ÖBV - Österreichische Beamtenversicherung, Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit - ÖBV Versicherung

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ÖBV-Veranstaltungen und Events 2006
Über Bücher lässt sich streiten ...

22.05.2006,
um 19:30 Uhr
ÖBV-Atrium
1010 Wien, Grillparzerstr. 14

Eine Veranstaltung des Albert Schweitzer-Hauses und der Evangelischen Akademie Wien in Kooperation mit der Österreichischen Beamtenversicherung.

Das Theologische Quartett bespricht, kritisiert und empfiehlt Bücher mit religiösen, spirituellen und gesellschaftspolitischen Themen aus den Sparten Theologie, Sachbuch und Belletristik vor Publikum. Zu jeder Gesprächsrunde, die von drei TheologInnen geführt wird, ist ein Gast aus Politik, Wirtschaft oder Kultur eingeladen.

Darüber diskutierte Ende Mai im ÖBV Atrium das "Theologische Quartett". Die Evangelische Akademie hatte drei Theologinnen und als Vertreter der Wirtschaft ÖBV-Generaldirektor Dr. Johann Hauf zum Gespräch über Bücher zum Thema geladen.

Am 22. Mai war ÖBV-Hausherr GD Dr. Johann Hauf als Vertreter der Wirtschaft Gast des "Theologischen Quartetts" und diskutiert mit den TheologInnen Susanne Heine, Eva Schmetterer und Michael Chalupka vier Bücher zum Themenbereich Wirtschaft und Ethik.

Wirtschaft und Ethik – unlösbarer Widerspruch oder unverzichtbarer Zusammenhang?

Passen Wirtschaft Und Ethik zusammen? Gibt es Wege aus der weltweiten Dominanz der Ökonomie über den Menschen?

Vor dem Hintergrund dieser Frage stellte das Theologische Quartett am 22. Mai folgende Bücher zum Themenbereich Wirtschaft und Ethik vor:

Folgende vier Bücher wurden diskutiert:
Kathrin Röggla: Wir schlafen nicht, Fischer Verlag 2004.
Amartya Sen: Ökonomie für den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft. Dtv März 2005.
Richard Sennett: Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin Verlag 2005.
Ulrich Duchrow, Reinhold Bianchi u.a.: Solidarisch Mensch werden, VSA-Verlag, 4/2006.

 

Wirtschaft und Ethik – des gibt`s ned! So reagierte der Schuster von GD Dr. Johann Hauf am Tag der Veranstaltung, als ihm dieser davon erzählte. Ein zurückhaltendes, aber zustimmendes kleines Lachen ging durch das ÖBV Atrium. Dr. Hauf ließ dies nicht unwidersprochen. Seiner Meinung nach können Wirtschaft und Ethik sehr wohl "zusammenpassen". Der Zeitgeist wehe aber in eine andere Richtung.

Der amerikanische Soziologe Richard Sennett lehrt an der London School of Economics. Dr. Hauf besprach sein Buch "Die Kultur des neuen Kapitalismus". Sennett stellt fest, dass der alte soziale Kapitalismus erodiert. Unternehmen, die ihren Beschäftigten eine lebenslange Stellung sicherten, gehören der Vergangenheit an. Starre Bürokratien werden zerschlagen, sowohl im wirtschaftlichen als auch im politischen Bereich. Diese Entwicklung negiert jedoch, dass der Mensch nach Stabilität und Lebensplanung strebt.

Die Apostel des neuen Kapitalismus behaupten, Arbeit, Qualifikation und Konsum sorgen für eine größere Freiheit in der Gesellschaft. Sennett streitet nun nicht darüber, ob dies der Wirklichkeit entspricht. Er stellt dazu fest, dass sich in der Tat Qualifikations- und Konsummuster verändert haben. Was er aber auch feststellt, ist, dass den Menschen in Hinblick auf den Wandel ein mentaler und emotionaler Anker fehlt. Institutionen geprägt durch den neuen Kapitalismus erzeugen ein geringes Maß an Vertrauen und Loyalität, dafür aber ein hohes Maß an Angst vor Nutzlosigkeit.

Konkrete Lösungen, wie man die derzeitige Entwicklung steuern könnte, zeigen auch die anderen Bücher nur in einem beschränkten Umfang. Den Diskutanten schienen Ideen wie etwa ein Grundeinkommen für alle oder ein höherer Stellenwert für unbezahlte Arbeit utopisch und ein frommer Wunsch.

Geht’s der Wirtschaft gut, geht`s uns allen gut?

Schon die Frage danach, was die "Wirtschaft" denn jetzt wirklich ist, spaltet die Lehrbücher. Dr. Hauf zweifelt daran, dass die Schulbuchdefinition vom Bereitstellen von Gütern alleine ausreicht. Mit großer Sicherheit muss man auch die gesellschaftspolitischen Komponenten beachten und letztendlich die Tatsache, dass unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen.

Im Buch "Wir schlafen nicht" von Katrin Röggla, das von der katholischen Theologin Eva Schmetterer vorgestellt wurde, wird genau dieses Aufeinanderprallen deutlich. In Interviews mit Leuten aus der Wirtschaft wird bald klar, dass mancherorts nicht das Erreichte zählt, sondern das Erzählte reicht. Der Key Account Manager, der den wenigsten Schlaf am Tag bekommt, ist der bessere? Wer am meisten kommuniziert hat gewonnen? Aber keine Zeile des Buches berichtet davon, worüber kommuniziert wird und welcher Arbeit solch ein Manager nachgeht.

Mit der Frage, ob das Ziel dieses Wettbewerbes überhaupt erreichenswert ist, beschäftigt sich das Buch "Solidarisch Mensch werden" vom Autorenkollektiv Duchrow, Bianchi, Krüger und Petracher, präsentiert von Direktor Chalupka. Gezeigt an der Situation in Südafrika, beobachtet der Autor ein suchtartiges Verhalten der Gewinner des ökonomischen Wettkampfes. Sie seien verdammt zum Siegen und würden isoliert vom Volk ein Leben im goldenen Käfig absitzen. Das Buch selbst ist sehr umfangreich, neue Erkenntnisse brachte es eher nicht.

Wenn das Ziel dieses Kampfes, dieses Aufeinanderprallen von gegensätzlichen Interessen, am Ende gar nicht erstrebenswert ist, woher kommt dann der Wettbewerb? Das Abschlussbuch der Runde wurde von der evangelischen Theologin Prof. Susanne Heine vorgestellt. In seinem Buch "Ökonomie für den Menschen" begibt sich der Wirtschaftswissenschafter und Nobelpreisträger Amartya Sen auf die Suche nach der Philosophie hinter den Theorien.

Seit Platon gibt es den Gedanken, dass Ideen unsere Wirklichkeit bestimmen. Wenn wir wieder erkennen, dass all unsere Institutionen aus menschlichen Ideen stammen, dann können wir einseitige Ideen mit Hilfe unserer Bildung in Frage stellen. Möglicherweise ist diese Form des Umdenkens der einzige Weg aus der Unzufriedenheit mit dem derzeitigen System.

Zur Themenstellung selbst findet Sen, dass im System der kapitalistischen Moral sehr viel mehr zu sehen ist als nur der Kodex, der die Habsucht verherrlicht und das Gewinnstreben bewundert. "Der Siegeszug des Kapitalismus, seine Fähigkeit, das allgemeine Niveau des wirtschaftlichen Wohlstands in der Welt zu erhöhen, war auf eine Moral und auf Verhaltensregeln angewiesen, welche die Transaktionen auf dem Markt wirtschaftlich und erfolgreich gestalteten." Nicht zu unrecht wurde dieses Buch zum Schluss behandelt. Es endet mit einem, trotz der schwierigen Problematik, positiven und optimistischen Grundton und die Lektüre empfiehlt sich.

Links:

Diakonie Österreich, www.diakonie.at
Evangelische Akademie Wien, www.evang.at

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