ÖBV – Österreichische Beamtenversicherung, Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit – ÖBV Versicherung

Aus Neugierde zu ganzheitlichem Denken

Mag. Josef Trawöger: Der neue Vorstandsvorsitzende der ÖBV im Gespräch

Foto: mag. Josef TrawögerSeit 1.1.2009 ist Mag. Josef Trawöger neuer Vorstands-Vorsitzender der ÖBV. Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Kunden und Geschäftspartnern ist er kein Unbekannter: Josef Trawöger ist bereits seit 2005 im Vorstand vertreten. Durch seine langjährige Tätigkeit bei den ÖBB ist dem – nach eigenen Angaben „äußerst neugierigen“ – Manager die ÖBV darüber hinaus schon länger ein Begriff. ÖBVaktiv bat den neuen Vorstandsvorsitzenden vors Mikrophon.

ÖBVaktiv: Sie haben Ihre Position als Vorstandsvorsitzender zu einem wirtschaftlich schwierigen Zeitpunkt angetreten. Welche Gedanken gehen einem da durch den Kopf? Beginnt man angesichts einer Finanzkrise wie der derzeitigen nicht an einer solchen Entscheidung zu zweifeln?

Josef Trawöger: Nein, denn erstens sollte die geistig-emotionale Entscheidung, ein Unternehmen zu leiten, nicht abhängig vom wirtschaftlichen Umfeld sein – und das ist es auch bei mir nicht. Und zweitens: die Zeiten waren nie besser oder schlechter, sie sind nicht besser und sie werden nicht besser oder schlechter sein.

Jede Zeit hat ihre speziellen Herausforderungen, ihre speziellen Probleme und Hürden, die es zu überwinden gilt.

Die ÖBV hat in der Vergangenheit bewiesen, dass sie es hervorragend schafft. Das Unternehmen gibt es seit 114 Jahren, es hat zwei Weltkriege überstanden und erlebt jetzt wahrscheinlich die 25. oder 30. schwere Finanzkrise. Die ÖBV – und das gibt Selbstvertrauen – vermag offensichtlich solche Krisen wunderbar zu überstehen. Ich nenne das die Selbstheilungskräfte eines Unternehmens. Natürlich ist die jetzige Wirtschaftssituation nicht einfach, aber für mich hat immer gegolten: an Herausforderungen wächst man.

ÖBVaktiv: Sie waren seit Mai 2005 bereits Vorstandsdirektor, zuständig für die Ressorts Versicherungsmathematik, Versicherungstechnik, Allgemeine Verwaltung und Personal. Was war für Sie in dieser Zeit wichtig? Haben Sie sich verändert?

Josef Trawöger: Das ist relativ schwierig zu sagen, weil man sich selbst nicht aus der Vogelperspektive wahrnehmen kann …
Was ich gelernt habe, und das relativ schnell, auch weil es einem Grundbedürfnis von mir entspricht: das Ganze besteht aus mehr als seinen Teilen.

Das Zusammenwirken, das Zwischenmenschliche, der Umgang miteinander, das macht den Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens aus.

Das ist etwas, das sehr schwer steuerbar ist, weil es kulturell bedingt ist. Da geht es um innere Antriebe, die Menschen haben oder nicht. In der ÖBV gibt es ein sehr starkes „commitment“, ein inniges Bekenntnis zur ÖBV nicht nur als Unternehmen oder als Arbeitgeber, sondern auch zur ÖBV als Idee. Das ist etwas Einzigartiges. Ich komme beruflich aus Organisationen, die sehr stark im ideologischen Bereich tätig waren und sehr stark mit Identifikation zu tun hatten. Daher ist mir die Historie der ÖBV vertraut. Das Bewundernswerte ist, dass dieses „commitment“ trotz des wirtschaftlich sehr harten Umfeldes Bestand hat und sogar noch wächst – das ist etwas ganz Großartiges.

Interessant war für mich auch – ich komme ja aus einer ganz anderen Sparte –, die Versicherungsbranche kennenzulernen. Und da ist mir eine meiner Eigenschaften zugute gekommen, die nicht immer positiv aufgefasst wird: nämlich meine unbändige Neugier.

Foto: „Datenübergabe“. Der ehemalige Generaldirektor Johann Hauf und Josef Trawöger

Ich versuche stets, Zusammenhänge zu verstehen. Erst wenn ich das Unternehmen aus der Vogelperspektive sehen kann – und ich denke, das habe ich geschafft – und die Zusammenhänge, die Wirkungsketten dahinter, die Philosophie und Kultur des Unternehmens begreife, dann kann ich Entscheidungen treffen.

Ich bin ein absoluter Verfechter des holistischen, des ganzheitlichen Denkens. Die Wirkungsketten auf dieser Welt sind sehr komplex und kompliziert. Und das gilt auch für Unternehmen wie die ÖBV.

ÖBVaktiv: Jetzt könnte man den Schluss ziehen, dass jemand mit dieser Einstellung Schwierigkeiten hat, Entscheidungen zu treffen, andererseits schätze ich Sie – soweit ich Sie bisher kennengelernt habe – als entscheidungsfreudigen Manager ein: Ist das nicht ein Widerspruch?

Josef Trawöger: Ich sehe das weniger als Widerspruch, sondern vielmehr als Spannungsfeld. Eine Führungskraft muss sehr oft Entscheidungen auf Basis der in einem bestimmten Moment zur Verfügung stehenden Informationen treffen. Ob diese Entscheidung langfristig richtig oder falsch ist, sieht man erst später. Aber in diesem Moment stimmt sie. Natürlich ertappe ich mich manchmal dabei, wie ich mich in Details verkralle, noch mehr Informationen einhole und noch mehr …
Da ist es dann sehr, sehr wichtig, dass man „den Schalter umlegen“ kann. Ich versuche es zumindest, so gut ich kann.

ÖBVaktiv: Seit Jahresbeginn sind Sie als Vorstandsvorsitzender unter anderem auch für die Bereiche Werbung, Public Relations und Internet zuständig, die Ihnen, von Ihrer Ausbildung und Berufspraxis her gesehen, vermutlich nicht so nahe stehen – wie gehen Sie diese Bereiche an?

Josef Trawöger: Ich gebe Ihnen eine sehr persönliche Antwort. Ich habe mich sehr bald gefragt, wie begegne ich zum Beispiel der Öffentlichkeitsarbeit, die in meiner beruflichen Laufbahn bisher keine so große Rolle gespielt hat.

Ich habe dann festgestellt, dass man manche Dinge an sich herankommen lassen muss; es gibt nicht immer sofort Lösungen.

Außerdem habe ich festgestellt, dass die ÖBV über Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verfügt, die es einem erlauben, sich als Führungskraft in die Thematik einzuarbeiten und nicht sofort Experte sein zu müssen.

In den ersten beiden Monaten habe ich einen Schwerpunkt auf Kundenkontakte gelegt, im zweiten Quartal werde ich mich dann verstärkt den mir neu zugewachsenen Bereichen widmen. Wie gesagt, das ist nur möglich, wenn man das Gefühl hat, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen, was sie zu tun haben – und das Gefühl habe ich. Ich werde im Laufe der Zeit meine Vorstellungen für die ÖBV entwickeln, auch in Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, und manche Wege für die ÖBV vielleicht neu (er)finden… wie gesagt, das ist Aufgabe für das Jahr 2009.

ÖBVaktiv: Kundenkontakte – das Stichwort für die nächste Frage. Sie haben in den letzten Wochen intensive Gespräche mit Mitarbeiter- und Kundenvertreter/-innen in den Geschäftsstellen außerhalb Wiens geführt (Berichte über die Besuche von Mag. Trawöger in , Burgenland und ).
Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus diesen Begegnungen, was ist Ihr Resümee aus dieser Reise für die Zukunft der ÖBV?

Foto: Landhausball Niederösterreich: v.l. Arnold Sekyra, Josef Trawöger, Landtagsabgeordneter Gerhard Karner.

Josef Trawöger: Vorausschicken möchte ich, dass den Vertrieb nur verstehen kann, wer ihn vor Ort erlebt hat. Obwohl ich mich schon länger mit dem Vertrieb in der ÖBV beschäftige, haben mich die starke Bindung vieler unserer Kundengruppen an die ÖBV, die persönlichen Beziehungen zwischen den Landesdirektorinnen und Landesdirektoren und den Kundenvertreterinnen und Kundevertretern extrem beeindruckt.

Das ist etwas, das man nicht verordnen oder kaufen kann, das muss man sich als Unternehmen schlicht verdienen, und dieses Verdienen hat mit jahrelanger verantwortungsvoller Arbeit, mit „Beziehungsarbeit“ zu tun – und das ist dem Einsatz jeder und jedes Einzelnen zu verdanken.

Ich weiß es zu schätzen, was die Landesdirektorinnen und Landesdirektoren an Zeit für die ÖBV aufbringen.

Da ist jahrelang Vertrauen aufgebaut worden und stetig gewachsen.

Ich weiß, dass dieser Kitt zwischen ÖBV und unseren Kundensegmenten genau dadurch enorm gestärkt wird, das ist die allerwesentlichste Erkenntnis, die ich bei diesen Besuchen gewonnen habe.

ÖBVaktiv: Das heißt, der Weg der ÖBV als Partner des Öffentlichen Dienstes wird weiter gegangen …

Josef Trawöger: … und ausgebaut, auf jeden Fall. In manchen Bereichen haben wir noch viel Potenzial, im klassischen Öffentlichen Dienst, bei den Bediensteten des Bundes, der Länder, auch in den Gemeinden…
Das ist aber auch eine Frage der Vertriebskapazitäten, die wir ausbauen müssen. Bei der Post spüren wir eine Wiederannäherung und das Bedürfnis, die Beziehung zur ÖBV wieder aufleben zu lassen.

Das dritte große Feld ist die Gewerkschaft vida, der Zusammenschluss der Eisenbahnergewerkschaft u. a. mit Berufsgruppen aus dem Transport- und Gesundheitsbereich. Da sehe ich ein großes Potenzial für die ÖBV – vor allem für die ÖBV als Idee.

Wir haben uns ja immer als starker Kooperationspartner der Gewerkschaften, Personalvertretungen und Betriebsräte gesehen, als Vorfeldorganisation. Und ich glaube, dass die Idee der ÖBV als Solidargemeinschaft durchaus den Interessen der Arbeitnehmervertretungen entgegen kommt.

ÖBVaktiv: Dazu kommt ja auch unsere Vereinsstruktur …

Josef Trawöger: Genau das meine ich damit, dass die ÖBV nicht nur ein Unternehmen, sondern eine Idee ist. Ich will aber nicht Mitbewerber schlecht reden; sie sind nicht besser oder schlechter, sie gehen nur andere Wege und haben dadurch andere Anfälligkeiten. Ich möchte nicht in der Haut so manches Vorstandskollegen von an der Börse notierten Unternehmen im angloamerikanischen Raum stecken, der zwischen den Interessenssphären der Kunden und der Shareholder abzuwägen hat. Und im Zweifelsfall – ist mein Eindruck – setzt sich der shareholder durch, weil davon auch der Börsenkurs des Unternehmens und damit das Prestige der Geschäftsleitung und deren Einkommen abhängt; und das was übrig bleibt, bekommt der Kunde, der nur mehr Mittel zum Zweck ist.

Die Idee des Versicherungsvereines als Solidargemeinschaft, die eine gelebte Interessensgemeinschaft von Mitgliedern, Eigentümern und Versicherungsnehmern ist, könnte eine Renaissance erleben.

Ein kleiner Exkurs sei mir an dieser Stelle erlaubt: Derzeit ist viel von der Begrenzung von Managergehältern die Rede. In der ÖBV ist das natürlich sowieso kein Thema, aber ich denke, dass die Diskussion zu kurz greift: Es wird hauptsächlich die Frage gestellt, wie viel darf ein Manager verdienen – das ist auch wichtig, aber kaum wer stellt die Frage, wofür die Manager bezahlt bekommen, für welche Ziele. Und ich glaube, dass das mit eine Ursache für die Finanzkrise weltweit war. Für die falschen Ziele – gemessen an der Langfristigkeit des Bestehens eines Unternehmens – wurden Bonifikationen als Motivation ausgeschüttet. Und eine zweite Sache: Man soll nicht nur die Manager ins Gebet nehmen – deren Verträge hat ja auch jemand unterschrieben, nämlich die Aufsichtsräte. Diese Diskussion wird mir auf einem zu schmalen Grad geführt.

ÖBVaktiv: Ich bleibe beim Thema Geld. Von Robert Bosch, einem Industriellen der Jahrhundertwende, gibt es den Ausspruch: „Ich verliere lieber Geld als Vertrauen“ – wie würden Sie als Versicherungsmanager der ÖBV diesen Ausspruch kommentieren?

Josef Trawöger: Auch da handelt es sich wieder um ein Spannungsfeld zwischen Risiko und Rendite. Geld zu verlieren – und vor allem fremdes Geld, das einem anvertraut wurde – ist nie angenehm und zudem in unserer Branche unmittelbar mit einem Vertrauensverlust verbunden.

Die ÖBV ist auf eine langfristige Perspektive ausgerichtet und dem Grundsatz von Sicherheit und Vertrauen verpflichtet.

Daher geben wir im Zweifelsfall einer soliden Rendite gegenüber (oft kurzfristigen) Spitzenrenditen den Vorzug, wenn wir das Gefühl haben, Risiko und Rendite stehen in keinem gesunden Verhältnis zueinander. Langfristig lagen wir in der Vergangenheit mit dieser Philosophie dennoch immer im österreichischen Spitzenfeld, was die Gewinnbeteiligung in der klassischen Lebensversicherung anbelangt. Warren Buffet hat gesagt: Es braucht 20 Jahre, um einen guten Ruf aufzubauen, und fünf Minuten, um ihn zu zerstören.

ÖBVaktiv: Eine sehr persönliche Frage: Sie haben gesagt, Sie wollen vieles möglichst genau wissen und Sie schätzen auch genaue Terminpläne – worauf sollen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ÖBV darüber hinaus in der zukünftigen Zusammenarbeit mit Ihnen einstellen? Wie würden Sie sich selbst als Führungskraft charakterisieren?

Josef Trawöger: Es ist naturgemäß schwierig, erstens sich selbst zu charakterisieren und zweitens die Position als Vorstandsvorsitzender an sich, in der alles doppelt und dreifach interpretiert wird – welche Kleidung man zu welchem Anlass trägt, wann und wie und mit welchem Gesichtsausdruck man Guten Morgen oder Guten Tag oder Grüß Gott sagt etc. Man ist nicht immer Herr des eigenen Wirkens.

Es funktioniert bei mir im Wesentlichen sehr einfach, ich bin ein einfacher Mensch. Erstens brauche ich Strukturen, die schaffe ich mir selbst,

aber noch viel, viel wichtiger ist mir die Loyalität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dem Unternehmen gegenüber. Das ist der oberste Wert.

Wer sich loyal verhält und nicht nur Loyalität vorspielt – und das merkt man relativ schnell –, der bringt die Eigenschaft mit, unter meiner Leitung auch eine lange, lange Geschichte in der ÖBV zu haben. Ansonsten: Ehrlichkeit. Mir ist es lieber, eine schlechte Nachricht zu erhalten, als nichts zu erfahren. Schlechte Nachrichten werden nicht besser, nur weil man sie nicht kommuniziert.

ÖBVaktiv: Während Ihres Studiums, habe ich Ihrem Lebenslauf entnommen, haben Sie physisch harte Jobs gemacht wie Dachdecker, Bäcker oder Maurer. Was war Ihnen denn angenehmer: die luftigen Höhen, das frühe Aufstehen oder das Ziegel schleppen?

Josef Trawöger: Um ehrlich zu sein, in der damaligen Arbeitssituation war keiner der Jobs „angenehm“. Aber es waren Möglichkeiten, Geld für die Finanzierung meines Studiums zu verdienen. Ich musste mein Studium großteils selbst finanzieren – das war der Hauptzweck. Im Rückblick war es äußerst wichtig und lehrreich für mich, andere Arbeitswelten kennen zu lernen, zu spüren, was es bedeutet, schwere körperliche Arbeit zu verrichten und etwas anderes als Tintenburgen kennenzulernen. Auch das „Spannungsfeld“ als Student unter Maurern zu arbeiten, hatte durchaus eine interessante Komponente.

Wichtig bei diesen Jobs war sicherlich auch: Man hat am Ende gesehen, was man gemacht hat. Ich fahre heute noch an Häusern vorbei und erzähle: „An diesem Kamin habe ich mitgearbeitet“ – das konkrete Ergebnis war wichtig, ohne jede Sozialromantik.

ÖBVaktiv: Zum Abschluss würde ich Ihnen gerne einige Begriffe nennen und Sie bitten, spontan zu äußern, was Ihnen dazu einfällt:

Macht: Wird einem verliehen
Reichtum: Ist nicht wichtig
Kunst: Fragezeichen
Niederlagen: Gehören dazu
Tauchen: Wunderschön
Erfolg: Wichtig, muss man sich erkämpfen und verdienen
Bücher: Die wahrscheinlich wichtigste Erfindung der Menschheit

ÖBVaktiv: Danke für das Gespräch und beste Wünsche für die neue Position.

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