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Krise der Ökonomie – Renaissance der Ethik

Die schrankenlose Ökonomisierung hat uns in die Krise geführt. Eine Bewusstseinsänderung ist dringend notwendig.

Ob die berühmte Krise herbeigeredet, mediengerecht aufbereitet ist oder wirklich eine Krise darstellt, lässt sich nicht so ohne Weiteres entscheiden. Die vielfachen Bemühungen, den Staat nun zu Hilfe zu rufen, stehen jedenfalls im Zeichen einer Fortsetzungslogik des Bisherigen: Die sich als Entfesselung aller unserer Lebensbereiche gezeigt habende Ökonomie ist ins Trudeln geraten. Von Joseph Stiglitz bis Jean Ziegler, von Noam Chomsky bis Amartya Sen gab es und gibt es genügend Kritiker und Warner. Die Überhitzung neoliberaler Konzepte in der Ökonomie hat dazu geführt, dass sich die Wirtschaft von unseren lebensweltlichen Ansprüchen losgelöst hat. Eine schrankenlose Ökonomisierung all unserer Lebensbereiche hat bewirkt, dass die Wirtschaft nicht mehr in die sozialen Beziehungen eingebettet ist, sondern diese sich ins Wirtschaftssystem einzuordnen hatten.

Wir stehen vor schwerwiegenden Entscheidungen: Entweder more of the same mit Zuhilfenahme des seinerzeit als Heilmittel der Privatisierung verkündenden Staates oder aber einen Paradigmenwechsel einzuleiten, der nicht allein den Vorrang der Ökonomie in Frage stellt, sondern der zugleich auch einen gesellschaftlichen Wandel bedeutet, der ebenso einschneidend scheint, wie die nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus gefeierte Globalisierung und das alleinige Setzen auf einen wirtschaftlichen Erfolg, nach der Devise: Gewinnmaximierung als ausschließliche Aufgabe eines Unternehmens (Milton Friedman).

Denn: „Globalisierung darf nicht heißen, dass sich die Managergehälter an den USA orientieren sollen und die Löhne an China“ (Jürgen Peters). Aus diesem Traum beginnen wir zu erwachen und bei allen auf uns zukommenden Härten (Entlassungen, Kurzarbeit, Konkurse, Zusammenbrüche der Banken) ist dies, so provokativ das klingen mag, letztlich zu begrüßen. Stiglitz hat sein Buch über die Roaring Ninetees mit dem Untertitel versehen: Vom Boom zum Crash. Das Gleichgewicht zwischen Staat und Wirtschaft, zwischen Staat und Markt ist verloren gegangen. Der Börsenhype, die Hedge-Fonds, die kurzfristigen satten Gewinne haben aufgrund vielfältiger Ursachen, die hier nicht zu untersuchen sind, zu einem Crash geführt, der im Grunde genommen vorprogrammiert war. Unterstützt durch die totale Computerisierung unserer Lebenswelt sind die dabei in Bewegung geratenen Werte zu fiktiven geworden. Sie waren nur mehr Zeichen von Zeichen für etwas, das keinerlei reale Deckung mehr beanspruchen konnte. Kein Wunder, dass damit auch jene Relationen ins Absurde geraten sind, die die Gehälter von Bankmanagern und Bossen der internationalen Konzerne ins Unermessliche steigen ließen. Oder, wie dies Ronald Cause bereits 2001 ausgedrückt hat: Die heutige Ökonomik ist ein theoretisches System, das in der Luft schwebt, und keinerlei Bezug zu dem hat, was in der realen Welt geschieht. Die Krankhaftigkeit, die sich in der Gier der Spekulanten, der Manager und der Aktionäre widerspiegelt, ist nur begreiflich, wenn man die genannte Abtrennung der Ökonomie von allen anderen unseren Lebensbereichen in Betracht zieht. Die alte Einbettung der Ökonomie in die Politik und auch in die Ethik, wie dies in der Antike, im Mittelalter und in der frühen Neuzeit eine Selbstverständlichkeit darstellte, hat sich aufgelöst. Die bestehende Kluft zwischen Arm und Reich, die natürlich auch unsere gesamte Geschichte beherrscht, hat eine Dimension erreicht, in der alles aus den Fugen gerät.

Die Krankheit des „Managerismus“ wird durch staatliche Hilfe nicht zu kurieren sein. Dieses gutgemeinte Einspringen des Staates ist kaum mehr als eine Herumdoktorei an Symptomen. Andererseits hilft auch nicht eine Wiederbelebung traditioneller Werte, die die harte Wirtschaftswelt in idyllischer Weise zu konterkarieren versuchen und etwa Wissen, Kultur, Gesundheit und Familie als Lebensziele ansprechen, die materielle Nöte und Knappheiten kompensieren sollen.

Es gilt vielmehr, den Totalanspruch der Marktwirtschaft grundsätzlich in Frage zu stellen und die ökonomische Sachlogik aus ethischer Perspektive zu unterfangen.
Der ökonomische Determinismus, der im Zeichen der Globalisierung steht, vollzieht einen Bruch mit den normativen Zielvorgaben der wirtschaftlichen Akteure. Erst unter der Norm einer Einkommens- und Gewinnmaximierung verschwinden alle anderen Wertgesichtspunkte.
Der ökonomische Reduktionismus setzt die Moral des Marktes absolut und meint, damit ein Rezept zur Lösung aller Wirtschafts- und Gesellschaftsprobleme gefunden zu haben. Die sogenannte Sachzwangslogik, die hinter diesen Konzeptionen steht, bewegt sich jenseits jedweder Ethik und jedweder Lebensdienstlichkeit der Ökonomie. Peter Ulrich formulierte es folgendermaßen: „Strikte Gewinnmaximierung kann prinzipiell keine legitime unternehmerische Handlungsorientierung sein, denn sie bedeutet ja gerade, dass alle mit dem Gewinnstreben konfigurierenden Wertgesichtspunkte bzw. Ansprüche diesem untergeordnet werden. […] Legitimes Gewinnstreben ist stets moralisch begrenztes Gewinnstreben.“

Keine Rückkehr zu einer sozialen Matte, für die der Staat zu sorgen hat, aber auch keine weitere Unterstützung jener maßlosen Ökonomiekonzepte, die ihr eigenes Ende und ihren eigenen Zusammenbruch miteinprogrammiert haben, weder eine Verteufelung des Leistungsprinzips noch dessen Verklärung sind angesagt. Weder eine Wiederbelebung marxistischer Utopien noch Träume von einer Aufhebung der Entfremdung des Menschen können weiterhelfen. Es bedarf eines differenzierten Blickes auf eine Solidargemeinschaft, die unbeschadet des Nord-Süd-Gefälles der Globalisierungsgewinner und -verlierer und all derer, die hilflos den kleinen erreichten Wohlstand preiszugeben fürchten, es bedarf einer neuen Sicht auf das Verhältnis von Ökonomie und Politik, vor allem aber einer Rückbesinnung auf die Einbindung des Wirtschaftens in die Ethik.

Ethik darf nicht ein Feigenblatt wirtschaftlichen Wahnwitzes werden, sie muss die Grenzen der Wirtschaft ausloten und neue Maßstäbe für eine gerechte Gesellschaft anbieten.

Es gibt genügend Forderungen und Konzepte für eine anständige und gerechte Gesellschaft. Diese kann nicht durch ein völliges Verzichten auf die Verantwortung der einzelnen Akteure geschehen. Business as usual mit gebührender staatlicher Unterstützung kann den bisherigen Zustand und die bisherige Krise nur perpetuieren. Die Integration ethischer Fragestellungen in das wirtschaftliche Gewinnstreben darf keine leere Forderung bleiben, sondern muss zu einer Bewusstseinsänderung führen, die die maßlosen Ansprüche von Unternehmern und Aktionären entscheidend untergräbt. Wir alle tragen in unseren Lebensbereichen eine kleinere oder größere Verantwortung. Diese Verantwortung ist vor allem in den wirtschaftlichen Bereichen entscheidend einzufordern.

Es mag schon sein, dass Forderungen dieser Art angesichts der komplizierten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge – vor allem in Hinblick auf die nahezu zum religiösen Dogma gewordene Globalisierung – bescheiden anmuten. Aber um den Killerkapitalismus, der alle Grenzen überschritten hat, in Schranken zu weisen, bedarf es eines Paradigmenwechsels und einer Bewusstseinsänderung.
Es mag auch sein, dass die berühmten schwarzen Schafe in diesem Prozess als entscheidende Verantwortungsträger zu Betrügern und Verbrechern mutiert sind. Aber das System hat ihnen diese Möglichkeiten gewissermaßen angeboten.

Wenn menschliches Leben auf Gewinnstreben, auf wirtschaftlichen Erfolg, auf Reichtum und Vermehrung des Vermögens reduziert wird, gehen nicht allein sämtliche entscheidenden Sinndimensionen dieses Lebens verloren, es verflüchtigt sich auch jedwede solidarische Einbindung in die Gemeinschaft.
Es genügt nicht, Codes of Conduct zu entwerfen, Ethik im Sinne der Corporate Social Responsibility zu instrumentalisieren oder kulturelle oder ökologische Projekte zu unterstützen, etwa unter der Devise, dass sich Ethik langfristig für Unternehmen lohnt. Diese Form der Instrumentalisierung wird das grundsätzliche Paradigma der ökonomischen, sogenannten Sachzwänge nicht zu durchbrechen vermögen, oder wie dies in einem Standardsatz der Business Ethics ausgedrückt wird: „Corporate Social Responsibility is fine, if you can afford it.“

Nehmen wir Abschied von einer Wertehierarchie, die sich nur an Aktien, an Gewinnen und an der Vermehrung des Wohlstandes für einige (wenige) orientiert. Gehen wir weg von einem System, das uns kapitalistisch oder marxistisch an Produktionsfaktoren angeschraubt hat. Gehen wir dorthin, wo Wirtschaft lebensdienlich, gesellschaftlich verträglich ist und damit auch den Bedürfnissen unserer Existenz entspricht.

Eine Bewusstseinsänderung ist wichtiger als jede staatliche Subvention von maroden Unternehmungen. Um diese zu erreichen, bedarf es eines neuen Schubs in unseren Bildungskonzepten. Nicht Ausbildung für gelehrige Arbeitssklaven und pflegeleichte Handlanger der Unternehmen ist vonnöten, sondern eine Bildung, die die freien Kräfte des Menschen entfaltet. Mit dieser Freiheit ist im Gegensatz zum wirtschaftlichen Neoliberalismus ein neues Bewusstsein von Verantwortung verbunden. Diese Verantwortung betrifft sowohl den Einzelnen wie auch die komplexen Vernetzungen unseres gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Geschehens.
„Wer Prinzipien hat, kann nicht zugleich dem Gewinn-Prinzip frönen“ (Peter Ulrich).

Peter Kampits

Der Artikel wurde im Jänner in der Zeitschrift Arbeit&Wirtschaft veröffentlicht. Wir danken der Redaktion und dem Autor für die Genehmigung zum Abdruck.

Buchtipp: Emil Brix/Peter Kampits: Zivilgesellschaft zwischen Liberalismus und Kommunitarismus. Berlin 2003.


 

Zur Person: Peter Kampits

Bundeskonferenz
Univ.-Prof. Dr. h.c. Dr. Peter Kampits

Der ehemalige Dekan der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien ist Mitglied der Bioethikkommission des Bundeskanzlers, Vorsitzender des Wiener Beirates für Bio- und Medizinethik, leitet die „Forschungsstelle für Ethik und Wissenschaft im Dialog“, das Zentrum für Ethik in den Wissenschaften an der NÖ Landesakademie und die Wiener Dokumentationsstelle für Ethik und Wissenschaft. Seit 2007 ist Peter Kampits  Deputy General Director des IUC Dubrovnik.

Forschungsschwerpunkte                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         

Bio- und Medizinethik
Wirtschaftsethik
Fragen der angewandten Ethik
Gegenwartsphilosophie (Wittgenstein, Sartre, Marcel)
Österreichische Philosophie

 

Geboren 1942 in Wien
1960-65 Studium der Philosophie, Psychologie und Geschichte an der Universität Wien
1965 Promotion zum Dr. phil. an der Universität Wien
1966/67 Postgraduate-Studium an der Sorbonne (Paris)

Seit 1970 zahlreiche Vorträge an Universitäten in den USA, Südamerika, Mexiko und in sämtlichen europäischen Ländern.
1974 Habilitation für Philosophie an der Universität Wien
1977 erfolgt die Ernennung zum Univ.-Prof. für Philosophie am Philosophischen Institut der Universität Wien.
Von 1987-91 sowie von 2001-04 Vorstand des Instituts für Philosophie der Universität Wien.
2004-2008 Dekan der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien.
Gastprofessuren bekleidete Kampits an der University of Fairbanks (Alaska), am Philosophischen Institut der Beyazit Universität Istanbul (Türkei), an der Universität Zagreb (Kroatien) sowie an der Universität Babeş-Bolyai Cluj-Napoca (Rumänien).

Mitglied der Bioethikkommission des Bundeskanzlers, Vorsitzender des Wiener Beirates für Bio- und Medizinethik, leitet die „Forschungsstelle für Ethik und Wissenschaft im Dialog“, das Zentrum für Ethik in den Wissenschaften an der NÖ Landesakademie und die Wiener Dokumentationsstelle für Ethik und Wissenschaft.

Seit 2007 ist er Deputy General Director des IUC Dubrovnik. Des Weiteren Tätigkeit in Advisory boards zahlreicher Gesellschaften und wissenschaftlicher Institutionen wie dem Viktor-Frankl-Fond, der Österreichischen Ludwig Wittgenstein-Gesellschaft und der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste.

 

Forschungsschwerpunkte                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         

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Fragen der angewandten Ethik
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