ÖBV - Österreichische Beamtenversicherung, Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit - ÖBV Versicherung

Foto: Veranstaltung Klara Blum

ÖBV-Veranstaltungen und Events 2004
Textbuch: Wie aus Klara Blum Dhsu Bai-Lan wurde

Zum 100. Geburtstag
Annemarie Türk und Johanna Tomek auf den Spuren eines abenteuerlichen Lebens

ÖBV-Atrium, 1010 Wien, Grillparzerstr. 14
am 02.12.2004 Beginn um 19:30 Uhr


Dshu Bai-lan
Dshu Bai-lan
Dshu Bai-lan
Ich bin stolz, Chinesin zu sein
ich
Klara
Klara Blum
Geboren auf Europas Hintertreppen,
Geneigt zu Pathos und Verstiegenheit,
Bereit, des Denkens schwerste Last zu schleppen,
Und unter dieser Last noch sprungbereit,
Wuchs ich heran als Kind des Pulverfasses,
Vom Zündstoff voll der Liebe und des Hasses.
Die Judengasse ist mein Ahnenschloss,
mein Vaterland ein bunter Völkertroß,
der rastlos wilde Eigensinn mein Erbe.

Klara Blum wurde 1904 in Czernowitz als Tochter einer deutschsprachigen jüdischen Familie geboren. Der Vater war Großgrundbesitzer, Bankdirektor und einer der 9 jüdischen Abgeordneten zum galizischen Landtag. Ihre Mutter Cäcilie, 27 Jahre jünger als ihr Mann Josef Blum, war in dieser arrangierten Ehe sehr unglücklich.

Die Mutter war ein unscheinbares Wesen,
Umglänzt von jähem Zauber, wenn sie sprach.
Der Vater sann: Profit ! und ächzte: Spesen!
Und rechnete im Traum den Zinsfuß nach.
Nach allseits üblichem Geschäftsgebahren
Beschloss man, Nachtigall und Fuchs zu paaren.
So hat in einer freudelosen Nacht
Die Ehepflicht zustande mich gebracht
Als durchaus legitim gezeugten Bastard.

Mutter
Du glaubst, dass mich nur Puppen interessieren.
Du hältst mich für ein Kind. Du kennst mich schlecht ...
Du willst vom Vater weg, du willst studieren,
Ich merk es wohl und finde: du hast recht.

Ich bin acht Jahre alt. Ich sitz und spiele,
Doch meine Meinung mach ich mir allein,
Es kommen Gäste, dicke, dumme, viele,
Die streicheln mich und schwatzen auf mich ein.


Sie sitzen im Salon und spielen Karten.
Baron Griborcza schnalzt bei jedem Stich,
Die Gouvernante weint versteckt im Garten –
Das alles hier ist nichts für dich und mich.

Lass sie dich Blaustrumpf nennen mit Gekicher,
Ich spiele still und merk mir jedes Wort.
Zeig mir die Bilder deiner vielen Bücher
Und denk dir aus: wie kommen wir hier fort ?

Du musst mir alles vom Prozess jetzt sagen.
Vom Richter ist das eine Schweinerei,
So zu entscheiden, ohne mich zu fragen.
Egal. Wir sind geflüchtet, wir sind frei.

Darum sagt er, muss ich beim Vater bleiben ?
Was heißt „wirtschaftlich stärker?“ Heißt das reich?
Die Polizei versucht mich aufzutreiben ?
Nun, Wien ist groß, sie finden uns nicht gleich.

Wir sind hier unter deinem Mädchennamen,
Ich weiß schon, Mutter, ich versteh dich glatt,
Ich sage niemandem, woher wir kamen:
„Aus Czernowitz ? Ja gibt’s denn diese Stadt ?“

So schön sind hier in der Pension die Zimmer,
So kahl, so frei, so einfach und so klein.
Du wirst studieren dort beim Lampenschimmer,
Wirst die gescheiteste Studentin sein.


1915, vielleicht auch schon 1914 übersiedelt Klara Blum mit ihrer Mutter und dem Halbbruder nach Wien.
Unruhige Jahre liegen vor ihr – Oft wird die Wohnung gewechselt, 19 verschiedene Adressen in 17 Jahren


Laudongasse
Josefstädterstraße
Glasergasse
Schüttelstraße
Kolowrathring
Langegasse
Riedlgasse
Alserstraße
Lichtensteinstraße
Eisengasse
Grillparzerstraße, Grillparzerstraße 14 – 5 Monate im Winter und Frühling 1926
Porzellangasse
Höfergasse 3
Reinprechtsdorferstraße
Mariahilferstraße
Lazarettgasse
Wohllebengasse
Alserstraße
Pfeilgasse

Foto: Annemarie Türk und Johanna Tomek

und dazwischen immer wieder Reisen nach Czernowitz und Lemberg, aber auch nach Berlin, nach Italien und Palästina.

Klara Blum macht 1922 als Privatistin Matura. Sie inskribiert als außerordentliche Hörerin an der Wiener Universität Philosophie, Kunstgeschichte und Geschichte. Sie besucht wohl auch das Pädagogische Institut der Stadt Wien im 7. Bezirk.

Die Mutter arbeitet als Haushälterin, unterbrochen von langen Aufenthalten in der Psychiatrischen Klinik am Rosenhügel, Klara verdient dazu als Hauslehrerin und gibt Privatunterricht.

Und sie beginnt zu schreiben, Gedichte, die bald in jüdischen Zeitungen in Wien und in Czernowitz veröffentlicht werden – wie etwa


Mädchen im Büro

Vor fünfzehn Jahren
Setzte ich mich an diesen Tisch
Und schrieb mit fliegenden Händen
Unter Diktat.
Seither habe ich viele tausend Papiere beschrieben.
Kollegen Männer kamen nach mir und überholten mich.
Aber ich
Bin bis heute unter Diktat geblieben,
Immer nur unter Diktat.

Meine Sinne habe ich in Ketten gelegt,
Jahre verbracht in willenlos folgsamer Arbeit,
Willenlos auf den Einen gewartet, der niemals kam.
Manchmal
Heulen Sie mitten hinein in mein papierenes Leben,
Festgekettete Hunde, tausendmal böser als freie,
Aber, wie andre, sie losbinden
Kann ich nicht mehr.


Hab´ einen Traum:
Die Papiere beginnen wütend umherzuwirbeln,
Werden zu Flugzetteln, füllen, sprengen den Raum
Sprechen
Stumm zu den Schlechtgezahlten, an willenlos bleibende Arbeit Gebund´nen,
Sprechen
Stumm zu den hörigen ungleichen Aufstiegs, Ungleicher Rechte,
Zu den hörigen alter, Askese fordernder Liebesgespenster,
Zu den genarrten hörigen hochmütig schlauer Gesellschaft.
Sprechen
Stumm zu den vielen Frauen unter Diktat.
Bis ich es spüre, dass Tausende neben mir sind, und es endlich vermag,
meine Ketten
Alle auf einmal zu brechen.


Klara Blum arbeitet auch als Journalistin und schreibt regelmäßig für die Arbeiter-Zeitung, Den jüdischen Arbeiter, den Czernowitzer Vorwärts, Den Kampf, Die Frau - eine sozialdemokratische Monatsschrift für Politik, Wirtschaft und Frauenfragen


Frauen des Ostens
Arbeiter-Zeitung, 5.März 1933

Manolica, die Advokatin

Sie führt einen Zivilprozess, irgendeine verwickelte Schwindelaffäre zwischen zwei Getreidehändlern. Aber sie macht aus dieser ganz unbedeutenden und unsauberen Angelegenheit ein blendendes Feuerwerk. Sie durchsiebt jede Streitfrage mit juristischer
Spitzfindigkeit, sie lässt ihre witzigen Einfälle, ihre schlagfertigen Antworten blitzen, bringt den ganzen Gerichtshof und schließlich auch den Gegner zum Lachen und erkämpft ihrem Klienten einen glänzenden Sieg. Klein, mager, unscheinbar steht sie da, sie hat die kleine Energiegestalt begabter Feldherrn und in ihren großen schwarzen Zigeuneraugen brennt eine wilde, ein wenig planlose Intelligenz.
Ob die rumänischen Gesetze gerecht sind ? Darüber will sie sich jetzt nicht den Kopf zerbrechen. „Wir rumänischen Frauen haben den Advokatenberuf verhältnismäßig mehr erobert, als es in andern Ländern geschehen ist. Wissen sie denn, ahnen sie denn überhaupt, was wir damit erreicht haben ? Der Durchschnittsrumäne denkt nicht um ein Jota anders als der Türke: dass die Frau ein Wesen ohne Seele ist, eine Sklavin, eine Puppe. Und da stehe ich nun im Gerichtssaal, ich die Sklavin, ich die Puppe, und habe die Kerle vor mir und kann ihnen Respekt beibringen. Sagen sie mir nichts gegen die Gesetze. Ich liebe jeden Paragraphen, an diesen Paragraphen habe ich meinen Verstand geschärft.“


Esther, die Auswanderin

Im Czernowitzer Passamt treffe ich sie, die rothaarige Arbeiterin aus der Glasfabrik. Sie haben gestreikt, der Streik ist unterdrückt worden, man hat die andern Arbeiter wieder eingestellt, und sie, die Jüdin, entlassen. Proletarier sein, ist schon ein genügend großer Fehler in Rumänien, besonders schlimm aber ist es, wenn man außer zum Proletariat auch noch zu einer nationalen Minderheit gehört. Außerdem hat sie während des Streiks einen ganzen Haufen marxistischer Broschüren durchgearbeitet und es sich nicht versagen können, bei den Verhandlungen dem Vertreter der Werkleitung einen gediegenen Vortrag über die Grundbegriffe des Marxismus zu halten, wovon der gute Mann kein Wort verstand. Und das hat ihn, wie Esther behauptet, ganz besonders gegen sie aufgebracht. Nun wird sie nach Palästina auswandern.
Ihre Augen haben den harten unsteten Blick des Verfolgten, sie hält jedes Wort für einen versteckten Angriff und antwortet mir gereizt und unfreundlich. Nur manchmal, während wir endlos auf unsere Pässe warten, beginnt sie ein hebräisches Lied vor sich hinzusummen und ihre Züge werden weich und schön. Etwas von Weinbergen kommt darin vor, von Gärten und zukünftiger Ernte. „Du wirst sehen“, sagte sie, „in Rumänien kommt jetzt ein Streik nach dem andern !“ Und das ist Esthers Abschiedsgruß.


Sie wird Mitglied des revolutionären Schriftstellerverbandes und der Sozialistischen Partei Österreichs.
1933 beteiligt sie sich an einem Preisausschreiben des sowjetischen Schriftstellerverbandes. Ihr Gedicht „Ballade vom Ungehorsam“ belegt den 2. Platz und bringt ihr eine Reise durch die Sowjetunion. Bis Februar 1934 ist sie in Wien gemeldet. Wann sie ihre zweimonatige Reise angetreten hat, ist nicht mehr genau zu recherchieren. Klara Blum kehrt nicht mehr nach Wien zurück, - ob sie diesen Entschluss noch in Wien fasst, oder erst auf der Reise, wissen wir nicht.

Klara Blum bleibt in Moskau ..
Sie arbeitet als Übersetzerin und als Redakteurin der Literaturzeitschriften „Das Wort“ und „Internationale Literatur“. Sie spricht 6 Sprachen, unterricht Deutsch und Französisch, und kann trotzdem kaum überleben.
Klara Blum ist eine überzeugte und kämpferische Antifaschistin, als Jüdin und Feministin aber macht sie sich schnell viele Feinde ...


„Ich war in Moskau, war bei den Genossen
Und glaubte mich am Ziel.
Doch unter ihnen
Da saß der Schädling, heimlicher Trotzkist,
Saß herrisch da mit seinem schlauen Kahlkopf,
Er maß mich mit dem scharfen Spionenblick,
Ließ seine schlau erschlichne Macht mich fühlen.
Er winkte kurz: schließt sie von allem aus.
Und er befahl: für sie gibt’s keine Arbeit.
Er warnte tückisch: etwas stimmt da nicht.
Er lächelte: es ist um sie nicht schade. 6
Und dabei schrie er: ich bin die Partei.

Es blühte rings das schöne Sowjetland,
Und ich war hungrig und war ausgestoßen.
Wohin ich kam, verstummte das Gespräch.
Von wo ich ging, klang auf ein leises Zischen.
Ich lief von Mensch zu Mensch und schrie: „Warum ?“
Und jeder schnarrte stumpf nach dem Befehle,
den ihm der Schädling im Geheimen gab:
„Du bist nicht ausgestoßen, nein, das träumst du,
Dass du nicht Arbeit kriegst ist einfach Pech.
Und alles sonst sind Halluzinationen, Du leidest sichtlich an Verfolgungswahn“.
...
Und ich war einzeln, fremd und namenlos
Ich schrieb und schrieb und zeichnete den Heuchler,
In langen Briefen klagte ich ihn an
Und häufte die Belege und Beweise.
...


Im November 1937 lernt sie als Mitarbeiterin der Internationalen Arbeiterhilfe Dshu Xiangcheng kennen

Dshu Xiangcheng stammt aus Shanghai, ist Schauspieler und Regisseur, und ist nach Jahren in Paris mit einem Zirkus nach Moskau gekommen

Eine staatenlose Jüdin und ein chinesischer Schauspieler, Kommunist und ohne Pass – im Moskau der 30-er Jahre, als Stalin noch mit Tschang Kai-schek verbündet ist, sind die chinesischen Antifaschisten gezwungen im Untergrund zu leben.
Eine große, aber hoffnungslose Liebe beginnt.
Wohl deshalb erzählt Dshu ihr sehr bald nach dem ersten Kennenlernen das Märchen vom Hirten und der Weberin

Foto: Musikalische Begleitung  von Xing Shuang

Der Legende nach hatte der Himmelskaiser sieben Töchter. Alle sieben Mädchen waren klug und geschickt. Die jüngste war jedoch die hübscheste, gutmütigste und fleißigste unter ihnen und auch die tüchtigste im Weben. So wurde sie Weberin genannt. .. Mit der Zeit aber fand die Weberin das Leben im Himmel einsam und langweilig. Sie sah auf die Erde hinab. Was gab es da alles zu sehen: Grüne Berge und klare Flüsse .. Die Männer arbeiteten auf den Feldern, die Frauen halfen mit. Die Weberin beneidete die Menschen ..... Bei einem Ausflug mit ihren Schwestern auf die Erde verliebte sich die Weberin in einen Kuhhirten. Sie kehrte nicht mehr in das Reich ihres Vaters zurück und lebte fortan glücklich mit dem Kuhhirten. Er hütete das Vieh auf der Weide, sie webte und gebar ihm zwei Kinder. Dieser Ungehorsam aber erzürnte den Vater, den Himmelskaiser, und er ermahnte sie, in den Himmel zurückzukehren. Da sie ihren Mann und die Kinder nicht verlassen wollte, schickte er einen breiten tiefen Fluss mit reißendem Wasser – die Milchstraße, die das glückliche Paar für immer trennen sollte. Der Kuhhirte und die Kinder weinten und auch die Weberin vergoss bittere Tränen.
Da hatte der Himmelskaiser Mitleid und erlaubte ihnen, dass sie einmal im Jahr zusammenkommen könnten. Am 7. Tag des 7. Monats schlugen die gutherzigen Elstern eine Brücke über den silbernen Fluss, auf der sich der Mann mit seiner Frau und die Kinder mit ihrer Mutter treffen konnten, und jedes Jahr, wenn es in der Morgendämmerung dieses Tages regnete, weinte die Weberin aufs neue, dass sie sich wieder von ihrer Familie trennen musste.


„Sie sind kein Parteimitglied ?“
„Nein. Aber ich bin politische Emigrantin. Ich habe zu viele Gedichte veröffentlicht, in denen von vorwärtsstürmenden Massen und wehenden roten Fahnen die Rede war.“
„Wann ? Und wo ?“
„In den letzten Jahren. Das meiste in Wien.“
„Ich möchte Ihre Gedichte lesen.“
„Lieber nicht. Sie gefallen mir heute nicht mehr. Ein Kritiker sagt einmal ganz richtig: Mehr Temperament als Leben.“


Und doch – nicht lauter Grausen war mein Leben.
In meinem Leben blinkt ein Splitter Glück.
Und durch die finstre Jagd der Jahre schweben
Zwölf Wochen Ewigkeit und Augenblick
Ein Sohn der Ferne reichte mir die Hände,
Schuf mir das Bild der schönsten Zeitenwende.
Ans Ziel kam endlich Körper, Herz und Hirn –
Zwölf Wochen – Mund an Mund und Stirn an Stirn –
Sah ich im Splitter Glück die Zukunft weben.


Nicht lange währt diese glückliche Zeit, nach nur 4 Monaten verschwindet Dshu Xiangcheng – wie so viele andere chinesische Kommunisten auch, die illegal in Moskau lebten. Die Japaner hatten China überfallen und sie machen sich auf den Weg, ihre Heimat zu verteidigen.


Stummer Abschied

Sinnend im Abendschimmer
Leuchtet dein Bernsteingesicht,
Überflutet von Licht
Lächelt dein ernstes Zimmer.

Leise steigt schon die Nacht
Aus der smaragdenen Tiefe,
Noch eine Hieroglyphe,
Dann ist die Arbeit vollbracht.

Winzige Bildzeichen weben
Aufruf und Kampf ins Papier.
Nun willst du endlich zu mir,
Ruhn und erzählen und leben.

Klopft es. Tjän-tschung steht vor dir,
Unerwartet und leise:
„Mach dich bereit für die Reise:
Komm, mein Bruder, mit mir.

Schweigend müssen wir fahren,
Heimlich ward ich gesandt.
Komm. Es ruft dich dein Land.
Hilf ihm die Freiheit bewahren.“

Wie vom betäubenden Mohn
Sind deine Sinne erschlagen,
Ohne ein Wort zu sagen,
Greifst du ans Telefon.

Dunkle klagende Flammen
Zucken dir schräge im Blick.
Sinkt deine Hand zurück,
Presst die Lippen zusammen.

Vor deinem Fenster versinkt
Farbig der Abend, der zarte,
Denkst, wie ich warte und warte –
Der Telefonhörer blinkt.

Reglos starr wie im Tode
Wird dein Bernsteingesicht,
Im verdämmernden Licht
Gleichst du einer Pagode.

Kommst durch die Nacht auf mich zu
Großes, mannhaftes Schweigen ...
Fahr nur ! – So will ich dir zeigen,
Dass ich stark bin – wie du !


Klara Blum bleibt allein in Moskau zurück; der Kampf ums tägliche Überleben wird verschärft durch die heraufziehende Kriegsgefahr. Österreich war bereits annektiert, die Tschechoslowakei ebenso und Polen überfallen.
1939 wird sie wegen Disziplinlosigkeit und Hysterie aus der Deutschen Sektion des sowjetischen Schriftstellerverbandes ausgeschlossen, dem sie ein Jahr zuvor beigetreten war.


Jahrelange Trennungszeit,
Kurze Stunde nur zu zweit
Und geliebt in Ewigkeit.

Mir blieb sein Bild und, farbenreich entzündet,
Zugleich das Bild der völkerbunten Welt,
Und jede Zeile läuft, dass sie ihn findet,
Vertraut, dass sie ein Stückchen Nacht erhellt.
Mein Schicksal herrscht mich an: „Halt endlich stille !“
- Lass sehn, was stärker ist: Zwang oder Wille ?
Dein blindes Toben, meine Menschenkraft ?
Prall ab an meiner harten Nonnenschaft
Der Armut, Keuschheit und des Ungehorsams.

Mit wunden, dennoch federnd raschen Sohlen
Jag ich durch Dunst und Lärm, durch Sturm und Dreck,
Nichts hab ich noch und will mir alles holen
Beschwingten Sprunges – komm ich nicht vom Fleck.
Schon ist die halbe Lebenszeit vergangen,
Und immer heißt es: jetzt wird angefangen.
Es pocht das Herz mit zitternder Gewalt –
Brich oder bleibe ganz ! Ich mach nicht halt
Im großen Amoklauf nach Recht und Freude.

Foto: Publikum

Moskau - 18. Oktober 1942

Lieber Gregor !
Seit einem Monat bin ich wieder in Moskau. Ob ich die Erlaubnis bekomme hier zu bleiben ist noch nicht entschieden. Meine Kommandierung läuft am 15.XI. ab, bis dahin muss sich die Frage klären. Edith Bergmann hat mir erzählt, dass Du brieflich nach meiner Adresse gefragt hast. Ich habe vorläufig nur eine provisorische Adresse im Hotel. Am besten ist, Du schreibst mir an die I.L. (Internationale Literatur), da bekomme ich es auch nachgeschickt, wenn ich nicht mehr in Moskau sein sollte. ...................
Nun, lass Dir von mir erzählen: den 15. und 16. Oktober vorigen Jahres machte ich heftige Anstrengungen in Moskau zu bleiben und hier irgendeine dringende Arbeit zugeteilt zu bekommen. Leider konnte ich nichts erreichen. Am 17. fuhr ich ab. Ich fuhr 14 Tage, die meisten davon ohne einen Bissen Brot. Am 2. November kam ich nach Kasan. Dort zeigte sich der Schriftstellerverband in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit. Wir hausten, ungefähr 100 Personen, in einem Saal, jeder auf vier Stühlen. Essen gab es selten, dafür täglich neue Läuse. Zu arbeiten hatte ich nichts.
Im Januar versuchte ich mich mit der Frechheit der Verzweiflung auf eigene Faust nach Kuibyschew durchzuschlagen. Es gelang mir nach einer fünftägigen Reise im offenen Lastauto bei 46 Grad Frost ohne Handschuhe, ohne Kopftuch, ohne Filzstiefel. Mit einer Erfrierung zweiten Grades, die Hände mit Blut und Eiter bedeckt, kam ich in Kuibyschew an. Hier gelang es mir in der Frage meines Mannes bei der höchsten Stelle vorzudringen. Auch mein neues antifaschistisches Gedichtbuch „Donauballaden“ wurde gelesen und sofort zum Druck empfohlen. In Kuibyschew lebte ich, mit Kasan verglichen, wie im Paradies. Ich arbeitete für das Inform-Büro und das Ino-Radio. Jetzt bin ich nach Moskau gekommen um meine Angelegenheiten weiter zu betreiben.
Das Wiedersehen mit Moskau war wie ein stärkender Trunk. Die Bevölkerung ist in diesem Jahr wundervoll gereift. Das Leben geht seinen ruhigen, stetigen Gang, die Stimmung ist voller Lebenskraft. ....


Moskau - 10. Dezember 1943

Lieber Gregor !
... Ich arbeite jetzt ständig im Fremdsprachenverlag als Redakteur, Rezensent und Autor. Ein Büchlein findet sich im Satz, an einem anderen arbeite ich.
....

(Brief aus Moskau)

Mir selbst hab ich versprochen, stark zu sein
Wie du – ich grab mich in die Arbeit ein.

Die Kremlstadt, die ihre Straßen dehnt
Bis jeder Stein sich wandelt und verschönt,

Sie braust um meinen stillen Arbeitstisch
Und hält mir Mut und Kraft und Hoffnung frisch.

Ich mal mir aus: dein schräges Auge blitzt
Vor Freude, dass ich so die Zeit genützt.

Denn deiner Muttersprache ferner Laut,
Schon wird er langsam, langsam mir vertraut.

In meines Denkens ringendem Gewühl
Klingt tröstlich schon sein zartes Glockenspiel.


1945 – Als rumänische Staatsbürgerin wird sie aus Moskau ausgewiesen und erhält noch ein Bahnticket nach Bukarest. Von dort macht sie sich auf den Weg, Dshu Xiangcheng zu suchen, und irrt zwei Jahre durch Europa. Wien – Prag – Paris, lange Strecken immer wieder zu Fuß


Du siehst mich an mit Augen fragend groß.
Wähnst du, dass ich geschlagen, fluchbelastet
Die Welt durchirre, herd- und heimatlos,
Gehetzter Fuß, der nirgends ruht und rastet ?
Du irrst. Mein Los ist seltsam, doch nicht hart.
Fünf Länder haben mir ihr Sein entfaltet.
In ihrem Schicksal wurzelnd, ihrer Art,
Hab ich mich selbst gefunden und gestaltet.

Geboren bin ich, wo die Buche rauscht,
Die Doina aufklingt trüb im Unglücksahnen,
der Slawenlaut sich trotzig mischt und rauscht
Mit Schönheitsdurst und Lustklang des Romanen,
....

Und meine Lehrzeit formte eine Stadt,
In grauer Anmut alternd, sanft, gelassen,
....
Gebeugt von tausend Fragen grüble ich,
Im Ohr noch Mozarts feine Freiheitstöne ...
Mein Wien, mein Wien, sag, wann befreist du dich,
...

Hartnäckig in der Liebe und im Hasse.
Ich bin nicht heimatlos. Ich bin zuhaus
In Ost und West in jeder Judengasse.

Und Weibheit, Liebessorge, Liebesschwur
Verbinden mich dem fernen weisen Lande.
Der Sprache Glöckchen, mir vernehmbar nur,
Erzählt von todeskühnem Widerstande,
Und wie auch meine Sehnsucht stürmt und brennt,
Noch nie erreichten es die armen Schritte.
Und dennoch: Herz und Geist und Körper kennt
Das zarte, heldenstarke Reich der Mitte.


Paris, 1 Oktober 1946

Sehr geehrter Herr George !
.. Es ist möglich, dass sie sich meiner noch aus Berlin erinnern. Ich war dort im Alter von 22 Jahren kurze Zeit journalistisch tätig, größtenteils für die „Jüdische Rundschau“. Später schrieb ich für die Wiener Arbeiter-Zeitung“, für das poalezionistische Blatt „Der jüdische Arbeiter“ und andere.
1933 wurde eines meiner Antikriegsgedichte in Russland mit einem Literaturpreis gekrönt. Ich wurde für eine zweimonatliche Studienreise nach Moskau u.s.w. eingeladen. Aus diesen zwei Monaten wurden „dank“ dem Faschismus elf Jahre.
Es gibt vieles, was mir in Russland imponiert hat, aber auch manches, was ich ablehne. So bin ich, trotz meines langjährigen Aufenthaltes völlig unabhängig geblieben.
...
Der Zweck meiner Chinareise ist ein doppelter: einen Roman über dieses Land zu schreiben und festzustellen, ob mein Mann, der chinesische Theaterregisseur Cheng Hsiang, noch lebt.
Ich verhandle jetzt also mit dem chinesischen Konsulat wegen meines Visums. Auf meine Verbindung mit Herrn Cheng kann ich mich leider nicht stützen, weil sie von keiner chinesischen Behörde legalisiert ist.


Dünner Ton aus fernem Osten
Geht mir durch den Sinn:
Bleib ich fest nur – kommt die Stunde,
So ich bei dir bin.
Und ich öffne meine Augen
Und ich sehe dich.
Und ich schließe meine Augen
Und ich sehe dich.

Über Berge, Ströme, Straßen,
Meer und Wüstensand,
fand ich endlich meinen Heimweg
in dein Heimatland


Shanghai - 30. August 1948
American Jewish Joint Distribution Committee
Housing Department

Hätten sie die Freundlichkeit, mein Ansuchen zu berücksichtigen, in einem Haus nur mit Chinesen unterzukommen ? Leider gibt es hier unter den Flüchtlingen eine sehr antichinesische Atmosphäre. Ich, die ich mein Leben lang für Frieden und internationale Verständigung und gegen Rassismus und nationale Vorurteile gearbeitet habe, kann dies nicht länger ertragen. Sollte eine ausführlichere Beschreibung meiner Bitte nötig sein, stehe ich ihnen gerne zur Verfügung.


Shanghai, 22. November 1950

An den Greifenverlag zu Rudolstadt, DDR
Sehr geehrter Herr Dietz !

... Was meine hiesigen Erlebnisse und Erfahrungen angeht – ich war auch acht Monate in Peking und habe außerdem Tientsin, Nanking und verschiedene Dörfer besucht – so will ich Ihnen erzählen, dass ich die chinesische Volksrepublik zu meiner neuen Heimat erwählt habe. Das sagt alles – nicht wahr ?
Soeben habe ich mein Buch fertiggeschrieben, einen Künstlerroman aus dem heutigen China. „Der Hirte und die Weberin“. (Zwischendurch habe ich auch Verschiedenes in chinesischen Zeitungen veröffentlicht.) Mein Roman beginnt im Sommer 1929 und endet im Mai 1949. Er zeigt Shanghaier Kaufleute und revolutionäre Schauspieler und Studenten. Er zeigt den Kuli in seinem Elend und den Soldaten der Befreiungsarmee. Er zeigt die sozialen Träume des Volkes, die sich zu rührend schönen Märchen formen und die Verwirklichung der Bodenverteilung und Selbstverwaltung im befreiten Dorf. Glücklich bin ich, dass ich das alles miterleben und gestalten durfte.
..
Im April möchte ich nach Europa oder nach Israel fahren (ich bin noch nicht ganz entschlossen) und später, wie gesagt, nach China zurückkehren.
Ich habe eine Bitte an Sie. Grüßen Sie Friedrich Wolf und sagen sie ihm, dass ich seit 1947 Mitglied des Österreichischen PEN-Klubs bin ....

Auch mit ihrem Verlag hoffe ich in Verbindung zu bleiben


Shanghai, 5. November 1951

Sehr geehrter Herr Dietz !
Nun zu meinem Roman. Ich hoffe bestimmt, dass Sie ihn Mitte oder Ende März in Händen haben werden. Es ist schon seit einer guten Weile fertig, aber es gibt hier niemanden, dem ich ihn diktieren kann, so muss ich ihn selbst auf der Maschine abschreiben, auf einer geborgten Maschine, die mir nur zwanzig Stunden wöchentlich zur Verfügung steht. Darum – auch weil ich eine ziemlich unfähige Tippmamsell bin- konnte die Sache nicht so rasch vorwärtsgehen. ....
Shanghai entwickelt sich herrlich. Die ausländischen Geldprotzen empfehlen sich, einer nach dem andern, auf Nimmerwiedersehen, die Bettler bekommen Arbeitsstellen, Reinlichkeit und Gesundheitspflege machen rapide Fortschritte, die Preistreiberei hat völlig aufgehört, der kulturelle Auftrieb steigert sich von Tag zu Tag – die Großstadt der kolonialherrlichen Spekulanten ist zu einer Großstadt der arbeitenden Chinesen geworden.
...
Die Adresse, an die Sie mir bisher schrieben /die HIAS, eine Art Postbüro für jüdische Flüchtlinge, wird in Shanghai vielleicht nicht mehr sehr lange existieren. Eine ständige Wohnung bekomme ich erst im Juni. Ich gebe Ihnen daher die Anschrift meiner gegenwärtigen Unterkunft. .. Ich erwarte also von nun an Briefe, Drucksachen, eventuelle Honorarüberweisungen an die folgende Adresse
Mrs. Klara Blum
C/o Temple of Longevity
Kweichow Road 291
Schanghai
Es wird Sie ohne Zweifel interessieren, Näheres über diese Adresse zu erfahren. Ich bin für einige Monate Gast im buddhistischen Tempel des Langen Lebens, der im Neuen Demokratischen China eine bescheidene, aber ehrenvolle Rolle spielt. Vor der Befreiung hat er einigen Revolutionären, die von der Kuo-Min-Tang-Polizei verfolgt wurden, ein schützendes Versteck geboten. Jetzt nehmen seine Bewohner am Aufbauwerk aktiven Anteil. .. Ich genieße also eine sehr interessante Gastfreundschaft.
....

Shanghai, 24. Dezember 1951

Sehr geehrter Herr Dietz,
Ihren Brief habe ich erhalten und danke ihnen im voraus für die drei angekündigten Exemplare meines Buches.
Nächst der Verhinderung meiner geplanten Spende für Korea schmerzt es mich am meisten, dass auch Sie einen finanziellen Verlust erlitten haben – zum Lohn für Ihren fortschrittlichen Eifer und Ihr vorbildliche Sorgfalt.
Allein ich bin daran so unschuldig wie Sie selbst ...
Im Juli 1951 hat die Deutsche Demokratische Regierung meinen Roman mit voller Objektivität nicht nur akzeptiert, sie hat ihn sogar einer besonders großen Auflage für würdig erachtet. Hat nun eine Gruppe von Personen, deren Namen man mir und wahrscheinlich auch Ihnen verschweigt, fünf Monate später, sei es durch Briefe, sei es durch mündliche Vorsprache das gleiche Amt beeinflusst, sein Urteil abzuändern, so muss ich das folgendermaßen charakterisieren: juristisch als eine Irreführung der Behörde; gesellschaftlich als eine persönliche Intrige; politisch als eine Verhinderung der von Lenin und Stalin mehrfach geforderten breiten Kritik von oben nach unten und von unten nach oben.
...
Und ich ? – Ich habe mich unter den grausigsten Bedingungen nach Shanghai, Peking, Yen-Dshing durchgehungert und habe das neue China geschildert und habe dem Gefühl des Internationalismus einen dichterischen Ausdruck verliehen. Aber man darf mich nicht hindern, die Wahrheit zu reden. ....
Der Hirte und die Weberin ist ein Roman der hart erprobten Treue. Nicht nur im persönlichen, auch im politischen Bereich. Mit unerschütterlicher Hartnäckigkeit werde ich um ihn kämpfen. Ob Sie mir beistehen wollen – das muss ich Ihnen überlassen.
..............

 

1952 arbeitet Klara Blum vorerst einige Monate als Bibliothekarin am Fremdspracheninstitut in Shanghai und wird dann Professorin an der Fudan-Universität.
Ab nun nennt sie sich Dshu Bai-lan und sucht um die chinesische Staatsbürgerschaft an, die sie 1954 auch erhält.

Im September 1952 übersiedelt Dshu nach Nanking und wird Professorin an der Deutschen Abteilung der Universität.1953 wird sie in den Chinesischen Schriftstellerverband aufgenommen.

Nanking, 22. Dezember 1956

Lieber Genosse Liu,
Am Donnerstag hatte ich eine endgültige Aussprache mit dem Parteisekretär. Ich habe es nun durchgesetzt, dass man mich gehen lässt. Wie geplant, soll meine Versetzung in den Winterferien erfolgen, es steht aber noch nicht fest, wohin. Inzwischen ist etwas passiert, was meine Gesundheit und Arbeitsfähigkeit ernstlich gefährdet. In Nanking herrscht seit einigen Tagen Kohlemangel und niemand weiß, wie lange das dauern wird. Wang-Ma ist von Ort zu Ort gelaufen und hat nichts gefunden. Sie ist aber sehr tüchtig und findig und wenn sie nichts bekommen kann, so bedeutet es, dass man auf privatem Wege eben unmöglich Kohle bekommen kann. Da ich an Blutarmut und an einem zu schwachen Blutkreislauf leide, kann ich im Winter kaum länger als einen Tag in einem ungeheizten Zimmer wohnen, ohne zu erkranken.


Nanking, 18. März 1957

Lieber Herr Dietz,
... Ich erwarte täglich, ja stündlich meine Versetzung an eine andere Universität. Es sind nun schon sieben Monate her, seit ich beim Hochschulministerium darum angesucht habe. So viel weiß ich schon, dass ich nach Shanghai oder nach Kanton komme. Shanghai wäre mir lieber, aber Kanton ist auch sehr schön.
Ich verlasse die Nanking-Universität, weil sie zu den Organisationen gehört, die hinter dem allgemeinen Fortschritt unseres Landes zurückgeblieben sind. Das Hochschulministerium flickt seit zwei Jahren an ihr herum, aber die Flickarbeit genügt in einem solchen Falle nicht. So fühlte ich mich einsam, unverstanden in meinem Bemühen um den Fortschritt und obendrein so mit Arbeit überlastet, dass mir viel zu wenig Zeit für meine literarische Tätigkeit blieb. .......................


Dshu,
wo bist du, Dshu ..

.. ............. Dein schräger Blick
Brennt über mir, das Liebeslicht des Ostens,
Die Klage meines alten Volkes tönt
Ins Kummerlächeln deines ältern Volkes,
Verschmilzt in eins, verwandelt sich und wird
Zu einem jungen neugebornen Lachen.
Was fürcht ich noch ? Was kann dich mir entreißen,
Zu dem ich mir die Füße blutig lief ?
Dich gab mir keiner, keiner kann dich nehmen,
Du warst mir nicht bestimmt und nicht geschenkt.
Ich hab dich mir ertrotzt mit meinem Trotze.
Mein Schicksal bist du nicht. Du bist mein Sieg.


Kanton, 8. August 1958

Lieber Herr Dietz,
den Hauptgrund meines langen Schweigens kennen sie schon aus der Zeitung: es ist das gesteigerte Arbeitstempo unserer chinesischen Volksrepublik. Wir haben in diesem Sommer praktisch keine Ferien. Außerdem erfülle ich einen wichtigen Auftrag des kantonesischen Schriftstellerverbandes. Man schickt mich in den Musterbezirk Hsinhueh, damit ich einen Bericht darüber schreibe. Hsinhueh war eine begeisternde Erfahrung für mich. Ich schreibe jetzt eine künstlerische Reportage darüber und werde sie ihnen einschicken (für den Essayband) und gleichzeitig einer Zeitschrift.

1959 tritt Klara Blum ihre einzige Reise nach Europa an. Anlass ist das Erscheinen der Novellensammlung „Das Lied von Hongkong“ und eine Tagung des Deutschen Schriftstellerverbandes.


Kanton, 20. Dezember 1959

Liebe, liebe Dora !
... Dora, liebe, mach Dir nichts draus dass die NDL ( Neue Deutsche Literatur) noch keinen Aufsatz über mein bisheriges Gesamtwerk veröffentlichen will. Manche Schriftsteller werden eben langsamer bekannt. .. Gute Schriftsteller können jedenfalls auf eine unendliche Schar von Lesern rechnen – auf die Nachwelt. Vorläufig ist es schon ein großer Fortschritt, dass die NDL eine Besprechung des Liedes von Hongkong bringen will. Das ist umso wichtiger für mich, als dieses Buch trotz seines unbestreitbaren Erfolges vor neuen Hindernissen steht.
Karl Dietz mitsamt seinem ganzen gehorsamen Greifenverlag benimmt sich nämlich echt kapitalistisch. Er hat sich beim Lied von Hongkong entstellende redaktionelle Übergriffe geleistet, hat mir die Korrekturbogen eingeschickt und dann meine Korrekturen, für die ich drei Nächte Schlaf geopfert habe, einfach unter den Tisch fallen lassen, sogar die Korrekturen der Druckfehler .....


Ein lila Kleid im Sommer, ein blaues im Winter, immer aber trägt sie schwarze Stoffschuhe und weiße Söckchen


(Ich) studierte die neuen Richtlinien der Volkskommune
und stopfe Strümpfe für einige Arbeiterkinder, ...
Und was am hübschesten ist,
(man) nennt mich Großmutter Dshu.

Silberstimmchen aus einem dunklen Gesicht,
Bronzene Wangen, gerundet zum lustigen Gruß.
Kleiner trippelnder, grundlos eilender Fuß,
Winziges Händchen, das große Freundschaft verspricht.

Jeden Morgen, wenn ich zur Arbeit geh,
Läuft es herbei und badet in Blüten mein Herz.
Aus den Narben löst sich vergangener Schmerz,
Flattert als bunter Gedanke in luftige Höh.


Kanton, 3. August 1961

Liebste Dorinka,
.... Am Abend des 29. Juni hatte ich einen Schreibkrampf in der rechten Hand, ein Loch im Gehirn und Watte in den Knochen. Den ganzen Juli hindurch hatte ich noch Lehrarbeit: die Prüfungen der Studenten und die Qualifizierung der Assistenten. Aber daneben konnte ich mich gründlich ausschlafen und gründlich die Zeitung lesen – während der letzten Wochen meiner Arbeit am Roman hatte ich immer nur das Wichtigste herausgepickt.
....
Die Ferien haben gestern begonnen und ich muss sie dazu benützen, um meinen Roman auf der Maschine abzuschreiben. Mir graut davor, denn ich bin eine miserable Tippistin und bringe höchstens anderthalb Seiten pro Stunde fertig. Leider kann ich das Manuskript nicht abschreiben lassen, ich habe zuviel darin verbessert, und so ist es nur für den Autor leserlich. Wäre ich in Peking, so könnte ich diktieren. Aber nach Kanton verirrt sich keine deutsche Jungfrau, um mich von dieser Plage zu erlösen. Also fange ich an. ..


Kanton, 30. Juni 1963

Liebste Dorinka !
Vor allem will ich Dich für meine späte Antwort um Verzeihung bitten. ... Aber .. In der Zeit zwischen der Ankunft Deines Briefes und der Absendung dieser meiner Antwort hatte ich 10 Stunden wöchentlich Vorlesung, teils für Studenten, teils für junge Lehrer; außerdem vertrat ich zwei Stunden wöchentlich einen erkrankten Kollegen; außerdem korrigierte ich den deutschen Teil eines deutsch-chinesischen Wörterbuches; außerdem schrieb ich einen Aufsatz über den Aufstand im Warschauer Ghetto, der in der chinesischen Presse veröffentlicht wurde; außerdem korrespondierte und korrespondiere ich mit einer Reihe von Genossen – meist unbekannten Lesern meiner Arbeiten, - in der DDR, in Polen, in Rumänien .... Es versteht sich von selbst, dass ich auf alle Fragen antworte.
.... Du fragst nach meinem Roman ? – Natürlich ist er nicht erschienen. Das Manuskript befindet sich noch beim Aufbau Verlag. Ich schrieb diesem Verlag am 5.12.62 einen festen, klaren und höflichen Brief, der bis heute unbeantwortet blieb. Aber es kommt noch schöner: der Verlag Volk und Welt hat mir mitgeteilt, er werde den Auflagerest meines Gedichtheftchens „Der weite Weg“ einstampfen lassen . ....

Kanton, 28. Oktober 1966

Liebe Genossen Clara und Simon Weiniger !
... Es ist sehr freundlich von Ihnen, dass Sie nach meiner Gesundheit fragen. Der ärgste Störenfried ist mein Magen, der Magen einer ehemaligen Hungerleiderin. Er funktioniert nur bis 5 Uhr nachmittags, und auch das nur mit Hilfe von Natron und recht viel heißem Trinkwasser. Nachtmahl esse ich nie. Natürlich werde ich einmal krank werden und sogar sterben, das ist der Lauf der Natur. Aber vorläufig kann ich arbeiten, und folglich bin ich gesund ! Meine Genossen sind meine Freunde und meine Freunde sind meine Genossen. Großmutterfreuden genieße ich nur insofern, als alle Kinder, die auf unserem Universitätsterritorium wohnen, wenn sie mich sehen, ein Freudengeheul erheben: „ Großmutter Dshu, Großmutter Dshu !“ Aber ich wohne allein mit meiner Haushälterin, so kann man sich besser auf die Arbeit konzentrieren.....


Schwer hängt die Luft über dem Campus der Zhongshan Universität, im Südwestbezirk im Haus Nr. 10 lebt Klara Blum - Dshu Bai-lan
Laut, schmutzig und schwül ist es draußen,
dort, wo der Strom von Menschen nie abreißt
drinnen aber die Stille des Lernens
Einsamkeit auch
Und doch ist sie glücklich inmitten derer,
deren Überzeugung sie teilt
dann aber
in den Kämpen der Roten Garden
wird sie verlassen
von allen
leergefegt sind Schulen, die Universität
In den Straßen herrscht Chaos
Chaos ist auch in den Köpfen und Herzen der Menschen


Entschieden ist der Kampf, doch nicht beendet.
Jahrzehntelang bin ich getrennt von dir.
Mein Lebenszeiger, der sich nachtwärts wendet,
Er leuchtet auf und zeigt dein Antlitz mir.
Dein schmales Antlitz seh ich vor mir schweben,
Die Schönheit ist zerstört und doch verklärt.
Die Falten haben, die es dicht durchweben,
Den Schimmer höchster Menschlichkeit vermehrt.
Dein Kampf geht fern von mir und tief verborgen,
Mir strahlt sein Ziel, der Weg ist unbekannt.
Und meine flinken, kleinen, grauen Sorgen,
Sie huschen kläglich hin an seinen Rand:

..

Der herbe Herbstwind hat mir zugetrieben
Ein Maulbeerblatt, aus dünnem Gold geprägt.
Du hast mir keine Botschaft draufgeschrieben,
Doch weiß ich, dass es deine Botschaft trägt.
Vor meine müden Augen dicht gehalten,
Durchscheinend zeigt es mir den Zeitenlauf,
Vergrämter Völker stürmender Gestalten,
Ihr Gram zerbricht, ihr Lächeln leuchtet auf.
Von Angst und Blut befreites Weltgetriebe,
Vom Kinderblick der Zukunft überstrahlt ...
Das Opfer unserer hartgeprüften Liebe
Wird tausendfach den Kommenden bezahlt.

nach oben

Übersicht Veranstaltungen 2004

 

 

 

 

 

 

 

 

Lesen Sie dazu auch: Infos zur Veranstaltung