Publikationen: Zeitung ÖBV-aktiv Nr. 50
Sind Sie sicher?
von Rotraud Entmann
Sicherheit ist noch immer ein zentrales Thema unserer Gesellschaft.
Aber wann ist man wirklich sicher? Können ein detaillierter
Anlageplan, ein durchdachtes Lebensversicherungsangebot, eine
professionelle Prognose tatsächlich Sicherheit bieten?
Fernab von Lebenserwartungsstatistiken und undurchsichtigem
Datenmaterial soll das zentrale Interesse dieses Beitrages
auf dem persönlichen Sicherheits- und Unsicherheitsgefühl
von Menschen liegen. So ist die erste Frage, die es hier zu
beantworten gilt: Woher kommt unser Bedürfnis nach Sicherheit
oder wie entsteht Unsicherheit?
Vertrauen und Stabilität. Das System:
Das Gefühl von Sicherheit entsteht beim Menschen durch innere und äußere Stabilität. Gehen Veränderungen in Politik und Wirtschaft zu rasch vonstatten oder muss man im politischen Argumentationsdickicht um Pension oder staatliche Absicherung fürchten, ist das Vertrauen in diese äußeren Garanten nicht mehr vorhanden. Unsicherheit sucht ihren Nährboden auch im emotionalen, gemeinschaftlichen Umfeld, in zwischenmenschlichen Beziehungen und in der Familie. Gerät diese daraus resultierende innere Sicherheit ebenfalls ins Wanken, schwindet das Vertrauen des Menschen und elementarer Verunsicherung ist Tür und Tor geöffnet.
Heutzutage wandelt sich die Umwelt (Garantie der Stabilität nach außen) für alte Menschen schneller als ihr Anpassungs- und Gestaltungsvermögen (Garantie der Stabilität nach innen). Sobald die Balance der beiden Garanten ins Stocken gerät, zerfallen alte Sicherheiten und es muss schnell ein neuer Sicherheitskomplex gefunden werden, was jungen Menschen durch schnelles Lern- und Auffassungsvermögen leichter fällt, bei alten jedoch elementare Unsicherheit hervorruft.
Risiko und Verantwortung:
Im sozialen Alltag kommt es darauf an, mit ständig wechselnden Erfahrungen und Anforderungen zurechtzukommen. Ein wesentlicher Bestandteil für das Gefühl von Sicherheit ist das Abschätzen von Risiken, welches immer komplizierter wird, je weiter Ursache und Wirkung auseinander liegen. Im Gespräch und durch das Aneignen von Wissen versucht der Mensch, diese Risiken soweit wie möglich abzuschätzen und sich Interpretationsschemata zurechtzulegen. Ist es Menschen durch soziale Hürden versagt, sich durch allgemein zugängliche Bildungssysteme Wissen selber zu erarbeiten, oder leidet durch staatliche Budgetkürzungen die Qualität des Unterrichts an öffentlichen Schulen und verbaut somit Jugendlichen das Interesse am eigenen Wissenserwerb, ist das die beste Vorraussetzung, um innere Sicherheit und Selbstvertrauen zu erschüttern.
Indem man Verantwortung für das eigene Leben übernimmt, schafft man Selbstsicherheit, welche hilfreich bei der Kalkulation von Risiken ist. Max Weber traf vor fast hundert Jahren eine Unterscheidung zwischen Verantwortungsethik und Gesinnungsethik. Ein Aspekt der Definition von Verantwortungsethik ist für dieses Thema ausschlaggebend: eine nach M. Weber die „politische Persönlichkeit charakterisierende Fähigkeit, die im Durchsetzungsprozess zu treffenden Entscheidungen mittels einer vom Standpunkt der Betroffenen vorgenommenen Güterabwägung an den unmittelbaren Folgen des Handelns zu orientieren.“ Daraus leitet sich auch für das im politischen Prozess nicht direkt involvierte Individuum die etwas umgänglichere Vorgabe ab, erst dann zu handeln, wenn man die Folgen seines Tuns abschätzen kann, das kann man wiederum nur dann, wenn man sich selber Informationen über etwaige Risiken aneignet oder die Möglichkeit hat, dies zu tun.
Eine genaue Definition des Risiko-Begriffs ist notwendig, um Gefahren, die Risiken bringen, abschätzen zu können. Was Versicherungsvertreter in langwierigen Rechnungen versuchen auf eine Zahl zu bringen, vollbringt der Mensch jeden Tag innerhalb von Sekunden. Bei einem Spaziergang auf der Straße erstreckt sich der Aufmerksambereich auf bis zu fünf Häuserblöcke. Selbst bei gleichzeitig ausgeführten Handlungen – einem Gespräch oder Telefonat – kontrolliert der Passant in diesem Bereich seine Umgebung auf etwaige Gefahren. Sobald sich seine Umgebung dieser Kontrolle entzieht, entzieht sich auch der Risikobegriff seiner Definition, die Gefahren sind nicht mehr ersichtlich, Unsicherheit kommt auf.
Dieser Prozess ist im Kleinen genauso nachvollziehbar wie im Großen. So sind Risiken von Radioaktivität oder Gift- und Schadstoffen nicht wahrnehmbar und somit ein gutes Beispiel für das heutige Problem mit dem Risiko-Begriff, dessen Schwierigkeit darin besteht, dass er sich nicht mehr so leicht auf Wirkung und auf Chancen zurückverfolgen lässt. Ein stark reguliertes Sozialsystem und somit unüberwindbare bürokratische Barrieren bei Antragstellungen machen es vielen Menschen schwer, ihre Chancen und Möglichkeiten, aber auch ihre Risiken bei Versäumnissen abzuschätzen. Paragraphendickicht und unzulängliche Beratung tun ihr Übriges, um den schon von vornherein Chancenlosen jede Möglichkeit zur Selbstverantwortung zu ermöglichen. Desinteresse und Frustration sind die Folgen, wenn es Menschen schwer gemacht wird, Gefahren in diesen Bereichen Risiken zuzuordnen und somit zu differenzieren. Die eigentliche Aufgabe von institutionellen Vorkehrungen wäre, sich um die Reduktion von Gefahren und nicht um deren Kalkulation zu kümmern.
Weiters muss abschätzbar sein, ob mit dem eingegangenen Risiko nicht neue Freiräume verbunden sind und sich somit neue Bereiche von Verantwortung eröffnen. Auf diese Orientierungsmuster der inneren Sicherheit haben auch Machtbalancen Einfluss, die nach Norbert Elias von blind (da nicht beeinfluss- und vorhersehbar) gerichteten gesellschaftlichen Prozessen der äußeren Sicherheit mitbestimmt werden. Auf der einen Seite dieser Macht der äußeren Stabilität steht eine wirtschaftliche, politische Elite, auf der anderen eine soziale Gegenelite.
Unsicherheiten akzeptieren:
Die Unsicherheit ist die Schwester der Sicherheit, jeder verantwortungsvolle Umgang mit Sicherheit sollte auf diesen Umstand und die damit verbundenen Risiken hinweisen. Um Risiken jedoch wahrnehmen zu können, sollte man sich darüber im Klaren sein, dass selbst deren Wahrnehmung kulturell und historisch verschieden ist. Sobald sich in einer Gesellschaft ein Konsens über „das Risiko“ etabliert hat und dieses Risiko auch thematisiert wird, kann mit der sonst schwer fassbaren und unbestimmbaren Angst vor der Gefahr umgegangen werden. Wird gesellschaftlich kein Konsens über Risiken gefunden oder werden diese nicht einmal öffentlich formuliert, setzt nicht erwartetes blindes Vertrauen, sondern Misstrauen ein. Denn jeder Mensch ist auch der Buchhalter seiner eigenen Sicherheitskalkulation und kann im Laufe seines Lebens auf Erfahrungen zurückblicken, welche ihm einen gesunden und selbst geschätzten Risikoprozentsatz wittern lassen.
Somit liegt Sicherheit also zu gleichen Teilen außerhalb oder innerhalb jedes Einzelnen. Kein Supersystem ist jedoch in der Lage, durch totale Planung die Zukunft verfügbar zu machen und somit zu einem kollektiven Entlastungsmechanismus zu werden. Erst die Balance zwischen innerer und äußerer Stabilität kann das Gefühl von Sicherheit entstehen lassen.