ÖBV-Veranstaltungen und Events 2002
Cécile Nordegg - Jonathan Berkh: Farbe ist mehr als man sieht
ÖBV-Atrium, Grillparzerstr. 14, 1010 Wien
Ausstellung: 13. 11. 2001 bis 30. Jänner 2002
zur Person:
Cécile
Nordegg hatte sich früh der Malerei zugewandt,
in ihrer Kindheit beeinflußt durch den Vater Sepp
Nordegg (Bühnenarchitekt und technischer Direktor
am Burgtheater). Schon in sehr jungen Jahren begann
sie mit Ausstellungen im In- und Ausland.
Ab 1986 trat das Schauspiel in den Vordergrund. Nach ihrer Ausbildung in Paris ist sie in Frankreich und Österreich bei Theater, Film und Fernsehen tätig. Seit 1992 lebt und arbeitet Cecile Nordegg mit Jonathan Berkh zusammen.
Jonathan Berkh begann seine künstlerische Laufbahn als Tänzer. Ausgebildet in Jazz, Modern und Step, war er vier Jahre in den USA (Chicago). Wieder in Europa arbeitete er als Tänzer, Choreograph und Schauspieler, in diese Zeit fällt auch die intensive Auseinandersetzung mit der Malerei.
Seit 1998 treten beide vor allem mit Malerei- und Design-Projekten an die Öffentlichkeit.
Arbeiten (Auswahl):
2000 Galerie La Papessa, Wien
2000 Lichtdesign für die Produktion, "Die Apokalypse"
2000 Bilder und Lichtobjekte bei Odo Dvorak/Wien
2001 Galerie La Papessa, Wien
2001 Fastentücher in der Dominikanerkirche Wien
2001 Lichtdesign für die Trilogie "Apokalypse - Hiob
- Hohe Lied der Liebe"
2001 Präsentation der Gläserserie "m.use"
für Neue Stölzle Kristall
2001 Bilder und Glas bei Odo Dvorak, Wien
Interview:
Sie sind sehr vielfältig in Ihrer künstlerischen Tätigkeit
- was ist für Sie der „rote Faden"?
C. N.: Wir machen eigentlich immer ein und dasselbe auf verschiedene
Arten. Ich glaube, im Grunde genommen ist es egal, wie man
die Dinge ausdrückt. Je mehr unterschiedliche Zugangstüren
Menschen finden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit,
dass sie auf etwas für sie Wichtiges stoßen. Eigentlich
wollen wir Menschen aufwecken.
Ich mag den Begriff Kunst nicht wirklich, Kunst soll nicht
etwas Spezielles für Insider sein, sondern etwas ganz
Alltägliches, nur dann hat es für mich eine Berechtigung.
Das heißt aber nicht, dass Kunst nicht auffallen soll.
Kunst fällt auf und Kunst soll - bewusst oder unbewusst
-Wege aufzeigen und öffnen, das ist wichtig.
J. B.: Es geht uns um Kreativität und wir machen gerne, was uns Spaß macht. Die meisten kreativen Menschen sind nicht nur in einem Bereich kreativ. Irgendwann kristallisiert sich doch ein Schwerpunkt heraus. Wir arbeiten seit 1992 gemeinsam an Projekten in den Bereichen Bühne, Projektion, Grafik, Design und Malerei.
C.N.: Ich denke, dass viele Künstler sich zu einer Sache entschließen, auch weil es praktischer ist. Oft entscheidet auch das Leben für einen. Aber wenn man selbst voll dahinter steht, dass man sich von verschiedenen Seiten zeigt, dann wird das auch akzeptiert. Wir zeigen ja nur auf, wir enthüllen, wir weisen. Allerdings wollen wir niemanden an der Hand nehmen, nur vielleicht wacher machen dafür, wie man selber empfindet. Unsere Sprache sind eben die Farben, die Worte oder auch Objekte, die man in die Hand nehmen kann.
Was waren die Ausgangspunkte für Ihre künstlerische Tätigkeit?
J. B.: Ich habe mit Tanz angefangen und bin vom Tanz zum Schauspiel gekommen. Über die Tanzbewegung habe ich angefangen zu malen, Ich habe versucht, Körperbewegungen mit einem Strich aufs Papier zu bringen. Es war kein geplanter Weg. Natürlich hat man am Anfang Pläne, aber irgendwann fallen die Pläne weg, „ES" nimmt sich seinen Weg und dann fängt man an, die Dinge einfach passieren zu lassen. Dann sind Pläne auch nicht mehr so wichtig, weil die Realität passt.
C.N.: Ich bin durch mein familiäres Umfeld in die Malerei hineingewachsen, das war das Erste, später kam das Theater dazu, dann der Gesang, das ist wahrscheinlich auch sehr nah beisammen. Der Öffnungs- oder Ausgangspunkt ist sicher sehr wichtig, er bedeutet die Möglichkeit, zum ersten Mal für sich selbst etwas zu formulieren. Aber dort stehen zu bleiben, wo man angefangen hat, das wäre eine Art Sterben. Nur wenn man das Weiterwachsen, das Weiterwollen, Weiterempfinden und Weiteröffnen zulässt, hat es einen Sinn, glaube ich. Ich versuche das zumindest.
Die Ausstellung im ÖBV-Atrium hatte den Titel „Farbe ist mehr, als man sieht". Farbe kommt in den Bildern sehr spärlich vor, sehr transparent, Schwarz-Weiß überwiegt. Warum haben Sie diesen Titel gewählt?
C. N.: Farbe ist sehr sparsam eingesetzt, das stimmt. Im Grunde genommen sind unsere Bilder ein Dialog, und wenn man die Chance hat, für einen Raum etwas zu malen - dann beginnt dieser Dialog. Und im Atrium war durch dieses Ätherische, Hohe, sehr Klare der Ruf da nach wenig Farbe, die man sieht, Das heißt, wenn ich ein rotes Bild male, ist das Bild rot, wenn ich ein Bild mit einem roten Punkt male, sieht man eigentlich mehr. Und in diesem Atrium war das Wenige sicher mehr. Wenn Menschen dort stehen, werden sie durch das Wenige eher geweckt als durch ein Mehr.
J.B.: Für mich ist noch etwas anderes wichtig: Wir sind eigentlich abstrakte Maler, aber unsere Malerei ist keine Abstraktion, weil jede Farbe eine konkrete Aussage hat ... Daher ist das Gelb nicht nur gelb, sondern es weckt in jedem Menschen eine andere Empfindung, und das ist es, was die Farbe mehr sagt. Farbe ist für uns etwas Konkretes. Deshalb relativiert sich in unserer Arbeit der Begriff der Abstraktion.
C. N.: Das Faszinierende an Farben - für uns sind auch Schwarz und Weiß Farben, obwohl man allgemein sagt, es seien keine Farben - ist, dass jede Farbe auch Empfindung ist und einen unglaublichen Zauber hat, aber immer auch extreme Pole. Das Gelb der Sonne hat etwas Strahlendes, Wärmendes, es kann Hitze sein, aber auch Verdursten oder Wüste. Es gibt bei jeder Farbe diese Kontrapunkte - Farbe ist mehr, als man sieht. Der Betrachter kann mit dem Bild spielen, reden, einen Dialog führen. Das wollen wir, diesen Dialog anregen.
Ihre Bilder haben keine Titel. Warum?
J. B.: Unsere Arbeiten sind, abgesehen von Themen orientierten Ausstellungen, „ohne Titel", um dem Betrachter in seiner Interpretation die größtmögliche Freiheit zu lassen. „Ohne Titel" ist ja auch ein Titel.
C.N.: Allerdings haben wir auch gelernt, dass ein kleiner Anstoß durchaus etwas sehr Wichtiges sein kann.
J. B.: Das hat sich in den letzten Jahren eigenartigerweise verändert. Vor etwa 15 Jahren war dieses „Ohne Titel" gang und gäbe und jeder hat es verstanden. Derzeit sollte man wieder eher Anregungen geben - die Menschen sind dankbar dafür.
C. N.: Vielleicht hängt es damit zusammen, dass man sich heute leichter auf etwas einlässt, wenn man eine kleine Brücke vorfindet.
Ihre Bilder wirken sehr dynamisch, auf unterschiedliche Art. Wie entstehen die Arbeiten? Eher spontan? Oder gibt es da vorher Überlegungen zur Komposition, eine Planung?
C. N.: Teils, teils. Zum Teil arbeiten wir ganz spontan, denn spontan geht ja auch das Leben vor sich, der Alltag, Gedankenflüsse, ob bewusst oder unbewusst. Wir malen mit dem Licht und für das Licht in seiner gesamten wechselvollen Vielfalt.
J. B.: Konzept ist für uns zum Beispiel ein vorgegebenes Thema, der Arbeitstitel einer Ausstellung oder auch die Größe der zu bearbeitenden Fläche. Die größte von uns bisher bearbeitete Fläche war 240 Quadratmeter. Für mich geht es oft einfach los, wenn ich Stifte vor mir sehe, die mir gefallen. Wichtig ist aber, dass auch der kleinste und dünnste und hellste Strich oder das kleinste Pünktchen eine Bedeutung für das Bild haben muss; wenn es nicht wichtig ist für das Bild, dann muss es weg. Das ist auch bei der Arbeit mit Texten unser Ansatz: Jeder Punkt, jedes Komma, jeder Satz, jedes Detail muss genauso wichtig sein wie das Gesamte, erst dann ist es gut.
C N.: Es geht dabei aber nicht um Objektivität, sondern nur darum, was mich selber anspricht, was ich aussagen will. Nur was man selber empfindet, sollte man auch in den Mund - oder in den Pinsel oder in den Stift -nehmen. Das kann für einen Betrachter 1000%ig anders sein, soll es auch, denn wenn alle gleich empfinden würden, wäre es sehr langweilig.
Abstrakte Bilder lösen immer noch viel Unsicherheit aus und häufig die Frage „Was ist Kunst?". Was erleichtert Ihrer Meinung nach den Zugang, die Wahrnehmung?
J. B.: Man muss sich darauf einlassen, sich sagen, ich schaue mir das einfach an, vielleicht finde ich darin etwas. Dann kann ich entscheiden, ob mich etwas anspricht oder nicht. Wenn ich nichts finde, ist es auch in Ordnung.
C. N.: Ein Tuch, das vor einem hängt, kann sprechen. Man muss sich auf dieses Gespräch einlassen. Was dabei herauskommt, hängt von jedem selbst ab. Es war ja auch Teil des Konzepts der Ausstellung im Atrium, dass die Leute nicht einfach daran vorbeigehen konnten. Sie mussten eine Entscheidung treffen, etwas zu wollen oder nicht zu wollen. Ein abstraktes Bild ist aber vielleicht wie ein Gedicht, das muss man auch mehrmals lesen, weil es einen nicht „anspringt".
J. B.: Es gibt ja auch Leute, die mit älterer oder gegenständlicher Kunst nichts anfangen können.
Gegenständliche Malerei ist ja nicht immer leichter zu verstehen als abstrakte Kunst, denn sie steckt oft voller Bedeutungen, die auch nur mit entsprechender Vorbildung zugänglich sind.
C. N.: Absolut. Nur mit der Symbolik beschäftigen sich Menschen sehr wenig, weil sie vielleicht der Meinung sind, sie sehen ja ohnehin etwas.
Sehen Sie sich in einer bestimmten Tradition, kunsthistorisch gesehen oder innerhalb der österreichischen Kunstszene?
J. B.: Die einzige Tradition, die ich in unserer Kunst sehe, ist die Kindlichkeit. Kinder malen - bevor sie zum Konkreten gezwungen werden - ganz automatisch abstrakt.
C. N.: Und das stimmt dann auch. Jedes Kind kommt mit einem fast perfekten Gehör auf die Welt und entwickelt einen perfekten Strich, der dann leider sehr schnell verbildet wird. Das ist die Gefahr.
J. B.: Und das ist das Schwierige an der abstrakten Malerei, dass diese Kindlichkeit nicht akzeptiert wird.
Gibt es Künstler, die Sie besonders schätzen?
C. N.: Ich möchte in diesem Zusammenhang keine Namen nennen, weil man meistens missverstanden wird. Es gibt Dinge, die mich ansprechen, und Dinge, die mich nicht ansprechen. Es gibt Dinge, mit denen du sprechen kannst, und Dinge, mit denen du nicht sprechen kannst, die dich sehen lassen oder eben nicht sehen lassen.
J. B.: Es gibt gute und schlechte Kunst, gute und schlechte Musik, gute und schlechte Bücher - aber das ist eine momentane Entscheidung. Ich kann heute sagen, ein Buch ist ein schlechtes Buch, und in fünf Jahren nehme ich es in die Hand und es ist das beste Buch, das ich je gelesen habe. Genauso ist es in der Kunst - was mich abstößt oder anzieht, kann sich im nächsten Augenblick ändern.
Interview: Eva Enichlmayr
