ÖBV – Österreichische Beamtenversicherung, Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit – ÖBV Versicherung

Ingrid Simon

ÖBV-Veranstaltungen und Events 2001
Ingrid Simon: Present Continuous

ÖBV-Atrium, Grillparzerstr. 14, 1010 Wien
Ausstellung : 21. März bis 31. Mai 2001

Zur Person: Ingrid Simon

1965 in Wien geboren • 1983/84 Studium der Malerei, Akademie der bildenden Künste, Wien (Meisterklasse Wolfgang Hollegha) • 1984-93 Studium der Kunsterziehung, Hochschule für angewandte Kunst, Wien (Meisterklasse Peter Weibel, Meisterklasse Bernhard Leitner) • 1984-91 Studium der Romanistik (Lehramt Französisch), Universität Wien • 1986/87 Arbeit in der Druckgrafikwerkstatt „Atelier 17" von S. W. Hayter, Paris • 1988/89 Studium der Grafik, Ecole Nationale Superieure des Arts Decoratifs, Paris • 1991/1992/1993 Ausstattung experimenteller Spielfilme (Regie: Gabriele Mathes, Claudia Messmer) • 1994 Publikation (Bereich Kunsttheorie) „Vom Aussehen der Gedanken - Heinz Gappmayr und die konzeptuelle Kunst", Ritter-Verlag, Klagenfurt • 1995-98 Übersetzung kunsttheoretischer Publikationen aus dem Englischen und Amerikanischen ins Deutsche für den Ritter-Verlag, Klagenfurt, und den Verlag Gachnang & Springer, Bern • Lebt und arbeitet seit 1995 in Apulien, Italien

Teilnahme an Gruppenausstellungen
1986 „Sie - und Erfindungen", Raum Westbahnstraße, Wien • 1987 „Im Bauch des Biestes - Logokultur", Hochschule für angewandte Kunst, Wien • 1988 „Gegenüber" - Feminale IV WUK, Wien • 1989 „Fiac", Grand Palais, Paris • „Konfrontationen", Messepalast, Wien • 1997 „Festa del Mare", Hafengelände, Brindisi, Italien • „Zapping", Convento dei Benedettini, Matera, Italien • 2002 „Osservatorio Nomade", Cursi, Italien • 2003 „Osservatorio Nomade", Fondazione Adriano Olivetti, Rom • „Internere", Palazzo d'Elia, Casarano, Italien • „Crossing the Line", Kunsthalle Wien, Prag, Sofia • „Immigrationi, Trasformationi, Mutamenti Social", Macerata, Italien • „Forme di Aqua", Palazzo Belmonte Riso, Palermo

Einzelausstellungen
2001 „Present Continuous", ÖBV-Atrium, Wien • „Present Continuous", Thomas K. Lang Gallery, Wien

Interview:

Wie würden Sie den Kontext der Ausstellung im ÖBV-Atrium formulieren?

Ausgangspunkt dieser Serie waren für mich die Seiten eines Sprachlehrbuches, in dem die in den Übungstexten vorgegebene Kommunikationssituation zur Anregung und Verdeutlichung oft durch entsprechende Zeichnungen oder Fotografien illustriert ist. Ich habe mir die Frage gestellt, was geschieht, wenn man diese Abbildungen durch Bildmaterial aus einem vollkommen anderen Bereich ersetzt. Was ergibt sich daraus für die Bedeutung und Interpretation der Bilder, der Texte und schließlich für den gesamten Lesezusammenhang?
Die Fotografien in „Present Continuous" zeigen einen konkreten Ort mit den Relikten der Flucht existierender, wenngleich abwesender Personen. Die direkt neben den Bildern stehenden Texte, deren Lehrbuchlayout ich unverändert belassen habe, bestehen nun aus Fragen, Aussagen und Dialogen, die sich auf die Identität und Lebenswelt der/des Sprachlernenden beziehen, sowie aus Vorgaben von Standardsituationen, in denen sie/er verschiedene Rollen einnehmen soll. Das „l", „you", „he/she/it", „we" oder „they" in diesen Übungen findet hier seine Identifikation in der BetrachterIn selbst oder in den durch die Gewandstücke evozierten Personen. Die Aufforderungen zur Beschreibung von Heim und Heimat, von Vorlieben, Hobbys, Kleidung und Zukunftsplänen oder zur Anwendung von Begriffen wie „immer", „manchmal", „normalerweise" oder „nie" erlangen - oder verlieren - Bedeutung, legt man sie Menschen auf der Flucht in den Mund.
Der dokumentarische Charakter der Fotografien - und somit ihr Anspruch auf Authentizität - verleiht den Texten Realitätsbezug, während die Texte mit ihren konkreten Fragestellungen gezieltere Reflexionen zu der auf den Fotografien gezeigten Situation ermöglichen. Eine weitere Möglichkeit, die Texte und Bilder zu verbinden, ist aber auch, wie Monika Schwärzler in „Camera Austria" zu „Present Continuous" schreibt, „der Hinweis darauf, dass die Flüchtlinge im Prozess der Integration in eine andere Gesellschaft eine neue Sprache lernen müssen" und dass dabei „nicht das Erlernen von Vokabeln, sondern das Verinnerlichen von Lebensformen" aufgegeben ist.

Der Titel Ihrer Ausstellung „Present Continuous" war nach der Bezeichnung einer englischen Verbform gewählt. Sie benennt den fortgesetzten Moment, den andauernden Augenblick, eigentlich ein Paradoxon. Warum dieser Titel?

Ich finde, dass viele Ausdrücke und Bezeichnungen aus dem Bereich der Grammatik überraschend gute Metaphern abgeben. Man braucht sich an diesen sprachlichen Readymades sozusagen nur zu bedienen. „Present Continuous" bezeichnet im Englischen eine bestimmte Verbform der Gegenwart, die man benutzt, wenn man Personen und Dinge beschreibt oder wenn man das schildert, was gerade im Moment des Sprechens passiert. In dieser Arbeit geht es sowohl um Personen und Dinge als auch um das, was im Moment, da wir die Fotos und Texte sehen, unter Gegenwart verstanden werden kann, sowohl im Hinblick auf das, was die Arbeiten zeigen, als auch im Hinblick auf den/die BetrachterIn selbst.
„Present Continuous" spielt mit dem Begriff von „Gegenwart" in ihren beiden Bedeutungen: „das, was jetzt gerade geschieht" oder „Epoche". Will man „Present Continuous" inhaltlich interpretieren, dann kann man die Arbeiten als Reflexionsangebot zu der hier fotografierten Gegenwart verstehen, zu jenem spezifischen Moment, von dem die Fotos sprechen. Liest man es als Metapher, dann kommt dem Fotografierten allgemeinere Bedeutung zu und man wird auf die „ständige" Gegenwart einer Realität hingewiesen, die parallel zur und am Rande einer vorgeblich auf Gewissheiten beruhenden Wohlstandsgesellschaft existiert.

In den Arbeiten „Present Continuous" und davor „Sans Objet" thematisieren Sie das Verhältnis von Sprache und Gegenständlichkeit, es geht um unterschiedliche Wahr-nehmungsebenen und deren gegenseitige Beeinflussung - wenn man das so sagen kann. Ist das auch in anderen Arbeiten Ihre Thematik?

Ja, es ist das, was mich in meinen Arbeiten am meisten interessiert - ein sinnvolles neues Bedeutungsgewebe aus dem Zusammenspiel verschiedener Wahrnehmungsebenen zu schaffen. Das heißt nicht, dass meine Arbeiten ausschließlich Kombinationen aus visuellen und sprachlichen Elementen sind (wenngleich diese überwiegen), es können auch Kombinationen aus Fotografien und Objekten sein oder Performances. Die Form ergibt sich aus der Thematik, je nachdem, was der Ausgangspunkt der jeweiligen Arbeit ist. Das kann ein kurzer Text oder auch nur eine Wortfolge sein (wie etwa eine Reihe von Adjektiven), die ich dann gemeinsam mit Bildmaterial verarbeite, oder eine Serie von Fotografien, die nach Text ruft, oder auch ein Objekt, das ich sehe (meistens aus dem Haushaltsbereich), die Vorgabe einer Situation oder spezifischen Thematik, die im Weiteren den Ausschlag zu einer Pertormance gibt.
Es interessiert mich, wie wir zur Erschaffung von Bedeutung alle nur möglichen visuellen und sprachlichen Informationen, die ein Betrachtungsobjekt liefert, auf der Basis unserer Lese- und Sehgewohnheiten, unserer Vorbildung, unserer kulturellen Erfahrungen und täglichen Konfrontation mit Bild und Sprache verknüpfen, um sie „lesen", das heißt, verstehen und interpretieren zu können. Es interessiert mich, wie wir zum Beispiel imstande sind, Folgen von Verbkonjugationen oder einzelne Adjektive in Verbindung mit der Fotografie einer oder mehrerer Personen zu einer Art von Erzählung zu machen. Deshalb wähle ich als Texte zumeist Versatzstücke aus Grammatik- und Sprachbüchern, weil sie inhaltlich weniger festgelegt sind als andere Textformen und sich daher gut in verschiedenste Kontexte fügen.
Einmal habe ich eine Gruppe von Arbeiten unter dem Titel „La grammaire imaginaire", die imaginäre Grammatik, gemacht, und das waren dann etwa personifizierte Darstellungen von Verbformen, die der Titel benannte, oder ich habe Satzzeichen in Bildern verwendet, wie zum Beispiel eine menschliche Figur unter Anführungszeichen gesetzt („Entre guillemets"),
In Süditalien, wo ich am Meer lebe, hat mich diese Thematik dann zur Fotografie geführt, in sehr beschränktem Rahmen, nämlich unter Wasser. Dieses Element stellt für mich so etwas wie einen idealen Raum dar, nämlich einen ohne offensichtliche Perspektive: Man kann sich als BetrachterIn ganz auf die Personen konzentrieren, die sich darin bewegen. Ihre Mimik, ihre Blicke sind andere als über Wasser, und hat man eine Reihe dieser Fotos vor sich, fällt einem auch auf, dass alle Personen beinahe die gleichen Bewegungsabläufe vollziehen, die an Tiere erinnern. Dadurch sind die Fotos wie Studien einer Spezies, auch weil hier die Personen aus dem normalen menschlichen Lebensraum entbunden sind, und die Qualität der Fotos - schwarz-weiß, eher kontrastarm, oft dunkel - teilt ihrer Einschreibung in die Gegenwart eine sekundäre Rolle zu.
Ein bisschen ist es mit den Menschen auf den Fotos wie mit den Sprachelementen in meinen Arbeiten - ich muss sie isolieren, damit ich sie betrachten kann.

Sie leben in Süditalien - seit wann, warum? Inwiefern beeinflusst die Umgebung Ihre Arbeit?

Seit 1995 lebe ich hier in Apulien. Ich hatte im selben Jahr kurz zuvor bei einem Ferienaufenthalt ein Haus am Meer entdeckt, das zu verkaufen war, und nach einigem Zögern habe ich mich entschlossen, es zu erwerben. Zunächst dachte ich, abwechselnd in Wien und Italien leben zu können, aber erstens war ich nicht mehr in den Ferien, sondern ließ mich auf ein Leben an einem neuen Ort ein, den ich auch von Grund auf kennen lernen wollte, und zweitens begann meine Tochter im Jahr darauf hier in Italien mit der Volksschule, da kam es ohnehin nicht mehr in Frage, den Lebensort nach Belieben zu wechseln.
Die Umgebung beeinflusst meine Arbeit sehr stark, und dieses Umstandes bin ich mir ganz besonders bewusst geworden, seit ich in Süditalien lebe. Ich kam beispielsweise mit dem Plan her, Siebdrucke auf Plexiglas zu machen, Lichtobjekte, und das Erste, was ich machte, war stattdessen eine Performance, „Santa Maria dei rifiuti", die Prozession der heiligen Maria der Abfälle, die ich am Hafen von Brindisi im Rahmen einer Kulturveranstaltung von Legambiente, einer italienischen Umweltschutzorganisation, inszenierte (Thema waren die Verschmutzung des Hafens und die Inbetriebnahme eines Kohlekraftwerkes außerhalb von Brindisi): Zwei Helfer trugen entlang des Hafens eine Marienstatue vor mir her, während ich einen ironischen Text sang, den ich aus existierenden, leicht veränderten Mariengebeten gemacht hatte und in dem es um die Heiligsprechung und Segnung unserer Abfälle ging. Zuvor war mir nie in den Sinn gekommen, mich persönlich im Zuge meiner Arbeit zu präsentieren, aber in diesem Kontext schien es mir das einzig Richtige.
Auch das Wasser selbst wurde umgehend zu einem wichtigen Element in meiner Arbeit, Früher hat es mich immer angezogen. Aber jetzt sehe ich es noch dazu jeden Tag vor mir, es ist Teil meines täglichen Lebens geworden. Über die Unterwasserfotografien habe ich ja schon erzählt, sie sind definitiv aus meinen Beobachtungen und meinem spielerischen Fotografieren hier im Meer entstanden, Auch „Present Continuous" und andere Arbeiten, die damit in Zusammenhang stehen, sind aus der Realität entstanden, die sich praktisch vor meiner Haustüre abspielt. Ich bin überzeugt davon, dass ich in den letzten neun Jahren andere Arbeiten gemacht hätte, wenn mein Lebensort ein anderer wäre. Schließlich lebe ich ja nicht in einem Elfenbeinturm. Oder nur bis zu einem gewissen Grad.

Woran arbeiten Sie derzeit?

Da gibt es mehrere Dinge, an denen ich zur Zeit arbeite. Zunächst mache ich Fotografien einiger Gebäude des Acquedotto Pugliese, der apulischen Wasserwerke, und zwar Wassertürme und -Speicher, Außen- und Innenaufnahmen, als Ausgangsmaterial für eine Serie von Kombinationen mit Texten, die noch zu bestimmen sind.
Ich habe ein Video begonnen, das eine Art Wäscheballett zeigen wird. Die süditalienischen Wäscheleinen sind nicht nur Mythos, sondern an sonnigen Tagen überall präsente Realität, Ich filme sie in Großaufnahme, wo sie wie gesichtslose Personen erscheinen, die in wilden Gesten zu kommunizieren versuchen.
Sobald ich den Freundinnen, die mir treue Modelle sind, den wörtlichen Sprung ins kalte Wasser zumuten kann, möchte ich dann neue Unterwasserarbeiten machen: Frauenporträts, die sich in ihrem schwarzen Hintergrund und der hell ausgeleuchteten Haut der abgebildeten Frauen an den Porträts der Renaissance inspirieren, wobei die Enigmatik von Blick und Gestik der ursprünglichen Vorbilder den Haltungen und der Mimik entsprechen, die man zum Teil nur unter Wasser an den Tag legt.

Interview: Eva Enichlmayr

Lesen Sie dazu auch:

Infos zur Ausstellung

Österreichische Beamtenversicherung, Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit