Mit der ÖBV durchs Leben
Publikationen: Zeitung ÖBV-aktiv Nr. 50
Von Riesenechsen, Avantgardisten, den Menschen und der Wirtschaft
Soziale Verantwortung oder das Gesetz des Stärkeren
Ein Beitrag von GD i. R. Dr. Johann HaufNicht ungern sehen sich Manager und andere Vertreter der Wirtschaft als Avantgarde einer Gesellschaft. Vor allem dort, wo der Neoliberalismus zum bestimmenden Prinzip einer Volkswirtschaft geworden ist oder sich zumindest so gebärdet. Mit dem Fortschritt, den die fitten Manager verkörpern, geht aber oft ein Rückschritt im Verständnis der Zusammenhänge von Wirtschaft und Gesellschaft einher. So „neo“ und so „liberal“ sich der Neoliberalismus auch gebärden mag, die Wirtschaft hat, ob man es will oder nicht, eine ganz und gar nicht zeitgeistige Substanz: Das Herz einer funktionierenden Wirtschaft ist das Vertrauen. Die Moden der diversen Liberalismen, der Effizienzkoeffizienten, der Marktbereinigungsstrategien mit mehr oder weniger Nachhaltigkeit, der Vernetzungen und Synergien kommen und gehen, so wie auch die Analysten, die Börsengurus, die Paradesanierer und die Manager des Jahres kommen und gehen.
Was bleibt, ist die Frage nach dem Vertrauen: Gar nicht avantgardistisch, gar nicht transparent und abstrakt, aber sehr menschlich. Es ist kein Zufall, dass in unserem „Europa der Konzerne“ (Jaques Delors hatte noch vor den ersten Ansätzen der wirtschaftspolitischen EU-Euphorie eindringlich davor gewarnt und die politische Gestaltung eines „Sozialraums Europa“ eingefordert) ganze Wirtschaftsregionen, ja ganze Länder in „Unternehmen“ umdefiniert werden. Man spricht nicht mehr von der Republik, sondern vom Unternehmen Österreich. Diese semantische Wendung ist symptomatisch für das derzeit herrschende Gesellschaftsverständnis in den Köpfen so mancher Manager und Politiker (auch diese beiden Begriffe werden zunehmend austauschbar), zeigt aber auch die wirtschaftspolitische Instinktlosigkeit und Kurzsichtigkeit der handelnden Personen.
Sehr plastisch stellte sich dieser neoliberale Geist der Wirtschaft vor kurzem in Österreich ins Rampenlicht, als das Dramolett „Jung gegen Alt“ zur Aufführung gelangte. Im Mittelpunkt der Handlung stand der Generationenvertrag und die Frage nach der Finanzierbarkeit des Sozialstaates. Nach neoliberalem Wirtschaftsverständnis wurden Bevölkerungsgruppen zuerst definiert und dann evaluiert. Die Alten als das passive Kapitalpotential und die Jungen als das aktive Investitionspotential des „Unternehmens Gesellschaft“. Dann, und hier beginnt das Dramolett, wurden die Alten und die Jungen gegeneinander ausgespielt, als die Bösen und die Guten, als die Privilegierten und die weniger Privilegierten, als die Effizienten und die Ineffizienten, die Potenten und die Impotententen, zumindest im Hinblick auf ihre Verfügbarkeit für die freie Wildbahn des Marktes.
Konsens und Konflikt
Das Unternehmen „Gesellschaft“ hatte also plötzlich zwei Subunternehmer (Alt und Jung), die untereinander um Marktanteile und Überlebenschancen kämpften, hatte es den Anschein. Kaum gehört wurde dabei die Stimme der Meinungsforschung, die einen mit neoliberalem Verstand so einfach gestrickten Konflikt ganz und gar nicht bestätigen konnte. Letztlich begann auch der verschlafenste Besucher dieses Dramoletts bald zu ahnen, war die Aufteilung der Rollen nichts anderes als ein dramaturgischer Fehlgriff und der Konflikt passiert eben nicht zwischen Jung und Alt (was der Gesellschaftsdefinition des Neoliberalismus zugute käme), sondern zwischen Arm und Reich, durchkreuzt also diametral alle Generationengrenzen.
Vor bald hundert Jahren gründete sich die Demokratie in Österreich auf dem historischen Interessenausgleich zwischen den Ständen oder „Klassen“ (ob Arm oder Reich, Jung oder Alt, Selbständig oder Unselbständig), was im Pensions- und Krankenversicherungsbereich seinen Ausdruck in der „Selbstverwaltung“ fand. Dadurch war in allen wichtigen Bereichen der sozialen Sicherheit, vor der Pensions- und Krankenversicherung eine demokratische Basis geschaffen, die sich sozialpolitisch in der Institution der Sozialpartnerschaft widerspiegelte. Der „Generationenvertrag“ war jener gesellschaftliche Grundkonsens, der die österreichische Form der „social cohesion“ festschrieb. Wird diese historisch gewordene Konsensebene verlassen, spricht man – mediengerecht – von der „Aufkündigung des Generationenvertrags“. Begründet wird dieser politische Schritt damit, dass die staatliche Versorgung auf dem bisherigen Niveau nicht mehr gewährleistet werden kann und die sozialen Versorgungslasten anders verteilt werden müssen. Also: Konkurrenz statt Solidarität, die Reichen werden reicher und die Armen ärmer. Schließlich werden ja zur Bewahrung der sozialen Sicherheit Privatinitiative und Eigenvorsorge angeboten.
Reich gegen Arm
Wer aber kündigt wem den Generationenvertrag auf? Sind es die Jüngeren, denen die Älteren durch die Zahlungsverpflichtungen im Umlageverfahren zur Last geworden sind, sind es die Reicheren, die nicht mehr einsehen, für weniger Erfolgreiche, ja für die Verlierer in der Gesellschaft mitzuzahlen? Die Anlaysen der Meinungsforscher und Soziologen sprechen eine andere Sprache – dies lässt sich als Kontrapunkt zum pessimistisch und alt gewordenen Neoliberalismus nicht oft genug betonen. Sie kommen zu dem Schluss, dass die Verantwortung zwischen den Generationen, aber auch zwischen Arm und Reich nach wie vor ein hohes Gut ist und von der überwiegenden Mehrheit auch keineswegs in Frage gestellt wird. Die Basis für diesen solidarischen Konsens und die in Österreich sehr beständige „Social cohesion“ ist also in der Bevölkerung keineswegs brüchig geworden. Es kann sich beim viel diskutierten Phänomen der „Kündigung des Generationenvertrages“ also nur um „Wishful thinking“ halten, ja um eine programmatische Form der „Self fulfilling prophecy“: Ein in der Realität nicht vorhandener sozialpolitischer Tatbestand wird solange „beworben“ und in den Raum gestellt, bis er aufgrund der normativen Macht der faktischen Politik tatsächlich vorhanden ist und im Raum steht. Auf gut Wienerisch heißt diese Form des politischen Handelns „Krankreden“ und kann ebenso erfolgreich oder erfolglos sein wie das „Gesundbeten“.
Gewinner und Verlierer
Die Wirtschaft, vor allem die Versicherungen und Banken, versprechen sich von dieser Entwicklung zu Recht höhere Gewinne und präsentieren jubilierend die entsprechenden Angebote zur Rettung des Lebensstandards und der sozialen Sicherheit des Einzelnen. Auf die Macht des Kapitals ist Verlass, wer es sich leisten kann, kommt nicht in Verlegenheit und fällt ganz bestimmt nicht durch das soziale Netz, so weitmaschig dieses auch immer geknüpft sein mag. Wenn allerdings die Solidarität und das solidarische Gewissen der Politik im Schwinden begriffen sind, dann schwindet auch das Vertrauen, zuerst innerhalb einer Gesellschaft und dann auch das Vertrauen der Einzelnen gegenüber der Wirtschaft, die nur als Teil des Gemeinwohlgefüges Bestand haben kann. Auf die Dauer, langfristig gesehen – doch langfristiges Denken gehört nicht zum Wesen des alltagspolitischen Denkens – wird also wohl auch die Basis der Wirtschaft brüchig werden, wo bisher ein sozialer Konsens jene Dynamik der gegenseitigen Verantwortung garantiert hat, die allen Unkenrufen zum Trotz in der gelebten und politisch lebendigen Sozialpartnerschaft zu Hause war.
Gibt es denn keine Alternative, kein vermittelndes Modell einer „Gesellschaft mit Generationenvertrag“ und dem „vertragslosen Zustand einer entsolidarisierten Konkurrenzgesellschaft“? Im Kleinen, in überschaubaren Einheiten ist ein solches Modell zumindest im Versicherungsbereich sehr wohl vorhanden. Das Konzept der „Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit“ ist nicht neu, im Gegenteil, es steht am Anfang des Versicherungswesens, noch vor der Demokratie, ja es wurde in der jungen Republik durchaus zu einem gestaltenden Element in der Demokratie-Werdung. Doch als die privaten Versicherungen zu Konzernen wurden, sich in der Banken- und Börsenwelt wohlzufühlen begannen, um sich schließlich in die Mysterien des „Fressens und Gefressenwerdens“ auf dem freien Markt der Kräfte des Kapitals einweihen zu lassen, wurde dieses Konzept rasch unattraktiv, weil „shareholder“ darin nicht vorkamen. Zu treu, zu konservativ, zu bedarfsorientiert erschienen die Versicherungsvereine – und vor allem auf dem Kapitalmarkt nicht beweglich genug.
Lokal statt global
Erst in den letzten Jahren hat sich erwiesen, dass inmitten all der Unwägbarkeiten und Volatilitäten, denen die großen Konzerne ausgesetzt sind, das überschaubare Konzept eines „Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit“ besser funktioniert, solider ist, mehr Beständigkeit aufweist als jene Wirtschaftsunternehmen, denen mit dem Schwinden der gesellschaftlichen Solidarität auch das Kundenvertrauen und damit der Eigenwert zu schwinden drohen. Der Neoliberalismus ist stiller geworden. Die immer wieder zitierte „Gier“ der Manager hat weder den „Shareholdern“ noch den Kunden das gebracht, was seit Jahren vollmundig versprochen wird. „Alte Werte“ sind wieder gefragt und die haben sich in den Versicherungsvereinen tadellos erhalten. Sie haben sich im Kleinen das bewahrt, was im Großen als Generationenvertrag und Gesellschaft mit solidarischer Verantwortung nur allzu gerne krank geredet wurde. Es geht um Verantwortung und Vertrauen, um eine Geschäftsphilosophie, in deren Mittelpunkt immer noch der Mensch steht. „Der Wert des Menschen muss zählen und nicht seine Verwertbarkeit“, um mit den Worten eines österreichischen Sozialpolitikers zu sprechen.
Das Konzept des Versicherungsvereins entspricht auch der erneuten Tendenz zu kleineren Einheiten im Wirtschaftsgefüge. Der globalen Unübersichtlichkeit, der Trägheit jener mittlerweile ausgestorbenen Riesenechsen, deren Denkzentren sich im Verhältnis zur Körpergröße rasant verkleinern (was zu einer eklatanten Verminderung der Geistesgegenwart und Reaktionsgeschwindigkeit führt) stehen kleinere und bewegliche Unternehmensstrukturen gegenüber, deren Erfolg für sich spricht. Auf dem Versicherungsmarkt werden immerhin 26% des Prämieneinkommens von den „Mutuals“ (Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit) erwirtschaftet, 25% des Kapitalmarktes ist in der Hand von Genossenschaften. Darüber hinaus, so die neuesten Daten der ICMIF, konnten die „Mutuals“ in den letzten, krisengeschüttelten Jahren ihre technischen Reserven erhalten, während den Aktiengesellschaften 6% ihrer Substanz abhanden gekommen sind. Auch in Österreich spiegelt sich dieses Erscheinungsbild exakt wider – die „Mutuals“ bewähren sich ausgezeichnet.
Es ist kein Geheimnis, dass die Österreichische Beamtenversicherung der größte heimische Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit ist – die Entwicklung des Geschäfts und die Zufriedenheit der Kunden sprechen für sich. Auf ihrem angestammten Terrain, also vor allem im Bereich des öffentlichen Dienstes hat sich die ÖBV auch in schwierigen Zeiten ihre Vorreiterrolle bewahrt. So wie die öffentliche Dienstleistung für den Erhalt und die soziale Qualität eines Gemeinwesens unerlässlich ist (Stichwort: Bildung, Gesundheit und Sicherheit für alle und nicht nur für die, die sich`s leisten können) bewährt sich dieser traditionsreiche Versicherungsverein als unerlässlicher Player auf dem österreichischen Versicherungsmarkt.
Diese kurze Expedition in die freie Wildbahn des Wirtschaftslebens
will zur Besonnenheit aufrufen. Wer heute boomt, kann morgen
pleite sein, wer heute frisst, kann morgen gefressen werden,
die Avantgarde von heute ist der Sanierungsfall von morgen,
vor allem dann, wenn sich die handelnden Personen den Gesetzen
des Marktes ganz und gar ausliefern ohne die menschliche Dimension
des Wirtschaftens im Auge zu behalten. Nur durch Solidarität
und das Bekenntnis zu einer gesellschaftlichen Verantwortung
kann auch die „Social cohesion“ der Zusammenhalt
einer Gesellschaft gewahrt bleiben, der seinerseits wieder
Voraussetzung ist für den langen Atem guten Wirtschaftens.
