ÖBV-Veranstaltungen und Events 2002
Die Zukunft der Gewerkschaften
Konferenz
ÖBV-ATRIUM, Grillparzerstr. 14, 1016 Wien
14. - 16. Juni 2002
Herausforderungen und Chancen
Wo sind die Grenzen der Solidarität?
Gewerkschaften in Osteuropa
Wird die Arbeiterbewegung die nächsten
zehn Jahre überstehen?
Interview mit Richard Hyman
Die Teilnehmer
Das Atrium der ÖBV war für einige Tage das Zentrum
des internationalen Gewerkschaftslebens. Spitzenfunktionäre
und Experten trafen einander zu einem richtungweisenden Meinungsaustausch
über die Perspektiven gewerkschaftlicher Arbeit in einer
Gesellschaft im Wandel.
Die vom Institut für die Wissenschaften vom Menschen
(IWM) organisierte internationale Konferenz "Die Zukunft
der Gewerkschaften" war den Herausforderungen gewidmet,
denen sich die Gewerkschaften in Westeuropa und den USA, aber
auch in Mittel- und Osteuropa und nicht zuletzt in Österreich
derzeit gegenüber sehen: Ein zunehmend unabhängiges
wirtschaftliches und soziales Umfeld, grundlegender struktureller
Wandel in den jeweiligen Wirtschaftsräumen, zunehmende
Einkommensunterschiede.
Gleichzeitig müssen sich Gewerkschaften in diesen Ländern
fragen, ob sie in ihrer gegenwärtigen Form und mit ihren
heutigen Strategien eine Antwort auf diese Entwicklungen finden
werden können. Darüber hinaus müssen die Kolleginnen
und Kollegen in Österreich natürlich klare Positionierungen
vornehmen, wie es nach der Osterweiterung in einem erweiterten
Arbeitsmarkt auf der Basis internationaler Solidarität
weitergeht.
Von besonderem Interesse ist das Verhältnis zwischen
Arbeitsplatzpolitik und Politik. Wird der fundamentale Wandel
der Rahmenbedingungen etablierte Institutionen dazu bringen,
sich - über pure Interessenpolitik hinaus - mit Fragen
von Gerechtigkeit, Gleichheit, Solidarität oder auch
Freiheit auseinander zu setzen? Und: Können sich so neue
Wege des politischen Handelns auftun?
Die Konferenz war zum großen Teil den Experten vorbehalten,
die sich in den diversen Sessions mit den vielfältigen
Themen beschäftigten. Die Ergebnisse der Beratungen wurden
in einer Podiumsdiskussion dann der Öffentlichkeit präsentiert.
Herausforderungen und Chancen
Im Mittelpunkt dieser Arbeitssitzung standen die Veränderungen,
denen sich die Gewerkschaften derzeit gegenüber sehen:
- Externe wirtschaftliche Trends, wie zum Beispiel
die industrielle Restrukturierung oder hohe Arbeitslosigkeit.
- Werden die veränderte Organisation der Produktion
und neue Arbeitsformen (z.B. das Ende des Fordismus)
sich positiv oder negativ auf den Fortbestand der Gewerkschaften
im traditionellen Sinn auswirken?
- Welche Auswirkungen haben die verschiedenen Aspekte der Umstrukturierung von Arbeitsplätzen?
- Kann man aus den neuen Kapital- und Arbeitsformen
Rückschlüsse auf zukünftige Formen der
Arbeitnehmerorganisation und Interessenvertretung ziehen?
- Werden die veränderte Organisation der Produktion
und neue Arbeitsformen (z.B. das Ende des Fordismus)
sich positiv oder negativ auf den Fortbestand der Gewerkschaften
im traditionellen Sinn auswirken?
- Die Fähigkeit der Gewerkschaften selbst, diesen
Herausforderungen gerecht zu werden; die Konzepte und Strategien,
mit denen die Gewerkschaften reagieren können.
- Können die Gewerkschaften auch unter widrigen Umständen neue Lösungsmodelle anbieten?
- Können die Gewerkschaften erhalten, was sie bereits
erreicht haben, und fruchtbare Bereiche für neue
Initiativen erschließen?
- Die anhaltenden Veränderungen der politischen Situation nach dem Ende des Kommunismus, neue Formen des Konservativismus in Bezug auf den Freien Markt, die Krise des Korporatismus, der "Dritte Weg", die Erosion der alten Grenzen zwischen Ost und West, Schwierigkeiten mit Immigration und Multikulturalität.
GD Dr. Hauf im Gespräch mit
Prof. Nelson Liechtenstein
Prof. Richard Freeman
Wo sind die Grenzen der Solidarität?
Seit längerem müssen sich die etablierten Gewerkschaften
der Kritik stellen, sie würden nur die Interessen der
Arbeiter und Angestellten in höher qualifizierten und
gesicherten Positionen in der Industrie oder im Staatsdienst
vertreten.
Dies geschehe auf Kosten der schlechteren und schlechter bezahlten
Arbeitsplätze (Frauen, Minderheiten, Immigrantinnen und
Immigranten). Das Problem von Insidern und Outsidern gewinnt
vor allem dann an Bedeutung, wenn die unterrepräsentierten
Gruppen beginnen, sich selbst zu organisieren und nicht nur
höhere Löhne und eine Verbesserung ihrer Position
im Wettbewerb der verschiedenen Interessensgruppen beanspruchen:
Ihr Kampf für angemessene Mindestlöhne, die Vereinbarkeit
von Arbeit und Familie und die Freiheit von Diskriminierung
gehen über rein wirtschaftliche Forderungen hinaus.
Das stellt die enge Definition von Solidarität in Frage
- im praktisch-organisatorischen wie auch im ideologischen
Sinn. Gleichzeitig kann sich diese Situation auch als eine
Chance für die traditionellen Gewerkschaften erweisen,
insofern sie deren Aufgabenfeld erweitert.
Eine ähnliche Situation hat sich im Zusammenhang mit
der EU-Erweiterung ergeben. Manche westeuropäische Gewerkschaften
stehen der Osterweiterung kritisch gegenüber, da sie
fürchten, der freie Arbeitskräfteverkehr könnte
die Einkommen der Arbeiter in ihren Heimatländern unter
Druck setzen.
Auch hier könnte die enge Definition von "Solidarität"
dazu führen, dass die Gewerkschaften an Einfluss verlieren,
da sie den Eindruck erwecken könnten, nur die Interessen
einer Minderheit zu vertreten.
Könnte eine Ausweitung des Solidaritätsbegriffs
auch als Chance aufgefasst werden?
Könnten die Gewerkschaften ihren Einfluss dadurch von
der nationalen auch auf die europäische Ebene ausweiten?
In beiden Fällen sind verschiedene Folgen denkbar: Zersplitterung
und eine weitere Schwächung der Gewerkschaften, genauso
aber auch eine "Re-Politisierung" und die Erweiterung
ihrer Einflussmöglichkeiten.
Gewerkschaften in Osteuropa
In den kommunistischen Ländern existierte weder für
Arbeitnehmer noch für Arbeitgeber eine unabhängige
Interessensvertretung.
Der Aufstieg der ersten unabhängigen Gewerkschaft - der
polnischen "Solidarnosc" - markiert den Beginn des
Untergangs des kommunistischen Systems. Welche Rolle spielte
"Solidarnosc" beim Untergang der alten Ordnung und
beim Wiederaufbau der polnischen Gesellschaft, des politischen
und wirtschaftlichen Systems? Wie veränderte sich "Solidarnosc"
in diesem Prozess? Welche Rolle spielten die anderen postkommunistischen
Gewerkschaften? Ist das polnische Phänomen "Solidarnosc"
auch von grenzüberschreitender Bedeutung?
Wird die Arbeiterbewegung die nächsten zehn Jahre überstehen?
Der letzte Block sollte Vertretern der Gewerkschaften und Politikern die Möglichkeit bieten, auf die Fragen, die sich in den vorangegangenen Diskussionen ergeben haben, zu antworten. Dieser Diskussion lag die Prämisse zugrunde, dass die zukünftigen ökonomischen und sozialen Entwicklungen noch beeinflusst werden können. Die Entscheidungen, die die Gewerkschaften zu treffen haben, können ihre Zukunft auf vielfältige Weise beeinflussen. Auf lange Sicht ist ihr Weiterbestehen nur dann gesichert, wenn für die vielfältigen Herausforderungen auch erfolgreiche Lösungen gefunden werden.
Internationalen
Experten - Runde
Prof. Ira Katznelson
Aus einem Interview der FAZ.NET mit Richard Hyman,
Professor an der London School of Economics und Experte für
Industrial Relations.
FAZ.NET: Herr Hyman, in welcher Situation befinden sich die europäischen Gewerkschaften?
Hyman: Menschen betrachten sich zunehmend als Individuen.
Arbeiter sehen sich heute nicht mehr nur als Arbeiter, sondern
immer mehr als Frauen, Schwarze, Junge, Alte. Es gibt heute
Dutzende Möglichkeiten, um sich selbst zu definieren.
Das wirft eine ganze Reihe neuer Fragen auf, wer man ist und
wie man lebt. Gewerkschaften kommen damit noch nicht zurecht.
Die Schwierigkeit liegt darin, wie Gewerkschaften gemeinsame
Standards für große Firmen und individuell planende
Arbeitskräfte erreichen können, wie in einem solchen
Umfeld Rahmenbedingungen definiert werden sollen.
FAZ.NET: Wäre es denkbar, dass nichtstaatliche Organisationen (NGOs) die Aufgaben von Gewerkschaften übernehmen?
Hyman: Ich glaube nicht, dass NGOs Gewerkschaften ersetzen
können. NGOs brauchen zwar keine großen Mitgliederzahlen,
aber sie können auch nicht demokratisch zur Verantwortung
gezogen werden. Die meisten sind klein und haben genau abgegrenzte
einzelne Themen. Mit ihrer Kompromisslosigkeit richten sie
oft nur wenig aus.
Gewerkschaften können von NGOs einige Dinge lernen: Wie
man öffentliche Unterstützung gewinnt, wie man die
junge Generation anspricht, wie man Netzwerke bildet, oder
wie man einige der klassischen Kanäle umgehen kann.
Die Teilnehmer:
Franz Baumgartner - Gewerkschaft der Eisenbahner
Michal Boni - Ministry of Social Affairs, Warsaw
Wolfgang Buchbauer - BFI, Wien
Jacek St. Buras - Polnisches Institut, Wien
Felix Butschek - Wirtschaftsforschungsinstitut, Wien
Günther Chaloupek - Arbeiterkammer, Wien
Karl Duffek - Renner Institut, Wien
Adalbert Evers - Universität Gießen
Janice Fine - MIT; Northeast Citizen Action Resource Center
Georg Fischer - European Commission, DG Employment, Brussels
Richard Freeman - Harvard University; National Bureau of Economic
Research; LSE, Centre for Economic Performance
Jacques Freyssinet - Institut de recherches économiques
et sociales (IRES), Paris
Rebecca Gumbrell - London
Elisabeth Hagen Österreichische Post AG, Wien
Johann Hauf - Österreichische Beamtenversicherung, Wien
Helmut Höpflinger - Bundesministerium für Wirtschaft
und Arbeit, Wien
Richard Hyman - London School of Economics and Political Science
Ira Katznelson - Columbia University, New York
Gerald Klec - Gewerkschaft der Privatangestellten, Wien
Max Kothbauer Wien
Fanz-Josef Lackinger - Verein Österreichischer gewerkschaftlicher
Bildung
Nelson Lichtenstein - University of California at Santa Barbara
Irena Lipowicz - Botschafterin der Republik Polen in Österreich
Eveline List - Verwaltungsakademie des Bundes
Jan Litynski - former Polish MP; leader of the Social Politics
Commission in the previous Polish Parliament, Warsaw
Stefan Mann - Büro des Vorsitzenden, Gewerkschaft Bau-Holz
Markus Marterbauer - Wirtschaftsforschungsinstitut, Wien
Herbert Strohschein - Österreichische Beamtenversicherung
Krzysztof Michalski I - WM
David Mum - Gewerkschaft der Privatangestellten
Józef Niemiec - NSZZ "Solidarnosc", Gdansk
Wolfgang Nitsche - Bundesministerium für Finanzen
Claus Offe - Humboldt Universität zu Berlin
Inger Ohlsson - National Institute for Working Life, Stockholm
Wlodzimierz Pankow - Institute of Philosophy and Sociology,
Warsaw University
Hans Rauscher - Der Standard, Wien
Hubert Resch - Bremer Straßenbahn
Walter Sauer - Universität Wien; Österreichischer
Gewerkschaftsbund
Gertrude Tumpel-Gugerell - Österreichische Nationalbank
Fritz Verzetnitsch - Österreichischer Gewerkschaftsbund
Harald Voitl - Gewerkschaft der Eisenbahner
Ewald Walterskirchen - Wirtschaftsforschungsinstitut, Wien
Peter Wandaller - Siemens
Kirsten Wever - Institute for Human Sciences at Boston University
Josef Wöss - Arbeiterkammer Wien
Sepp Zuckerstätter - Arbeiterkammer Wien
