ÖBV-Veranstaltungen und Events 2000
Hubert Aratym, Chan Thean Chie:
Im Mittelpunkt der Mensch
ÖBV-Atrium, Grillparzerstr. 14, 1010 Wien
Ausstellung: 8. Juni - 31. August 2000
Interview mit Chan Thean Chie:
Sie sind aus Malaysien, Ihre Vorfahren sind chinesische Einwanderer. Gibt es Eindrücke aus Ihrer Kindheit, die Ihnen wichtig und kostbar sind?
Ich komme aus einer sehr einfachen Familie. Mein Vater war Baumeister und meine Mutter Hausfrau. Es gab nicht allzu viele Möglichkeiten und Angebote in meiner Kindheit. Die ersten zehn Jahre haben wir am Rand vom Urwald gelebt, das heißt, die ersten Jahre habe ich sehr, sehr wenig mit Leuten kommuniziert und ich glaube, das war der Ursprung, dass ich so geworden bin, wie ich jetzt bin,
Wie kam es, dass Sie angefangen haben zu zeichnen und zu malen?
Ich wollte schon immer Dinge entdecken. Ich war schon immer ein optischer Mensch, ich glaube, das ist angeboren. Ich habe viel gezeichnet - altes, was mir in meiner Umgebung interessant erschienen ist. Und ich wollte Künstler werden. Ich glaube, als Künstler zu arbeiten ist eine Methode, Dinge zu entdecken.
Sie haben mir erzählt, dass Sie als Jugendlicher Klimt sehr bewundert haben, Wie sind Sie auf Klimt gestoßen?
Klimt ist im asiatischen Raum sehr bekannt, nicht nur in Japan. Mit seinem Hang zum Dekorativen, Luxuriösen, aber auch mit seiner fließenden, eleganten Art zu zeichnen kommt er dem asiatischen Geschmack entgegen. Ich habe z. B. in Penang, wo ich zu studieren angefangen habe, eine Klimt-Ausstellung gesehen.
Wie sind Sie nach Wien gekommen?
Ich habe den österreichischen Künstler Hubert Aratym,
der sich auf seinen vielen Asienreisen auch öfter in
Malaysien aufgehalten hat, bei einer seiner Ausstellungen
kennen gelernt. Wir sind ins Gespräch gekommen und ich
habe ihm erzählt, dass ich gerne Künstler werden
möchte. Ich habe ihm meine Arbeiten gezeigt, die er sehr
interessant gefunden hat, Er hat mir dann das Angebot gemacht,
nach Wien zu kommen, um Kunst zu studieren.
Es gibt ein großformatiges Gemälde aus der Studienzeit bei Ludwig Attersee von Ihnen, das fast sakral wirkt, Ein Brust-Selbstporträt, zentral platziert, über dem ein chinesischer Mantel ausgebreitet ist und das eingerahmt ist von Zeichnungen verschiedener westlicher und östlicher Gewänder.
Die Arbeit ist 1994 in Wien entstanden. Ich habe mich in dieser Arbeit mit meiner Tradition und meiner kulturellen Identität auseinander gesetzt. Ich habe mich zwei, drei Jahre damit beschäftigt und danach habe ich dieses Thema - zumindest vorerst - abgeschlossen.
Können Sie sich vorstellen, dass Sie irgendwann wieder eine Verbindung zur asiatischen Tradition und ihrer Ikonografie suchen?
Das Thema interessiert mich nach wie vor, aber ich glaube, der Zugang ist jetzt anders, nicht in dieser direkten Verbindung und Darstellung. Es gilt ein viel komplizierteres Verhältnis zu bearbeiten. Ich bin jetzt schon zehn Jahre in Wien und habe genug Distanz, um die Dinge besser beobachten zu können.
Verfolgen Sie auch die Entwicklung von asiatischen Künstlern, die im internationalen Kunstbetrieb präsent sind?
Ja, durchaus. Ich beschäftige mich sowohl mit westlicher Kunst als auch mit Künstlern aus China. Taiwan und Japan, Thailand und Indonesien - mich interessieren nicht nur ihre Werke, sondern auch, wie diese Künstler ihre internationale Position bearbeiten. Ich selbst begreife mich als Künstler unter anderen asiatischen Künstlern. Gleichzeitig bin ich einer der Wiener Künstler.
Nun ist zeitgenössische österreichische Kunst oft von ganz anderen Impulsen geprägt. Im österreichischen Aktionismus etwa gab es ein Ausagieren, manchmal in Verbindung mit Eingriffen am eigenen Körper, das auch gewaltsam war. In unserem ersten Gespräch haben Sie Rudolf Schwarzkogler und Thomas Bernhard erwähnt. Haben Sie ein Naheverhältnis zu einer spezifisch österreichischen Tradition?
Ich muss sagen, dass ich Schwarzkogler nur oberflächlich kenne. Außerdem habe ich bis jetzt nur Porträts gemalt, Aber ich interessiere mich sehr für diesen Aktionismus und die Gewalttätigkeit dahinter. Ich versuche auch in meinen Arbeiten, die Gewalttätigkeit geistig in meine Porträts zu bringen, obwohl es meditative Bilder sind. Aber ich sehe auch eine Gewalt dahinter.
Ich sehe diesen Aspekt vor allem in Ihren jüngsten Arbeiten. In den früheren Porträts überwiegt für mich das Meditative. Die neueren Arbeiten dagegen sind viel kompakter und komprimierter.
Das hängt von meiner Verfassung, von meinem Zustand und von meinem Denken ab. Auch davon, in was für einer künstlerischen Phase ich mich befinde. Ich versuche intuitiv zu arbeiten, das heißt, ich arbeite sehr spontan, Auch wenn ich zurückschaue und reflektiere, leitet mich letztlich im konkreten Tun doch der Instinkt.
Was schätzen Sie besonders an traditioneller asiatischer Malerei? Ich ordne der asiatischen Malerei eine Leichtigkeit zu, die durch die Dominanz der Schrift entsteht, während in der westlichen Kunst Körperhaftigkeit, Raum und Perspektive eine dominante Rolle spielen,
Meine Malerei hat sicherlich auch mit asiatischer Tradition zu tun. Ich bin jemand, der in diesen zwei Welten lebt. Ich fühle mich manchmal wie ein Asiate, dann denke ich wieder so wie ein westlicher Mensch. Das spiegelt sich auch in der Arbeit, Manchmal wird sie meditativ, manchmal aggressiv. Das ist auch eines meiner Themen. Ich versuche die Gewalttätigkeit mit einer asiatischen Leichtigkeit und mit meditativer Ruhe zu verbinden - das bringt eine untergründige Spannung in meine Arbeit. Ich finde, die Gewalttätigkeit wird in der europäischen Kunst oft zu vordergründig bearbeitet. Und in Asien beschäftigt sich kaum jemand mit Porträt, das hat keine Tradition. Ich versuche diese Kombination zu machen, die bis jetzt sehr wenige Leute versucht haben.
Es gibt ein frühes Werk, ein Nachtbild, auf dem Sie als schlafende Sphinx mit verschiedenen traumartigen Zitaten zu erkennen sind, unter anderem ein fleischerartig ausgelöster Brustkorb, der stark an Bilder von Francis Bacon erinnert. Ich glaube, Sie haben mir zugestimmt, dass dieses Gemälde eine Art Montage Ihrer Erfahrungen in Wien bzw. Ihrer Auseinandersetzung mit der Wiener Kunst ist.
Ja, das ist richtig, In diesen frühen Arbeiten taucht schon das (Selbst-)Porträt auf, allerdings noch in einer quasi metaphorischen Landschaft von Zitaten und Referenzen. Im Laufe meiner Arbeit hat sich dann das Porträt als das eigentliche Thema herauskristallisiert. Mit Hilfe des Porträts konnte ich mich auf eine Sache konzentrieren, auf die ich mich auch beschränken will. Das Porträt ist eine der klassischsten Traditionen in Europa und ich möchte dieses traditionelle Genre zu einem neuen Ausdruck bringen. In Ihren Porträts gibt es eigentlich nur die Farbe Grau. Warum?
Ich habe mich immer sehr für Minimalismus interessiert, Reduktion ist ein Phänomen, das mich an der westlichen Moderne interessiert. Ich will mich beschränken und arbeite bewusst mit sehr limitierten Mitteln, weil diese Arbeitsweise den stärksten Ausdruck erlaubt. Das ist auch eine asiatische Philosophie, mit geringstem Aufwand etwas zu sagen oder zu erreichen, ohne Lärm und Energieverschleiß - das hat mich sehr geprägt. Deshalb habe ich mich auf die Farbe Grau beschränkt. Natürlich denke ich auch darüber nach, wie ich mich mit Farben weiterentwickeln könnte, bis jetzt ist das allerdings kaum spürbar in meiner Arbeit; aber ich hoffe, dass ich in der Zukunft langsam auch mit Farbe umgehen und experimentieren werde.
Viele junge Künstler gerade Ihrer Generation arbeiten mit verschiedensten Medien: Fotografie, Video und DVD sind fast ein MUSS geworden. Haben Sie sich nie für diese Medien interessiert?
Doch, ich habe viele dieser Ausstellungen besucht und mich auch theoretisch damit auseinander gesetzt, aber ich glaube, die Phase, wo die Leute ständig experimentieren müssen, ist auch schon vorbei. Heutzutage kann man auch durch die Beschränkung auf ein Thema innerhalb eines einzigen künstlerischen Mediums seine Ideen durchsetzen. Ich möchte unabhängig von den Medien sein. Man kann denken und seine Reflexion in einem Medium umsetzen - und es muss nicht immer das modernste Medium sein.
Noch einmal zum Thema Porträt. Gesicht, das kommt im Deutschen vom Gesichtssinn, vom Sehen. Sie haben gesagt, Sie waren schon als Kind sehr von optischen Eindrücken geleitet bzw. auch auf der Suche nach visuell vermittelten Entdeckungen. Studieren Sie Gesichter, nehmen Sie sich Modelle?
Ich nehme keine speziellen Modelle. Ich beobachte gerne Menschen auf der Straße, im Kaffeehaus, überall. Mich interessiert die individuelle Art, sich mimisch auszudrücken. Ich bin ein sehr guter „Kopfspeicher". Was ich einmal gesehen habe, bleibt in meinem Kopf.
Was sich auf einem Gesicht spiegelt, führt eigentlich aufs Feld der Psychologie: Da vermischen sich gesellschaftlich Kodiertes, bewusste Steuerung und Unbewusstes. Mir scheint, dass es in diesem Kontext bei Ihren Köpfen zwei Prozesse gibt: ein Verhüllen und ein Enthüllen, zwei gegenläufige Bewegungen.
Ja, das ist eine sehr gute Beobachtung, Ich glaube, das ist eine Arbeit, die lebenslang dauert, das wird nie aufhören. Man wird ständig verhüllen und man muss auch ständig enthüllen - das ist eine Lebensaufgabe.
Interview: Martha Bösch
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