ÖBV-Veranstaltungen und Events 2003
Gegenlicht - aus drei Perspektiven
eine Triple – Ausstellung
23 Künstler bei BUWOG, Wiener Linien und ÖBV-Versicherung
Austellung 1.10. bis 31.12.2003
Interview mit Grita Insam:
Sie gelten unter den GaleristInnen als Spezialistin für Kunst im öffentlichen Raum. Wie hat sich dieser Schwerpunkt entwickelt?
Ich wurde seit 1979/80 von den Wiener Festwochen zur Durchführung von Projekten eingeladen, die im öffentlichen Raum stattfanden. Sich mit diesem Thema auseinander zu setzen impliziert selbstverständlich auch politisches Engagement und setzt andere Strukturen innerhalb des Kunstbetriebs voraus. Denn Kunst im öffentlichen Raum hat einen anderen Ansatz und auch andere Ziele als künstlerische Formulierungen für den White Cube, Als politisch denkender Mensch hat mich daher dieser Bereich in der bildenden Kunst besonders interessiert. Um das Thema zu erarbeiten, habe ich zunächst viel mit Künstlern diskutiert, um von ihren Erfahrungen und besonderen Sichtweisen zu lernen. Dann habe ich 1980 in Zusammenarbeit mit der Stadt Wien - Helmut Zilk war damals Kulturstadtrat, Ursula Pasterk seine Beraterin - das erste Symposium in Wien zu diesem Thema ins Leben gerufen, wo wir auf Anregung des Architekten Helmut Richter sogar Prominenz wie den Utopisten Jona Friedmann eingeladen hatten, was übrigens eine wunderbare Erfahrung war.
Wir legten damals schon, nachdem ich Projekte mit Vorträgen von Künstlern gezeigt hatte, gemeinsam mit Robert Schmidt, dem damaligen Leiter der MA7, einen Forderungskatalog zur Handhabung innerhalb der Stadt Wien vor. Für Kunst am Bau oder im öffentlichen Raum sollte ein bestimmter Prozentsatz bereitgestellt werden, Künstler sollten schon zu Projektbeginn beigezogen werden, und es sollte ein Fonds eingerichtet werden, der Projekte außerhalb bzw. unabhängig von bestimmten Bauvorhaben ermöglicht. Zu Teilen wurde dies von der Stadt Wien damals auch bereits eingeführt,
1986 gab es dann im Rahmen der Planung für die Expo in Wien/Budapest ein Projekt namens „Kunstraum Wien", das ich Ursula Pasterk, damals Kulturstadträtin, vorgeschlagen hatte. Ich wollte KünstlerInnen nach Wien einladen, die sich nacheinander jeweils einen Ort innerhalb des Stadtraums zur Bearbeitung in situ aussuchen sollten. Über einen bestimmten Zeitraum wäre so eine Art Festival der Peripherie entstanden. Es konnte leider wegen der Absage der Expo nicht realisiert werden. Aber auf Vorschlag von Ursula Pasterk konnte ich ein Pilotprojekt verwirklichen. Dazu habe ich Richard Deacon nach Wien geholt, der eine sehr schöne Skulptur mit dem Titel „Zeitweise" realisiert hat - die Aufstellung wurde gemeinsam mit dem Verantwortlichen für den Donaubereich, Bruno Domany, am Donauufer auf dem Mexikoplatz durchgeführt. Weitere Projekte wurden dann auf Vorschlag von Domany unter dem Titel „Kunstraum Donau" realisiert. In Zusammenarbeit mit der Austria Tabak unter Beppo Mauhart wurde 1992 „Das Auge Picassos" von Robert Adrian auf dem Umspannwerk am Handelskai platziert. Ein anderes in Zusammenhang mit dem Donaubereich realisiertes Werk war eine Lichtinstallation auf der Steinspornbrücke von Karl Kowanz.
Anschließend habe ich im Namen des Leitprojektes „Donaukanal" ein weiteres Projekt zur Betreuung bekommen, wo wir prominente internationale ArchitektInnen und KünstlerInnen - unter anderen Vito Acconci, Zaha Hadid, James Wines, den Begründer der Architektengruppe SITE - nach Wien geholt haben. Es wurde ein Wettbewerb mit internationaler Jury durchgeführt, dessen Inhalt es war, durch die Realisierung einzelner künstlerischer Interventionen den Donaukanal - im Gegensatz zur Copa Cagrana und Sunken City auf der Donauinsel - als stillen, besinnlichen Uferbereich erlebbar zu machen. Die Voraussetzung für dieses Projekt war der geplante Bau des zusätzlichen Sammelkanals. Im Zuge dieser Bausteile hätten Projekte kostengünstiger realisiert werden können. Der Kanalbau ist jedoch verschoben worden; dennoch sind einzelne Projekte noch in Zukunft denkbar, weil sie ja von einer Jury mittels eines bezahlten Wettbewerbes ausgewählt wurden und einige davon auch noch trotz geänderter Voraussetzungen in ein aktuelles Leitprojekt integrierbar wären.
1995 haben wir ein neuerliches Symposium zum Thema künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum mit Unterstützung der Wiener Städtischen Versicherung und der Stadt Wien (Dr. Ursula Pasterk, Stadträtin für Kultur, und Planungsstadtrat Dr. Hannes Swoboda) organisiert, wo der Donaukanal mit seinen Projekten einen Schwerpunkt bildete. (Das Depot unter Leitung der Kuratorin Stella Rollig hat dieses Symposium genützt und Mary Jane Jacobs, Vito Acconci und James Wines ebenfalls zu Vorträgen eingeladen.) Beim Symposium am Ringturm gab es Vorträge und Diskussionen von und mit internationalen Kuratoren. Auch Dr. Pasterk und Dr. Swoboda beteiligten sich mit Vorträgen daran und bewiesen damit, wie offen und diskursiv das Klima damals war, das dann in der Ära von Stadtrat Görg ziemlich gedämpft wurde, da ihn dieses Thema nicht mehr zu interessieren schien.
Wann hat Ihre Zusammenarbeit mit der BUWOG begonnen? Hier hat bereits das Internet Hilfestellung geleistet.
Die BUWOG sah ihre Aufgabe darin, ihre Wohnbauten aufzuwerten. Durch Vermittlung von Architekt Gert M. Mayr-Keber, Edelbert Köb, Direktor des MUMOK, und Werner Baumüller begann Dr. Schuster, der Direktor der BUWOG, sich für Kunst am Bau zu interessieren. Es wurde eine Struktur zur Realisierung und Finanzierung der einzelnen Projekte gesucht. Die Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit Sylvia Schober-Willmann hat dann im Internet nach jemandem gesucht, der sich im Bereich Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum auskennt, und ist dabei auf mich gestoßen. So hat unsere Zusammenarbeit begonnen.
Das erste Projekt, das von der BUWOG realisiert wurde, war eine Lichtstele von Brigitte Kowanz vor dem von Gert M. Mayr-Keber umgebauten Kundenzentrum. Dann ging es um das Kommunizieren dieses Projekts und des Anliegens innerhalb des Unternehmens, künstlerische Interventionen im Wohnbau zu verwirklichen. Es entstand die Idee zu einer Ausstellung, die die Arbeit von Kowanz in einen internationalen Kontext stellen sollte. Ihr Titel war „KunstLicht". KünstlerInnen mehrerer Generationen aus dem In- und Ausland wurden dazu eingeladen. Ausstellungen in Unternehmen sollten selbstverständlich auch mit MitarbeiterInnen rege kommuniziert werden, um hier Interesse und Auseinandersetzung auf- und interne Widerstände abzubauen; andererseits können sie auch zur Imageverbesserung des Unternehmens beitragen -unter diesen Vorzeichen wurde Kunst zum Medium der Untemehmenskommunikation erkoren und damit ein Teil der Öffentlichkeitsarbeit neben dem Marketing (Werbung und Verkauf) von Wohnungen. Wir gingen dabei sehr gewissenhaft vor und haben bei Projekten am Bau die Mieter einbezogen und ihnen die künstlerischen Arbeiten vor und nach der Realisierung vorgestellt.
Wie ist es dann zu der Ausstellung „GegenLicht" gekommen, in der Sie ein Gemeinschaftsprojekt von BUWOG, Wiener Linien und ÖBV realisiert haben, das der eigentliche Anlass unseres Gesprächs ist?
Der Vorschlag kam von Dr. Johann Hauf, Generaldirektor der ÖBV Dr. Schuster von der BUWOG hatte ihn gebeten, als Präsident für den Verein kunst.buwog.at zu fungieren,
Mit ihren innovativen Kunstprojekten und der gelungenen Kommunikation hatte die BUWOG den Maecenas-Preis 2002 für Einsteiger gewonnen. Zum gleichen Zeitpunkt erhielt Dr. Hauf mit der ÖBV für sein Grabenfest den Maecenas-Preis, Die Wiener Linien ihrerseits hatten ein sehr interessantes Theaterprojekt in den U-Bahnen und Straßenbahnen gefördert und damit ebenfalls den begehrten Preis zugesprochen erhalten. Der gleichzeitige Erfolg war wahrscheinlich die Basis für diese Idee.
Dr. Hauf äußerte den Wunsch, die Ausstellung, die ich mit der BUWOG geplant hatte, auf die ÖBV auszuweiten. Die Veränderungen innerhalb des Unternehmens BUWOG vom Verwaltungsbetrieb von Wohnungen zu einem Serviceunternehmen haben mich motiviert, das Thema Transparenz aufzugreifen. Es wurden Arbeiten von Künstlern ausgewählt, die durch das Gegenlicht eine „Durchsicht" (einen Durchblick) provozierten, die damit als Symbol für Transparenz auch im übertragenen Sinne auf unterschiedliche Lebensbereiche wie gesellschaftliche Zusammenhänge, Wirtschaft, Politik etc. anzuwenden wären.
Anlässlich der Organisation der Eröffnung stellte sich die Frage, wie kommen wir bei einer gemeinsamen Vernissage von einem Ort zum anderen, Es war nahe liegend, dass die Wiener Linien hier die verbindende Rolle spielen könnten. Sie fügten sich, abgesehen von der verkehrstechnischen Lösung, auch in die Riege der Maecenas-Preisträger ein und Generaldirektor Dipl.-Ing. Grois war sofort aufgeschlossen dafür. Es wurde uns ein Zug zur Verfügung gestellt, in dem noch dazu ein eigenes künstlerisches Projekt realisiert war. Infoscreen der Werbeträger produzierte einen "Gegenblick" der Künstlerin Nika Radic, Zirka 250 Leute besuchten zu diesem Anlass die BUWOG und fuhren mit dem Sonderzug der Wiener Linien ins Atrium der ÖBV zum letzten Ort dieses Eröffnungsabends.
Vielleicht liegt in den halb staatlich, halb privat geführten Unternehmen eine besondere Chance zur Förderung von Kunstprojekten. Aber die Privatisierung schreitet ja voran. Könnte man diesen Auftrag einer öffentlich-rechtlichen Verantwortlichkeit nicht verankern?
Ich glaube nicht, dass das möglich ist. Je mehr privatisiert wird, desto mehr werden die Ansprüche im Dienste der Allgemeinheit zurückgeschraubt, desto mehr steht Gewinnorientierung im Vordergrund und die Förderung von Kunst wird meist nicht als eine wichtige Investition im Hinblick auf die Erneuerungschancen unserer Gesellschaft gesehen.
Zur Finanzierung von Projekten: Kunstsponsoring ist meines Wissens in Österreich ziemlich unterentwickelt, die öffentliche Hand trägt im Wesentlichen die Projekte im öffentlichen Raum.
Kunstsponsoring gibt es sehr wohl sogar in hohem Maße.
Es werden jedoch vielfach nur Aktivitäten mit hohen
„Einschaltquoten" wie das Neujahrskonzert
etc. gesponsert.
Die fehlende Zusammenarbeit im Kunstbetrieb ist aber
nicht nur dem Desinteresse der Vertreter der Wirtschaft
zuzuschreiben, es sind auch jene KünstlerInnen
und ManagerInnen zu kritisieren, die Sponsoring als
reine Geldquelle für ihre eigenen Interessen sehen
und nicht die Gegenseitigkeit im Auge behalten. Es ist
wesentlich für gedeihliche Kooperationen, die Partner
bewusst zu wählen: Welches Unternehmen kann mein
Partner sein, wo findet sich der inhaltlich richtige
Hintergrund, in dem eine künstlerische Aktivität
wirksam wird? Es ist nur dann ein Erfolg für Zusammenarbeit
zu erwarten, wenn "maßgeschneiderte Projekte"
realisiert werden, worunter aber nicht die Anpassung
von künstlerischen Intentionen zu verstehen ist.
Ich glaube nicht, dass die berühmten Pickerlfriedhöfe
auf Einladungskarten etwas bringen. Um gute Sponsoringideen
zu kreieren, muss man sich mit beiden Bereichen - dem
Unternehmens- wie dem Kunstbereich - auseinander setzen,
es braucht also Experten, die ihr Wissen und ihre Erfahrung
einbringen.
Wechseln wir nochmals zum Thema Kunst im öffentlichen Raum - wie hat sich die Situation in Wien in den letzten Jahren entwickelt?
Nach meinen Initiativen von 1980 und 1995 wurde ich vor zirka zwei Jahren eingeladen, am Text zu einem Gesetzesantrag mitzuarbeiten, der genau definieren sollte, wie Wien vorgehen sollte, um Entscheidungen transparent zu machen. Anstatt der Willkür von Politikern aus anderen Ressorts unterworfen zu sein, sollten die Entscheidungen, wo welcher Künstler Interventionen oder Gestaltungsaufgaben übertragen erhält, der Kulturabteilung überlassen werden. Nun gibt es zwar kein Gesetz, aber Richtlinien dazu, die in Kooperation zwischen den Geschäftsgruppen Kultur, Wohnbau und Planung entstanden sind. Die Initiative ging in diesem Fall von Stadtrat Dr. Andreas Mailath-Pokorny aus.
In diesen Richtlinien, die vom Gemeinderat beschlossen wurden, ist festgehalten, dass es einen Fonds pro Budgetjahr gibt, der aus allen drei Geschäftsgruppen gespeist wird, aus dem Kunst im öffentlichen Raum und Kunst am/um/im Bau finanziert wird. Die Entscheidungen, welche Projekte zum Tragen kommen, werden von einem Beirat getroffen. Projekte können von KünstlerInnen, Galerien, KuratorInnen und auch von Abteilungen der Stadt Wien eingereicht werden, Bauträger, die selbst die Bereitschaft haben, Projekte zu finanzieren, können ebenfalls um Unterstützungen bei künstlerischen Interventionen in, an und um Bauten ansuchen.
Glauben Sie, wird sich in Wien in Bezug auf Vergabe und Transparenz wirklich Entscheidendes ändern? Von den Initiatoren von Soho in Ottakring kam der Vorwurf, dass die etablierten Institutionen im Beirat dominieren und „KunstaktivistInnen" und MigrantInnen nicht vertreten sind. Es wird befürchtet, dass Institutionen und Museen, die ohnehin schon hochdotiert und gut repräsentiert sind, jetzt sozusagen den öffentlichen Raum bestücken.
Das ist eine Angst, die mir unbegründet erscheint. Nur ein Mitglied des Beirats, Edelbert Köb, vertritt ein Kunstmuseum und gerade er hat sich im Bereich Kunst im öffentlichen Raum enorm profiliert und Verdienste erarbeitet. Wolfgang Kos ist als Historiker und Autor sehr wohl auch Spezialist auf dem Gebiet und hat köstliche Bücher zum Thema Kunst am Bau verfasst, Silvia Eibelmayer leitet quasi eine Kunsthalle in Tirol und ist sehr interessiert an aktuellen Phänomenen zeitgenössischer Kunst, ebenso Brigitte Huck, die freie Kuratorin ist und völlig unabhängig zahlreiche Projekte verwirklicht hat, die sehr politisch und prozessual orientiert sind. Ufa Meta Bauer steht prononciert* für eine gesellschaftsbezogene Kunsttheorie und Kunstpraxis.
Außerdem sind im oben erwähnten Papier, das unter Berücksichtigung der Agenden mehrerer Magistratsabteilungen von Bau über Umwelt bis Kultur erstellt worden ist, all diese Bedenken zur Sprache gekommen und ausgeräumt worden. Soweit ich informiert bin, ist es sogar ein Schwerpunkt des Konzeptes vom Kulturstadtrat, die Grätzelkultur besonders zu pflegen, und dazu gehört zum Beispiel Soho in Ottakring, Natürlich kann ich keine Garantie abgeben, dass nichts falsch läuft, aber so, wie es formuliert ist, ist für alles wirklich Offenheit da.
Ich glaube, unter der Ägide von Mailath-Pokorny sind wir ein entscheidendes Stück weitergekommen, es ist wirklich so viel passiert in den letzten Jahren, dass man nicht klagen sollte. 1980 hat Peter Weibel im von mir veranstalteten Symposium in einem Vortrag vom institutionalisierten Raum gesprochen und gesagt, den öffentlichen Raum gibt es quasi nicht, denn überall haben Institutionen ihre Vorrechte und ihre organisatorischen Strukturen besetzt. Ich kann ja in Wien nicht einmal einen halben Meter vor der eigenen Tür etwas anbringen, ohne um die Reservierung dieses Platzes anzusuchen. Aber was ist uns Besseres begegnet, als dass die Stadt jetzt sagt, wir wollen für KünstlerInnen Freiräume schaffen, wir wollen es sogar finanzieren. Wir können uns mit Zuversicht auf die ersten Projekte freuen, die unter diesen Voraussetzungen entstanden sein werden. Ich wünsche mir, dass sie die Passanten an Ort und Stelle zur Auseinandersetzung anregen, aufregen, sogar bisweilen provozieren, vor allem aber unterhalten.
Interview: Martha Bösch



