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ÖBV-Veranstaltungen und Events 2001
Walter Stach und Peter Kainz: IO - Zwölf digitale Metamorphosen

ÖBV-Atrium, Grillparzerstr. 14, 1010 Wien
Ausstellung : 30. August bis 9. November 2001

 

Zur Person: Walter Stach

Geboren 1946 in Wien • verheiratet mit Dr. jur. Anna Sporrer • gemeinsames Kind: Hannah Elena Stach • 1967-1971 Studium an der Akademie der bildenden Künste und an der Universität Wien • Lehramtsprüfung für Bildnerische Erziehung und Werkerziehung • 1972-1988 AHS-Lehrer • 1974/75 Lehrtätigkeit an der Pädagogischen Akademie des Bundes in Wien • 1975-1982 Lehrtätigkeit an der Akademie der bildenden Künste in Wien / Institut für Bildnerische Erziehung und Kunstwissenschaft • 1980/81 Pädagogischer Mitarbeiter am Museum moderner Kunst Wien • 1982-1986 Lehrtätigkeit an der Universität Wien / Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte • 1988-1992 Museumspädagogischer Dienst Wien; Co-Leitung • 1992/93 Projekt Kulturvermittlung am Zentrum für Schulversuche und Schulentwicklung des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst; Leitung • 1993-2003 Büro für Kulturvermittlung; Geschäftsführer des Vereins • Weiters:

Arbeiten im Bereich der LehrerInnenfortbildung und der Erwachsenenbildung • Planung/Organisation/Mitwirkung/Leitung von/an Fachveranstaltungen • Jurytätigkeiten • Initiierung / Planung / Organisation / Mitwirkung / Leitung von/an Sozial-, Kultur-, Kunst- und Bildungsinitiativen und -Projekten

Buch- und zahlreiche andere Publikationen (Auswahl): „Eigentlich spreche ich ja eine andere Sprache, aber trotzdem haben wir immer gut miteinander gesprochen", Dieter Schrage, Videofilm, gem. mit Michael Pilz. StadtFilmWerkstatt St. Pölten 1992 • „Das Nützliche und das Fremde", gem. mit Gabriele Stöger u. a. Wien 1992 ff, • „Lügen" Ein thematisches Ausstellungs- und Vermittlungsprojekt. In: Neues Museum Nr. 1/1997 • „Ein Abend der offenen Säle" Eine Vermittlungsaktion zu den wiederhergestellten Redoutensälen. In: Neues Museum Nr. 2/3 1997 • „Vermittlung -Lust an der Kommunikation" In: Impuls Vermittlung, 4 Modelle zur Vernetzung österreichischer Regionalmuseen. Wien 1998 • „Museumsreife auf dem Prüfstand", gem. mit Andreas Hoffer. In: DER STANDARD 24./25. Mai 2003 „Eros" - „Lügen" - „after six", Partizipatorische Kultur- und Kunstvermittlung in Museen; gem. mit Susanna Gruber u. a. Wien 2003

Interview:

Ihre Bilderserie „IO" beruht auf einer sehr intensiven Beschäftigung mit dem Gemälde „Jupiter und lo" von Correggio, das in Wien im Kunsthistorischen Museum hängt. Was bedeutet Ihnen dieses Bild? Warum haben Sie es ausgewählt?

Dieses Bild hat mich immer schon fasziniert. Ich spüre darin eine zutiefst menschliche Beziehungssituation verborgen und beschrieben. Über meine einzelgängerische Zwiesprache hinaus habe ich in meiner Arbeit als Kunstvermittler immer wieder mit Besuchergruppen auch und besonders zu diesem Bild assoziativ Zugänge erarbeitet. Das waren durchwegs Menschen, die keinen selbstverständlichen Zugang zu Kunst haben, und besonders das hat meine Interpretationsfacetten des Bildes immer wieder erweitert. Außerdem ist es ein phantastisches Stück Malerei.
Dazu kam damals aktuell eine sehr schmerzhafte persönliche Erfahrung, die meine Beziehung zu diesem Bild - oder des Bildes zu mir - noch intim vertieft hat. In dieser Zeit entwickelten sich Bilder in meinem Kopf, die ich dann gemeinsam mit meinem Arbeitspartner Peter Kainz „materialisiert" habe. So entstanden schließlich die „Zwölf digitalen Metamorphosen zu Correggios Jupiter und IO".

Diese Metamorphosen sind sehr vielschichtig und differenziert. Sie haben sozusagen die lo aus der Umarmung des Jupiter herausgelöst und sie in unterschiedlichste Zeit-, Orts-, Traditions- und Bedeutungsebenen eingebettet. Was waren für Sie die wichtigsten Aspekte?

Eben die Komplexität dieser verschiedenen Aspekte hat das Projekt für mich so spannend gemacht, Mit zunehmender Beschäftigung haben sich immer mehr Wahrnehmungsstränge ergeben, Etwa, wie wenn man vom Weltraum bis in die Molekularstruktur der Erde schauen würde. Es wird immer dichter und dichter oder weiter und beides.
Schon alleine aus dem Buchstabentitel I und O ergeben sich vielfältige Assoziationen. Man kann die beiden Zeichen als Eins und Null sehen - die die Basis der gesamten digitalen Welt darstellen - oder das italienische „Ich" darin lesen oder den lateinischen Ausruf der Freude. Es kann aber auch Zehn heißen oder eben lo als Gestalt der griechischen Mythologie benennen. Und; Seit seiner Entdeckung durch Galilei umkreist lo für uns sichtbar als Jupitermond - übrigens der einzig vulkanisch aktive Mond in unserem Sonnensystem - den größten Planeten, l und O bilden übrigens auch auf der Computertastatur ein Paar. Letztlich geht es bei Correggios Gemälde und bei meinen Fotobildern um das Urthema der Mann-Frau-Beziehung, und hätte ich ein Thema für den gesamten Arbeitskomplex angeben müssen, hätte er „Verführung" gelautet, denn Verführung ist und hat auch immer etwas enorm Vielschichtiges, Vieldeutiges.

Sie kommen eigentlich von der Malerei. Ist diese digitale Umsetzung - wie bei den Metamorphosen - nicht ein sehr abstrakter, unsinnlicher Vorgang im Vergleich zur Malerei?

Das malerische Tun ist ein Erlebniswert für sich. Allerdings ermöglicht mir der Computer eine passendere Darstellungsweise für das, was ich vorhabe. Es ist wie mit Traumbildern, die haarscharf und haargenau sind und die ich in „altmeisterlicher" Technik nie so perfekt umsetzen könnte. Es gelingt viel besser mit einem Partner wie Peter Kainz, der sein „Handwerk" absolut professionell beherrscht und mit dem die Kooperation wunderbar funktioniert, Jeder von uns beiden hat sein Spezialgebiet, und jeder versteht von dem Gebiet des anderen gerade so viel, um miteinander kreativ kommunizieren zu können, aber nicht so viel, dass man Gefahr läuft, einander in die Quere zu kommen.
Für mich ist eben - und das ist eine individuelle Entscheidung - der Computer ein sehr gutes Produktionsmittel zur Bildherstellung. Und letztlich kommt es ohnedies nur auf die gute Idee an. Ohne gute Idee kommt auch bei bester technischer Ausstattung nichts zustande - weder auf dem Bildschirm noch auf der Leinwand. Und auch bei der Arbeit mit dem Computer entsteht viel Spontanes während des Arbeitsprozesses - genauso wie in der Malerei nicht einfach eins zu eins gemalt wird, was im Kopf vorhanden ist.
Als wir die lo - als ein Beispiel - aus ihrer Umgebung lösten, hatte ihre Rippenflanke, wo sie im Original von der Wolken verhüllten Hand umfasst wird, ein „digitales Loch". Wir haben dann aus einem Bild Parmigianinos, dem „bogenschnitzenden Amor", das im Museum der „lo" gegenüberhängt, ein Stück aus seiner Flanke herausgeschnitten - nein: nur herauskopiert! - und der lo „implantiert". Das war eine gute Assoziation.
Manche Bilder, die ich für die Serie vorgesehen hatte, haben sich als unbrauchbar, weil vielleicht nicht intensiv genug erwiesen. Es entstanden aber auch während der Arbeit „Nebenprodukte", aus denen ganz eigenständige Bilder wurden. Der „kreative Akt" ist natürlich auch von der Technik mitbestimmt, aber trotzdem ist auch diesbezüglich das eigene Vermögen oder Unvermögen ausschlaggebend für das Ergebnis und nicht primär „die Technik" selbst.
Auch die Bildbeschaffung war zum Teil sehr aufwändig und schwierig. Die anatomischen Aufnahmen für Bild Nummer neun zum Beispiel sind Originalaufnahmen aus dem Unfallkrankenhaus Meidling. Ich bin nicht nur einmal aus der Telefonleitung gefallen, als ich reihum bei Spitälern um Fotos von abgerissenen Armen gebeten habe. Und die zuständige Dame von der Berliner Nationalgalerie musste ich mit viel Charme beknien, bis sie mir das Menzel-Ektachrom für IO acht raus gab. Für die Aufnahmen, die ich von der NASA gebraucht habe, bin ich per E-Mail quer durch alle Abteilungen gewandert. Das war alles mühsam, aber auch spannend, weil ich dabei viel kennen gelernt habe.

Das heißt, Sie haben viel Geduld?

Ja, aber wenn das angestrebte Zielgebiet und der Polarstern dazu einmal klar zu sehen sind, ist es auch eine große Freude, Was mir natürlich auch zugute kam, ist, dass ich von Beruf Kunstvermittler bin und einen großen Bildfundus, ein großes Bilderreservoir im Kopf habe.

Sie haben die Bilderserie zweimal in sehr unterschiedlichen Umgebungen gezeigt: einmal im Theseustempel im Wiener Volksgarten, einem neoklassizistischen Bau, und dann im ÖBV-Atrium, einem Raum mit zeitgenössischem Ambiente. Wie hat das für Sie zusammen gepasst?

Den Theseustempel hat der Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums vorgeschlagen, Wilfried Seipel, und mir hat die Idee sehr gut gefallen. Es hat sich eine sehr überzeugende Korrespondenz zwischen den Säulen außen und den langen, schlanken Bildern innen ergeben. Auch die künstliche Natur, die den Tempel im Volksgarten umgibt, hat sehr gut gepasst. Und außerdem hat der kompakte, isolierte Raum auch eine Reihe ungewöhnlicher Vermittlungsaktivitäten zur Ausstellung erlaubt.
Das ÖBV-Atrium ist natürlich völlig anders; aber da die Bilder heutige sind, passen sie auch sehr gut in ein zeitgenössisches architektonisches Ambiente. Die sich über fünf Geschoße ziehenden Pfeiler stellten auch einen idealen Bildhintergrund dar.
Ich hatte dann noch ein sehr berührendes Erlebnis mit der Schriftstellerin Ilse Aichinger. Ihr Buch „Kurzschlüsse" wurde im Atrium präsentiert, während meine Ausstellung hing. Ich habe mich ihr als der Hersteller bekannt gemacht und sie hat mir als Widmung in ihr Buch geschrieben: „Ihre Bilder haben mir sehr geholfen." Ich glaube nicht, dass das nur eine Höflichkeitsformel war.
Ich habe mich auch, das möchte ich an dieser Stelle noch betonen, sehr gefreut, dass ÖBV-Generaldirektor Johann Hauf mich eingeladen hat, in seinem Haus auszustellen, und dass er auch die Aufführung der Komposition von Christoph Cech ermöglicht hat,

Haben Sie zu einem der Bilder eine spezielle Beziehung?

Ich habe zu allen eine spezielle Beziehung. Zu einem zum Beispiel, weil es den Schmerz, den ich damals durchlebte, besonders stark zum Ausdruck bringt, zu einem anderen, weil es die Liebe heraushaucht. Ein anderes, für das ich ein Stückerl Goya verwendet habe, mag ich, weil es die traurige Lächerlichkeit meines Unterfangens darlegt. Wiederum ein anderes - das 3,5 Meter lange Bild mit der Milchstraße und dem lo-Mond - grenzt ja schon fast an Kitsch, oder?
Ich habe auch Gespräche zu meiner Ausstellung angeboten und mir ist aufgefallen, dass ich dabei nie das Gleiche zu den Bildern gesagt habe. In diesen Gesprächen habe ich bemerkt, dass mir selbst auch immer wieder etwas anderes dazu einfällt, und darüber freue ich mich.

Umfassend war Ihre Ausstellung nicht nur in Bezug auf die einzelnen Bildthemen. Es gab auch ein umfangreiches Begleitprogramm ...

Ja. Es hat mich sehr gefreut, dass das Thema und die Bilder für den Komponisten Christoph Cech so anregend waren, dass er dazu etwas Neues schreiben konnte. Das Stück „reaktIOn - 11 vorausgeahnte Klangereignisse zu Walter Stach zu Correggio .Jupiter und lo' für 4 Sängerinnen, Posaune/Tenorhorn und Synthesizer" mit einem Libretto von Herbert Maurer wurde sowohl im Theseustempel als auch in der ÖBV aufgeführt.
Der Schriftsteller Martin Kubaczek hat für den Katalog eine Geschichte geschrieben, die mit einem Verführungsversuch zusammenhängt: Kubaczek bekam in den USA von Jaron Lanier, dem Erfinder des Begriffs „virtual reality" und des „data-glove", einen Anrufbeantworter geschenkt. Als er den dann in Japan, wo er damals lebte, anschloss, merkte er, dass sich noch ein besprochenes Tonband darin befand mit der Stimme eines Mannes, der versuchte, seine Frau zu überzeugen, wieder zu ihm zurückzukommen. Daraus hat Kubaczek dann seine „japanisierte" Geschichte entwickelt.
Mit meinem Partner Peter Kainz habe ich an einem Sonntagvormittag eine Arbeitsdemonstration live geboten, mit Professor Ernst Göbel eine astronomische Beobachtung des Jupiter und seines Planeten lo auf der Universitätssternwarte, Und meine Frau, eine Juristin, hat noch ein Stegreifdramolett organisiert, ein fiktives „Tribunal gegen Jupiter" - mit Caspar Einem als Jupiter, Elfriede Hammerl als Hera, Udo Jesionek als Richter -, das sehr witzig und gescheit war. Ein schönes Vermittlungspaket.

Interview: Eva Enichlmayr

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IO - Zwölf digitale Metamorphosen

 

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