ÖBV-Veranstaltungen und Events 2001
Ilse Aichinger: Kurzschlüsse
ÖBV Atrium, Grillparzerstr. 14, 1010 Wien
Lesung am 3.10.2001 um 19 Uhr
Eine literarische Wien-Reise mit der bekannten österreichischen
Schriftstellerin Ilse Aichinger, deren Ausgangspunkt zwar
bekannte Plätze und Straßen bildeten, deren Ziel
es aber nicht war, "Bekanntes und Sehenswürdiges"
aufzusuchen, sondern "Bekanntes" zu entfremden und
"gewohnte Zusammenhänge aufzulösen".
Nach rund 50 Jahren liegen die Prosagedichte Aichingers zu ihrer Geburtsstadt, die "sie 1938 bis 1945 nicht verlassen durfte und eben deshalb später nicht mehr verlassen konnte" (Simone Fässler) nun erstmals gesammelt vor. Der junge österreichische Verlag Edition Korrespondenzen präsentierte das sorgfältig gestaltete Buch mit CD anlässlich des 80. Geburtstags der Autorin im ÖBV-Atrium.
Als "Reiseleiter" kommentierte der Literaturwissenschaftler Richard Reichensperger die Texte und bot so fundierte Hilfestellung zur Erschließung der beim ersten Mal Lesen oder Hören nicht unbedingt leicht verständlichen Texte.
Denn ein Fremder, der die Stadt besucht, sei immer auf Attraktionen und Ungewöhnliches aus, "als Einheimischer zum Bild einer Stadt zu kommen, erfordert andere, tiefere Motive, Motive dessen, der in das Vergangene statt in das Ferne reist", ein Vergleich Walter Benjamins, zitiert von Richard Reichensperger, der sich selbst als "eine Art Führer durch die Unterwelt" bezeichnete.
Eine Welt, in der Schwellenerfahrungen, die Erfahrung des Überschreitens von Grenzen, nicht nur zwischen Bezirken, sondern auch innerhalb von Bezirken sehr häufig vorkommt.
Der "Blindheit der Gewöhnung" die "Sicht
der Entfremdung" entgegenzusetzen, müsse in Zeiten
der Normalisierung bewusst geübt werden, ist auch Ilse
Aichinger überzeugt.
Denn "der Columbus von heute muss nicht die fremde Welt
bekannt machen, sondern die allzu bekannte fremd".
Im Gespräch mit der Schweizer Literaturwissenschaftlerin
und Herausgeberin des Buches, Simone Fässler, begründet
sie damit auch die Wahl des Titels: "Kurzschlüsse",
dass nämlich "Augenblicke ohne Kurzschlüsse
mindestens ebenso unerträglich sein können wie Kurzschlüsse,
dass aber beide gegenseitig sich bestätigen."
"Der Kurzschluss ist die Vollendung der Katastrophe,
die sich aus sehr vielen Nichtkurzschlüssen ergibt, die
für mich aber schlimmer sind."
