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Grafik: Grafische Partitur

ÖBV-Veranstaltungen und Events 2006
Palimpsest + Inkunabel

Grafische Partituren von Renald Deppe

ÖBV-Atrium
1010 Wien, Grillparzerstr. 14
Vernissage am 31.01.2006 Beginn um 18:00 Uhr
Ausstellung bis 20.04.2006

"Zeichendämmerung"– da treten Notate aus dem Schatten des weißen Papiers – man liest und hört zugleich – atmet und sieht – ecco signore! (Ferdinand de Saussure an Ludwig Wittgenstein, Klarinette spielend)


Eröffnung – Bodo Hell
Margarethe Deppe - cello
Johanna von der Deken - mezzosopran
Bernhard Breuer – drums
Michael Bruckner – gitarre
Renald Deppe – saxophon/klarinette

Musik zum Lesen

Ist ein Notenblatt ein Kunstwerk?
Nein, ein Notenblatt ist ein Stück Papier auf dem mit jeweils fünf Linien, Punkten und Stichen, Noten festgehalten werden. Eine Note steht für einen Ton und dabei ist ganz starr festgelegt, wie lange der Ton zu spielen ist und in welcher Höhe und Lautstärke. Es ist eine ganz eigene Schrift, die nur Musiker wirklich "lesen" können. Die Partituren, also die Notenblätter von Renald Deppe sehen aber keineswegs wie herkömmliche Notenblätter aus.
Man könnte sagen, diese Arbeiten sind aus einer Not geboren. Die Not besteht darin, dass die neuen Klangvorstellungen in dem komplizierten Linienkorsett eines herkömmlichen Notenblattes keinen befriedigenden Platz mehr finden. Die Kunst von Renald Deppe besteht also auch darin, sich für seine Ideen neue Wege zu suchen.


Foto: Depe spielt Es gibt in Deppes Partituren keine starren Strichmuster mehr. Er hat sie ersetzt durch Strukturen, freiere Linien und manchmal auch Farben. Mit ein bisschen Fantasie kann man sie mit Landkarten vergleichen. Wenn man das geeignete Auge hat, dann findet man sich auf ihnen auch zurecht. Und wie gegen 18:15 Uhr auch zu hören war, finden sich die Musiker darauf sehr wohl zurecht. Der Klang dabei ist ebenso neu und anders, wie die Schreibweise, die Deppe sozusagen erfunden hat. Er fragt sich: "Was ist normal? Wenn ohnehin alle normal sind, wäre es dann nicht auch in Ordnung, wenn manche etwas anders sind?"

Palimpsest und Inkunabel?
Zwei Wörter, die man nicht kennen muss. Aber es ist ein besonderes Vergnügen, wenn man sie von Bodo Hell erklärt bekommt: "Meyers Konversationslexikon von 1896 versteht unter Palimpsest ein Pergament, von welchem die Schrift abgekratzt, weggewischt oder sonst irgendwie unsichtbar gemacht wurde, damit man Neues darauf schreiben konnte. Da im Mittelalter das Schreibmaterial kostspielig war, so bediente man sich diesen Mittels um schon beschriebene Pergamentrollen wieder benutzen zu können. ..."
Ronald Deppe verwendet keine alten Schriftrollen, die er - sagen wir mal recycelt. Er schreibt seine Partituren auf Packpapier, Zeichenblätter oder auch auf Postkarten, die er dann verschickt. Und trotzdem passt der Ausdruck "Palimpsest", denn seine Partituren lassen ebenfalls Schichten erkennen. In manchen Arbeiten ist gut sichtbar, dass mehrere Schichten übereinander aufgetragen wurden und man kann die untersten nur mehr erahnen. Bodo Hell drückte es so aus: "... man könnte vielleicht durch Schaben oder Fluoreszieren zu ungeahnten Musiken im Blattinneren vordringen, ..."
Das Wort Inkunabel leitet sich von lateinisch incunabula "die Windel" her. Es kommt aus einer Zeit, als die Druckgrafik unter Gutenberg noch in den sprichwörtlichen Kinderschuhen steckte. Man bezeichnet damit im weiteren Sinn frühe Druckgrafiken. Das Wort Inkunabel nimmt uns also mit in eine Zeit, als sich das Schriftsystem gerade normiert hatte.
Und hier schließt sich der Kreis wieder. Die Frage danach, was normal ist und ob es nicht auch anders geht. Ob es nicht anders vielleicht sogar besser oder brauchbarer ist.

Musik festhalten?
Foto: Partituren Darstellende Kunst ist vergänglich. Dieser Umstand bringt die Menschheit dazu immer wieder darüber nachzudenken, wie man das ändern könnte. Es geht also auch um das Aufbewahren und sichern von Wertvollem. Renald Deppe hat seinen Weg dazu gefunden. Bodo Hell stellte fest, dass Renald Deppe "in Gesprächen auch immer darauf hinweist, dass es stets schon andere Formen der Verschriftlichung von Musik gegeben hat, denken sie nur an die Neumen und die merkwürdigen Zeichenhäufungen in Tabulatoren, von denen einst ganz selbstverständlich heruntergesungen und – gespielt werden konnte, seine Blätter könne man entlang der grafischen Entsprechung sowohl in der Bahn als außerhalb der Bahn in den Flächen oder auch entlang der Bahn musizieren: also trotz dichter Vorgaben auch ein großer Freiraum für die Interpreten."
In dem aspektreichen Fundus dieses Abends findet sich letztlich auch die Frage wieder: Wie viel Freiraum braucht die Musik und wie viele Regeln und Normen tun ihr noch gut? Es war bemerkenswert, das Zusammenspiel der Musiker zu hören und gleichzeitig aber auch die Individualität jedes einzelnen aufrecht zu sehen.

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