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Foto: Galsspeicher

ÖBV-Veranstaltungen und Events 2006
Speicherglas - Sabine Müller-Funk / Reza Golmojdeh

ÖBV-Atrium, 1010 Wien, Grillparzerstr. 14

Vernissage am Öffentlichen Dienst-Tag der ÖBV, 03.10.2006 um 18:00 Uhr, 20:00 Lesung, Friedrich Achleitner
Kunstpause am 18.10.2006 um 13:00 Uhr
Ausstellung
4. Oktober 2006 bis 15. November, Mo - Fr 10 bis 17 Uhr,

Die Ausstellung war Teil des transdisziplinäres Symposions zwischen bildender Kunst und Wissenschaft "Schrift und Gedächtnis"

Programm: Georg Breinschmid, Kontrabass; Marc Ries, Hochschule für Graphik und Buchkunst, Leipzig, im Gespräch mit Sabine Müller-Funk; Texturen in der bildenden Kunst, Vortrag, Eva Maltrovsky, Universität Wien, Walter Seitter, Universität für Angewandte Kunst, Wien

Eintausendachthundertzwanzig Teile und doch ein Ganzes

5 mal 7 mal 52: Sabine Müller-Funks Präsentation von SPEICHERGLAS in der ÖBV einer mathematischen Spielerei gleichzusetzen, wäre eine grobe Vereinfachung des – nicht nur ob der Menge der von der Künstlerin verwendeten Glasteile – komplexen Sach- oder besser gesagt „Kunstverhalts“. Sah man sich im Herbst im offenen Hauptraum der ÖBV um, fiel auf, dass die darin befindliche Kunst neben der Architektur fast nicht auffiel. Die an der Wand und auf Podesten montierten Einzelkörper von SPEICHERGLAS fügen sich in hohem Maß in die Materialsprache des preisgekrönten zeitgenössischen Umbaus des Atriums ein: Glas und Metall.

Glas – Trennung und Verschränkung, Ein- und Ausblendung in einem – diese Materialeigenschaften sucht auch Müller-Funk in ihrer Arbeit gezielt einzusetzen. Das verwendete Metall, Blei, wird wie in der Architektur des Atriums vorwiegend statisch eingesetzt. Es gibt den einzelnen Glasplatten Stabilität, bündelt sie, hält unter Verschluss, ist Hand und Fuß zugleich und ermöglicht die Wandlung des Speicherglases vom Bild (an der Wand) zum Objekt (im Bleifuß verankert) zur Installation (in der Summe seiner Teile).
Glas und Blei sind aber auch jene Elemente, die in der Glaskunst über Jahrhunderte hinweg ihre notwendige Paarung fanden. Dem setzt Müller-Funk nun ein drittes Element hinzu: die Schrift.

Foto: Speicherglas (Vergrößerung)

Die milchig weißen und glänzend schwarzen Felder im Speicherglas erweisen sich, aus nächster Nähe betrachtet, nicht als willkürlich gewählte abstrakte Formen, sondern als in Form gebrachte Schriftfelder. Die Schriftzeichen reduzieren sich nicht, wie vielleicht erwartet, auf eine anonyme computergenerierte Typografie (passend zu den kühlen, industriell gefertigten Materialien Glas und Metall), sondern zeigen, im krassen Gegensatz dazu, die ganz persönliche Handschrift der Künstlerin. Das Schriftbild ist nicht klar erkennbar, sondern durch Überlagerungen und Schichtungen der Glasscheiben bis auf Wortfetzen unkenntlich gemacht. Die Botschaft ist zwar evident, aber für die Betrachterin und den Betrachter nicht entschlüsselbar. Mit einer Maschine eingraviert und an bestimmten Stellen mit Grafit geschwärzt, entziehen sich die Sätze unserem Zugriff. Sie sind eingeschweißt in das Metall, „plombiert“ – unzugänglich im Übrigen auch für die Autorin, die Künstlerin selbst, die nur mehr in der Erinnerung Fragmente ihres „paradoxen Archivs“ rekonstruieren kann.

SPEICHERGLAS beinhaltet das Jahr 2003: Täglich wurde eine Glasplatte tagebuchartig beschrieben, gefünftelt, gestapelt, versiegelt und siebenfach zum „Wochenarchiv“ zusammengefasst. Die 365 Aufzeichnungen der Künstlerin sind in insgesamt 1820 Teile zerlegt und in 52 Kästen aufgeteilt; 5 mal 7 mal 52 – eine Unterwerfung des Gedankenstroms, eine Bändigung des intimen Schreibflusses in ein Kunstkonzept, die Transformierung von Echtzeit in das Schriftbild „ZEIT“. Die Wochenarchive, in der Anordnung von 4 mal 13 Kästen flach am Boden aufgelegt, ergeben ein Gesamtbild, in dem man das Wort „Zeit“ entziffern kann – ein Jahr Lebenszeit in einem Augenblick aufgelesen. Werden die Wochenarchive aus ihren Holzrahmen gelöst, die Bleiteile als Boden- und Deckplatten eingesetzt, die gebündelten Gläser zu stelenartigen Objekten montiert und so in ihrer Vielzahl aufgestellt, so entsteht der Eindruck eines Monuments, einer Gedächtnisstätte in Kleinformat. Wessen aber gedacht werden soll, ist in Sabine Müller-Funks SPEICHERGLAS unter Verschluss gehalten und dem Vergessen überantwortet worden – ein Ganzes und doch eintausendachthundertzwanzig Teile.

Schrift und Gedächtnis

Das Glaskunstwerk SPEICHERGLAS als Installation im Atrium und dessen Erstpräsentation in Buchform war Anlass und Ausgangspunkt eines zweitägigen Symposions mit dem Titel SCHRIFT UND GEDÄCHTNIS.
Der erste Teil am 3. Oktober 2006 in der ÖBV in Wien ließ hochkarätige Vertreterinnen und Vertreter von Wissenschaft und Kunst im Atrium zusammentreffen und fand seine Fortsetzung am 18. November 2006 in der Donau-Universität Krems.

Foto: Sabine Müller-Funkh im Gespräch mit Marc Ries

Die von der Gegenwartskunst verstärkt aufgeworfenen Fragen nach dem Verhältnis von Schrift und Bild, ihrer Lesbarkeit und Bedeutung sowie den unterschiedlichen (kulturell/gesellschaftlich/politisch bedingten) Konzepten von Individualität und Identität sind Gegenstand dieses transdisziplinären Dialogs. Reza Golmojdeh, der zweite persönlich anwesende und mit Werken im Atrium vertretene Künstler des Symposions, umkreist in seinen grafischen Arbeiten, der kalligrafischen Serie „World of the Words“, und der mit Siebdruck überarbeiteten Fotoserie „On Gone to Freedom“ ebenfalls diesen Themenkatalog. Eigene Erfahrungen von einer politisch dominierten Kunstausbildung zum „Schönschreibkünstler“ in seinem Herkunftsland Iran und die aus dieser Umklammerung befreiende Emigration nach Belgien spiegeln sich in seinen enttabuisierten Schrift-Bild-Kompositionen wider: Vorsichtig wird an gesellschaftlichen Übereinkünften gerüttelt – durch den Einsatz des nackten menschlichen Körpers und der Befreiung der Kalligrafie aus dem Kontext der Religion. Die Gegenüberstellung von Müller-Funks und Golmojdehs Arbeiten in Künstlergesprächen befruchtete den wissenschaftlichen Diskurs des ersten Symposiontages.

Foto: Friedrich Achleitner Der Einladung zum Symposion folgte auf Anregung von Generaldirektor Dr. Johann Hauf auch der Kontrabassist Georg Breinschmid, der vom kunst- und wissenschaftstheoretischen Teil mit zwei Soloimprovisationen zum Vernissagenteil überleitete. Viel Anklang beim immer zahlreicher werdenden Publikum fand auch der letzte Programmpunkt des Tages: Friedrich Achleitners Lesung aus seinem 1973 veröffentlichten, jedoch ungemein gegenwärtigen und vorbildhaften "quadratroman".

Maria Christine Holter

Das Buch:
Sabine Müller-Funk: Speicherglas. Mit Beiträgen von: Arno Dusini, Eva Maltrovksy, Sonja Neef, Heidemarie Uhl. Fotos: Barbara Krobath. Hardcover mit eingelegter Glasskulptur. Wien: Czernin Verlag 2006.


Zu den Skulpturen von Sabine Müller-Funk

"Sabine Müller-Funk geht mit Glas wie mit einer Art "magischen Tafel" um, einer Materie, die das Materielle zugleich hinter sich läßt, hinüberspielt ins Immaterielle, Metaphysische. Ihre Kunst ist auf den ersten Blick als Auslegung dieser fundamentalen Spannung lesbar, und zwar so, als korrespondiere die dem gläsernen Stoff eigentümliche Polarität mit Gegensätzen in uns selbst, in unserer Psyche, als spiegle sich im Glas etwas von jenen beiden Seelen, von denen im "Faust" die Rede ist. Denn Glas, so wie es uns die Künstlerin begreiflich macht, vermag sich auf höchst diskrete Weise zurückzuziehen, die Schwerelosigkeit einer Bleistiftzeichnung anzunehmen, ja, zuweilen wird es nur dank haarfeiner Ränder, Schnittstellen erkennbar, von dort her gleichsam, wo sein kaum merkliches Schimmern endet."

Ulrich J. Beil in Geschichten von Licht und Schwerkraft

 

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