ÖBV-Veranstaltungen und Events 2002
beyond. darüber hinaus
Ausstellung Heinz Lechner
ÖBV-Atrium, Grillparzerstr. 14, 1010 Wien
Ausstellung bis 22.12.2002
Stiegenglas,
Frauenau 1990, 107x85 cm
Mauerbruch
Wien 1992, 107 x 85 cm

Stiegenhaus
Wien 1992, vierteilig
Heinz Lechner kommt
es weder auf eine Dokumentation noch auf eine
Reportage, sondern einzig und allein auf das Sichtbarmachen
jenes geheimnisvollen Augenblicks an, in dem alles
stimmt das Licht, die Spiegelung, der Ausdruck,
jene innere wie äußere Reflexion, die
Heinz Lechner erwartet.
Geduldig und ausdauernd. Das Sichtbarmachen von
Unscheinbarem, selten Wahrgenommenem, das ist
Heinz Lechners Anliegen. Wenn sich ein Fenster
im Fenster gegenüber spiegelt, ein Sonnenstrahl
alles für den Bruchteil einer Sekunde beleuchtet,
eine Blume, ein Gesicht auftauchen, verwirrende
Projektionen und Perspektiven entstehen, und nicht
einmal der Fotograf nachher mehr so genau weiß,
was ist Realität, was Spiegelung, dann ist
das das, was er ausdrücken will.
Hier wird Fotografie zum künstlerischen Medium,
wie die Ölfarbe für den Maler, der Ton
für den Bildhauer.
(Angelica Bäumer)
Wer hat das Recht über Wahr und Unwahr,
über Traum und Wirklichkeit, über Echt
oder Falsch zu entscheiden?
Aber was ist das die Wahrheit, die Realität?
Wie viele Gesichter hat sie und wer kann sie erkennen?
(Ruth Pröckl )
zur Person: Heinz Lechner
Geb. 1954 in Schwaz/Tirol; intensive Arbeit mit Musik und Fotografie
Ausstellungen/Einzelausstellungen (Auswahl):
1989 Museum Moderne Kunst, Wien
1990 Tiroler Landesmuseum, Ferdinandeum, Innsbruck
Museum für Angewandte Kunst, Wien
Museum Moderner Kunst, Rom
Selby-Gallery im Ringling-Museum, Sarasota, Florida
2002 Erie-Museum of Art in Erie/Pennsylvania
Ausstellungen fixiert in New York, Los Angeles,
Pittsburgh, New Orleans, Boca Raton/Florida
Heinz Lechner lebt und arbeitet seit November 1995 in Florida und New York
Heinz Lechner im Gespräch
Fotografische Arbeiten der Serie Reflektionen zeigte Heinz Lechner von 23. Oktober bis 20. Dezember im Wiener ÖBV-Haus in der Grillparzerstraße. ÖBV-aktiv sprach mit dem international bekannten Fotokünstler über seine Arbeiten.
ÖBV-aktiv: Ist es Ihnen schwer gefallen, für unser Haus Bilder auszusuchen?
Heinz Lechner: Nein, das war sehr leicht. Ich war sofort überzeugt, dass hier nur die Reflektionen passen. Ich habe mich sehr gefreut, in diesen tollen Räumen der ÖBV ausstellen zu dürfen und mag auch die Arbeiten von Joseph Heer sehr gern. Es herrscht eine schöne Korrespondenz zwischen unseren Arbeiten.
ÖBV-aktiv: Reflektionen, Spiegelungen sind etwas sehr Flüchtiges, Momentanes, Zufälliges; Ihre Fotoarbeiten wirken andererseits wie komponiert, sehr überlegt, fast malerisch gestaltet; Wie schaffen Sie diesen Widerspruch?
Heinz Lechner: Bevor ich eine Spiegelung fotografiere, beobachte ich sie sehr lange. Die kürzeste Beobachtung für eine Aufnahme war eineinhalb Monate, die längste siebeneinhalb Jahre. Ich mache dazwischen keine Aufnahmen, sondern gehe immer wieder hin, zu unterschiedlichsten Tages-, Nacht- oder Jahreszeiten und schaue. Ich schaue mir das an, wenn es regnet, wenn die Sonne scheint, bei Wind und bei Windstille, bei Vollmond, Halbmond, Neumond......
Ich gehe solange hin, bis ich das Gefühl habe, jetzt stimmt es. Erst dann hole ich meine Ausrüstung und fotografiere, das dauert dann ein bis zwei Stunden.
Das Interessante, Wichtige an den Spiegelungen ist für mich die Kombination von Reflektion und Realität. Denn hinter dem Glas ist Realität und ich versuche die beiden so zu kombinieren, dass man nicht mehr genau sagen kann, was Realität und was Spiegelung ist. Der philosophische Hintergrund ist für mich die Frage: Wer hat das Recht über Wahrheit und Unwahrheit zu urteilen, wer bestimmt, was wahr und was unwahr ist.
ÖBV-aktiv: Das heißt, Sie haben viel Geduld und einen langen Atem....
Heinz Lechner: Ja, und ich bin vor allem sehr zielstrebig.
ÖBV-aktiv: Bei der Serie Äquivalent handelt es sich nicht um Spiegelungen. Warum haben Sie diese Arbeiten ausgewählt?
Heinz Lechner: Das sind ganz frühe Aufnahmen aus dem Jahr 1979. Ich habe sie dazu genommen, weil sie die unmittelbaren Vorgänger der Reflektionen waren und ich sie sehr mag. Es sind einerseits ganz kleine Bilder, aber auf 8x8cm ist eine Wirklichkeit von ungefähr 4,5 Kilometer abgebildet, das ist das Faszinierende daran. Ich habe mit einem sehr starken Weitwinkelobjektiv gearbeitet und es war sehr kompliziert, diese riesigen Wolkenformationen aufzunehmen. Die Herausforderung für mich war damals auch, ob das mit Polaroid-Aufnahmen farblich überhaupt geht; Ich habe das mit großer Liebe gemacht und bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden, es sind übrigens alles Einzelstücke.
ÖBV-aktiv: Welche Auflage haben Sie bei den anderen Bildern?
Heinz Lechner: Bei den Reflektionen habe ich eine Auflage von 15 Stück, aber in unterschiedlichen Größen. Das ist in der internationalen Szene extrem wenig; normalerweise macht man 10 bis 20 große Abzüge. Cindy Sherman etwa macht 280 kleine, das ist schon sehr viel. Ich bin da lieber sparsam.
ÖBV-aktiv: Wie lange arbeiten Sie schon an dem Thema Reflektionen?
Heinz Lechner: Begonnen habe ich damit 1979 also 23 Jahre.
ÖBV-aktiv: An welchen Themen arbeiten Sie sonst noch?
Heinz Lechner: Die Reflektionen sind das Hauptthema, davon gibt es einzelne Arbeiten, Tryptichen und die Aktreflektionen, die ich aber nicht mehr weiter machen möchte.
Dann gibt es die Porträtvariationen, gekratzte und überdruckte Porträts, die Serie Männer bei der Arbeit und Frauen bei der Arbeit und Architekturfotografien.
ÖBV-aktiv: Die Reflektionen sind sehr weich, haben sehr warme Farben, die Porträts sind eher verstörend, bedrückend........wie geht das zusammen?
Heinz Lechner: Die warmen Farbtöne der Reflektionen ergeben sich aus den Stimmungen. Ich bearbeite nichts. Es gibt verschiedene Farbtöne, aber grundsätzlich mag ich es angenehm und warm haben und wähle deshalb auch solche Farben aus, manipuliere oder bearbeite aber nichts. Bei den Porträts habe ich einen völlig anderen Zugang: die Porträts werden bei der Lieblingsmusik der abgebildeten Person überarbeitet. Das heißt, die Person gibt mir seine oder ihre Lieblingsmusik, zwischen zehn oder zwölf CDs. Das Grundbild ist ein Farbporträt, aufkaschiert auf eine Aluminiumplatte und dann gibt es sechs Schwarz-Weiß-Vergrößerungen von dem gleichen Bild in drei unterschiedlichen Größen und von diesen nehme ich Teile heraus und appliziere sie auf die Farbbilder. Das geschieht wie gesagt zur Lieblingsmusik. Aber eigentlich möchte ich keine Porträts mehr machen.
ÖBV-aktiv: Warum?
Heinz Lechner: Genau weiß ich es nicht, aber irgendwie ist das für mich vorbei. Vielleicht, weil ich bei den Porträts an ein großes Atelier gebunden bin, die Reflektionen hingegen kann ich überall machen, Fensterscheiben oder Glastüren gibt es auf der ganzen Welt.
ÖBV-aktiv: Noch einmal zurück zu den Reflektionen. Entstehen Ihre Bilder zuerst im Kopf oder warten Sie, bis der Augenblick wirklich stimmig ist?
Heinz Lechner: Zuerst ist die Wahrnehmung einer Spiegelung, dann die Überlegung, ist das wirklich interessant und irgendwann kommt die Faszination und dann beginnt die Wanderschaft. Ich gehe immer wieder hin, schaue stundenlang, sitze stundenlang davor; die Aufnahme selbst ist sehr schwierig, weil der Belichtungsmesser nicht weiß, was eine Reflektion ist. Man muss also genau wissen, was man will. Denn die Reflektion ist oft sehr hell, das Umfeld aber ganz dunkel, das ist technisch sehr schwierig.
ÖBV-aktiv: Sie haben ursprünglich mit Modefotografie begonnen... Wie würden Sie Ihre Entwicklung als Fotograf charakterisieren?
Heinz Lechner: Ich habe zuerst Musik studiert und erst danach mit professioneller Fotografie begonnen. Schon vor der Sponsion habe ich gewusst, zwei Tage später werde ich beginnen, mir einen Job als Fotograf zu suchen und das habe ich auch getan. Mein erster großer Auftrag war 1975 die Tournee mit den Rolling Stones. Dann hat sich eigentlich immer alles ergeben. Ich war auch in den 80er Jahren schon zwei Jahre in New York und in der Modefotografie tätig. Später hat mich das nicht mehr so interessiert. 1989 habe ich mich entschieden, nur mehr künstlerisch zu arbeiten. Die künstlerische Arbeit braucht sehr viel Kraft und Energie. Die Fotografie, die ich mache, ist konzeptuelle Kunst, da passiert auch denkerisch, im Kopf, sehr viel. Die manuelle Umsetzung ist eigentlich der leichtere Teil.
ÖBV-aktiv: Sie übersiedeln Ende Oktober in die USA, warum? Sind Sie enttäuscht von Österreich?
Heinz Lechner: Nein, überhaupt nicht. Ein Grund ist, dass ich seit 1995 in den USA ein Haus habe und seither gependelt bin, das will ich mir ersparen. Dann sind derzeit vier der wirklich großen Galerien in den USA und weltweit an mir interessiert, die Gagosian-Gallery etwa. Das ehrt mich natürlich sehr, andererseits wird es eine sehr schwierige Entscheidung für mich.
ÖBV-aktiv: Ist das Interesse an Fotografie in den USA generell größer als in Europa?
Heinz Lechner: Ich glaube, das hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Bei den letzten großen Kunstmessen in Europa war überall mehr Fotografie als Malerei. Aber im Verhältnis ist Fotografie mittlerweile ja auch schon ein altes Medium neu ist im Moment die Computerkunst. Klang in Farbe umgesetzt, etwa, da gibt es sensationelle Arbeiten. Allerdings weiß niemand, wie lange das hält.
ÖBV-aktiv: Herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute für Ihre weitere Arbeit.
