Publikationen: Zeitung ÖBV-aktiv Nr. 54
"Istanbul grüßt Kaindorf"
Tandem® – Lernen im Kulturkontakt
Unübliche Wege in der Vermittlung geht eine Fortbildung für Exekutivbeamte und -beamtinnen. Der zweisemestrige Lehrgang „Polizeiliches Handeln in einer multikulturellen Gesellschaft“ der Sicherheitsakademie des Bundesministeriums für Inneres setzt nicht nur auf kognitives Lernen sondern ebenso auf menschliche Begegnung, auf Reden miteinander statt übereinander und auf Entwicklung von Beziehung und Vertrauen statt Konfrontation und Angst. Polizeiliche Führungskräfte und MigrantInnen lernen mit- und voneinander, die eigenen Bilder im Kopf zu hinterfragen, Barrieren abzubauen und sich auf Neues einzulassen. Freundschaften, die daraus entstanden sind, werden jetzt von namhaften AutorInnen wie Erich Hackl, Dimitré Dinev oder Renate Welsh literarisch porträtiert. Im kommenden Frühjahr sollen diese Texte, ergänzt durch Fotografien von Michaela Bruckmüller als Buch erscheinen.
Viermal vier Tage im Laufe von zwei Semestern besuchen jeweils an die 25 Exekutivbeamte den Lehrgang, der von Maria Hirtenlehner und Susanna Gratzl-Ploteny vom Internationalen Zentrum für Kulturen und Sprachen entwickelt wurde und der u.a. Module zu den Themen Menschenrechte, Diskriminierung, Institutionskultur und – seit heuer - Persönlichkeitsbildung beinhaltet.
Das Herz des Lehrgangs, so Hirtenlehner, ist jedoch Tandem® – Lernen im Kulturkontakt. Zu den 25 Exekutivbeamten werden genauso viele – anerkannte - Flüchtlinge und MigrantInnen eingeladen. An fünf Abenden werden gemeinsam Themen wie Identität, Vorurteile, Diskriminierung, Sprachgebrauch, Rassismus und Zivilcourage behandelt. Darüber hinaus bekommt jeder Polizist einen Tandem®-Partner/eine Tandem®-Partnerin zugewiesen, die beiden bilden während des ganzen Lehrgangs ein Paar, treffen sich auch außerhalb des Unterrichts und machen gemeinsam eine Projektarbeit, die sie zum Abschluss präsentieren.
Für beide Seiten ist es nicht leicht, sich dieser neuen Situation auszusetzen, sind doch die Begegnungen häufig geprägt von Konflikten, Unverständnis und Ohnmachtsgefühlen, von Ängsten, Stress und Druck. „Die Polizei – das ist für viele Flüchtlinge oder MigrantInnen eine unbekannte Institution, ein Machtapparat, nicht selten auch bedrohlich durch traumatische Erfahrungen aus dem Heimatland. Für viele Polizisten wiederum sind Dunkelhäutige oft potentielle Drogendealer, und Fahndungen oder Razzien stehen unter Erfolgsdruck durch Vorgesetzte und Öffentlichkeit“, schildert Hirtenlehner.
Im Kurs kann Begegnung in angenehmer Atmosphäre stattfinden und durch das persönlicheda Kennenlernen können Vorurteile und Fremdheit thematisiert und reflektiert werden. „Seit ich einen Polizisten kenne, fühle ich mich in Österreich integriert“, meinte einer der Teilnehmer nach dem Kurs.
Von großem Interesse für beide Seiten sind auch die völlig unterschiedlichen Lebensgeschichten. Während die BeamtInnen eine annähernd ähnliche Sozialisation, Ausbildung und Berufswirklichkeit haben und im Kurs eine Gruppe darstellen, sind die MigrantInnen Einzelpersonen, deren Lebensläufe oft zahlreiche Brüche aufweisen.
Die Projektarbeiten überraschen die beiden Kursleiterinnen immer wieder. Sie lassen die Paare völlig frei entscheiden, was gemacht wird.
So gab es schon professionelle Filmprojekte, ein vom DOKU-Team des Innenministeriums aufgenommener Videofilm zeigte die Tandem®-Partner beim gemeinsamen Kochen, ein anderes Paar übersetzte gemeinsam Informationsblätter für AsylwerberInnen, die bis dahin nur in den wichtigsten europäischen Sprachen zur Verfügung standen, auf Hindi, Urdu und Punjabi; wiederum ein anderes Paar bekochte gemeinsam Flüchtlinge auf dem Flughafen Schwechat, es gab ein Quiz über Sprachen und eine Fotoausstellung zum Thema Heimat.
Ein Polizist organisierte mit seinem Tandempartner, einem Kurden aus der Türkei, eine Ausstellung in Kaindorf in der Steiermark mit einer ganz tollen Vernissage, wie Susanna Gratzl-Ploteny begeistert erzählt. Sämtliche Honoratioren der Region waren gekommen und das Bild „Istanbul grüßt Kaindorf“ wurde von der Gemeinde angekauft – auf der einen Seite Istanbul, die Minarette, der Bosporus, auf der anderen Seite Kaindorf inmitten grüner Hügel.
Bei der Fotoausstellung zum Thema Heimat wurden immer zwei Bilder in einem Rahmen präsentiert und so Unterschiede dargestellt – aber auch Ähnlichkeiten: in einem Rahmen waren Fotos der beiden Großmütter nebeneinander gestellt und es war nicht zu erkennen, wer die Großmutter von wem war: beide hatten ein schwarzes Kopftuch auf.
Im letzten Lehrgang arbeitete die gesamte Gruppe zusammen: zwei Teilnehmerinnen stammten aus Indonesien und so beschloss man, eine große Charity-Aktion für indonesische Tsunami-Opfer zu organisieren, die ein großer Erfolg wurde.
Der Lehrgang findet heuer zum 7. Mal statt und Hirtenlehner und Gratzl-Ploteny freuen sich über die Entwicklung, die das Projekt genommen hat. Mittlerweile sind zahlreiche Freundschaften entstanden, die auch Familien und Bekanntenkreis der „Tandems“ einbeziehen und auch Entfernungen wie zwischen Wien und Vorarlberg überwinden.
Dargestellt werden sollen jetzt sieben dieser Freundschaften in literarischen Porträts, die bewusst keine Dokumentation sein wollen, sondern wo es um Themenbereiche wie Umgang mit dem Eigenen / dem Anderen, Bilder im Kopf, vom Fremden zum Vertrauten, etc. gehen soll. Sieben SchriftstellerInnen, bewusst nach eigener Migrationserfahrung oder Beschäftigung mit dem Thema ausgewählt, beteiligen sich daran. (Dimitré Dinev, Erich Hackl, Alma Hadzibeganovic, Heinz Janisch, Vladimir Vertlib, Renate Welsh-Rabady, Christa Zettel). Kommenden Frühjahr soll das Buch im Mandelbaum-Verlag erscheinen.
Auch international besteht großes Interesse an diesem Lehrgang und die Initiatorinnen Hirtenlehner und Gratzl-Ploteny haben ihr Modell schon in Budapest, Barcelona, Arezzo, Rotterdam, Venedig und Ankara vor verschiedensten Institutionen präsentiert. Vor allem die Budapester Exekutive ist sehr interessiert. Hier nahm man das „Tandem®“ wörtlich und Exekutivbeamte der ungarischen Hauptstadt organisierten ein Tandem® -Wettrennen für die Gäste aus Österreich. „Gar nicht so einfach“ sei es, erklärten die beiden im Gespräch mit ÖBV-aktiv, in gleichem Rhythmus und gemeinsamem Tempo zu radeln und auch noch möglichst schnell an ein Ziel zu kommen. Hirtenlehner und Gratzl-Ploteny, das darf hier gesagt werden, verirrten sich im Budapester Straßengewühl und hoffen auf jeden Fall, dass ihren KursteilnehmerInnen in Wien das Prinzip „Tandem®“ leichter fällt als ihnen das Radeln zu zweit.
