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Foto. Tommy Schneider

ÖBV-Veranstaltungen und Events 2006
NEU LICH
Die Zeit im Raum – Farbfragmente der Erinnerung

Der Bilder- und Filmemacher Tommy Schneider im Gespräch mit ÖBVaktiv

In Tommy Schneiders Ausstellung „NEU LICH“, die im Winter 2006 /07 im ÖBV-Atrium zu sehen war, wurde rasch klar, dass das Künstlergespräch, das Interview, die geeignete Form der Berichterstattung sein würde. Die Gegenüberstellung von multiplen zweifärbigen Bildobjekten in Grün und Gelb und malerisch expressiven Mischtechniken auf Papier drängte förmlich auf Dialog. Im Atrium traf ich auf einen Mann um die fünfzig, mit der für ihn (wie ich bald bemerken sollte) typischen Kopfbedeckung, einer dunklen Baseball-Kappe, vertieft in die Arbeit des Ausstellungsaufbaus. „Tommy Schneider?...“

ÖBVaktiv: Tommy Schneider, Sie zeigen im ÖBV-Atrium Bildobjekte der Jahre 2004-2006 mit dem Titel „reduced presence“ und mehrere ältere und jüngere Serien von Malerei auf Papier, die auf Afrika verweisen. Wie stehen diese beiden Werkstränge miteinander in Verbindung?

Tommy Schneider: Der Untertitel zur Ausstellung lautet „Die Zeit im Raum – Farbfragmente der Erinnerung“. Er umschreibt, was ich versucht habe zu transportieren: die bildgewordene Zeiterfahrung von zwei sehr gegensätzlichen Welten – der „unseren“ Mitteleuropäischen und der Afrikas.

ÖBVaktiv: Ihre wiederholten Afrikareisen - als gebürtiger Innviertler - lassen mich unweigerlich an den Film von Walter Wippersberg „Das Fest des Huhnes“ denken: Afrikaner auf „Innviertelsafari“ so zu sagen. Da werden die gegenseitigen Klischees ganz schön kräftig aufgemischt.

Tommy Schneider: Sicher drängen sich Klischees auf, wenn man in meiner Biografie „Afrika“ liest – aber meine Motivation nach Afrika zu reisen, war zunächst bestimmt von der Suche nach dem Licht - nach der besonderen Farbintensität, die das Licht des Südens erzeugt. So bin ich über die Mittelmeerländer nach Nordafrika und dann immer weiter nach Süden gelangt. Mit dem tatsächlichen Dortsein haben sich dann auch andere Beweggründe entwickelt, immer wieder hinzufahren. Ich habe mehrere Filme, Workshops und Ausstellungen in verschiedenen Ländern gemacht.

ÖBVaktiv: Das Licht gesucht und die ZEIT gefunden? - um nochmals auf den Ausstellungstitel anzuspielen.

Tommy Schneider: So in etwa, es geht ja auch um Reisen im Sinne von Austausch – das heißt das Gesehene, Erlebte zu transformieren in Bilder und Videos oder Aktionen, die im Idealfall am Ursprungsort gezeigt werden oder stattfinden.

ÖBVaktiv: Können sie ein wenig mehr über die Unterschiede in der Auffassung von Zeit sprechen, die für sie offenbar schon viele Jahre Motor ihres künstlerischen Schaffens sind?

Tommy Schneider: Das Zeitgefühl, so wie ich es hier in Mitteleuropa erlebe, ist von abgeschlossenen, immer rascher aufeinander folgenden Zeiteinheiten unterschiedlichster Aktivitäten gekennzeichnet. Die Überlebensstrategie besteht darin, möglichst wenige Überlagerungen zu erzeugen, sich strikt abzugrenzen, um den Kopf wieder frei für den nächsten Termin zu haben. In Afrika herrscht eine andere Art mit Zeit umzugehen, die ist wesentlich elastischer und weniger verinnerlicht als bei uns. „reduced presence“ ist eine Serie, die gewissermaßen an die Basis für jede Form von Auseinandersetzung erinnern soll.

ÖBVaktiv: Die Tafeln wirken wie maschinell hergestellt. Zwei exakt voneinander abgegrenzte Farbflächen treffen aufeinander. Die Bildkanten sind aus edlem dunklem Holz. In Stärke und Verarbeitung erinnern sie ein wenig an Küchenarbeitsplatten.

Tommy Schneider: Ja das stimmt, es sind Furniere, wie sie normalerweise im Küchenbereich verwendet werden - die Bildkanten sind aus Nussholz. Der Unterbau der Bilder ist aber alles andere als industriell gefertigt, sondern präzise Tischlerarbeit. Die Objekte sollten stabil sein und zugleich wenig Gewicht haben, was die Mobilität erleichtert.

ÖBVaktiv: Die Farben Gelb und Grün spielten bereits eine große Rolle in ihrer Malerei der letzten beiden Jahrzehnte, wie sie auch hier im Atrium in einer repräsentativen Auswahl zu sehen ist. Warum aber die Selbstbeschränkung auf nur mehr 2 Farbtöne aus dem Reichtum ihrer früheren Palette?

Tommy Schneider: Zweiheit symbolisiert hier den Beginn von Bewegung. Gleichzeitig sind Gelb und Grün sehr charakteristische Farben für Afrika - das Licht, das Gold der Savanne und der Wüste etwa, und andererseits die Vegetation mit ihren vielen Grünvarianten.

ÖBVaktiv: In ihrem Katalog zum Film „7 Minutes Africa“ haben sie ein Zitat aus T.C. Boyles „Wassermusik“ verwendet. Er spricht hier unter anderem vom afrikanischen Busch als einer „Explosion in Grün, strahlend und intensiv wie ein Tennisrasen im Kunstlicht bei Nacht...“

Tommy Schneider: Ja, es ist eine von mehreren Stellen in diesem Buch, die die Faszination und Wirkung von Farbe – in diesem Fall sprachlich - ausdrücken.

ÖBVaktiv: Als Filmemacher ist ihr Grundthema natürlich auch das bewegte Bild. Die Tafeln von „reduced presence“ konnte ich nach dem Screening von „7 Minutes Africa“ viel klarer sehen: wie in den aufeinanderfolgenden Loops der jeweils 55 Sekunden dauernden Einzelsequenzen der Videoarbeit, wird durch die ständige Wiederholung eine Konzentration der Wahrnehmung erzwungen. Je öfter der Loop vor unseren Augen abläuft, desto dichter wird die Bildwirklichkeit. Zugleich spiegelt ihre Malerei ebenfalls filmische Kunstgriffe wider: die durch den raschen Kameraschwenk erzeugten Unschärfen etwa, Überblendungen, oder das Einfangen des Atmosphärischen ...

Tommy Schneider: Diese Arbeiten hier haben nichts mit einem unmittelbaren Abbild von Realität zu tun. Sie sind vielmehr der ungegenständliche Versuch „Augenblicke“ und „Momente“ mit Farbe darzustellen. Damit prägnante Momente entstehen können, braucht es Gelegenheiten, d.h. man muss sie erleben. Das ist ein wichtiger Grundbestandteil in meiner Arbeit. Reisen ist die beste aller Möglichkeiten, die Unterschiedlichkeit von „Zeit“ wahrzunehmen und konzentriert zu schauen, zu entdecken. Die Prozesse von bewusster Wahrnehmung und bewusstem Speichern sind Vorbedingung dafür, dass später im Studio Bilder entstehen, die ein Zeitsegment im Raum repräsentieren können.

ÖBVaktiv: „Farbfragmente der Erinnerung“, also, um mit Ihren Worten zu schließen?

Tommy Schneider: Genau.

ÖBVaktiv: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Mag. Maria Christine Holter, Kunsthistorikerin und -vermittlerin

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