Publikationen: Zeitung ÖBV-aktiv Nr. 55
"Hirnlappenphysiologisch": Damit sich die Tante
Frieda net kränkt ...
Ein Gespräch zwischen Herbert Maurer-Strohschein und Hermes Phettberg über Gott und die Welt.
ÖBVaktiv: Der Wunsch nach Sicherheit und schließlich
das, was als "Versicherung" daraus geworden ist,
hat ja auch seine Geschichte, er ist nicht nur in der Gegenwart
ein Thema. Was könnte man von deinem Standpunkt aus sagen
über die Wurzel der Versicherung – jenseits des
Geldes?
Phettberg: Ich meine, die Angst ist natürlich lange vor
der Religion da gewesen. Zum Beispiel gestern ist mir die
Waschmaschine explodiert, wie aus einem Quell ist mir das
Wasser herausgesprudelt, und ich hab überhaupt keinerlei
Versicherung oder Sicherheit, so wie ich da sitze, überhaupt
nichts. Aber der Gedanke an Gott würde mir ja auch nicht
helfen, wenn die Waschmaschine hin ist.
Ich habe ja eine gewisse Theorie, dass nämlich die Religion
unendlich wenig Rolle in der Hirnphysis eines Menschen spielt.
Aber es gibt ja so eine Art wohlwollende Entschuldigung gegenüber
der Religion, wenn man sagt: Na gut, die Angst … und
die haben alle, Angst, und deswegen betet man zu Gott, konstruiert
sich einen Gott – oder eine Versicherung. Nein, schon
bevor die Religion kam, war die Angst. So wie die Urangst
vor der Explosion der Waschmaschine.
ÖBVaktiv: Irgendwie muss man die Angst ja unter Kontrolle bringen können …
Phettberg: Aber nicht mit Logik oder durch die Erfindung des lieben Gottes oder einer Versicherung.
ÖBVaktiv: Ich glaube, die Waschmaschine ist ein guter Ansatz. Eine Waschmaschine ist etwas, das immer da ist. Untergründig auch immer die Angst, dass etwas mit ihr passieren könnte, aber man nimmt es nicht wahr.
Phettberg: Quasi jede Waschmaschine endet ja mit der Katastrophe
am Plafond des unteren Nachbarn. Der hat jetzt eine kaputte
Decke. Ich hab ja ungefähr zwanzig Jahre lang eine Versicherung
gehabt, zufällig, weil ich einen gekannt habe, der einen
gekannt hat, der das macht, also nicht wegen der Ideologie
der Sicherheit. Dann bin ich finanziell zusammengebrochen,
vor etwa sieben Jahren, und habe aufgehört, die Prämien
zu zahlen. Und jetzt, das erste Mal im fünfundzwanzigsten
Jahr bräuchte ich die Versicherung, sonst habe ich noch
nie im Haus etwas angestellt, und plötzlich muss ich
halt dem das Malen der Decke bezahlen und mir eine neue Waschmaschine
kaufen.
Aber zurück zur Angst: Ich hab auch Paranoia, die ist
begründet, denn es folgt eines aufs andere. Zuerst ist
mir die Heizung explodiert und dann – also ich hatte
unter dem Leintuch eine Decke, und direkt unterhalb der Decke
waren die Drähte einer Federkernmatratze. Dort ist dann
ein Dorn herausgestanden, an dem habe ich mich gekratzt. So
denke ich mir, es gibt irgendeinen bösen Feind, denn
das kann ja ein Todesurteil sein, da kann man ja den Fuß
verlieren, wenn man da eine Blutvergiftung bekommt, das heilt
ja nicht bei einem Zuckerkranken. Und in dieses Elend stürzt
du, die Angst ist gerechtfertigt, aber daraus resultiert nicht
Gott und eine Religionstheorie.
ÖBVaktiv: Also meine Theorie – Stichwort „Versicherung“
– ist die: Früher haben die Leute Ablass gezahlt
an den Papst, damit sie nicht krank werden, damit sie besser
sterben, heute zahlen sie Versicherungsprämien.
Phettberg: Das ist sicher richtig so. Aber das ist in der
Zwischenzeit zu plakativ, zu wenig. Die Seele funktioniert
anders, aber wie soll ich das in einer Versicherungszeitung
erklären?
ÖBVaktiv: Noch einmal, punkto Religion: Das Sich-versichern-Lassen
ist eigentlich etwas Metaphysisches, oder: Ich besiege meine
Angst mit einem Erlagschein, und das funktioniert manchmal
sogar.
Phettberg: Aber der vollkommen in die Archaik Zurückgeschmissene,
Verzweifelte, überhaupt nicht mehr in irgendeinem bürgerlichen
Ordnungssinn Lebende, fällt quasi um Jahrtausende zurück,
in eine Zeit vor der Religion und vor der Versicherung. Er
kann sich gar nicht mehr versichern, weil das alles so jenseits
seiner Vorstellungen ist. Und darin ruhe ich bereits, oder
ich ruhe nicht, sondern sumpfe dahin.
ÖBVaktiv: Die Religion, der liebe Gott und die Versicherungen
verteilen quasi die Polizzen. Wer die kauft, der wird nicht
krank oder zumindest gesünder krank, der stirbt zwar,
aber er stirbt schöner usw. Also mir gefällt dieser
Gedanke schon. Oder denk daran, dass viele – vor allem
Künstler – entweder gar nicht oder gleich drei
Mal versichert sind. Sie werden einmal krank und sind drei
Mal krankenversichert. Du willst aber vor allem kein „…,
um zu“, und meinst, dass die Erklärung zu einfach
ist.
Phettberg: Das ist doch alles viel zu klar und deshalb viel
zu trivial. Noch einmal von vorn: Es heißt immer, die
Naturwissenschaft darf keine Ideologie daraus machen, wie
sich alles logisch aufbaut. Aber, allein in einem Nebensatz
betreibt die Naturwissenschaft das größte Kompliment
an die Religion, und zwar dadurch, dass sie immer wieder von
einem „…, um zu“, also von einem Zweck spricht.
Da gibt es im Urwald zum Beispiel ein Pflanze, eine große
schöne Pflanze, die das ganze Jahr über blüht,
zu der keine Insekten kommen, sondern kleine Vögel, so
groß ist sie. Die kriechen hinein in den Blütenkelch
und verköstigen sich. Und weil diese Pflanze das ganze
Jahr über blüht, ist das für die Vögel
eine ganzjährige Speisekammer. Dann erklärt uns
die Wissenschaft: In dem Blütenkelch wohnen außerdem
Milben, die darauf warten, dass ein Vogel kommt, der seinen
Schnabel in den klebrigen Blütenkelch steckt, und die
Milben kleben sich daran, um in den nächsten Blumenkelch
geflogen zu werden. Diese Erklärung, dieses „…,
um zu“ ist natürlich falsch, das ist bereits religionsfördernd.
Da wird ein Sinn konstruiert, der dann schließlich auf
Gott hinausläuft und da sind dann auch die Versicherungen
nicht mehr weit.
ÖBVaktiv: Diese Finalsätze … da wird die Naturwissenschaft irgendwie religiös oder theologisch – das hat einen Sinn, und Sinn ist anthropomorph, da fühlt man sich wieder wohl.
Phettberg: Das hat fünfhundert Jahre gestimmt, als Topsatz, wir haben Ablass bezahlt und dann kam die Versicherungsprämie usw. Aber jetzt sind wir verpflichtet, also jetzt ist auch eine Versicherung verpflichtet, darüber weiter hinaus zu gehen. Das würde ich gerne einführen.
ÖBVaktiv: Um was zu tun?
Phettberg: Um die komplizierteren Gedanken leben zu lassen,
jenseits der Religion. Denn es ist doch eh klar, dass der
geordnete Hausvater, die Hausmutter, vorsorgt. Am 5. Dezember
war ich im Hendlgeschäft, da kam eine solche Hausmutter
herein und hat eine Gans bestellt, drei tranchierte Gänse
und siebzehn Filetfische, damit am 24. alles da ist. Das ist
eh klar. Der aus allen Wolken Gestürzte – so wie
ich – stürzt aber zurück in ein neues Denken,
das quasi auch ein Glück ist. Zum Beispiel bin ich jetzt
drauf gekommen, überhaupt nichts im Kühlschrank
zu halten, ich könnte auch den Kühlschrank abdrehen.
Stattdessen gehe ich ein Mal am Tag mit 5 Euro oder mit 7
Euro einkaufen, und das, was ich da kaufe, braucht nicht gekühlt
werden, im Gegenteil, es tut der Ware verdammt gut, wenn sie
einfach in der Küchenwärme steht.
Es wird ja deshalb kein vernünftiger Hausvater bei euch
die Versicherung stornieren. Nichts funktioniert aufgrund
einer Empfehlung des Menschen. Wenn ein Mensch auf die Empfehlung
eines anderen hört, dann ist er bereits derselben Meinung.
Da bin ich anders, ich sorge nicht vor, ich arbeite ja das
ganze Jahr nichts und habe auch kein Einkommen. Nun werden
alle sagen: Das ist ja eh klar, wenn er nichts arbeitet, soll
er auch nichts verdienen. Es reicht aber, wenn von den 6 Milliarden
Menschen 500 Millionen arbeiten und verdienen, das geht sich
aus.
Zum Beispiel gibt es einen Staat ohne Land: Das ist der Malteser
Ritterorden. Das ist eine großartige Idee. Stell dir
vor, es würden sich 20 Millionen Europäer, also
quasi arbeitsscheues Gesindel, in einen Orden ohne Land verwandeln.
Die würden nur sagen: Gebt uns das Mindeste an Sozialhilfe,
wir versprechen euch dafür, dass wir uns überhaupt
nicht einmischen in eure Geschäftigkeit und in eure übergroße
Sorge, dafür anerkennt ihr uns als Staat und wir können
in der UNO und in allen supranationalen Organisationen mitreden
– so wie der Malteser Ritterorden auch überall
seine Botschafter hat – und würden auf diese Weise
gleichsam die Ideologie des arbeitsscheuen Gesindels als eine
edle Entlastungshilfe einbringen.
ÖBVaktiv: Die so genannten anständigen Menschen,
der kleine Mann von der Straße, die würden dann
sagen: Na, was haben wir davon?
Phettberg: Es soll eben noch etwas Ritterliches, etwas Edles
geben. Davon reden jetzt die Oppositionsführer in einer
sträflichen Weise nicht. Und darum kommt es plötzlich
zu einer Auflösung Europas, zu einem „Wir wissen
gar nicht, warum es Europa eigentlich gibt!“, und vielleicht
ist das eh gut, weil die einfachen Staaten, die kleinen Staaten
in Afrika und Asien, wo es diese Organisiertheit nicht gibt,
die das Opfer der Globalisierung sind, sich auf diese Weise
vielleicht selbst helfen können. Die Angst ist aber bei
den Reichen viel stärker, eben auch die Angst vor der
Verarmung, deshalb funktioniert Gott in Europa ja immer noch.
ÖBVaktiv: Noch einmal zurück zur Angst …
Phettberg: Die Angst ist weit früher da gewesen, bevor
die Lösung Gott kam. Die Lösung Gott unterscheidet
sich quasi nicht von der Lösung Versicherung, das ist
dieselbe Kategorie. Ich will damit sagen, dass sich die Seele
nicht kümmert um Gott oder Religion, sondern nur um die
Frage: Habe ich einen Triumph als Existenz oder nicht, siege
ich oder unterliege ich?
Und es gibt die Seele weit abseits der Religion: Es ist schon
ein viel zu großes Kompliment, wenn die Vernunft ihr
liebedienert. Wie ich gesagt habe, bei diesem Satz „…,
um zu“, da buttert die Naturwissenschaft der Religion
viel zu viel unter. Und dann kommt die Religion und peitscht
sie noch immer aus und sagt, das ist noch immer nicht genug.
Es wäre also ein zu triviales Gespräch gewesen,
wenn es sich darauf reduziert hätte zu sagen, was früher
das Gebet oder der Ablasshandel war, ist jetzt die Versicherung.
Ja, um diese Muskulatur der Seele geht es, wenn die verkümmert,
dann kommen die Nazis. Doch wir mit unseren Seelen bemühen
uns. Wenn wir natürlich zu blöd sind, dann haben
wir Pech. Aber – hirnlappenphysiologisch komm ich gar
nicht auf die Idee, jemanden für dümmer zu erklären.
