ÖBV – Österreichische Beamtenversicherung, Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit – ÖBV Versicherung

Mag. Josef Trawöger, Vorstandsvorsitzender der ÖBV Markus Blümel und Verfasser des Beitrags für ÖBVaktiv Foto: Markus Schlagnitweit
Foto: Günter Bergauer Foto: Klaus Woltron Foto: Jürgen Knieps

Von der Bankenrettung zu einer neuen Finanzmarktarchitektur

Spannende Diskussion im ÖBV-Atrium um Konsequenzen aus der Finanzkrise

„Banken – wohin?“ lautet der Titel des jüngst erschienenen Dossiers der Katholischen Sozialakademie Österreichs (ksoe), das Anfang Juli im Atrium der Österreichischen Beamtenversicherung präsentiert wurde.

Eine „breite Debatte über das Wesen von Banken“ fordert der Direktor der ksoe, Markus Schlagnitweit. Auch der ÖBV ist eine derartige Diskussion ein Anliegen und Grund genug, um für eine Diskussionsveranstaltung zum Thema als Hausherr zu fungieren. Denn, wie ÖBV-Vorstandsvorsitzender Mag. Josef Trawöger in seiner Begrüßungsrede im ÖBV-Atrium betonte, „in der Wirtschaft hat es immer um den Menschen zu gehen“. Als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit komme die ÖBV aus einer Tradition, die dem Gemeinwohl und nicht den Shareholdern verpflichtet ist. Bei dieser Rechtsform sind alle Kundinnen und Kunden Miteigentümer und bilden eine Solidargemeinschaft. Die ÖBV als ethisch wirtschaftendes Unternehmen sieht Trawöger daher als geeigneten Ort für den Diskurs über die Zukunft von Banken und Finanzwirtschaft.

Konsequenzen aus der Finanz- und Wirtschaftskrise für Banken forderte der Direktor der ksoe (Kath. Sozialakademie Österreichs) und Redakteur des Dossiers „Banken – wohin?“, Markus Schlagnitweit, der zu den Pionieren für ethische Geldanlage im deutschsprachigen Raum zählt: „Banken haben eine wichtige volkswirtschaftliche Funktion und eine Gemeinwohl-Verpflichtung“. Banken-Rettungen genügen nicht, so der Wirtschafts- und Sozialethiker: „Es braucht eine breite Debatte über das Wesen von Banken und darüber, wie sie ihrer ursprünglichen Rolle als gemeinnützige Einrichtungen entsprechen können.“

Im ersten Teil der Abendveranstaltung stellte Schlagnitweit das Dossier vor, das auf 44 Seiten Analysen und Reformvorschläge für das Bankensystem bietet. Zu den Autorinnen udn Autoren zählen Wissenschafter/-innen und Praktiker/-innen – international und aus Österreich. Zentrale Aussage des Dossiers ist, dass Banken ursprünglich eine „dienende Funktion“ haben. Ihr Aufgabenbereich liegt nicht im Bereich der Spekulationsgeschäfte, sondern in der finanziellen Ausstattung realwirtschaftlicher Aktivitäten. Wirtschaften wiederum müsse dem „guten Leben“ dienen.

In der von Markus Blümel (ksoe) moderierten Runde kamen zwei der Autorinnen und Autoren zu Wort: Klaus Woltron, Ex-Manager und Besitzer einer Beteiligungsgesellschaft sowie Autor zahlreicher Publikationen, und Klaus Gabriel, Ex-Banker und heute Experte im Themenbereich ethische Geldanlage. Woltron machte auf den „ungelösten Konflikt zwischen der Dynamik der Realwirtschaft und der Dynamik der Finanzwirtschaft“ aufmerksam. Die Realwirtschaft könne den im Bereich der Finanzwirtschaft immer weiter angewachsenen und anwachsenden Ansprüchen nicht entsprechen. In den letzten Jahrzehnten habe sich als 1. Gebot durchgesetzt: „Du sollst mein Kapital möglichst hoch verzinsen“. Es entstünden laufend „Wertschriften“, also Forderungen, der die Realwirtschaft nicht entsprechen könne. Aus eigener Erfahrung könne ein erfolgreicher Konzern über einen längeren Zeitraum höchstens ein Wachstum von 5–6% erzielen. Zwei Probleme gebe es also: den enormen Zinsdruck und die laufende – private – Geldschöpfung durch die Banken.

Klaus Gabriel, Sozialethiker an der Universität Wien, erklärte, dass es Instrumentarien der Bewertung des gesellschaftlichen Nutzens von Banken gibt. Sowohl die direkten als auch die indirekten Auswirkungen von Banken lassen sich feststellen. Eine aktuelle Studie zeige, dass „die Berücksichtigung ökologischer und sozialer Aspekte bei der Kreditvergabe nach wie vor mangelhaft erfolgt“. Zwar hätten mittlerweile 60 Banken, die in die Finanzierung von Großprojekten involviert sind, die Equator-Principles – eine freiwillige Selbstverpflichtung auf ökologische und soziale Mindeststandards bei der Kreditvergabe – unterschrieben. Dass eine solche Selbstverpflichtung jedoch noch keine Garantie für sozial und ökologisch verantwortliches Handelns ist, werde leider immer wieder aufs Neue belegt. Ein weiteres aktuelles Thema ist die mangelnde Verantwortung gegenüber Kundinnen und Kunden. Die Produktgestaltung sei häufig wenig transparent und die Beratungs- und Verkaufspraxis erfolge weitgehend provisionsorientiert.

Damit die Krise eine Chance wird, müsse diese ergriffen werden, so Gabriel. „Jetzt geht es um den Offenbarungseid! Wer profitiert von den Finanzmärkten – das Gemeinwohl oder kleine Gruppen? Wie ist der Lobbying-Bereich von Banken verfasst?“

Im Anschluss an die statements ergab sich eine äußerst angeregte Diskussion mit kompetenten und engagierten Wortmeldungen aus dem Publikum. Unter den Teilnehmer/-innen waren Banker und Ex-Banker genauso vertreten wie Personen aus dem zivilgesellschaftlichen und kirchlichen Bereich.

Im Rahmen des zweiten Teils des Abends wurden „best practice“-Beispiele aus dem Bereich „Alternativbanken“ vorgestellt. Zwei in Österreich tätige ethisch orientierte Banken wurden dabei präsentiert: die mehr als 175 Jahre alte, in Wien ansässige Privatbank Schelhammer & Schattera und die in den 60er Jahren in Deutschland gegründete Steyler Bank – beides Institute mit kirchlichem Hintergrund.
 
Günter Bergauer, Vorstandsdirektor des Bankhauses Schelhammer & Schattera betonte, dass eine funktionierende Wirtschaft Banken brauche. Alle Banken, nicht nur alternative Banken, haben gesellschaftliche Verantwortung zu tragen. Die kirchliche Bank – sie ist im überwiegenden Besitz von verschiedenen Orden – hat alle Angebote ihrer Kapitalgesellschaft ethisch ausgerichtet. Angesprochen auf das Dossier, sagte Bergauer, dass dieses mit Fehlurteilen aufräume und einem breiten Kreis zugänglich gemacht werden solle. In Hinblick auf konkrete Forderungen im ksoe-Dossier erläuterte er: Bei Schelhammer & Schattera gebe es seit jeher eine klare Begrenzung der Lohnspreizung zwischen niedrigsten und höchsten Einkommen. Auch sei es eine Selbstverständlichkeit, so genannte „bankunwürdige Personen“ mit einem Konto zu versorgen. Bezugnehmend auf die Krise hofft Bergauer, dass wie damals beim österr. Weinskandal die „reale Bezogenheit“ im Bankgeschäft wieder hergestellt werde.

Jürgen Knieps, Vorstandsdirektor der Steyler Bank, betonte, dass Geld ein guter Diener, aber ein schlechter Herr sei. Die Ordensbank wolle aufzeigen, dass „Dinge auch anders gemacht werden können“. Sie sei aber nicht einfach die „good bank“ und alle anderen die „bad banks“. Mit ihren ethisch orientierten Angeboten bietet die Steyler Bank Anleger/-innen auch in Österreich die Möglichkeit, im „hochkomplexen Finanzsystem“ sozial verantwortlich zu agieren. Derivate und andere spekulative Produkte hätten keinen Platz in den Aktivitäten der Ordensbank. (Markus Blümel)

Markus Bümel ist Mitarbeiter der ksoe (Kath. Sozialakademie Österreichs) in den Bereichen Gesellschaftspolitik und Öffentlichkeitsarbeit.

Banken – wohin?

 

Dossier „Banken – wohin? Von der Bankenrettung zur neuen Finanzarchitektur“, 44 Seiten, Informationen und Bestellung: www.ksoe.at

 

Die ksoe bietet von 20. Oktober bis Dezember 2009 einen Lehrgang (in drei zweitägigen Modulen) für ethische Geldanlage, der sich insbesonders an Anlageberater/-innen in Banken, Versicherungen und Vermögensberatungen: www.geldundethik.org

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