Mit der ÖBV durchs Leben

Mythos Ischlerbahn
Ein ÖBV-Mitarbeiter auf den Spuren der einstigen Salzkammergut-Lokalbahn
Werner Schleritzko pflegt ein erlesenes Steckenpferd: Der Leiter der Abteilung Asset Management der ÖBV begeistert sich nicht nur für Wirtschaft und Kapitalmärkte, sondern auch für nahezu alles, was auf Schienen fährt. Sein besonderes Interesse gilt den österreichischen Eisenbahnen, und hier besonders der Schmalspurbahn von Salzburg nach Bad Ischl. Seit dem Jahr 2003 arbeitet Werner Schleritzko an einem Buch über diese aus Film und Funk bekannte und legendäre Bahn.
Das Buch soll in zwei Teilen die bisher kaum bekannte Geschichte der Salzkammergut-Lokalbahn AG, ihrer Lokomotiven und Waggons sowie ihre (angesichts der beruflichen Ausbildung des Autors wohl kaum überraschend) wirtschaftliche Entwicklung erstmals detailliert aufzeigen und im Verlag bahnmedien.at erscheinen – ein auf eisenbahnspezifische Themen ausgerichteter Verlag (www.bahnmedien.at). Der programmatische Arbeits-Titel: Die Salzkammergut-Lokalbahn (SKGLB) – Mythos „Ischlerbahn“.

Lok 12 wird am 30.9.1957 in Bad Ischl Güterbahnhof für den letzten Personenzug bereit gestellt. (Foto: DI Harald Navé, Archiv Verband der Eisenbahnfreunde)
„Zwischen Salzburg und Bad Ischl …“ – wohl nahezu alle über fünfzig Jahre alten Österreicherinnen und Österreicher kennen das Lied über diese „liebe, kleine Eisenbahn“, welche 1957 als erste wichtige Bahnverbindung in Österreich trotz massiver Proteste der Bevölkerung eingestellt wurde.
Ihre nur knapp 68 Jahre dauernde Geschichte ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Nach langen Vorprojekten erhielten Ing. Wilhelm Michel, das Bauunternehmen „Stern & Hafferl“ und die „Lokalbahn AG“ aus München am 13.1.1890 eine Konzession zum Bau einer 760mm-Schmalspurbahn von Salzburg nach Ischl (ab 1906 durfte es sich Bad Ischl nennen) samt einer Zweigstrecke über Mondsee nach Steindorf und einer Zahnradbahn auf den Schafberg. Schon im Sommer 1890 wurde die Strecke von Ischl nach Strobl in Betrieb genommen; es folgten Salzburg – St. Lorenz – Mondsee (1891), die Gebirgsstrecke St. Lorenz – Strobl sowie die Zahnradbahn von St. Wolfgang auf die Schafbergspitze (1893) und schließlich die Verlängerung zum Staatsbahnhof Ischl (1894). 1893 übernahm die Gesellschaft das Hotel auf dem Schafberg und 1898 die Schifffahrt auf dem Wolfgangsee.

Das 1873 gebaute Schiff „Kaiser Franz Josef I.“ wurde 2007 wieder in den Ursprungszustand zurückgebaut. (Foto: Werner Schleritzko)
Der schon konzessionierte Weiterbau der Schmalspurbahn von Mondsee nach Steindorf wurde nie in Angriff genommen, ebenso wenig zahlreiche weitere Verlängerungsprojekte.
Die Jahre bis 1914 verliefen wirtschaftlich sehr erfolgreich, der Bahnbetrieb war in der Fremdenverkehrssaison bestens ausgelastet und der Schwerpunkt im Frachtverkehr lag stets im Holztransport für die zahlreichen holzverarbeitenden Betriebe entlang der Strecke.
Der Ausbruch des 1. Weltkriegs beendete diese Phase jäh und die Bahn konnte sich danach nie mehr ganz erholen. Die Hälfte der 12 Lokomotiven musste an die k.u.k. Heeresverwaltung in die Kriegsgebiete am Balkan abgegeben werden, von welchen nur drei zurückkehrten.
Die Transportvolumina stiegen im Krieg rasant an, die verbliebenen Lokomotiven und Waggons litten jedoch unter mangelnder Wartung; 1918 wurde übrigens letztmals eine Dividende an die Vorzugsaktionärin LAG ausbezahlt. 1920 bis Anfang 1925 mussten die neu gegründeten BBÖ den Betrieb auf der SKGLB führen und sie investierten auch in neue Waggons und die Strecke.
Leider war diese „Verstaatlichung“ nur von kurzer Dauer – die wirtschaftliche Notsituation, hohe Inflation, Reparationsverpflichtungen und zahlreiche Eigentümerwechsel (die Aktien waren in Folge der Friedensverträge nach dem 1. Weltkrieg beschlagnahmt worden und gelangten über verschiedenste Umwege bis 1930 in englischen und Schweizer Besitz) brachten das Bahnunternehmen in große finanzielle Schwierigkeiten. Der teure Betrieb (fast) ausschließlich mit Dampflokomotiven und nicht getätigte Investitionen, vor allem in eine Elektrifizierung, führten zu immer größeren Verlusten. Ab 1928 führte die SKGLB die ersten Autobusverbindungen nach St. Gilgen und St. Wolfgang. 1931 verkaufte man mit der Schafbergbahn und einem Teil der Wolfgangseeschifffahrt ausgerechnet die profitabelsten Bereiche an das „Österreichische Verkehrsbureau“. 1933 bestellte die SKGLB drei Dieseltriebwagen von Austro-Daimler, welche sich jedoch leider als wenig tauglich erwiesen.
Der alte Salonwagen wurde ab1928 zu einem Triebwagen umgebaut und verkehrte – so er sich nicht in der Werkstatt befand – zwischen St. Lorenz und Mondsee.

Der ehemalige Hofsalonwagen TCa 672 steht am 2.8.1957 in St. Lorenz zur Abfahrt Richtung Mondsee bereit. (Foto: DI Harald Navé, Archiv Verband der Eisenbahnfreunde)
1937 musste die Bahn aus Geldmangel sogar 6 Wochen den Betrieb einstellen. Nach dem Anschluss 1938 wurden die bisherigen Eigentümer enteignet und die Bahn wurde den Reichsgauen Salzburg und Oberdonau (Oberösterreich) im Verhältnis 2:1 übergeben.
Aus Beständen der Deutschen Heeresfeldbahn konnte die Ischlerbahn 1945/46 fünf Lokomotiven und zahlreiche Güterwagen günstig erwerben. Ab 1950 wurde immer wieder über den Fortbestand der Bahn diskutiert, letztendlich wurde der Personenverkehr sehr kurzfristig per 30.9.1957 eingestellt. Vor allem das Bundesland Salzburg konnte und wollte die laufenden Abgänge aus dem Betrieb nicht mehr decken, die Straßenbauer lauerten bereits auf einige Teilstücke der Bahntrasse und die ÖBB wollten die Bahn – auch wegen der Pensionslasten der Beschäftigten der SKGLB – nicht übernehmen. 10 Tage wurde noch der Güterverkehr geführt, danach begann man überstürzt mit dem Abbau der Strecke, welcher im Herbst 1958 beendet war. Der Großteil der Schmalspurfahrzeuge wurde verschrottet und ein kleinerer Teil verkauft.

Lok 22, eine ehemalige Heeresfeldbahnlok, bei der Ausfahrt aus der Haltestelle Lueg am Wolfgangsee. (Foto: Peter Hay, Sammlung Gunter Mackinger)
Die Autobusse der SKGLB, welche zum Teil ab 1949 parallel zu den eigenen Zügen verkehrten, gingen an die Postverwaltung. Deren Nachfolgebetrieb Postbus führt den Nachfolgebetrieb auf der Straße bis heute. Nach jahrzehntelanger Betriebsführung der Schafbergbahn und der Schifffahrt auf dem Wolfgangsee verkauften die ÖBB beide Betriebsteile an die Salzburg AG.
Die Ischlerbahn war eine der schönsten und populärsten Schmalspurbahnen in Österreich. Mit ihrer Bergstrecke über den Scharflingpass zwischen Mondsee und Wolfgangsee und den Streckenabschnitten an beiden Seen entlang galt sie als einzigartiges touristisches Kleinod. Immerhin zählen das Salzkammergut, St. Wolfgang und der Schafberg zu den populärsten Urlaubszielen Österreichs.
Für Kaiser Franz Josef (von dem gesagt wird, dass er zeitlebens nur nach Ischl auf Urlaub gefahren ist), Kaiserin Elisabeth und adelige Bahnbenützer unterhielt die Bahn mehrere Salonwägen; nach dem Kaiserpaar, welches die Bahn nachweislich benützt hat, waren auch zwei Schiffe auf dem Wolfgangsee benannt.

Noch ein Kaiserwagen, diesmal auf der Schafbergbahn: Waggon 1, seit seiner Restaurierung wieder nahezu im Ursprungszustand von 1893, mit Lok Z4 (zuvor ÖBB 999.104) im Heizhausbereich St. Wolfgang. (Foto: Werner Schleritzko)
Werner Schleritzkos erster Band des sich in Arbeit befindenden Buches behandelt nicht nur die Fahrzeuge der Schmalspurbahn, sondern auch die der Schafbergbahn, die Schiffe auf dem Wolfgangsee und die Autobusse dieses kleinen, aber vielseitigen Verkehrskonzerns.
Der zweite Band, welcher 2011 erscheinen soll, beschreibt die Strecke, sämtliche Bahnhöfe und Haltestellen, die Geschichte und die wirtschaftliche Entwicklung der Bahn. Ingesamt konnte der Autor über 2.000 Fotos und zahlreiche Pläne zusammentragen. Eine Auswahl der schönsten Bilder wird das Buch schmücken. Aufgrund der frühen Einstellung der Bahnstrecke war gerade die Fotosuche kein leichtes Unterfangen.
Bis heute ist die Ischlerbahn ein Element der Alltagskultur dieser Region, doch viele Menschen, auch wenn sie im ehemaligen Einzugsgebiet der Bahn wohnen, wissen nur mehr aus Erzählungen von ihr. Viele neue Erkenntnisse konnten durch intensive Recherche in diversen Archiven und dank der großzügigen Mithilfe zahlreicher Eisenbahnsammler gewonnen werden.
Werner Schleritzko,
Leiter der Abteilung
Asset Management in der ÖBV
