30 Jahre Erfahrung in der Finanzdienstleistungs-Branche
ÖBV-Vorstandsvorsitzender-Stellvertreter Karl Heinz Setinek im Gespräch über die aktuelle Bilanz, den „Finanz-Tsunami“ und warum er Ameisen Dinosauriern vorzieht.
„Drei Dinge treiben den Menschen zum Wahnsinn. Die Liebe, die Eifersucht und das Studium der Börsenkurse.“
So drastisch, wie John Maynard Keynes würde es ÖBV-Vorstandsdirektor Dr. Karl Heinz Setinek, zuständig auch für die Veranlagungspolitik des Unternehmens, wohl kaum formulieren. Unrunde Zeiten bescherte ihm die aktuelle Krise an den Finanzmärkten aber allemal. Dennoch ist die Bilanz 2008 angesichts der äußeren Umstände zufriedenstellend, und mit einer Gewinnbeteiligung von 4% hält die ÖBV weiterhin im Spitzenfeld der Branche mit. Auch die Umsetzung eines schon seit Jahren in Angriff genommenen Investitionsprogramms bleibt aufrecht. Seit 1.1.2009 ist Setinek stellvertretender Vorstandsvorsitzender im „Zweierteam“ an der Spitze des Unternehmens. ÖBVaktiv bat um ein Gespräch.
ÖBVaktiv: Sie sind seit zehn Jahren Finanzvorstand der ÖBV und insgesamt seit über 30 Jahren in der Finanzbranche. Turbulenzen gab es in dieser Zeit sicher viele, aber das letzte Jahr war wohl auch für Sie unvergleichlich?
Setinek: Ja, als ich in die Creditanstalt eingetreten bin, war diese noch die größte und am stärksten international ausgerichtete Bank Österreichs. Der Bereich Beteiligungen, in dem ich fast ein Jahrzehnt tätig war, verwaltete und managte den zweitgrößten Industrie- und Dienstleistungskonzern in Österreich mit über 65.000 Mitarbeitern. Schon damals war ich immer wieder mit Krisen und Problemfällen konfrontiert.
Auch im Bank- und Großkundengeschäft, dem ich mich in der Creditanstalt anschließend widmete, gab es immer wieder extrem schwierige Situationen. So wehte z. B. auch 2001 und 2002 ein rauer Wind an den Kapitalmärkten. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich schon für die ÖBV. Aber die aktuelle Krise hat nicht nur die Aktienmärkte, sondern das gesamte Finanzsystem in seinen Grundfesten erschüttert. Da sind unglaubliche Dinge geschehen, eigentlich ausgelöst durch die Insolvenz von Lehman Brothers. Das war ein „Finanz-Tsunami“, der die Kurse in allen Assetklassen hat einbrechen lassen, von Aktien über festverzinsliche Wertpapiere, Immobilienaktien und -fonds bis zu Hedge-Fonds – es hat nichts mehr gehalten.
Der Geldhandel wurde praktisch über Nacht eingestellt, die Banken vertrauten einander und ihren Kreditnehmern nicht mehr.
Emittenten und Kreditnehmer wurden von der Bonitätsbeurteilung her schlechter gestellt, was sich letztlich auf die Zinssätze mit dramatischen Auswirkungen für viele Marktteilnehmer niederschlug.
ÖBVaktiv: Eine sehr persönliche Frage: Was bedeutet so ein Zusammenbruch für einen Finanzmanager? Das muss einem doch sehr nahe gehen oder die Grundfesten des eigenen Lebens und Denkens erschüttern?
Setinek: Für mich persönlich hat es einerseits den Tagesablauf durcheinander gebracht. Ich bin einen sehr geordneten Arbeits-Rhythmus mit Informationsaufnahme, Entscheidungen, Terminen etc. gewohnt, und der ist komplett durcheinander geraten durch zusätzliche Termine und Krisensitzungen, durch zusätzliche Berichterstattung sowie durch von mir initiierte Analysen in und außerhalb der ÖBV. Das viel Schwerwiegendere aber war der Vertrauensverlust: Es ist wahnsinnig schwer, in der Finanzdienstleistungsbranche zu arbeiten, ohne verlässliche Informationen über das Vis-à-Vis. Das heißt, wenn man nicht weiß, wie das Gegenüber sich verhalten wird, welche Bonität jemand hat – auch die Rating-Agenturen waren kein wirklich guter Anhaltspunkt – es war eine völlig neue Situation. Ich halte zwar viel aus, was Stress, Arbeitszeit und nächtelanges Lesen betrifft, aber das letzte halbe Jahr ist an die Grenze gegangen. Doch
Probleme sind dazu da, um gelöst zu werden. Und das ist die zentrale Aufgabe eines jeden Managers.
ÖBVaktiv: Wie erholen Sie sich?
Setinek: Gott sei Dank kann ich mich relativ schnell regenerieren. Erholung bedeutet für mich Zeit mit meiner Familie zu verbringen, meine Frau und ich haben zwei volksschulpflichtige Kinder. Auch Reisen sind sehr wichtig für mich, früher lagen die Reiseziele eher in Europa und Nord- und Südamerika, jetzt verbringe ich den Urlaub in Österreich, am Mittelmeer und manchmal in Fernost. Gut erholen kann ich mich auch bei der Jagd. Dabei stehen allerdings das Beobachten, das Hegen und das Naturerlebnis im Vordergrund.
ÖBVaktiv: Trotz der Krise hat die ÖBV jetzt eine sehr erfreuliche Bilanz vorgelegt. Worauf können wir dabei besonders stolz sein?
Setinek: Für unsere Kundinnen, Kunden und Mitglieder besonders wichtig:
wir werden weiterhin eine der höchsten Gewinnbeteiligungen aller österreichischen Lebensversicherungen bezahlen, 4% für das Geschäftsjahr 2008.
Wir veranlagen sehr vorsichtig und risikoadäquat, eine Strategie, die sich jetzt bestätigt hat. Wir konnten unsere Prämien in der Lebensversicherung mit laufenden Prämienzahlungen um ca. 2% auf 134,5 Mio. Euro steigern und in der Unfallversicherung ebenfalls um ca. 3% auf 15.8 Mio. Euro ausweiten. Und wir sind ein Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit – und damit unabhängig geblieben.
Seit zwei Jahren gibt es eine eigene Stelle Risikomanagement, die sich professionell, systematisch und mathematisch mit Risken und Szenarien und diesbezüglichen Modellen beschäftigt. Da machen wir unsere Hausaufgaben für Solvency II – ein EU-weites System der Finanzmarktaufsicht, das nicht wie in der Vergangenheit Einzelregelungen per Gesetze vorsieht, sondern auf Unternehmensebene Eigenkapital und Risiko gegenüberstellt. Es müssen auf beiden Seiten der Bilanz , d. h. sowohl auf der Aktiv- als auch auf der Passivseite die Risken definiert, berechnet, bewertet und dann mit Eigenkapital unterlegt werden. Auch die Themenbereiche Geldwäsche und Compliance seien beispielhaft dafür erwähnt, dass das legistische Umfeld in Österreich und in der EU uns immer mehr abverlangt.
ÖBVaktiv: Die ÖBV legt die Bilanz immer erst im Juni vor. Warum dauert das bei uns länger als bei anderen Unternehmen?
Setinek: Die Bilanzerstellung ist ein Prozess über mehrere Monate, das geht nicht von einem Tag auf den anderen. Da werden seitens der Versicherungsmathematik, der Veranlagung, des Rechnungswesens, der Personalabteilung und des Controllings Zahlen eingemeldet und den gesetzlichen Vorgaben entsprechend komprimiert und dargestellt. Das ist ein mehrmonatiger Vorgang, der heuer in Zusammenarbeit mit den Wirtschaftsprüfern bis in den April hinein gedauert hat. Im Mai und Juni haben dann die Aufsichtsorgane – Aufsichtsrat und Mitgliederversammlung – die gesetzlich notwendigen Beschlüsse gefasst. Dieser Prozess dauert etwa ein halbes Jahr. Wir haben auch gesetzlich nicht die Notwendigkeit, die Bilanz rascher zu legen.
Tochtergesellschaften von ausländischen, an der Börse notierten Konzernen hingegen müssen bis Mitte Jänner ihre Bilanzen legen, das müssen wir nicht. D. h. aber, dass die Abschlussarbeiten bei diesen Gesellschaften im Dezember stattfinden, dem sogenannten „fast close“. Es verschiebt sich einfach jedes Jahr nach vorne und wird dadurch wieder vergleichbar.
ÖBVaktiv: Ihr Ressort umfasst seit 1.1. 2009 zusätzlich zu Veranlagung (inklusive Immobilien), Rechnungswesen und Risikomanagement, neu die Betriebsorganisation, die Rechtsabteilung sowie die Versicherungstechnik – bestehend aus Vertragsverwaltung, Inkasso, Leistung, Service-Center und Stabsstelle – und gemeinsam mit Josef Trawöger den gesamten Vertrieb.
Selbstverständlich sind Ihnen die Bereiche nach 10 Jahren Vorstandstätigkeit nicht neu, aber es ist doch eine ziemliche Ausweitung der Agenden. Wie geht man als Manager damit um?
Setinek: Die Last der Aufgaben verteilt sich jetzt auf zwei Schultern, das bedeutet mehr Aufgaben und mehr Verantwortung, aber auch raschere Abstimmung und Kommunikation. Es ist eine neue Herausforderung, weil ich jetzt in Bereiche eingebunden bin, die ich vorher nur von „außen“ kannte. Ich muss aber sagen, dass z. B. die Versicherungstechnik von den Kollegen Albert Spausta und später dann Josef Trawöger sehr gut vorbereitet und organisiert wurde, und ich rasch in der Materie eingearbeitet war. Außerdem war die Übergabe fließend. Darüber hinaus können wir uns auf bestens eingespielte, professionelle Führungskräfte und deren bewährte und erfahrene Mitarbeiter/-innen verlassen. Bemerkenswert und erfreulich ist auch die Tatsache des hohen Anteils an weiblichen Führungskräften in den von mir betreuten Ressorts.
ÖBVaktiv: Wie geht es – auch angesichts der Krise – in und mit der ÖBV weiter?
Setinek:
Die ÖBV reagiert nicht nur, sie agiert auch aktiv. Wir fahren bewusst und gezielt ein großes Expansions- und Investitionsprogramm.
Das heißt konkret: Wir nehmen Mitarbeiter/-nnen auf, wir bilden Mitarbeiter/-innen aus, wir vergrößern die Geschäftsstellen, wir investieren in neue EDV-Ausstattung. Das alles geschieht nicht nur als Reaktion auf das aktuelle Umfeld, sondern ist Bestandteil unserer Mittelfristplanung. Wir lassen uns von der jetzigen Situation nicht gleich davon abbringen. Denn strategische Entscheidungen sollten nicht kurzfristig umgestoßen werden. Natürlich hinterfragen wir laufend unsere Ziele und passen sie an, wenn notwendig.
Seit Herbst vergangenen Jahres läuft unser ÖBV-internes Vertriebsprojekt VIVA zur Feinsteuerung und Optimierung unserer Aktivitäten in diesem Bereich. Ich glaube, dass es auch dort genug Potenzial gibt, das wir heben sollten. Erfreut und sehr stolz bin ich auf das große Engagement unserer Mitarbeiter/-innen und die hohe Loyalität unserer Kundinnen und Kunden.
Die ÖBV ist ein Nischenplayer und als solcher sind wir klein und flexibel, das bringt uns viele Vorteile. Bildlich gesprochen: wir sind Ameisen und keine Dinosaurier – die Dinosaurier sind ausgestorben, aber überlebt haben die (fleißigen) Ameisen!
Einige Stichwörter zum Abschluss mit der Bitte um Kurzantwort:
Was würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen? Nennen Sie bitte drei Gegenstände:
An Gegenstände denke ich dabei nicht, ich würde meine Familie mitnehmen, das sind drei – meine Frau und meine beiden Kinder.
Was essen Sie am liebsten?
Außerhalb Wiens regional, in Wien saisonal.
Was bedeutet für Sie Jagd?
Naturgenuss, Ruhe, Beobachtung.
Wo sind Sie am liebsten?
Am Wasser – an Seen, Meeren und Flüssen.
Sternzeichen?
Stier – typisch erdgebunden und pragmatisch.
Börse?
Ein interessanter, aber gefährlicher Marktplatz.
Immobilien?
Wohn- und Arbeitsraum für Menschen, Gestalten und Schaffen.
ÖBVaktiv: Herzlichen Dank für das Gespräch!
