindestziele zu erreichen, ist weitgehend ein Tabuthema in den Unternehmen. Vielleicht hängt der relativ hohe Frauenanteil im Außendienst der ÖBV auch mit der Tatsche zusammen, dass in diesem Unternehmen Teilzeit angeboten wird.
Frau Dr. Ingrid Reifinger arbeitet im Referat Humaniserung, Technologie, Umwelt im Österreichischen Gewerkschaftsbund und verfasste 2002 ihre Dissertation zum Thema Mobilkommunikation und Mobile Computing im Außendienst.
