ÖBV-Veranstaltungen und Events 2000
Margarete Neundlinger: blick.richtung
160 x 16 + 9 = corporate aesthetics der ÖBV
Moderne Kunst für alle und mit allen
ÖBV-Atrium, Grillparzerstr. 14, 1010 Wien
Fotoprojekt

In
der Wiener Zentrale der ÖBV sind 160 Mitarbeiter
beschäftigt. Für jeden Mitarbeiter wurde ein
Album mit mindesten 16 Porträtfotos kreiert. 9 von
der Fotografin M. Neundlinger ausgewählte Bilder
wurden als Blow-Ups an der 23 Meter hohen Glaswand des
Atriums installiert.
In einem spektakulären "Sondereinsatz"
der legendären WEGA wurden die Bilder nach Beendigung
der Ausstellung wieder "abgeseilt".
Als Versicherungsunternehmen auf Gegenseitigkeit versteht
sich die ÖBV traditionell als Gemeinschaft. Unsere
Kunden sind unsere Teilhaber, sie sind uns kollegial verbunden;
unsere Mitarbeiter sind zusammen das, was wir gerne als
ÖBV-Familie bezeichnen.
Es ist nicht leicht, in einer Familie richtig miteinander
umzugehen, das Wechselspiel von Nähe und Distanz
ist dabei ein spannendes Lebensmoment in der Zusammenarbeit.
Menschen verschiedenster Herkunft und Denkungsart sollen
an einem Strang ziehen, Misserfolg und Erfolge teilen,
gemeinsame Ideen entwickeln und verwirklichen.

Zur Person: Margarete Neundlinger
Ausbildung: Fotografenlehre, Meisterklasse an der Höheren Grafischen Bundeslehr- und Versuchsanstalt in Wien, Studium der Malerei und Grafik an der Universität für angewandte Kunst in Wien.
Lehrtätigkeit: Seit 1982 an der Universität
für angewandte Kunst Wien, mehrere Jahre auch an der
Schule für künstlerische Fotografie in Wien sowie
Abhaltung von Workshops und Seminaren.
Ausstellungen:
Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen in Wien, Salzburg,
Innsbruck, St. Pölten, München, London, Berlin,
Amsterdam, Bologna, Kopenhagen, Köln.
![]()
Ein Jahr lang hat die Fotografin die MitarbeiterInnen der
ÖBV begleitet.
Projekt:
Die ÖBV bekennt sich zur Wichtigkeit von Kunst und sieht
in deren Vermittlung einen gesellschaftspolitischen Auftrag.
Wesentlich erscheint im Zusammenhang mit Margarete Neundlinger,
dass sie die erste Künstlerin war, die im Haus vor Ort
arbeitete. Ein besonderes Anliegen von Margarete Neundlinger
liegt in ihrer Direktheit - dem Hinschauen-Können,
der Bereitschaft nahe heran zu gehen, sich nicht hinter
dem Auftrag oder der Kamera zu verstecken. Nicht zufällig
nennt Neundlinger die US-Fotografin Nan Goldin als künstlerisches
Vorbild.
Die Arbeit in der ÖBV vereint zahlreiche Erfahrungen
aus der bisherigen Entwicklung von Margarete Neundlinger.
Neundlinger hat immer schon Menschen und Räume fotografiert,
setzt sich mit Raumsituationen auseinander, schuf (sub)kulturelle
Reportagen. Im Rahmen des Projekts "blick.richtung"
aber gelang es, die meist starr erlebten Grenzen von Kunst
und Kunstbetrachtung aufzulösen. Über alle Bürotüren
und Stockwerke hinweg ist Kommunikation passiert, man/frau
nahm und nimmt sich wahr. Als "work in progress"
erwies sich das Projekt als ein gültiger Beitrag über
Schnittlinien und Berührungspunkte zwischen künstlerischer
Produktion und Arbeitsalltag.
Mobile:


Eins nach dem anderen tauchen plötzlich
Mäppchen mit Bildern der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen
auf. Die Neugier wächst.
Ist meines schon da?
Und wer sind denn die in den anderen Mäppchen?
Wer ist wie gut getroffen, wen kennt man gar nicht? Zu
bereden gibt's da
Bildsprache:

Wer hat schon Fotos in diesem Format gesehen? Mit
einer Hebebühne wurden die Bilder in die luftigen
Höhen des ÖBV-Atrium befördert.
Über die Auswahl wird viel diskutiert, die
Fotografin hat sie nach ihren Kriterien getroffen, und
da ging es jedenfalls nicht um innerbetriebliche Leistungen.
Was auffällt ist, dass nicht die Chefs da hängen.
So manche ÖBV-Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind
auch froh, dass nicht sie selbst derart ins Blickfeld gerückt werden.
Das Team
Interview:
Sie haben in der ÖBV ein Fotoprojekt durchgeführt, im Laufe dessen Sie die Mitarbeiter des Hauses porträtiert haben und das großen Anklang gefunden hat. Wie hat sich dieses Projekt ergeben?
Zuerst war es nur eine vage Idee, ein Impuls, der stark von Johann Hauf getragen wurde. Es sollte etwas entwickelt werden, das den Menschen in der Firma zugute kommt und das unter dem Titel „Kunst" laufen kann. Er ist auf mich zugekommen mit dem Anliegen, die alltägliche Arbeitswelt der Menschen in der Firma und die Welt der Kunst näher zusammenzubringen, indem man in irgendeiner Weise Berührungspunkte schafft. Daraus ist dann das Fotoprojekt entstanden. Mich hat das Prozesshafte daran interessiert, dass sich dieses Projekt „Step by Step" entwickeln konnte.
Wie sind Sie persönlich zur Fotografie gekommen?
Ich bin einfach hineingeboren worden. Ich bin mit Fotografie aufgewachsen, mein Vater hat die Familie bei den verschiedensten Familienfesten und Alltagsgeschichten mit der Kamera begleitet und seine Sammlungen angelegt. Mich haben Apparate immer schon fasziniert und ich habe mit ihnen von klein auf hantiert. In unserer Familie gibt es einen bäuerlichen Hintergrund, wo es selbstverständlich ist, dass man Dinge in die Hand nimmt, vieles selber macht und vieles kann. Ich habe dann eine Fotografenlehre gemacht und anschließend die Meisterprüfung an der Grafischen, ich habe also das Handwerk gelernt und das Material von Grund auf kennen gelernt. Das Fotografische hat mich auch vom Standpunkt des Menschen hinter der Kamera interessiert: Man muss geduldig beobachten, abwarten können, nimmt schließlich aber auch etwas mit - dieser jägerische, sammlerische Aspekt gefällt mir sehr, weil die Neugier, das unbefangene Schauen, bei mir sehr ausgeprägt ist.
Hinter dem mechanischen Auge, mit dem die Kamera die Welt einfängt, sucht das subjektiv geprägte Auge des Fotografen die Wirklichkeit ab. Wie hat sich Ihr fotografischer Blick entwickelt?
Natürlich hat sich mein Weltbild - so wie ich die Welt erlebe - über die Jahre, in denen ich mit dem fotografischen Medium arbeite, verändert. Das hat sich auch in meiner Fotografie niedergeschlagen. Es haben sich auch die wechselnden Moden niedergeschlagen, die in der Kunst stattfinden, die sozusagen in der Luft liegen. Wobei es mir immer um die Suche nach der Essenz ging, die mich bewegt, Die Essenz von dem, was ich sehe, was ich erlebe und was ich übersetzen möchte in eine visuelle Sprache. Ich habe das zuerst ausschließlich mit der Kamera versucht, habe aber dann zunehmend auch andere Materialien gebraucht, um herauszuarbeiten, worum es mir geht.
Wie kann man Wirklichkeit überhaupt festhalten? Schon der Charakter der Zeit steht dazu im Widerspruch.
Für mich beginnt das bei der Frage, was Wirklichkeit überhaupt ist. Hier gibt es ja schon viele Unklarheiten und Tonnen von Theorie über Wahrnehmung etc. Mich interessiert aber mehr, welche Art von Realität ich schaffe, wenn ich etwas mit einer Kamera, mittels einer Fotografie, in eine neue Wirklichkeit bringe, Das Resultat ist scheinbar nur ein zweidimensionales Bild. Aber dann schaut sich jemand beispielsweise dieses Foto von sich selbst an und sagt, da schau ich aber schön aus! Dieses Bild, dieses flache Papier mit den Pigmenten drauf, hat also eine Realität erzeugt, die hauptsächlich im Gefühl, in den Gedanken und in der Erinnerung stattfindet. Das ist auch das, was mich beim ÖBV-Projekt fasziniert hat, nämlich mit Menschen in Kontakt zu kommen, die mit Kunst oder diesen Reflexionen um die Kunst nichts zu tun haben, die einfach ganz spontan und ungefiltert auf ihre Fotografien reagieren. Das setzt einen lebendigen Prozess in Gang, der kraftvoll ist, im Negativen wie auch im Positiven.
Manche Theoretiker, Susan Sontag z. B., betonen ganz stark den aggressiven Charakter der Kamera, das Lauernde und den Aspekt des Raubens. Gab es keine Abwehr von Seiten der ÖBV-Mitarbeiter?
Die Idee der Aggression in Zusammenhang mit der Fotografie ist eine Idee, die sich relativ lange gehalten hat. Ich sehe den Akt des Fotografierens eher als neutral - es ist schlussendlich immer das, was Menschen daraus machen. Wenn man sozusagen aus dem Hinterhalt, mit versteckten Teleobjektiven und ohne Einverständnis arbeitet, dann ist die Kamera tatsächlich räuberisch - aber dorthin würde ich mich nicht stellen wollen, weil ich immer mit dem Einverständnis der Menschen arbeite, die ich fotografiere. Beim ÖBV-Projekt hat der Kommunikationsprozess, das Kennenlernen der Menschen und ihrer Tätigkeit in der Firma, eine zentrale Rolle gespielt. Die Kamera als mein Arbeitsinstrument hat mir Bereiche eröffnet, zu denen ich sonst keinen Zugang hätte, und die Menschen waren erstaunlich offen, Außerdem stand es jedem Mitarbeiter der ÖBV frei, sich auf dieses Projekt, aufs Fotografiert werden einzulassen oder nicht.
Das Projekt in der ÖBV ist ein abgeschlossenes Ganzes und steht für sich. Der Großteil Ihrer Arbeiten bewegt sich jedoch auf einem anderen Terrain. Mir scheint, dass Ihr Hauptanliegen ist, eine Brücke zur Malerei zu schlagen.
Das ist richtig. Die Malerei hatte für meinen Zugang zur Fotografie immer schon einen großen Stellenwert. Wie man Welt betrachtet, wie man komponiert, Farben zueinander stellt... Ich schöpfe aus beiden Quellen, Wobei ich nicht die Fotografie in die Malerei nehme oder umgekehrt, sondern versuche, die beiden Medien miteinander zu verknüpfen und etwas Drittes daraus entstehen zu lassen.
Sie bearbeiten die Fotografien am PC, Sie lösen Strukturen und Bildteile heraus und komponieren neue Bilder. Könnten Sie diesen Vorgang der digitalen Bearbeitung etwas näher beschreiben?
Neue Bilder entstehen bereits beim Akt des Fotografierens. Die Wahl eines ganz bestimmten Zeitpunkts, um einen Weltausschnitt in eine digitale Form zu bringen, definiert schon ein ganz bestimmtes Bildmaterial. Der digitale Fotoapparat hat zudem eine andere Bildsprache als der analoge bzw. eine andere Form der Bildaufzeichnung. Digitale und analoge Fotografie sind für mich grundsätzlich ganz verschiedene Medien. Das digitale Bild, das ich auf meinen Bildschirm bringe bzw. dort generiere, beinhaltet bereits einen sehr großen Selektions- und Interpretationsprozess.
Sie bevorzugen bei Ihren fotografischen Streifzügen bestimmte Tageszeiten, nämlich die Abend- und Morgendämmerung, also Zeiten, wo Sie ganz bestimmte fotografische Situationen vorfinden.
Das ist eine bewusste Entscheidung, zu dieser Dämmerungszeit in der Großstadt mit dem Fotoapparat auszuziehen. Mich interessiert dieses „in between", wenn das Tages- und Nachtlicht sich mischen. Hier öffnet sich ein Raum, der weder im hellen Tageslicht noch im dunklen Nachtlicht zu erfahren ist. Ein Raum, der größer wirkt als der durch Tag oder Nacht definierte und der dann auch eine eigene Technik erfordert, wo mir die Arbeitsweise der digitalen Kamera entgegenkommt. Es kommen dann Bilder zustande, die eher Assoziationen freilassen und eher mit der Gefühlsebene arbeiten, als wirklich etwas erkennen zu lassen.
Ich habe überhaupt den Eindruck, dass Ihre Fotografie mehr einen inneren Raum kreiert als einen äußeren dokumentiert. Mir scheint, dass Ihr Zugang ein meditativer ist.
Im Sinne der Konzentration, der Versenkung, ja. Es ist, als wenn man alle Poren aufmacht und versucht wahrzunehmen, was da ist. Die Schwingungen, die Lichter, die Schatten, die Bewegungen in ihrer Essenz. Beispielsweise nicht einfach die Farbe Rot sehen und benennen, sondern auch spüren, was da mitschwingt in diesem Farbspektrum. In diesem Sinne ist es eine sehr meditative Arbeit.
Sie haben als Lieblingsort London gewählt. Sie haben sich dort längere Zeit aufgehalten und ein Postgraduate-Studium absolviert - was fasziniert Sie so an dieser Stadt?
London fasziniert mich als urbaner Raum - aber auch andere Megacitys wie z. B. Paris, Mexico City oder Bombay üben eine besondere Anziehung auf mich aus. Mich fasziniert es, das Leben in diesen Megacitys zu beobachten, mich in diese Flüsse von Menschen und Waren hineinzubegeben und mich mit diesen Strömen durch die Stadt treiben zu lassen. Ich versuche sie wahrzunehmen, sie zu visualisieren und in meine Bilder zu übertragen.
In letzter Zeit haben Sie sich intensiver mit Video auseinander gesetzt, wobei Ihre Videos fast mehr den Charakter von Stills, von montierten Einzelbildern, denn von Filmen haben. Mir scheint, Sie spielen da auch mit diesem „in between" zwischen Fotografie, also stehendem Bild, und Video. Zum Beispiel beim Blick aus dem Fenster, der ja ein klassischer Topos der Malerei ist, wo Sie einen Ausschnitt der Welt immer wieder absuchen bzw. über einen Raster aufbauen. Sehe ich das richtig so?
Ja, das finde ich eine gute Interpretation und Beschreibung. Ich nehme die Videosequenz, wähle aus, auf welchen Schwenk ich mich konzentrieren möchte, splitte das Video in Einzelbilder auf und überarbeite diese scheinbar realen Bilder, indem ich sie in einen malerischen, zeichnerischen Kontext überführe. Wenn ich die Bilder überarbeitet habe, setze ich sie wieder als Laufbilder zurück ... Die Idee dahinter ist, mir etwas wirklich anzuschauen, immer wieder zurückzukommen, immer wieder dorthin zu gehen, wo ich scheinbar schon alles wahrgenommen habe, und mir die Zeit zu geben, wieder hinzuschauen.
Interview: Martha Bösch
