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ÖBV-Top-Thema: Arbeit
"Glückliche Arbeitslose"? Provokation oder zukunftsträchtige Strategie?

"Glückliche Arbeitslose" - ist das ein Widerspruch in sich, ein Modell für die Zukunft oder schlicht eine Provokation, um Diskussionen zu bewirken?

Unsere westliche Gesellschaft wurde bisher zwischen Kultur und Wirtschaft durch die Arbeit – d. h. im Wesentlichen durch die Erwerbsarbeit gegen Lohn, Gehalt, Honorar u. a. - – bestimmt. Und es ist ein großes aktuelles, mehr oder minder von allen Regierungen und politischen Parteien aufgegriffenes Problem, dass es heute für viele Menschen (vor allem Ältere, weniger Qualifizierte, darunter auch viele Frauen) in unserer Gesellschaft keine Lohn- oder Gehaltsarbeit mehr gibt.

Tatsache ist: die Erwerbsarbeit in der bisherigen Form, einst im Überfluss vorhanden, wird immer knapper werden. Und diese strukturelle, in unserem Produktionssystem, das aus Profitgründen ständig auf Rationalisierung und Automatisierung und damit auf Abbau von Arbeitskräften setzt, liegende Arbeitslosigkeit wird zumindest bis 2015 ansteigen. Ernst zu nehmende Studien besagen, dass zur Deckung der Lebensbedürfnisse der Menschheit in naher Zukunft nur noch eine Erwerbsarbeit von 20% der arbeitsfähigen Bevölkerung notwendig sein wird, die restlichen 80% werden keiner Erwerbsarbeit mehr nachgehen.

Eine geistige Bombe schlug ins System

Mit welchen Strategien und Rezepten werden wir und sollten wir solchen Entwicklungen entgegen wirken? Bringt anbetracht der Tatsache, dass immer weniger im Arbeitsprozess stehende Menschen ein ständig steigendes Bruttosozialprodukt erwirtschaften werden, eine – wie oft gefordert – radikale Neuverteilung der Arbeit (d. h. deutliche Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich) eine Lösung? Oder müssen wir uns zukünftig in der ständig sich ausweitenden Arbeitslosigkeit einrichten und uns dabei von solch eingelernten Werten wie Arbeitsamkeit, Tüchtigkeit und Strebsamkeit einfach verabschieden? Müssen wir andere Formen der Existenzsicherung als Lohn-, Gehalts- oder Honorarzahlungen finden? Kommt das allgemeine Recht auf eine Grundsicherung oder wird es ein arbeitsunabhängiges Grundeinkommen für alle geben?

In einer Situation, in der all diese Fragen quer durch alle Gesellschaftsschichten heftig diskutiert werden, schlug das 1998 zunächst in Deutschland veröffentlichte Manifest „Die glücklichen Arbeitslosen“ wie eine geistige Bombe ein. Dabei war bei dieser eigentlich als Pamphlet (Schmähschrift) gedachten Veröffentlichung bewusst und provokativ die Verbindung von „arbeitslos“, was bisher von den Betroffenen fast immer als leidvoll, diskriminierend und Existenz gefährdend erfahren wurde, und „glücklich“ gesucht worden.

In kürzester Zeit – so berichtet die Zeitschrift der „Glücklichen Arbeitslosen“, der „Müßiggangster“ (Heft 0/1998) wurde dieses Manifest in ganz Europa 150.000 Mal teilweise oder ganz nachgedruckt. Und da konnte man/frau z. B. lesen: „Arbeitslosigkeit ist ein schlechtes Wort, ein negativ besetzter Begriff, die Kehrseite der Medaille der Arbeit. Ein Arbeitsloser ist bloß ein Arbeiter ohne Arbeit. Dabei wird über den Menschen als Poet, als Reisender, als Suchender, als Atmender nichts gesagt. In der Öffentlichkeit darf nur von Arbeitsmangel die Rede sein, erst in privaten Sphären, abseits von Journalisten, Soziologen und anderen Schnüfflern wagt man, aufrichtig zu sein. ‚Ich wurde entlassen, geil! Endlich habe ich Zeit, jeden Tag auf Partys zu gehen, brauche nicht mehr aus der Mikrowelle zu essen und kann ausgiebig vögeln.“

Das System der Tüchtigkeit sanft unterlaufen

Die Art der Begründung, warum Arbeitslosigkeit „geil“ ist, macht den polemisch ironischen Charakter dieses Manifestes deutlich. In der freien (Internet-) Enzyklopädie Wikipedia können wir über die „Glücklichen Arbeitslosen“ lesen: „ Die glückliche Arbeitslosen sind eine lose organisierte Bewegung von – nach eigenen Angaben – ‚ein paar Millionen’ Menschen in Europa, die das Konzept der sogenannten glücklichen Arbeitslosigkeit fördern wollen.

Unter glücklicher Arbeitslosigkeit wird ein Zustand verstanden, (Anm. d. A.: das ist sehr wichtig, wenn auch nicht leicht zu realisieren!) das Faktum der Arbeitslosigkeit zu akzeptieren, im Rahmen der Möglichkeit zu genießen und durch ein Coming out (Anm. d. A.: das ist entscheidend!!) offensiv damit umzugehen.

Um das zu erleichtern, soll ein 'artgerechtes Biotop für Glückliche Arbeitslose’ geschaffen werden, beispielsweise durch eine Variante des Grundeinkommens (Bürgergeld) und die begriffliche Umdefinition von 'arbeitslos’ in 'geldlos’ bzw. von 'Arbeitssuchende’ in 'Geldsuchende' “. Und dann wird in der verdienstvollen alternativen Wikipedia-Enzyklopädie – und das ist für die politische Einordnung sehr wichtig – betont, dass sich „neben rhetorischen Spielereien die Glücklichen Arbeitslosen ideologisch weitgehend unverbindlich zeigen. Sie weisen jede Nähe zu klassenkämpferischem Gedankengut von sich, zelebrieren jedoch (Anm. d. A.: auch von ihren geistigen Wurzeln her) eine gewisse – jedoch immer unverbindlich oberflächlich-spaßig bleibende – Nähe zu anarchistischen und situationistischen Ideen“. Klar zu sehen ist, dass hinter der gewissen, immer „unverbindlich oberflächlich-spaßig“ bleibenden Präsentation eine Absicht und Strategie steht, nämlich das System der Arbeitsamkeit und Tüchtigkeit sanft zu unterlaufen und in sich zusammen brechen zu lassen.

Prof. Dieter Schrage

Zur Person: Univ. Prof. Dr. Dieter Schrage

war Direktor des Museums des 20. Jahrhunderts,
ist Lehrbeauftragter an der Universität Wien,
Autor der Zeitung Augustin,
kritischer Begleiter unseres Ausstellungsprogramms im Atrium,
Eröffnungsredner zahlreicher Vernissagen,
Freund des Hauses ...

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