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Foto: Bodo Hell

ÖBV-Veranstaltungen und Events 2006
Palimpsest + Inkunabel

Grafische Partituren von Renald Deppe

ÖBV-Atrium
1010 Wien, Grillparzerstr. 14
Vernissage am 31.01.2006 Beginn um 18:00 Uhr
Ausstellung bis 20.04.2006

Bodo Hell zu Renald Deppe
Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung

Alles Getuscht

so einfach hört sich das an, nämlich: eines Tages überreicht mir Renald Deppe im Schuber einen großen gefalteten elastischen Karton mit einer Partitur zum Thema QUERSTAND, als verschriftlichte Vorgabe zu einer akustischen Realisierung auf der Orgel der Kirche des Benediktinerstiftes Göttweig (hoch über dem Eingang zur Wachau), das Doppelblatt DIN-A2 samt Klappe geschützt in einer Mappe geborgen, nämlich in so einem flachen Schuber, der innen zur Aufbewahrung und außen an den vier verstärkten Ecken zum Einspannen von Zeichenblättern dient und auch als Unterlage am Notenständer firmieren kann ich ziehe diese grafische Partitur heraus und bin baß erstaunt über solch dichte Fülle an Zeichen, Strichen, Schnitten (sind es MesserGravuren?), an ablenkenden Pfeilen, gelben Senkrechtstreifen und schwarzen rechteckigen Stufenbildungen, Klecksen am Ende der Schnitte sowie Blöcken und Eckfüllungen, Häufungen von Vektoren, Notenköpfen und Vorzeichen wie Auflösungszeichen, die scheinbar willkürlich auf der großen naturbraunen Fläche und auf dem scheckigen weißen Grund verteilt sind, quasi da her und dort hin schwimmend, so daß sich ein dichtes Geflecht übers ganze Doppelblatt ergibt, in dem zu allem Überfluß auch noch Abschnitte im traditionellen 5-zeiligen doppelten Notensystem aufscheinen (Violinschlüssel/Baßschlüssel 4/4tel g-moll), anderswo ausgeschnitten und hier hereingeklebt, und das ist wohl Renaids partielle Antwort auf meine vorsichtige Bitte, mir für die Ausführung der Komposition auch etwas vom gewohnten Schriftbild einer 4-stimmigen Notation zu bieten, damit ich als Bach-Choräle spielender organistischer Dilettant nicht im Wust der grafischen Häufungen unter- und verlorengehe zusätzlich sind auch noch außen am Faltkarton etliche kurze Verbalisierungen zur Verdeutlichung der ungewohnten grafischen Zeichen angebracht (die man natürlich während des Spielens da auf der Rückseite nicht lesen kann, die man also eigentlich schon intemalisiert haben müßte, etwa mitten drin ein großes schwarzes Rechteck mit der lapidaren Erklärung/Aufforderung „den Tod nicht scheuen") also zuerst einmal das Ersuchen des verdutzten Interpreten an den Kompositeur um eine nähere Explikation, und die erfolgte auch bereitwillig und auf beharrliches Drängen hin sogar direkt am Instrument, und zwar als erstes unter der Prämisse einiger das ganze Stück über niedergedrückter ManualTasten, die mit passenden Gewichten zu beschweren seien (etwa mit walzenförmigen Batterien oder auch schmalen, aber schweren Steinen, und seien es solche aus einem Gletscherbach im Zentrum der Alpen, womit der gewünschte Orgelpunkt zu bewerkstelligen sei und welche zum Schluß des Stückes wieder abgehoben würden, was dem Auditorium dann eine wohl hörbare Erleichterung bringen würde), die Registerzüge für das Vektorenfeld seien nur halb zu ziehen (so dass heulende und schleifende Intonation garantiert ist), die Choralteile dagegen sollten voll erklingen (auf einem anderen der drei Manuale versteht sich), die schwarzen Block-Einschübe innerhalb des 10-zeiligen Systems deuteten das teilweise Fortimprovisieren von rechter oder linker Hand samt Pedal an, durchs gesamte Stück sollte zudem ein gleichmäßiger Puls schlagen.
Sie können sich vielleicht vorstellen, daß Renaids Hinweis, man könne sich in diesem seinem ruhigen Stück quasi von den präzis auszuführenden Bachschen Choralvorspielen ausruhen und die Klänge im Selbst-darauf-Hinhören ausschwingen lassen, vorerst mitnichten zur

Beruhigung des in solchem Blattlesen ungeübten Interpreten beitrug, bei näherer Vertiefung allerdings in die innerhalb von 3 Zonen sich verdichtenden Dimensionen des Kompositionsblattes sowie das Verfolgen der 3mal ansetzenden Leserichtung von links nach rechts im fließenden Kontinuum gaben dann schon die erste umsetzbare Anleitung fürs Erklingen im mächtigen, aber gegliederten barocken Kirchenraum so also sieht in groben Zügen die QUERSTAND-Partitur und so sehen die Hinweise dazu aus und ich sage bestimmt nicht zu viel, wenn ich darauf verweise, wie erfindungs- und abwechslungsreich der nächtens zeichnende Renald seine grafischen Musikvorlagen gestaltet hat und welch innige Vertiefung die einzelnen Blätter nachlauschend erheischen vielleicht kann ich Ihnen als Betrachterinnen dieser fulminanten Partituren Ausstellung mit diesem meinem kurzen Erfahrungsbericht aus der Praxis ein wenig dazu verhelfen, sich die Blätter quasi mit den Augen einer potenziellen Ausführenden, einer wenn auch hier in Aula und Stiegenhaus des ÖBV-Palais stumm ausübenden Musikantin/eines Musikanten anzusehen, etwa im Sinne von Dieter Schnebels Musik zum Lesen was läßt sich also im einzelnen zu diesen unterschiedlich ausgeführten, immer aber extrem ansprechenden Notationen aus dem mikrobischen Universum des Renald Deppe sagen: er selbst verwendet dafür als Übertitel Begriffe aus der Bibliothekswissenschaft: Meyers Konversationslexikon von 1896 versteht unter Palimpsest ein Pergament, von welchem die Schrift, mit der dasselbe ursprünglich beschrieben war, abgekratzt, weggewischt oder sonst unsichtbar gemacht wurde, damit man Neues daraufschreiben konnte. Da im Mittelalter das Schreibmaterial kostspielig war, so bediente man sich dieses Mittels namentlich in Klöstern häufig, um schon beschriebene Pergamentrollen wieder benutzen zu können. In neuerer Zeit ist es, zum Teil durch chemische Mittel, gelungen, die spätere Schrift zu vertilgen und die ältere wieder lesbar zu machen. Liviusfragmente sowie die Wulfilabibel wurden so in Wolfenbüttel und Ciceroreden im oberitalienischen Kloster Bobbio entdeckt. Im rückläufigen Wörterbuch steht das Wort Palimpsest bezeichnenderweise zwischen Zimmerarrest/Überrest und Test/Atomtest. Der Brockhaus von 2001 unterscheidet PapyrusPalimpseste (abzuwischen) und solche aus Pergament (durch Radieren mit Bimsstein freizumachen) und er erwähnt zur Entzifferung die Fluoreszenzfotografie. Von Palimpseststrukturen spricht man auch in der Tektonik bei jüngerer Überprägung der Erdkruste, deren ursprüngliche Form noch schwach erkennbar ist die grafische Notation des Komponisten erfolgt allerdings zumeist auf einfachen Kartons, aber auch auf Packpapier, Zeichen blättern und Postkarten mit Korundhintergrund, und die Ausführung gibt vielleicht in Anbetracht der vielfachen Lasurschichten dem Gedanken Vorschub, man könnte vielleicht durch Schaben oder Fluoreszieren zu ungeahnten Musiken im Blattinneren vordringen, zumal bei einer tiefschwarzen Platte mit leuchtend gelbem Rand, der ein strahlendes tönendes Dahinter, das an den Rändern lichtvoll hervorquillt, geradezu heraufbeschwört, alles ist in schwarzer oder farbiger Tusche ausgeführt, vom Material her läßt sich also ein gewisses Traditionsbewußtsein nichts bestreiten Inkunabel leitet sich von lateinisch incunabula "die Windeln" her und meint im strengen Sinn Wiegendrucke nach dem Gutenbergverfahren bis zum Jahr 1500 einschließlich, im erweiterten Begriff versteht man unter Inkunabeln auch frühe Druckgrafik und sogar Photographien, das heißt also vielleicht, der Autor sieht seine grafischen Notationen auch gewissermaßen unter damaligen Reproduktions- und Druckbedingungen hergestellt und im übertragenen Sinn steht ja jeder zeitgenössische Komponist zumal schon dadurch äußerst unter Druck, weil ihm das klassische Notationssystem des Guido von Arezzo ab 1025 mit seinen Linien im Terzenabstand und diversen Notenschlüsseln bei allen Zusätzen und Hilfsmitteln bis ins 20. Jhdt herauf nicht mehr allein genügen kann, zumal was die erweiterten Klangvorstellungen und Artikulationsweisen auf den neuen, aber auch auf alten Instrumenten betrifft: daher dieser fröhliche Ausweg aus dem umständlichen LinienKorsett hin zur relativ freien Zeichnung, wobei der Begriff musikalische Grafik bekanntlich von Roman Haubenstock-Ramati kreiert und die erste Ausstellung solcher Partituren 1959 in Donaueschingen veranstaltet wurde. Riemann unterscheidet und präzisiert noch die Begriffe graphische Notation sowie Aktionsschrift als näher an die definierten musikalischen Parameter heranführende Zeichnungsweisen, bei Renald Deppe ist gewiß ein erkleckliches Maß an grafischen Möglichkeiten der Kompositionsvorstellungen und deren Klangumsetzung im wahrsten Sinn des Wortes angerissen bereits die Titel der einzelnen Blätter geben eine gewisse Vorstellung von den assoziativen Hinter- und Vordergründen der angepeilten Musiken: da gibt des das Trishagion der 3 Antons zum Brucknerfest: Antons Flaum, Antons Faun, Antons Traum für eine Klanginstallation hinter der großen Orgel des neuen Linzer Doms (samt Visualisierung durch die Architekten Stöckl und Horak), dann gibt es 6 Studien zur Kinderoper ABGEFAHREN nach dem Libretto von Elfriede Gerstl, nämlich eine TherapeutenMusik {da können unsere oldies rauchen und saufen), eine Zwiebelfischarie nach dem bekannten Berliner Szenelokal am Savignyplatz und eine zart-silbrig hingetupfte Champagnermusik als Ouvertüre.

Die Ordnungsstudien bringen etwa 3 Blätter zum Thema Querstand (mein eigenes wolkiges Exemplar zum Choral Durch Adams Fall kann ich auf Wusch auch gern einmal herzeigen). In den vielfältigen Studien taucht ein Notturno auf (bei dem der Klang nicht entweichen kann), ein dezidiertes Palimpsest mit unsichtbarer erster Textschicht (Bodo Hell) und einem Zustand ohne Entwicklung, weiters das schon erwähnte glühende musikalische Geschehen im Heiligenschein mit festgewachsenen BleistiftSpitzResten am Rand, eine Aufhellung nach oben als Flötensolo im Sommernachtstraum auf goldenem Fonds, ein Fadensturm stehend mit einschneidenden Linien im mikrotonalen Klangteppich, ein Holunderbaumgedicht der Maria Zwetajewa in Mezzotinto-Schabkunst (mit ganz versteckten Noten), die arabisch anmutende Kaltnadelbearbeitung des Kartons (bei in Schichten mit Schwämmchen aufgetupftem Hintergrund) unter dem emblematischen Titel TEMPUS FUGIT (die Zukunft eilt sehr, würde das Friederike Mayröcker vielleicht übersetzen), 5 Blätter (Blatthalter ist gleich Schuber) sind entstanden zu Haikus von Christian Loidl, diesem tragisch frühverstorbenen Barden mit dem periodischen und dennoch immer unerwarteten Aufschrei, etwa auch mit Ausziehtusche (Bister) geschrieben, der mit Schellack abgebunden wird, vor Entdeckung der Sepia war Bister die gebräuchlichste Schreib- und Zeichentinte, dann eine Vielzahl von Short Cuts auf Notenständern (auch in den Büros aufgestellt), da wacht also der Komponist nachts auf und versucht den eben im Traum gehörten Klang allsogleich zu fixieren, und sei es in Erdfarben, das kann dann wie der Plan eines eckigen Wegs mit Büschen aussehen oder wie eine Schneeballschlacht auf dem Blatt Meine 4 Jahreszeiten, oder es ist ein KinderliedBlatt, von dem die Schülerinnen und Schüler gern spielen (d.h. die Eltern weisen den Lehrer darauf hin, daß die Kinder jetzt freiwillig mehr üben), auf der Partitur für den Lichtfarben-Maler Heinz Kunitzberger, einem 2-sätzigen Stück für Cello und Klarinette sind Notenblätter eingeklebt und nach römischen Ziffern angeordnet: das spielt auf einen musiktheoretischen Traktat des engl. 16. Jhdts von Thomas Morley in Dialogform an, eines Komponisten, dessen Stücke auch im berühmten Fitzwilliam's Virginal Book zu finden sind, dann gibt es 50 DIN-A4-Blätter zu den genetischen Code-Foto-Kombinationen der Biologin Gabriele Seethaler, musikalische Porträts und Identitäten, eines mit einem eis und gis-Balken und Freiraum dazwischen versehen für besonders gute Spieler, im Stiegenhaus sind die Postkarten zu Andreas Okopenkos Traumberichten zu sehen, jetzt auf Matador-Silicium-Carbid-Schleifpapier montiert, in den Phasen kurz vorm Einschlafen oder gleich nach dem Aufwachen niedergeschrieben, alle Postkarten wurden frankiert und an Herrn Herbert Jäger nach Rom gesandt, mehr als die Hälfte von den aus Österreich abgeschickten sind nicht angekommen (sind wohl schon im Land von einem Liebhaber gestohlen worden, denn die aus der Schweiz und Berlin geschickten sind alle vorhanden) Renald Deppe weist auch in Gesprächen immer wieder darauf hin, daß es stets schon andere Formen der Verschriftlichung von Musik gegeben hat, denken Sie nur an die Neumen und die merkwürdigen Zeichenhäufungen in Tabulaturen, von denen einst ganz selbstverständlich heruntergesungen und -gespielt werden konnte, seine Blätter könne man entlang der grafischen Entsprechung sowohl in der Bahn als außerhalb der Bahn in den Rächen oder auch entlang der Bahn musizieren: also trotz dichter Vorgaben auch ein großer Freiraum für die Interpreten eine Bemerkung im Vorgespräch hat mich aufhorchen lassen (nämlich: diese Arbeiten seien aus der Not geboren) und mir gleich die intensiven Heerscharenbilder eines Henri Michaux in Erinnerung gerufen, jenes Dichters und Zeichners wie Malers zugleich, der bei aller Aufmerksamkeit auf den damaligen Zeitgeist doch als genuine Erscheinung im Umfeld des Surrealismus anzusehen ist, er schreibt in einem Katalog aus 1959, eben jenem Jahr der 1. Ausstellung musikalischer Grafik in Donaueschingen: ich male wie ich schreibe. Um zu finden, um mich wiederzufinden, um mein eigenes Bestes zu finden, das ich besaOß, ohne es zu wissen. Um der Überraschung und gleichzeitig um der Freude willen, es erkannt zu haben. Um eine gewisse Undeutlichkeit hervorzurufen oder erscheinen zu lassen, eine gewisse Aura, wo andere ein Ganzes sehen oder sehen wollen, um überall den Eindruck „Gegenwart" darzustellen. Um zuerst mir selber die Verstrickungen zu zeigen, die ungeordnete Bewegung, die äußerste Lebendigkeit des „Ich weiß nicht was", das sich in meinen Fernen regt und sucht, auf dem Gestade Fuß zufassen. Um darzustellen: nicht Geschöpfe, selbst unwesenhafte und soeben erfundene, nicht ihre Gestalt, selbst eine ungewöhnliche, aber die Linie ihrer Kraft, ihre Begeisterung mir scheint diese Selbstbeschreibung des Michauxschen Tuns auf der Papierfläche nicht schlecht auf Renald Deppes nächtliches Bearbeiten der Kartone und Pappendeckel zu passen, den Ansturm der Zeichen mitinbegriffen falls Sie eine dieser Partituren erwerben und einstudieren wollen, ist es wohl ratsam, nicht ständig vom Originalblatt zu spielen, sondern eine Farbkopie anzufertigen, in die dann auch entsprechende Notizen eingetragen werden können, und jetzt hören wir noch eine weitere akustische Realisation eines dieser Renald Deppeschen graphisch-musikalischen-Charakterblätter, ich wünsche Ihnen und mir dazu die offensten Ohren und Augen.

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