ÖBV-Veranstaltungen und Events 2001
Das Jahrhundert der Avantgarden
ÖBV-Atrium, Grillparzerstr. 14, 1010 WienSymposium 30. November - 2. Dezember 2001
Veranstaltet vom IWM (Institut für die Wissenschaften vom Menschen) unterstützt vom Kulturamt der Stadt Wien
In den Begriff der Avantgarde ist bereits das geschichtsphilosophische Credo der Moderne eingeschrieben. Mit der Metapher des Avantgardistischen wird offensiv ein Terminus aus der Kriegsführung in die Geschichte übertragen: Im Heerzug der Moderne gegen ihre Feinde soll die Kunst die Vorhut des Fortschritts gegen die Tradition bilden. Seit ihren ersten Anfängen in der frühen deutschen Romantik ist die Avantgarde den großen Narrativen der Moderne verpflichtet gewesen. Sie versteht sich als Stoßtrupp des Neuen, Nie-Dagewesenen, Unerhörten, der Freiheit und des Fortschritts.
Hier einige Gedanken zur Thematik des Symposiums:
"Die Vorstellung einer "Vorhut"-Funktion der Künste und der Künstler für die Gestaltung der Zukunft, insbesondere einer anderen, besseren Gesellschaft, und das bedeutet, die Vorstellung eines Zusammenhangs von Kunst mit Fortschritt, Modernität und Erneuerung hat den Begriff von Kunst, Literatur und Musik im 20. Jahrhundert wesentlich geprägt. Am Beginn des neuen Jahrhunderts erscheinen die Grundlagen dieser Vorstellung tiefgreifend verändert. Die Verstrickungen der Avantgarde mit den großen totalitären Systemen, die Enttäuschung der Utopien der Moderne, der Einbruch strikter Grenzen zwischen Kunst und Massenkultur, sind die wichtigsten Faktoren dieses Wandels. In seiner Folge ist das Konzept von Kunst zur Disposition gestellt, gilt es das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft neu zu bestimmen."
Auszüge aus den Statements der Referenten:

Surrealismus und Postmoderne
Ausgehend von der Frage, ob es heute noch einen anderen als antiquarischen Umgang mit den historischen Avantgardebewegungen gibt, führt der Verfasser zunächst Argumente ins Feld, die gegen eine mögliche Aktualität der Avantgarden sprechen; weist dann - anknüpfend an Ergebnisse seiner Studie Ursprünge des postmodernen Denkens (Velbrück 2000) - auf Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen Surrealismus und postmodernem Denken hin; um schließlich die Bedeutung der Avantgarden für die Gegenwart nicht in einer Wiederholung avantgardistischer Einstellungen zu suchen, sondern in einer Reflexion, die das postmoderne Denken (gerade in seinem Spannungsverhältnis zum Surrealismus) als Symptom unserer Zeit ernst nimmt.
Wolfgang Müller-Funk
Prophetie und Ekstase.
Avantgarde als säkulare Erweckungsbewegung
Um das Verhältnis der Avantgarden des 20. Jahrhunderts
zur Religion angemessen zu begreifen, scheint es sinnvoll,
sich noch einmal die Bedeutung von Säkularisierung zu
vergegenwärtigen. Noch immer wird diese als ein Aufzehren
religiöser Energien oder als eine ideologische Umbesetzung
von Religion verstanden. Es lässt sich aber zeigen, dass
Modernität ein Freisetzen von religiösen Energien
impliziert, so wie dies Friedrich Schleiermacher, ein Weggefährte
der protoavantgardistischen Romantik in seinen Reden über
Religion beschrieben hat.
Ekstase und prophetisches, mächtiges Sprechen sind Elemente
solcher 'Aneignung' des Religiösen in der Kunst und durch
die Kunst. Kunstreligion bedeutet dabei stets zweierlei: dass
Kunst zum Ort eines von der Tradition entbundenen religiösen
'Komplex' avanciert, und dass Religion umgekehrt selbst Kunst
und Poesie wird. Das impliziert eine gewisse Toleranz und
Ironie. So lassen sich zentrale Manifeste der Avantgarde von
der Romantik bis in die 30er-Jahre als ästhetische Evangelien
lesen, die unter Vorbehalt stehen. In dieser Hinsicht nehmen
die klassischen Avantgarden mit ihren theatralischen Posen
ihren quasi-religiösen Gesten, die sich selbst dementieren,
Momente des Postmodernen vorweg.
Christina von Braun
Gab es eine 'christliche' und eine 'jüdische' Avantgarde?
Die Avantgarde bezeichnet u.a. eine Etappe des Säkularisierungsprozesses
- wie dieser auch immer definiert werden mag, ob als 'Verlust',
'Überwindung' religiösen Denkens oder als Weltwerdung
religiöser Botschaften. Damit steht die Avantgarde auch
im Zentrum der unterschiedlichen Säkularisierungsprozesse
christlichen und jüdischen Denkens: Offenbart sich in
der christlichen Säkularisierung die Bemühung, das
Geistige in der Welt, dem Leben 'aufgehen' zu lassen, so verweist
der 'jüdische' Säkularisierungsprozess eher auf
die Bemühung, auch außerhalb der Synagoge jüdische
Denktraditionen aufrechtzuerhalten.
Spuren beider Entwicklungen zeigen sich in den Werken vieler
Künstler und Intellektueller der Avantgarde. Die Frage,
die sich stellt, könnte verkürzt lauten: Lassen
sich die Paradoxien der Avantgarde mit ihren Innovationen
und Traditionen auch aus der Fortführung des alten Widerspruchs
zwischen jüdischem und christlichem Denken lesen?
Michael Müller
Avantgarde, Subjekt und Massenkultur
Die avantgardistische Programmatik sieht unter den depravierten
Lebensbedingungen urbaner Agglomerationen und industrieller
Arbeit in großen Kollektiven, deren Mitglieder denselben
Arbeits- und Lebensdiktaten unterworden sind, kurz: in den
Lebensbedingungen der "Masse Mensch", wie der damalige
Zeitgeist formulierte, die menschliche Individualität
erloschen. Auf der Seite des Bürgertums wurde sie bereits
seit längerem nur noch als blutleere Fassade aufrechterhalten,
hinter der das Räderwerk des Profits ablief. "Individualität"
kann daher nur das Zukunftsprojekt eines "Neuen Menschen"
sein, der die Bedingungen seiner industriellen Lebenswelt
in großen Städten und Fabriken und die damit gesetzte
Gleichheit aller bewusst akzeptiert; eines Menschen, der dadurch
in die Lage versetzt wird, diese Lebenswelt für sich
und mit den Gleichen kulturell zu be- und verarbeiten.
Individualität manifestiert sich dann nicht mehr, wie
noch im bürgerlichen Verständnis, als auszeichnendes
Verhältnis zu Gegenständen und kulturellen Objektivationen,
als Verbrauch von möglichst singulären Gütern
und dichten Dekorationen, sondern ist als eine kulturelle
Haltung das individuelle Resultat einer kollektiven Anstrengung.
Individualität ist Resultat einer bewusst erfahrenen
Vergesellschaftung, die aus der Blindheit ihres naturprozesshaften
Geschehens befreit werden soll. Dem aber geht geschichtlich
die Einebnung "künstlicher" Unterschiede, die
Zerstörung der aus dem Bürgertum übernommenen
Individualismus-Vorstellungen voraus.

Über Aviatisches - d'Annunzio, Marinetti, die Avantgarde und der Faschismus
The discussion of the Italian avantgarde inevitably centers
on Marinetti, the Futurists and, perhaps to a lesser degree,
on Gabriele d'Annunzio's who may have been a "futurist"
in his life rather than in his art. Marinetti and his friends
were suspicious of d'Anunzio's mythologizing gestures and
his old fashioned poetry, but, as pilot and public figure,
d'Annunzio was much closer to an impersonation of their ideas
than they cared to admit.
A comparative view of d'Annunzio's Dithyramb IV (on Icarus)
and Marinetti's poetic report on Lt. Piazza's attack on Arab
trenches (l912, the first war use of airplanes recorded) would
show the difference between literary articulations, and yet
d'Annunzio's jottings while flying over Austrian positions
in WWI come close to Marinetti's "parole in libertà",
not to speak of d' Annunzio's "futurist" war raid
against Vienna (1918).
Griselda Pollock
Femininity, Modernity and Representation:
Sexual Difference and the Disjunctive Temporality of the Revolutionary
Avant-Garde
Of all the modernisations that have informed the radicalisation
of culture since the late 19c, that of sexual difference remains
radically unfinished. Emerging in the same moment as the modernisations
of subjectivity, language, science and social living through
metropolitanisation, the question of sexual difference plays
through them all but disjunctively. The restructuring of sexual
difference follows an interrupted history of delay and reconfiguration
and challenges both the normative histories of the avant-garde
and their temporalities. Drawing on the practices of women
in the visual arts, this paper will address the disjunctions
between the avant-garde moments in the late 19c and the 1930s
that have been recognised by dominant cultural and art historical
narratives and those moments that are particularly significant
in terms of a challenge to the hegemony of a phallocentric,
heterosexist and eurocentric concept of avant-garde as a particular
cultural formation of modernity. Considering the reasons for
the delay on the one hand, and, on the other, the displacement
of a conjunction of avant-garde and the radicality of the
feminine through three case studies from the late 19c, the
1920s and the 1970s, I will draw upon and re-write Julia Kristeva's
model of the avant-garde, semiosis, subjectivity and sexual
difference. A feminist reading of the concept and history
of differential avant-garde moments also challenge the teleological
premisses of a progressive movement to reinstate a structural
and social historical view of the ruined legacies of the modernist
project.
Terry Eagleton
Britain: The Curious Case of the Missing Avant-Garde
Why was there no flourishing avant-garde in early 20th century
Britain? The paper will examine British culture in the light
of the usual preconditions for the emergence of a major avant
garde, and suggest that it did indeed thrive, though in an
unpredictable place. There will also be some general materialist
speculations about the idea of the avant garde, along with
an attempt to see it in the light of certain ethical notions
delineated by Lacan and Badiou.

Die Transformation der Utopie einer Versöhnung von Kunst und Leben: vom Staat als Kunstwerk zum life-style des Individuums
Der Vortrag rekonstruiert das große Sehnsuchtspostulat
der Versöhnung von Kunst und Leben auf der Grundlage
eines modernisierungstheoretischen Ansatzes, der den Prozess
der Moderne als fortschreitenden Ausdifferenzierungsprozess
auffasst. Insofern als dieser Prozess die soziale Integration
zum Problem werden lässt, wird er seit seinen Anfängen
von Gegentendenzen begleitet, die entweder darauf abzielen,
die negativen Folgen der Fragmentierung und Pluralisierung
im Kontext der modernen Gesellschaft selbst zu kompensieren,
oder auf deren (revolutionäre) Überwindung in einer
künftigen Gesellschaftsformation, welche Einheit und
Zusammenhang wiederherstellen soll. Der Vortrag versucht die
Frage zu beantworten, warum und auf welche Weise dieses Thema
mit Theorie und Praxis von Kunst in der Moderne verbunden
war. Insbesondere soll die Persistenz der Vorstellung einer
Versöhnung von Kunst und Leben in der unmittelbaren Gegenwart
aufgezeigt werden. An der aktuellen Debatte um eine neue Lebens-Kunst
werden zugleich auch die grundlegenden Differenzen zur Situation
und zum Diskurs der Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts
sichtbar. Diese resultieren im wesentlichen aus dem Übergang
von einer Hegemonie der Politik zur Hegemonie der Ökonomie.
