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Foto: Museum Arbeitswelt Steyr

ÖBV-Top-Thema:Arbeit
Arbeit und menschliche Würde

Im Roman der schottischen Autorin A. L. Kennedy „Also bin ich froh“ beschreibt die Hauptperson, eine Sprachwissenschafterin Anfang dreißig, ihre Arbeitswelt und ihre Psycholage, und das hört sich dann so an:

„Manchmal habe ich das Gefühl, meine Generation ist eines Morgens in vollem Galopp über den Rand einer riesigen metaphorischen Klippe namens Arbeitslosigkeit getrieben worden. Einige von uns wurden sofort von Engeln und Hubschraubern oder von praktischen Sicherheitsnetzen gerettet und einem sinnvollen und nützlichen Leben zugeführt. Manche polterten weiter hinab, krallten sich fest, um den ganz tiefen Sturz zu vermeiden. Und ganz unten, knapp über der Rentabilitäts- und Katastrophengrenze hängen Menschen wie ich in komischen, aber einigermaßen bequemen Nischen, und schauen auf das ungeheure Elend weiter unten.

Ich würde gerne sagen, dass ich mit dem Leben, das ich führen kann, Glück gehabt habe, aber dieses Glück ist so offensichtlich purer Zufall, dass es mich bisweilen sehr nervös macht, mir Schuldgefühle verursacht oder Angst vor dem bevorstehenden Schicksalsschlag. Wird man es mir wegnehmen, werde ich für mein unverdient glückliches Los bezahlen müssen? Fragen dieser Art möchte ich mir dauernd stellen. Bei vielen Gelegenheiten, vor allem aber am Arbeitsplatz. Mein Hauptarbeitgeber war damals ein lokaler Radiosender, und jedes Mal wenn ich dort eintraf, war ich von schrecklichen Vorahnungen erfüllt – letztlich müssten sie mich enttarnen und rausschmeißen, ganz sicher. Je länger ich Erfolg hatte, desto näher rückte mein Versagen, so legte ich es mir zurecht.“

Der Text, in seiner Übertreibung anfangs surrealistisch und witzig, wird zum Ende hin tragisch-depressiv und entsetzlich wahr. Er wurde 1995 in Großbritannien geschrieben, als das Land gute 15 Jahre Thatcher und deren ideologischen Nachfolger hinter sich hatte. Zwischenzeitig hat der Inhalt des Romans auch für Österreich bittere Aktualität erlangt. In ihm geht es um zwei Themen: um Arbeit und um menschliche Würde.

Autonomie des Einzelnen erst in der Gemeinschaft sinnvoll

Die Aufklärung forderte den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Diejenigen, die diese Aufgabe in Szene setzen sollen, sind Individuen, die aus ihrer Autonomie heraus und frei ihren Aufgaben in der Welt nachkommen. Wer mitarbeiten will an einer Welt, die die Freiheit des Einzelnen akzeptiert und ihm oder ihr die Möglichkeit einräumt, nach der eigenen Fasson glücklich zu werden, muss so beschaffen sein, dass es ihm oder ihr möglich ist, in Freiheit und in eigener Verantwortung ein Leben zu leben, und seine oder ihre Arbeit zu tun, unabhängig, und frei vor allem davon, auf jeden andrängenden Impuls reagieren zu müssen, um nur ja nicht in die Gefahr zu geraten, in jenen Abgrund zu stürzen, den uns A. L. Kennedy beschreibt.

Nicht jeder verfügt über diese Freiheit. Aber schon allein der Umstand, dass uns die Aufklärung die Menschen in ihrer Allgemeinheit als Maßfiguren vorgegeben hat, und vor allem auch, dass sich im Lauf der Zeit in unseren Breiten ihre Zahl vergrößern konnte, zeigt uns, dass die Idee der Aufklärung nicht gering geschätzt werden darf. Sie hat so manches emanzipative Modell ersonnen. Die Freiheit muss nun aber ein kollektives Projekt sein. Freiheit für den Einzelnen ist nicht genug. Emanzipation ist nicht als Gegenstand der Selbstbefriedigung konzipiert. Das Arbeiten an der eigenen Autonomie ist bloß die Voraussetzung dafür, in der Gemeinschaft zu arbeiten. Diese Arbeit an sich erfordert Konzentration, Geduld und Kraft. Dennoch wird niemand selbstbezogen sagen können, dass es ihm dabei bloß um ihn selbst geht. Wäre dies der Fall, müsste der Ort der Entstehung von Emanzipation in die Einsiedlerzelle verlegt werden; der Weg gesamtgesellschaftlicher Befreiung wäre zu vergessen; der Umgang nur mit sich selbst, die Meditation und das Selbstgespräch führen nicht zu gesellschaftlicher Befreiung.

Die Unabhängigkeit des Einzelnen kann man getrost als die „Würde des Menschen“ bezeichnen. Bei Kant war die Vorstellung von Würde mit der Autonomie des Einzelnen verbunden. Diese Würde des Menschen ist nun zwar angeblich unantastbar. Tatsächlich aber ist Voraussetzung für ein autonomiefähiges Leben, also ein Leben in Würde, ob man auch wirklich von etwas leben kann. Im Regelfall ist Bedingung dafür die bezahlte Arbeit.

Leben in Würde setzt Arbeit voraus

Voraussetzungslose Würde in der menschlichen Gesellschaft setzt nun einerseits in der Vielzahl der Fälle voraus, dass der Einzelne überhaupt eine bezahlte Arbeit hat, andererseits aber auch, dass die Bezahlung dafür so beschaffen ist, dass der Ertrag der Arbeit den Einsatz der Lebenszeit hierfür rechtfertigt. Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Autonomie und Würde erringt man nicht, wenn der Ertrag der Arbeit gerade einmal dafür hinreicht, sich selbst für den nächsten Arbeitstag wieder herzurichten. Ein solcherart selbstreferentielles System von einem Leben ließe sich – einigermaßen würdelos – durch die Aussage von Josef Hader im Film „Silentium“ zusammenfassen: „Aus was macht man den Leberkäs? Aus die Restl’n von die alten Knackwürstl. Und die Knackwürstl? Aus die Restl’n vom alten Leberkäs.“ Die Arbeit muss jedem von uns ein Mehr einbringen, als dass wir am nächsten Tag einfach nur wieder arbeiten gehen können.

Dazu muss allerdings noch in zwei Punkten der heute gängige Arbeitsbegriff erläutert werden. Seit dem Beginn der Neuzeit erfuhr er nämlich eine ungeheure Bedeutungsänderung, und wurde in der Hierarchie kultureller Wertung immer weiter nach oben geschoben. Gründe dafür waren einerseits die gesellschaftliche Notwendigkeit, dass ein Mehr an Erwerbsarbeit schlicht geleistet werden musste, damit die sogenannte „ursprüngliche Akkumulation“ erfolgen konnte, damit die Manufaktur, der Anfang des Fabrikswesens, entstehen konnte; andererseits lag dies im moralischen Überbau begründet, dem Entstehen der protestantischen Arbeitsethik, wonach der Tüchtigere Gott näher ist als der weniger Tüchtige.

Arbeit gewann erst damit – und bis zum heutigen Tag – eine ungeheure Bedeutung als Medium im Zug der Subjektbildung. Zu guter Letzt wurde aus Arbeit ein Aspekt der Lebensbefriedigung und des Glücks. Marx bringt diese innere Transformation des Arbeitsbegriffs in folgendem Satz auf den Punkt: „Es kostet Jahrhunderte, bis der freie Arbeiter infolge entwickelter kapitalistischer Produktionsweise sich freiwillig dazu versteht, das heißt, gesellschaftlich dazu gezwungen ist, für den Preis seiner gewohnheitsmäßigen Lebensmittel seine ganze aktive Lebenszeit, ja seine Arbeitsfähigkeit selbst, seine Erstgeburt für ein Gericht Linsen zu verkaufen.“

Damit ist auch der historische Punkt schon angesprochen. Die Ausformung ausbeuterischer Produktionsweisen erreichte um 1800 jenen Höhepunkt, der letztlich zu einer Gegenbewegung führte. Weil der Mensch eben nicht vom Brot allein lebt, entwickelte sich im Lauf des 19. Jahrhunderts das, was zu Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Westeuropa und Nordamerika zum „Goldenen Zeitalter“ führte: Sozialdemokratische Strömungen mit ihrer Bestrebung, die Emanzipation der Menschen aus dem neu geschaffenen Laufrad der kapitalistischen Produktionsweise zu bewerkstelligen. Damit hat es unser Teil der Welt einigermaßen weit gebracht, zumindest eine Zeit lang.

Anerkannt war plötzlich, dass es darum gehen müsse, den Menschen eine erfüllte Zeit zu verschaffen, zu deren Bestandteilen produktive Muße ebenso wie ein hohes Maß an sinnvoller gegenständlicher Tätigkeit gehören sollte. Zusammengefasst lautete die Devise, dass insgesamt die Lebensbedingungen verbessert werden sollten, unter denen Menschen unter angemessener Kraftanstrengung und ohne das ständige Risiko des Scheiterns in Würde leben und sterben können sollten. Die Hochzeit dieser Einsicht und der Ort der Erkenntnis war Westeuropa in der Zeit von 1950 bis 1975. Arbeit und menschliche Würde – fast könnte man meinen, dass diese beiden Punkte damals und hier zum Programm gemacht wurden.

„Flexibilität total“ als Wunderdroge

Davon bewegt sich die heutige Welt mit Riesenschritten wieder weg. Den Gegensatz zur lange – und zu Recht – für richtig empfundenen Garantie einer äußeren Sicherheit des Lebens stellt jene viel propagierte „Flexibilität“ dar, die den Menschen heute abverlangt wird. Flexibilität ist die Wunderdroge. Seit mehr als einem Jahrzehnt wird deren Mangel bei den Arbeitnehmern als das Hauptproblem der Wirtschaft und damit der Lebensbedingung der Menschen eingestuft. „Die Wettbewerbsfähigkeit wird nur bei hinreichender Flexibilität am Arbeitsmarkt zurückgewonnen.“ Dass ein alter Wirtschaftsliberaler wie Hans Tietmeyer, ehemaliger Präsident der Deutschen Bank, von dem diese Aussage stammt, so denkt und auch so redet, wundert keinen. Und dass ihm die Schüssels und Grassers dieser Welt darin nachfolgen, erstaunt keinen. Aber auch von anderer Seite tönt es ins selbe Horn. Anthony Giddens, Meisterdenker des sozialdemokratischen (!) britischen Ministerpräsidenten Blair, sprach vom „Sozialstaatsgefängnis“, und Ulrich Beck, irgendwo „Jenseits von Links und Rechts“ angesiedelter Bestseller-Soziologe, feiert in der von ihm bei Suhrkamp herausgegebenen „Edition Zweite Moderne“ die „Risiko-Gesellschaft“.

Die Propaganda hat zwischenzeitig ihre Ergebnisse gebracht. Flexibilität total wird nicht mehr nur ausgerufen, vielmehr leben wir nun in der „Zeit der Ernte“ – fragt sich nur, auf wessen Bauern Mist die Saat aufgegangen ist. Flexibilität wird nicht mehr nur gefordert, sondern vorausgesetzt. Der Begriff umfasst Lohnflexibilität und Standortflexibilität, freilich auch Moralflexibilität (wie anders wären die zahlreichen Wendehälse in Österreich seit 2000 erklärbar).

Bei Themen wie der Lohn- und der Standortflexibilität wird die Angelegenheit augenfällig und gesellschaftlich bedrohlich: Hören wir in den Nachrichten, dass General Motors 12.000 Stellen in Westeuropa streichen wird, merken wir, worum es – beispielsweise bei VW und deren berühmt-berüchtigtem Personalvorstand Peter Hartz, zum Zeitpunkt der Erfüllung der Pflichten im Auftrag des deutschen Kanzlers Gerhard Schröder, und Schöpfer der angeblichen Arbeitsbeschaffungsprogramme „Hartz I“ bis „Harzt IV“ – geht. Es geht um Geld und dessen Verteilung. Tatsächlich wird unter dem Deckmantel des angeblich naturgesetzlichen Sachzwangs der Ökonomie Umverteilung betrieben – die Mittel sollen wieder weg von den Vielen hin zu den Wenigen.

Weniger Geld für mehr Arbeit

Europaweit soll schlicht und einfach weniger Geld für mehr Arbeit bezahlt werden. Ob das nun erreicht wird über die zeitliche Kürzung der Arbeitslosengeldbezüge oder über die Streichung von Zumutbarkeitsregeln im Bereich deren Erlangung, über den Wettbewerb der Standorte innerhalb eines einzigen Unternehmens (wie bei VW), über den Verzicht auf Weihnachtsgeld und den Entfall von Überstundenzuschlägen und damit eben Verzicht auf die Abgeltung von Mehrleistung im Gegengeschäft zu kurzfristigen Arbeitsplatzgarantien: Welche Wege im Konkreten beschritten werden, ist egal, Hauptsache, die Richtung stimmt. Einer wird gewinnen; und auch wenn es nicht nur einer ist: Die Mehrheit profitiert nicht davon.

Was hat man sich dabei zu denken, wenn ein Unternehmen wie die Allianz in Deutschland bei einem Jahresgewinn von 4,4 Milliarden im Jahr 2005 im Juni 2006 bekannt gibt, aus Gründen der Ertragssteigerung 7.500 Menschen kündigen zu müssen? Doch nur, dass das Kapital den Hals nicht mehr voll genug bekommen kann. Was solange egal wäre, als nicht die Menschen in der Folge darunter zu leiden hätten: Diese Maßnahmen führen die Vielen nämlich allesamt in die Unmündigkeit der „Reservearmeen der Arbeitslosen“, auf die eine kapitalistische Produktionsgesellschaft immer setzen konnte, wenn es darum ging, Streikbrecher und Lohndrücker zu finden. Irgendjemand verliert immer die Nerven, wenn seine Existenz auf dem Spiel steht.

Unter diesen Bedingungen wird die Würde des Einzelnen und damit der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit keine weitere Blütezeit erleben können. Denn auf zweierlei Art wird das autonome Individuum unterwandert: Nehmen wir die, die in der Erwerbsarbeit stehen. Bestimmt weitgehend nur noch betriebswirtschaftliche Kalkulation die Maßstäbe ihres Arbeitens, dann ist die Fragmentierung auf allen Ebenen – weil von Vorteil für die Unternehmen – unaufhaltsam. Egal ob bei der Arbeitzeit oder der Organisation der Erwerbstätigen, die Betriebswirtschaft verlangt den Ausgleich von Spitzenzeiten, die Arbeit am Wochenende, die Änderung von personellen Zusammensetzungen von Teams, der räumlichen Verlagerung etc. Im Endeffekt führt diese Fragmentierung aber dazu, dass die Menschen und ihre Organisationen, ja, das menschliche Bindungsvermögen selbst, bedroht, wenn nicht zerstört wird. Und das halten die Menschen – und erst recht die Gesellschaft, die sich aus ihnen zusammensetzt – nicht auf unbestimmte Zeit aus. Der deutsche Soziologe Oskar Negt hat dies wie folgt zusammengefasst: „Eine Gesellschaft, die Raubbau an Beziehungsarbeit betreibt, um mehr Autos zu produzieren, wird am Ende selbst für die Autoproduktion keine verlässlichen Arbeitskräfte mehr mobilisieren können.“

Nehmen wir dann weiters jene, deren Leben materiell prekär wird, weil selbst der gerade beschriebene Arbeitsplatz nicht mehr zu haben ist, und deren Zahl sich ständig vergrößert, Menschen mit Teilzeitjobs, langen Arbeitslosigkeitsspannen, Ältere, Kranke, die sogenannten „Minderleister“: Sie alle werden in einer Welt, in der Erwerbsarbeit immer knapper wird, in der diese Erwerbsarbeit aber immer noch die höchste gesellschaftliche Geltung behalten hat, in ein Außenseitertum gedrängt, obwohl sie von gesellschaftlich anerkannter Arbeit mit Absicht ferngehalten werden.

Im einen wie im anderen Fall ist es um die Selbstbestimmtheit der Menschen geschehen. Die Freiheit sind sie los.

Damit schließt sich der Kreis und wir finden uns wieder am Rande des von A. L. Kennedy beschriebenen gesellschaftlichen Abgrunds. Der ist tatsächlich ein Schlund, in dem die Würde des Einzelnen verloren zu gehen droht. Ob unter diesen Verhältnissen Autonomie und Emanzipation noch möglich sind? In der Retrospektive wird wohl von einem schweren Rückschritt gegenüber der Lage vor 25 Jahren zu sprechen sein. Um keinem Missverständnis aufzusitzen: Natürlich gab es immer die Differenz zwischen aufklärerisch- bürgerlicher Rhetorik und Lebenswirklichkeit. Problematisch wird es aber, wenn Sein und Sollen nicht einmal mehr reflektiert werden, und sich alle mit den miesen Verhältnissen abzufinden scheinen.

Ist nun aber Jammern das Einzige, was einem dazu einfällt? War und ist den Sex Pistols Recht zu geben, als diese in den späten Siebzigern bereits der Welt ihr „No Future“ entgegen schrieen? Nur kein Fatalismus und nur keine Verbeugung vor dem angeblichen Sachzwang der Wirtschaft. Es sind die Menschen, die Politik machen. Und letztlich ist es die Politik, die die Wirtschaftsgüter verteilt und nicht die Natur. Und auch wenn die aktuelle Politik keine Ideen zu haben scheint, die es sich zu verfolgen lohnt – es gibt da einige, die Phantasie und Gerechtigkeitssinn in den Entwurf eines sozial gerechten und verträglichen Europas investieren. Dazu dann beim nächsten Mal.

Dr. Alois Obereder


Anmerkung: Der Roman von A. L. Kennedy ist bei Wagenbach erschienen und wurde von Ingo Herzke übersetzt. Den Titel „Arbeit und menschliche Würde“ übernehme ich der Einfachheit halber und auch um das großartige Werk zu propagieren von Oskar Negt, Göttingen 2001; dort finden Sie das Obige und noch viel mehr.

Dr. Alois Obereder ist Rechtsanwalt in Wien

Foto: Walter Luttenberger © Museum Arbeitswelt Steyr

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