Mit der ÖBV durchs Leben
Thema: Ethik und Wirtschaft
Alchemie mit anderen Mitteln – Die Verpflichtung sich zu vermehren: einziger Sinn und Zweck des Geldes?
Das „Tischlein-deck-dich“ oder den Goldesel aus der Grimmschen Märchenwelt hätte wohl jeder gern und für so manchen gilt heute die Börse als Erfüllung der in der Kindheit durch Erzählungen geweckten Wünsche. Die gleichsam „wunderbare“ Geldvermehrung an den Kapitalmärkten hat jedoch Auswirkungen auf die reale Wirtschaft, die alles andere als märchenhaft sind. Dies analysiert im folgenden Beitrag Dr. Markus Schlagnitweit, der Direktor der Katholischen Sozialakademie Österreichs.
Schon Goethe hat im „Faust“ die Geldwirtschaft als Fortsetzung der mittelalterlichen Alchemie mit anderen Mitteln apostrophiert.(Vgl. BINSWANGER, Hans-Christoph, Geld und Magie. Deutung und Kritik der modernen Wirtschaft anhand von Goethes ‚Faust‘, Stuttgart 1985. )
Der Duden beschreibt Alchemie als „unwissenschaftliche Versuche, unedle Stoffe in edle, bes. in Gold, zu verwandeln“. Genau darauf spielte Goethe an: die Kreation und Abschöpfung von Werten quasi aus dem Nichts. Dabei hatte der Dichterfürst in seiner Kritik noch relativ rudimentäre Formen des Finanzkapitalismus vor Augen und ahnte wohl noch wenig von Optionen, Long- und Short-Geschäften, Hedgefonds und wie die Praktiken und Tools alle heißen, mit denen heute auf den globalen Finanzmärkten Billionen-Werte erzeugt, gehandelt und – von den jeweils Schlaueren, Schnelleren oder einfach Glücklicheren in diesen Casino-Spielen – dann auch abgeschöpft werden: Werte (fast) aus dem Nichts, denn den spekulativen Volumina der aktuellen Finanzmärkte stehen Werte in Form realer Güter und Dienstleistungen nur noch in nahezu homöopathischen Dosen gegenüber.
Von einer Entkoppelung zwischen Finanz- und Realwirtschaft wird in diesem Zusammenhang gerne geredet. Dieser Befund hat aber noch weitere Grundlagen: etwa angesichts von heute gängigen Praktiken, in deren Zuge florierende, hochprofitable Unternehmen von Investmentgesellschaften gekauft und von den neuen Eigentümern praktisch über Nacht mit dem eigenen Kaufpreis belastet werden – mit oft verheerenden Folgen; denn um diese neuen Verbindlichkeiten bedienen zu können, gibt es für das Unternehmen oft keinen anderen Weg mehr als die Verlagerung in Wirtschaftszonen mit minimalen Sozial- und Umweltstandards, die Einsparung von Entwicklungs- und Ausbildungsabteilungen oder anderer an sich sinnvoller, aber kostenintensiver Faktoren. Solche Beispiele machen deutlich, dass so völlig entkoppelt Finanz- und Realwirtschaft auch nicht sind und die spekulativen Praktiken der Finanzmärkte oft sehr konkrete, realwirtschaftliche Folgen zeitigen. Wenn Kapital mit der Verheißung von Renditen im mehrstelligen Prozentbereich auf die Finanzmärkte gelockt wird – Renditen, die durch keinen Zuwachs an realen Werten mehr zu decken sind! – zahlt immer irgendwer irgendwo irgendwie drauf. In der Regel sind das die schwächeren, häufig stimm- und wehrlosen Glieder der wirtschaftlichen Produktions- und Wertschöpfungskette: nicht oder nur schwach organisierte Arbeitnehmer/-innen, die Umwelt, kommende Generationen etc.
Spätestens hier wird deutlich, dass auch die Finanzmärkte Orte ethischer Verantwortung sind und ein schwer wiegender Systemfehler darin liegt, wenn dem Geld außer der Vermehrung seiner selbst keine weitere Verpflichtung auferlegt wird. Wesentlich ist dabei die Beantwortung der Frage nach der Reichweite bzw. Richtung dieser Verantwortung. Investmentgesellschaften, Banken, Versicherungen und andere Finanzdienstleister rechtfertigen ihr um jeden Preis auf maximale Rendite zielendes Verhalten gerade mit ihrer Verantwortung gegenüber den Investoren, deren Kapital sie verwalten. Sie unterstellen dabei (weitgehend ungeprüft!), dass auch diese mit ihrer Kapitalanlage kein anderes Interesse als einen möglichst hohen Wertzuwachs verfolgen (= shareholder value). Seriöse Vermögensverwalter machen ihre Kundinnen und Kunden vor Abschluss ihrer Verträge immerhin noch auf mögliche Verlustrisiko-Faktoren aufmerksam. Darüber hinausgehende Informationen über mögliche realwirtschaftliche Auswirkungen bestimmter Investment-Praktiken bleiben jedoch in der Regel ausgeklammert oder werden einseitig beschönigt. Dabei muss jedem Menschen, der sein Erspartes nicht zu Hause vergräbt, sondern auf die Bank trägt oder als Versicherungsprämie einzahlt, klar sein, dass er damit in die Finanzmärkte und ihre zweifelhaften Praktiken involviert ist. Die Akteure auf denselben handeln dabei wie Soldaten in der modernen Kriegsführung: Der Abschluss ihrer Geschäfte gleicht oft dem Drücken eines Knopfes, der irgendwo in großer Entfernung einen Vorgang auslöst, dessen Folgen für den Verursacher selbst kaum unmittelbar spür- bzw. ableitbar bleiben. Aber mindert das seine Verantwortung?
Angesichts dieser Problematik hat sich ein Investment-Ansatz entwickelt, der unter Begriffen wie „ethisches Investment“, „grünes Geld“ etc. seit Jahren bei noch sehr niedrigem Marktanteil hohe Wachstumsraten verzeichnet und den ethischen Implikationen der Kapitalmärkte stärker Rechnung zu tragen versucht als das konventionelle, rein am shareholder value orientierte Anlegerverhalten. Je nachdem, ob die in diesem Marktsegment tätigen Anleger/-innen bei ihren Investitionen lediglich ein möglichst reines Gewissen behalten wollen oder darin sogar eine Möglichkeit erkennen, die Wirtschaft in Einklang mit persönlichen ethischen Werten mitzusteuern, haben sich hier rein vermeidende bis hin zu positiv fördernde Strategien ethischen Investments entwickelt. Die Palette an ethisch orientierten Investmentprodukten ist mittlerweile auch für Fachleute nur noch schwer überschaubar: Sie differenziert sich nach unterschiedlichen Ethik-Konzepten (z. B. rein ökologisch, sozial oder gemischt orientiert), nach ihrer tatsächlichen ethischen „Bonität“ (Qualität und Transparenz der ethischen Bewertung von Wertpapieren oder bloßer Marketing-Trick?), v. a. aber auch nach Produkt-Klassen: Vom einfachen Fördersparbuch, über Investmentfonds bis hin zu Versicherungen und Direktbeteiligungen gibt es heute praktisch zu allen konventionellen Anlageformen ethisch orientierte Spielvarianten. (à www.gruenesgeld.at) Dass ethisches Investment vergleichsweise schlechtere Renditen einbrächte, ist leider immer noch ein weit verbreitetes, durch seriöse wissenschaftliche Studien aber längst widerlegtes Vorurteil. Qualifizierte Fachberatung ist in diesem Bereich leider noch schwer zu finden. Diesbezüglichen Ausbildungsdefiziten versucht etwa die Kath. Sozialakademie Österreichs mit entsprechenden Lehrgängen zu begegnen. (à www.geldundethik.org)
Trotz dieser positiven Ansätze ist aber auch die (internationale) Politik gefordert, den globalen Finanzmärkten gegenüber Steuerungsinstrumente zu etablieren, die imstande sind, deren destruktivem Potential wirksam zu begegnen. Finanztransaktionssteuern etwa wären ein sinnvolles Mittel, die überhitzte Renditejagd um jeden Preis abzukühlen und außerdem Anreize zu setzen, frisches Kapital tatsächlich als realwirtschaftliche Investitionen einzusetzen anstatt als bloßes Spielkapital in den „Börsen-Casinos“. Aber auch nationale Wirtschaftspolitik hätte Spielraum für sinnvolle Maßnahmen: Weshalb etwa ist die staatliche Förderung bestimmter Geldanlageformen (z. B. der privaten Pensionsvorsorge) nicht klar beschränkt auf solche Anlageprodukte, die in ihrer Anlagestrategie in überprüfbarer Weise all jene ethischen Kriterien berücksichtigen, zu denen sich die Republik selbst verpflichtet hat (z. B. Menschenrechte, Kyoto-Protokoll, Abkommen der International Labour Organisation)?
Dr. Markus Schlagnitweit
Direktor der Katholischen Sozialakademie Österreichs
Der Artikel wurde veröffentlicht in: DIE FURCHE (Jg. 64/12, 20.3.2008)
Fotos: © Eva Wahl
