ÖBV - Österreichische Beamtenversicherung, Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit - ÖBV Versicherung

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Publikationen: Zeitung ÖBV-aktiv Nr. 54
Sind Sie sicher? Eine kleine Gesellschafts- Geschichte der Sicherheit

Ein Beitrag von Rotraud Entmann

Sicherheit entsteht unter anderem durch die Kontrolle von Risiken, ist man sich dieser bewusst, ist man auch davon überzeugt Risiken reduzieren zu können. Doch kommt es dabei nicht nur auf den Einzelnen an, auch die Gesellschaft und der Staat können dazu beitragen den Umgang mit Unsicherheiten zu erleichtern. Im folgenden Beitrag soll ein kurzer Überblick über die Geschichte der institutionellen Sicherheit gebracht werden.

Armut als Schicksal

Zum Ende des 18. Jahrhunderts wurde durch technische Innovationen der Industrialisierungsprozess ausgelöst, der auf den bedeutendsten Grundstoffen Kohle und Eisen aufbaute. Menschliche Energien wurden durch mechanische ersetzt. Dieser Strukturwandel ging nicht spurlos an großen Teilen der Bevölkerung vorbei. Es kam besonders in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer Massenarmut in Deutschland, zusätzlich angeheizt durch eine Überbevölkerungsproblematik.

Der Gesundheitszustand der arbeitenden Bevölkerung begann sich rapide zu verschlechtern. Infektionskrankheiten breiteten sich in epidemischen Ausmaßen aus. Die Unsicherheiten, denen diese Gruppen ausgesetzt waren, betrafen nicht nur deren Existenzgrundlage, sondern auch den durch den Ausschluss aus dem Entscheidungsprozess der Gesellschaft folgenden Identitätsver-lust. Die auswegslose Lage, in der sich weite Teile der Bevölkerung befanden, wurde von der Regierung als Schicksal angesehen, gegen welches man nicht eingreifen konnte.

Die marxistische Lesart

Für Marx war Armut nicht vom Schicksal vorbestimmt, sondern ein Problem der Produktion und Verteilung des Reichtums. Marx stand jedoch nur für die Arbeiter ein und beschrieb die Randschicht als „Lumpenproletariat“, die im Klassenkampf eine vorübergehend zu beschäftigende Reservearmee darstellte. Trotzdem trug Marx umfassend zum Entstehen einer neuen Identität bei, da er den diffusen Begriff des „Schicksals“, welcher der Arbeiterschicht die Möglichkeit des Handelns verwehrte, analysierte.

Sicherheit von Seiten des Staates

Unter allen Gefühlen, die die öffentliche Meinung zur Lage der Arbeitslosigkeit prägten, schien die Bedrohung der gesellschaftlichen Ordnung und Sicherheit vorherrschend zu sein. Nicht aus dem Bedürfnis die Lage der Armen zu verbessern, sondern aus dem Bedürfnis die eigene Sicherheit wiederherzustellen, wurde gehandelt. Sobald es um finanzielle Subventionen von Seiten des Staates ging, wurde die Lösung individuell, da ging es um "kluges Haushalten", um von der öffentlichen Prävention abzulenken.

Als sich die Arbeiterbewegung formierte, fand auch ein Teil der Armen ihren Platz innerhalb einer sozialen Klasse. Ein Selbstbildungsprozess setzte sich in Gange, in dem die betroffene soziale Klasse in die Diskussion miteinbezogen wurde und nicht mehr über sie von staatlicher Seite her entschieden wurde. Der Blickwinkel der Bekämpfung änderte sich dahingehend, dass Armut aus Gründen der öffentlichen Sicherheit nicht mehr ausgegrenzt werden sollte, sondern die Betroffenen aus Gründen der nationalen Sicherheit gestärkt werden sollten. In dieser Geburtstunde der Sozialpolitik wurden auch deren Aufgaben formuliert: Es sind allgemein alle Bestimmungen und gesetzlichen Regelungen, die der gerechten Verteilung von Lebenschancen und -risiken gewidmet sind. Das Interesse der Sozialpolitik gilt insbesondere der sozialen Sicherung, also etwa der Unfall-, Kranken-, Renten- und der Arbeitslosenversicherung sowie allen Maßnahmen, die besondere individuelle Notlagen mildern sollen, wie etwa Mietbeihilfen und Sozialhilfe.

Erste Maßnahmen einer entstehenden Sozialpolitik

Die ersten Maßnahmen waren statistische Messungen, um eine Armutsgrenze in Bezug auf das benötige Geld, um überleben zu können, festzulegen. Damit versuchte man Armut berechenbar zu machen und nicht zu beseitigen oder zu ignorieren.
Es wurden eine Reihe von Gesetzen verabschiedet, die Arbeitszeit und Alter regeln sollten. Doch die Ergebnisse blieben bescheiden, da sie von Ausnahmebestimmungen begleitet wurden. So wurde z.B. nach 1892 das Nachtarbeitsverbot von Frauen in der produktionsstarken Zeit des Jahres in Konfektionsbetrieben aufgehoben. Nach 1900 wurden viele Frauen und Jugendliche von der Industrie entlassen, damit diese die Arbeitszeit nicht beschränken musste.

In den 1880er Jahren in Deutschland wurden die wichtigsten Gesetze zur Sozialversicherung verabschiedet. Bereits vor 1878 gab es soziale Einrichtungen, die jedoch erhebliche Lücken in der sozialen Sicherung aufzeigten. Städte und Gemeinden waren nach den Kirchen seit langem Träger der Sozialfürsorge. Durch die Pflichtversicherungen sollten gewisse Standardrisiken wie Krankheit, Tod, Invalidität, Betriebsunfall usw. versichert werden, die jedoch nicht auf Freiwilligkeit basiert, sondern auf eine nationale Gesetzgebung.

Bismarck hatte einen entscheidenden Einfluss auf die Entstehung der Sozialversicherung. Im Mittelpunkt stand für ihn die Unfallversicherung, die erst im dritten Anlauf durch ein Gesetz 1884 durchgesetzt wurde. Nach dem Reichshaftpflichtgesetz hafteten die Unternehmer nur für die Unfälle, die aufgrund des nachgewiesenen Verschuldens des Unternehmers eingetreten waren. Das führte dazu, dass viele Arbeiter nicht entschädigt wurden. Bismarck griff eine vorgesehene Erweiterung der Haftpflicht auf, die eine Versicherung gegen alle Arbeitsunfälle vorsah und setzte durch, dass anfangs die armen Arbeiter und später alle Arbeiter von einer Beitragszahlung befreit wurden. Die Organisation der Versicherung übernahmen Berufsgenossenschaften, die Beiträge von den Unternehmen nach gestaffelten Gefahrenklassen erhielten.

Veränderungen durch die Arbeiterbewegung

Der Übergang zwischen beschäftigungslosen Arbeitern und Bettlern war fließend. Zuschüsse bekamen beide. Deswegen war der erste staatliche Eingriff die Trennung zwischen durch den Industrialisierungsprozess hervor- gerufener Armut und schon bestehender Armut. Die Zuschüsse der Bettler durften die Zuschüsse der ärmsten Arbeiter nicht überschreiten, damit letztere nicht in ihrem Arbeitswillen und in ihrer Motivation eingeschränkt werden sollen.

Bettler wurden von staatlicher Seite aus Gründen der Rassenhygiene und Moral ausgegrenzt. Der Staat nahm die Regelung der Arbeiterverträge in die Hand, die vorher vollkommener Willkür unterworfen waren. Hygiene und Erziehung wurden noch immer weitgehend von kirchlicher Seite geregelt.
Die Gründung der Arbeitervereinigung brachte kollektive Sicherheit gegen individuelle Risiken. Die Gewerbeordnung legalisierte Streiks, jedoch war das Angebot sozialer Sicherheiten eine Art Tauschgeschäft: Die Arbeiter sollten nicht mehr für politische Gleichberechtigung kämpfen. Im letzten Viertel es vorigen Jahrhunderts etablierte sich der Streik als Mittel geregelter Konfliktaustragung und wurde somit zu einem kalkulierbaren Risiko. Die Arbeiter waren durch ihre Armut zwar noch immer von der herrschenden Klasse ausgeschlossen, doch fanden sie eine neue Identität in der Arbeiterklasse. Die langsame Identitätssuche der Arbeiter orientierte sich nach "unten" gegenüber den noch immer Armen und Aussichtslosen, nach "oben" gegenüber der bürgerlichen Klasse und in Bezug auf die eigene Herkunft und Tradition.

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