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Balance

ÖBV-Veranstaltungen und Events 2001
Eva Enichlmayr: Balance

Schwarz-Grau-Weiß-Fotografien

ÖBV GD-Foyer, Grillparzerstr. 14, 1010 Wien
Ausstellung 5.8. - 30.9.2001

Künstlerisch präsentierte sich nicht nur PR-Mitarbeiterin Eva Enichlmayr, sondern auch GD Dr. Johann Hauf am Schlagzeug im Trio mit Sohn Boris am Saxophon und Joachim Tang/Bassgeige.

Pressesprecher Herbert Strohschein gratulierte mit einer Lesung aus seinem Buch Venetia und der ÖBV-Grafiker Axel Czjzek, zuständig u.a. für das gelungene Design der Zeitung ÖBV-aktiv, zeigte sein vielseitiges Talent und spielte mit dem Saxophon auf.

Ausstellungskuratorin Martha Bösch gab eine berührende Einführung zu den Bildern und fasste anschließend ihre Überlegungen auch schriftlich zusammen.

Zur Schwarz-Weiß-Grau Fotografie von Eva Enichlmayr
von Mag. Martha Bösch

Was hat das Ei mit dem Meer zu tun? So viel, wie das Individuum mit dem Rest der Welt zu tun hat. Das Ei - ein vollkommenes Objekt, eine weiße, geschlossene Form, ein geheimnisvolles Volumen. Ein starkes Symbol für das noch Verschlossene, noch nicht Begonnene, noch Unverletzte. Der Anfang des Lebens. Zerbrechlich, verletzlich, begrenzt.

Den Anfang des Lebens finden wir auch im Meer, im offenen - unbegrenzt, formlos, alle Formen im Rhythmus von Ebbe und Flut aushöhlend. Ein Rhythmus, der das individuelle Leben übersteigt und doch Urbild des Lebens ist im unaufhörlichen Wechsel von Werden und Vergehen.

Ich meine von nichts weniger als vom Werden und Vergehen erzählen uns die Fotografien von Eva Enichlmayr. Es ist der Balanceakt zwischen Geburt und Tod, gemeinhin Leben genannt. Ein Balanceakt zwischen Dynamik und Form, zwischen Helligkeit und Dunkelheit, zwischen Erzählen und Verstummen.

An der Oberfläche geht es Eva Enichlmayr um Formen und Strukturen, die sie aus ihren Fundstücken und Natur-Ausschnitten herausarbeitet. Es sind gegensätzliche Strukturen, die die Fotografin in Serie anordnet und dadurch einen weiteren Abstraktionsschritt vornimmt. Starr oder dynamisch, Gitter oder Kreise, Geflechte oder Risse, wellenförmige Bewegungen oder statische Linien in Vertikale, Diagonale oder Horizontale: Charakteristisch ist die konzentrierte Herauslösung der Strukturen, ein stark graphisches Moment, das in den Solarisationsarbeiten bereits dominiert.

Aber die Bilder sind auf dieser Ebene nicht wirklich festzumachen. Ein eigenartiges Changieren ist ihnen zu eigen, sie lassen sich weder auf der konkreten Materialebene noch auf der abstrakten Strukturebene festlegen, sondern behaupten in beiden Bereichen ihren Eigen-Sinn.
Wenn sich der Betrachter auf sie einlässt, beginnt sich eine dritte, narrative Ebene zu entwickeln, die sich aus dem assoziativen Zusammenspiel der Motive und Strukturen entfaltet und konkrete menschliche Erfahrungen anspricht.

Eine stille Zwiesprache entsteht zwischen den Gesten des Fließens und des Erstarrens, zwischen den Bewegungen des sich Öffnens und Verschließens. Sich Verpuppen, Einspinnen - Herausbrechen, sich Öffnen. Den Vorgängen des Werdens und des Vergehens ist eine reiche Bildersprache zu eigen, die sich wiederum aus einer Vielzahl struktureller Prozesse speist: Furchen, Hüllen, Kapseln, Knospen... Schnitte, Risse, Vernarbungen, Verknorpelungen... Verdorrendes, Vermoderndes, Verfallendes.

Eva Enichlmayrs Augenmerk richtet sich auf die organischen Kreisläufe und deren Erscheinungsformen. Die Herausarbeitung von Strukturen erscheint als magische Verdichtung jener Momente des Werdens und Vergehens.

Eine andere Gruppe von Fotografien stellt eine lose verbundene Abfolge von Gegenständen dar, die sich symbolisch aufladen, sich aber der Deutung gleichzeitig entziehen. Ein angefangener Brief mit dem liegen gebliebenen Stift, eine gepflückte Mohnblume, die, von Tautropfen umglitzert, den kostbaren Moment der Frische auf paradoxe Weise konserviert, ein Glasperlenspiel, das nicht gespielt wird, ein Hintergrund, der zur Hauptsache wird und seine weichen Linien zieht... Die Anordnung der Bilder hat etwas Narratives, aber es sind Fragmente von Erzählungen, die sich nicht rekonstruieren lassen. Es ist das poetische Moment und nicht das Naturalistische, das ihre Essenz ausmacht.

Eva Enichlmayr fotografiert meist auf ihren ausgedehnten Wanderungen - im weiträumigen und luftigen Gehen ergeben sich die Augenblicke erhöhter Konzentration, in denen die Natur sich lesbar zeigt und in denen unscheinbare Objekte zu sprechen beginnen - in einer Sprache, die die Fotografin entwickelt und an deren Grammatik sie fortlaufend arbeitet.

Die Studioarbeiten ergänzen die Außenaufnahmen ohne dass ein Bruch entsteht, denn die einerseits thematisch, andrerseits strukturell orientierte Arbeit der Fotografin stellt immer wieder überraschende Dialoge her.

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