ÖBV-Top-Thema:Arbeit
Laboro ergo sum? Sisyphos ist stärker als sein Fels.
Laboro ergo sum – stimmt das? Stimmt dieser Grundsatz – ich arbeite, daher bin ich – in einer Zeit, in der die Produktivität unzweifelhaft steigt, aber auch die Arbeitslosigkeit? Stimmt es, dass – sowohl bezahlte als auch unbezahlte – Arbeit das Leben des Menschen ausmacht?
Die Frage, ob uns die Arbeit ausgeht, ob der Produktionsfaktor Arbeit verschwindet oder, um es marxistisch auszudrücken, ausschließlich in Kapital gefroren wird oder ist – diese Frage berührt natürlich die menschliche Existenz. Wir sind überzeugt davon, dass kein Mangel an Arbeit besteht. Vielmehr scheint sich die Struktur bezahlter Arbeit zu verändern – Arbeitsverhältnisse, von denen die Menschen nicht leben können, atypische Beschäftigungsverhältnisse, die die sozialen Sicherheiten aushöhlen, wie etwa (Schein-) Selbständigkeit, greifen um sich. Für viele Menschen gibt es schlicht keine bezahlte Arbeit mehr. Wirtschaftsforscher sehen darin ein strukturelles Problem. Soziale Rechte, kulturelle und gesellschaftliche Partizipation, die Chance und das Recht auf Selbstverwirklichung gehen damit verloren.
Wir erleben derzeit nicht eine Krise der Arbeit, sondern eine Krise der "guten" Arbeit, die materielles Auskommen und soziale Garantien bietet – eine Arbeit, die dem Leben Halt und Grundlage verleiht. Es ist zu befürchten, dass diese Arbeit knapper wird. Doch Arbeit ist etwas urtümlich Menschliches – nur der Mensch arbeitet. Arbeit ist etwas spezifisch Menschliches und Teil der menschlichen Identität – sowohl bezahlte als auch unbezahlte Arbeit.
Definiert sich Arbeit als Teil der menschlichen Identität, stellt man sich zwangsläufig die Frage nach dem Sinn und wird damit – wie in der Überschrift angedeutet - an den Mythos des Sisyphos erinnert. Die Legende von Sisyphos ist bekannt – er begehrt gegen die Götter auf und wird damit bestraft, dass er einen Stein bergauf rollen muss, der jedes Mal, fast am Ziel angelangt, wieder hinunterrollt. Heute gilt Sisyphos als Synonym für sinnlose Tätigkeiten, die zu nichts gut sind und zu nichts führen.
Es ist interessant, dass der Sisyphos-Mythos sowohl in der Antike als auch im Mittelalter kaum interpretiert wurde. In beiden Zeitabschnitten stellte sich die Frage nach dem Sinn der Arbeit nicht. In der Antike war Arbeit nicht "menschlich", nur Sklaven verrichteten Arbeit und im Mittelalter wurde der Sinn des Lebens kosmisch definiert. Die Welt und das menschliche Leben waren Teil eines von Gott bestimmten Planes. Man tröstete sich mit der Vorstellung eines übergeordneten Lebensmusters und war überzeugt, dass jeder Mensch in diesem Entwurf eine bestimmte Rolle spielte.
Erst mit der Aufklärung und mit den Anfängen der Industrialisierung entdeckte man den Sisyphos-Mythos wieder – kein Wunder, war doch die Arbeit zu Beginn der Industrialisierung niederdrückend – die Frühgeschichte des modernen Kapitalismus bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war geprägt durch Verarmung und Verelendung großer Bevölkerungsteile. Die Menschen arbeiteten hart und die Beantwortung der Sinnfrage beschränkte sich auf die Erhaltung der physischen Existenz. Sisyphos wird zur Chiffre für menschliches, sinnloses Leiden. Sisyphos ist nun der sterbliche Mensch, der zurück gleitende Stein ist die ewige, dauernde, harte und vor allem sinnlose Mühe.
Erst Camus kann dem Schicksal des tragischen Helden Sisyphos Positives abgewinnen, für ist er der Bewusste, der sich (zwar) der Absurdität seines Handelns bewusst ist, aber dennoch Glück empfindet, weil es sein Geschick, sein Stein und sein Fels ist. "Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache … Wenn es ein persönliches Geschick gibt, dann gibt es kein übergeordnetes Schicksal … Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen, wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen."
Camus stellt damit fest, dass der Mensch und nur der Mensch als arbeitendes Wesen, als Identität und Sinn suchendes Wesen vor einer absurden, aber unabwendbaren Situation steht – absurd, weil seine Tätigkeit sinnlos ist und unabwendbar, weil sie Teil seiner Identität ist.
Mit der Entwicklung wissenschaftlichen Denkens – das uns auch heute noch bestimmt – versteht sich der Mensch immer mehr als selbst bestimmtes Individuum. Bezahlte Arbeit wird Teil des bürgerlichen Selbstverständnisses: Menschen, die arbeiten, die Teil des Erwerbssystems sind, können in der Gesellschaft eine geachtete Stellung erringen. Es entstand die erwähnte, sogenannte "gute" Arbeit, die mit der Entwicklung der Arbeiterbewegung auch für breite Schichten – zumindest in den westlichen Industrieländern – immer mehr Wohlstand und Sicherheit sowie politische und soziale Rechte mit sich brachte.
Seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts erleben wir einen allmählichen Strukturwandel der Arbeitswelt, Automatisierung und Technologisierung machen manuelle Arbeit immer überflüssiger und damit die Arbeiterschicht schwächer. Verstärkt durch den Sturz der kommunistischen Regime und den Fall der Berliner Mauer erlebte der Kapitalismus weltweit eine rasante Ausweitung, verbunden mit neoliberalen Forderungen nach Abbau des Sozialstaates und damit auch einer zunehmenden Bedrohung des Mittelstandes.
Hat die Wirtschaft heute den Stellenwert, den die Menschen im Mittelalter der Religion und der moderne Mensch (bzw. postmoderne?) dem Ich, dem Individuum (Du kannst alles, du brauchst es nur zu wollen!) einräumten? Ersetzt die Ökonomie heute die Kirche früherer Zeiten - und sind Unternehmensberater und Managementgurus die Priester der heutigen Zeit?
Die Krise der "New Economy" Anfang des Jahrtausends ließ die Kritik an der Globalisierung und dem Diktat des Ökonomischen lauter werden, die Attentate von 9/11 in New York aktivierten Bedrohungsszenarien und Unsicherheiten, die die Überzeugung von der "Unverwundbarkeit" des Kapitalismus stark in Frage stellten.
Zunehmend beginnt sich eine neue Schicht – das sogenannte Prekariat – zu artikulieren: Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen, Ich-AGs, die trotz massiver Selbstausbeutung nicht genug verdienen um zu leben, Teilzeit- und atypisch Beschäftigte, Arbeitslose und Menschen, die angesichts des ständig zunehmenden Leistungs- und Erwartungsdrucks der Arbeitswelt schlicht nicht mehr mithalten können. Stimme verleihen diesen Menschen derzeit nicht Regierungen und kaum traditionelle Interessensvertretungen wie Gewerkschaften – sie beginnen erst langsam ihre Rolle als "Besitzstandwahrer" zu hinterfragen. In NGOs wie Attac und kritischen Kirchen- und Wissenschaftskreisen werden die Diskussionen wie etwa jene um ein arbeitsloses Grundeinkommen geführt.
Überlassen wir die Frage "Was ist Arbeit?" bzw. "Wer darf/muss arbeiten?" den Marktgesetzen und seinen Mechanismen oder glauben wir, dass die Wirtschaft letztlich für die Menschen da ist und nicht umgekehrt? An diesem Punkt sind alle gesellschaftlichen Kräfte gefordert, in die Diskussion einzusteigen. An diesem Punkt ist auch die Frage zu stellen, wie viel und welche Arbeit, welche Aufgaben soll die öffentliche Hand finanzieren? Geleitet von welchen Kriterien?
Wettbewerbsfähigkeit, Konkurrenz, Wirtschaftlichkeit oder Effizienz passen nicht immer zu Aufgaben im Interesse des Gemeinwohls. Es bedarf politischer Entscheidungen, Pflege von alten Menschen etwa – um ein aktuelles Beispiel zu nennen – human zu gestalten, auch für die Betreuenden; es bedarf politischer Entscheidungen, abgelegene Regionen verkehrsmäßig nicht veröden zu lassen und es bedarf politischer Entscheidungen, allen den Zugang zu besten Gesundheits- und Bildungseinrichtungen zu gewährleisten.
Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Autonomie des Menschen sind Werte, die es anzustreben gilt – nicht alle Menschen aber bringen die Voraussetzungen dafür mit. Und die Propagierung dieser Werte darf nicht dazu missbraucht werden, Staat, Gesellschaft und Wirtschaft aus der Verantwortung für das Gemeinwohl zu entlassen.
Zurück zum Existentialismus: Wir werden nicht freiwillig geboren, wir werden in dieses Leben geworfen und müssen/wollen es bestehen. Die Voraussetzungen für ein befriedigendes Gelingen dieses Lebens sind sehr unterschiedlich, Arbeit – bezahlt und unbezahlt – ist auf jeden Fall ein wichtiger Baustein dafür. Leben sollte Beruf sein – nicht der Beruf das Leben.
(GD. Dr. Johann Hauf)
Buchtipps:
Richard Sennett: Der flexible Mensch.
Wolfgang Engler: Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale
Neugestaltung der Gesellschaft. Aufbau Verlag, Berlin 2005.
Sergio Bologna: Die Zerstörung der Mittelschichten. Thesen zur neuen Selbständigkeit. Nausner & Nausner. Graz 2006, aus dem Italienischen übersetzt von Klaus Neundlinger.
Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos. Rororo, 7. Auflage, August 2005.
Foto oben:
Josef
Schützenhöfer: Kunst kommt von Arbeit.
„Was Berg an dir war, haben sie abgetragen. Was Tal
an dir war, haben sie zugeschüttet und jetzt führt
über dich ein bequemer Weg.“
Die April-Sonderausgabe 2006 der Zeitschrift wespennest ist dem Maler Josef Schützenhöfer gewidmet, einem "kämpferischen Randbewohner des Betriebssystems Kunst", der im Frühjahr Arbeiten an einer Fassade im zweiten Bezirk zeigte. Wir danken dem wespennest für die Verwendungserlaubnis der Fotos von Arbeiten Schützenhofers zum Thema Arbeit.
