Mit der ÖBV durchs Leben
ÖBV-Veranstaltungen und Events 2006
Tian Guo: Atrium als Klangschale - Kontinente im musikalischen
Zwiegespräch
Es ist eine alte Weisheit, dass Probleme, Sorgen und Schwierigkeiten etwas von ihrer bedrängenden Gewalt verlieren, je weiter man sich von dem Ort, wo sie ihren Ursprung nahmen, entfernt. Mit anderen Worten: Äußere Distanz sorgt mitunter auch für innere; man gewinnt Abstand von der Alltagssituation, die sich nicht oder wenigstens nicht schnell genug verändern lässt. Und zwar nicht nur deshalb, weil alltägliche Umstände ins Weite rücken, sondern weil die Fremde mit ihren vielerlei faszinierenden Eindrücken eine gänzlich neue Wahrnehmungsebene schafft, die sich quasi wie eine zweite Haut über gewohnte Lebensmuster spannt. Dass mit derlei geografischen Veränderungen bisweilen auch innere Perspektivenwechsel einhergehen oder zumindest die Neugierde auf andere Denkwelten geschürt wird, ist kein Wunder.
Reiselust und die damit verbundenen „positiven Nebenwirkungen“ kann sich allerdings auch auf ganz anderem Wege einstellen; nämlich via Kunst oder im konkreten Fall via Musik. Erlebt im Rahmen eines Konzertabends im ÖBV-Atrium. Denn mit dem chinesisch-österreichischem Duo Tian Guo trafen, wie Generaldirektor i. R. Johann Hauf es auf den Punkt brachte, „zwei Kontinente aufeinander“, die in musikalischer Hinsicht gänzlich neue Akzente setzten. Zumal mit Xu Fengxia und Giselher Smekal zwei Musiker zu Werke gingen, die über Jahre ihre eigene Klangsprache entwickelten und sich nun bereits seit geraumer Zeit auf das gemeinsame Projekt „East meets West“ einlassen.
Xu Fengxia, 1963 in Shanghai geboren, wurde seit ihrem 5. Lebensjahr mit dem Spiel traditioneller chinesischer Saiteninstrumente vertraut gemacht. Darüber hinaus erfuhr sie eine klassische Ausbildung in der Peking Oper und erregte überdies als Bassistin in der ersten Frauen-Rock-Band Shanghais Aufsehen. Seit Anfang der 90er Jahre lebt sie in Deutschland und bewegt sich vermehrt in den Bereich der freien Improvisation.
Giselher Smekal kennt man hierzulande wiederum aus verschiedenen
Metiers. Einerseits von Seiten der Komposition, wo der 1945
in Tirol geborene Pianist und Tonsetzer stets die facettenreiche
Farbpalette der experimentellen Musikschiene ausschöpfte.
Andererseits als Gestalter und Moderator diverser Beiträge
auf Ö1. An dieser Stelle erwähnt sei die Sendereihe
„Mandala“, wo Smekal sein umfangreiches Wissen
in Sachen außereuropäischer Musiktradition einbringen
konnte. Somit war es nur eine Frage der Zeit, bis die theoretische
Auseinandersetzung mit „exotischen“ Musikstilen
auch ihre praktische Umsetzung fand.
Erstmals gemeinsam gastierten Fengxia und Smekal alias Tian
Guo im Jahr 2005 bei den Gmundner Festwochen. Der Name des
Duos kam übrigens, wie Giselher Smekal anmerkte, „zufällig
zustande“, und bedeutet im übertragenen Sinn soviel
wie „Himmelsland“. Eine schöne Metapher gleichzeitig
die Einleitung einer neuen Etappe im Streben nach musikalischer
Entgrenzung. Denn: Tian Guo ist keine Crossover-Formation
im Sinne einer Verschränkung von exotisch anmutenden
Klanggesten, sondern per se Inspirations- und Improvisationsquelle
zugleich. Während Giselher Smekal den klassischen Tonumfang
des Klaviers mit taktilen Hilfsmitteln überaus behutsam
zu erweitern wusste, verwandelte Xu Fengxia ihre Guzheng (eine
klassische chinesische Wölbbrett-Zither) in ein Mittelding
aus Zupf-, Streich- und Schlaginstrument. Vereinfacht gesagt:
Die beiden Ausnahmemusiker ließen es „grooven“
und tauchten im wahrsten Sinne des Wortes mit Leib und Seele
in die spektrale Vielfalt von Rhythmus und Klang.
Ebenfalls bemerkenswert war die Tatsache, dass sich die ideale
Akustik des ÖBV-Atriums im Laufe des Abends mehr und
mehr als kongenialer imaginärer dritter „Mitspieler“
entpuppte. Speziell wenn es darum ging, den zarten Bewegungen
der Obertonschwingungen nachzulauschen, die Xu Fengxia via
Stimmakrobatik entfachte. Womit ein weiterer Höhepunkt
des Abends angeschnitten wäre: Xu Fengxias Stimme, an
der sich der Rhythmus der einzelnen Kompositionen entzündete.
Ständig zwischen zungenfertigen Schnalzlauten und lang
gehaltenen meditativen Grundtönen variierend, eröffnete
sich auch für europäische Ohren der Zugang zu fernöstlich
angehauchten tiefen Bewusstseinsschichten.
Die Wiederentdeckung der Klangfarbe als Träger des Seelischen
war allerdings auch in pianistischer Hinsicht auszumachen.
Mit viel Gespür für den poetischen Gehalt einzelner
zart hingetupfter Töne schuf Giselher Smekal eine wunderbare
Balance zu den von Xu Fengxia evozierten flukturierenden musikalischen
Farbveränderungen. Sensitiv gewobene Klangnetze, die
das Publikum von Anbeginn in Bann zogen. Im Laufe des Abends
gewann man das Gefühl, von Tönen umzingelt zu sein,
zumal sich der Raum wie von Zauberhand in eine experimentell
anmutende Klangschale zu verwandeln schien. Und - dies sei
an dieser Stelle nachdrücklich gesagt - im Spannungsfeld
zweier Kulturen die Verbindung von kultischem Zeremoniell,
religiöser Innenschau und experimenteller Kompositionstechnik
so harmonisch ineinander verwoben erleben zu dürfen,
ist fürwahr eine Seltenheit. Verantwortlich hierfür
ist in erster Linie die Tatsache, dass Tian Guo das so genannte
unergründete Fremde nicht als illuminierenden Hintergrund
oder phantastische Requisite einsetzt, sondern als eigenständige
Konstante im feinsinnig aufeinander abgestimmten Musikschaffen.
Saitenvirtuosin und Pianist lassen den Fluchtlinien der je
eigenen Klangvorstellung freien Lauf und finden punktgenau
dort zusammen, wo die Kunst der Improvisation gemeinsame Spielräume
eröffnet.
Kein Wunder also, dass mitunter auch grafische Partituren zum Einsatz kommen. Wie beispielsweise die Komposition „Himmelsmechanik“, die am Konzertabend mit viel musikalischer Bewegungsfreiheit in zwei Versionen vom kreisrunden Notenblatt gespielt wurde. Mag sein, dass es nicht zuletzt eben diese Facette einer nach allen Seiten hin offenen Musikauffassung ist, die gleichwohl in den Bann zieht, wie an ein Zitat von Karlheinz Stockhausen erinnert, wonach „derjenige in die Welt hinausfliegt, der seiner Seele Flügel gibt“.
Christine Dobretsberger
