ÖBV-Veranstaltungen und Events 2006
Leicht-Sinnig - Walter Weer
09.05.2006,
um 18:00 Uhr
ÖBV-Atrium
1010 Wien, Grillparzerstr. 14
Vernissage am Öffentlichen Dienst-Tag der ÖBV, 09.05.2006
Ausstellung bis 30.08.2006
"Von Knoten und Schnüren, Vergessen und Erfahren."
Thomas Fillitz über Walter Weers Netzobjekte.
Eröffnung: Mag. Florian Steininger
Musik: No Limit
Leicht – Sinnig
Netze, die sich zu Gestalten erheben, plastische Bilder aus Schnüren und Farbe, den Alltag ästhetisieren indem man Hand anlegt – das macht Walter Weer.
Der Wiener Künstler Walter Weer versetzt Materialien, die wir alle kennen, in Formen, die uns an etwas erinnern, auch wenn man nicht gleich weiß, woran sie erinnern. Durch die schwebende Leichtigkeit seiner Skulpturen und Objekte macht er auch den Raum zum Teil seiner Arbeit, der eigentlich leer ist: den Zwischenraum. Auf diese Weise kann Walter Weer aus dem Material so viel herausholen wie möglich und das auf seine unvergleichliche Art.
Einige Ergebnisse seiner Arbeit konnten während des Sommers im ÖBV-Atrium besichtigt werden. Zusammen mit der ebenso luftigen und ehrlichen Musik von „No Limit“ wurde die Ausstellungseröffnung Anfang Mai passend abgerundet. Im folgenden Interview spricht Walter Weer über das Handwerkliche, den kugelförmigen Raum seiner Ideen und warum ihm der konstruktive Skeptiker so sympathisch ist.
ÖBVaktiv: Können Sie sich an den Punkt in Ihrem Leben erinnern, der Sie dazu bewogen hat, sich aktiv mit bildender Kunst zu beschäftigen?
Weer: Zunächst habe ich etwas ganz anderes studiert und auch abgeschlossen. Erst im Berufsleben stehend, von einem Tag auf den anderen, habe ich gesagt: Ich muss bildende Kunst ausüben. Ich war so davon überzeugt, das machen zu wollen, dass ich mit Arbeiten zu einem Professor an der Akademie gegangen bin. Das Arbeiten mit ihm war ganz schön, aber es war der falsche Professor. Ich habe mich im Widerspruch zu ihm entwickelt, was ja gar nicht so schlecht ist. Ich wollte eigentlich erst einmal wirklich handwerklich etwas lernen. Ich denke, über diesen „Umweg“ lernt man erst, was Kunst ausmacht, aber es ist klar, dass man das selber erfahren muss.
Nachdem ich mit diesem Professor nicht so gut arbeiten konnte, habe ich festgestellt, ich kann meine Arbeiten nicht fertig machen. Weil, so wie er es wollte, so habe ich es mir nicht vorgestellt – Fantastischer Realismus: das war für mich ganz unerträglich und dann habe ich viele Stellen freigelassen und so entdeckt, dass das Fragmentarische das ist, was mich eigentlich interessiert.
ÖBVaktiv: Wie entstehen Ihre Arbeiten? War zunächst der Gedanke da, mit dem Fragment zu arbeiten, oder waren Sie eher am gefundenen Objekt interessiert?
Weer: Das Gefundene war’s gar nicht so. Ich habe zunächst Zeichnungen gemacht. Das kann man auch konkretisieren, es waren Menschen im Wasser – schwimmend, und die waren auf einer großen leeren Wasseroberfläche ausgesetzt. Das hat die Leute sehr interessiert, nachdem sich alle irgendwo ausgesetzt fühlen und sich da selbst erkannt haben. Diese erste Ausstellung war vollkommen ausverkauft, das hat die Leute also wirklich interessiert. Ich habe ein paar Mal solche Dinge gemacht – aber dann habe ich einmal den Menschen weggelassen und bin nur über diese Oberflächenstrukturen des Wassers zum Papier gekommen. Ich habe Transparentpapier übereinander geklebt und so sind dann die ersten Objekte entstanden.
ÖBVaktiv: Wie muss man sich den künstlerischen Prozess bei Ihnen vorstellen?
Weer: Eine Idee ist schon zuerst da – das ist klar. Aber die Ideen werden genauso gesammelt, wie ich das Material sammle, und wenn ich dann die Idee realisieren möchte, dann suche ich mir das passende Material. Das entwickelt sich meist nebeneinander und geht ineinander über. Das ergibt sich ganz einfach, daher habe ich ja so eine große Sammlung von Material, von Neuem und Gebrauchtem, und daraus entsteht dann etwas. Ich setzte das Material sozusagen um.
ÖBVaktiv: Wann wissen Sie, dass ein Objekt fertig ist, dass es so bleiben soll?
Weer: Es gibt natürlich immer Zwischenstadien. Am Anfang ist das oft schwierig, wenn man schon in einem Stadium ist, wo man sagt, das ist jetzt gut, aber es ist nicht der Punkt, wo man eigentlich hin wollte. Da ist die Gefahr dann groß, dass man es, wenn man es nicht weiter verfolgt, lässt. Aber da muss man entscheiden: Lasse ich es, weil es ästhetisch interessant ist, oder führe ich den Grundgedanken weiter. Dann verändere ich es wieder und es kommt ins nächste Stadium, solange, bis es dort ist, wo ich es haben will. Und das merke ich dann schon – vielleicht noch ein paar Kleinigkeiten und dann ist es aber fertig.
ÖBVaktiv: Der Grundgedanke, von dem Sie sprechen, ist also ein roter Faden, der sich durch Ihre Arbeit zieht – wie würden Sie ihn beschreiben?
Weer: Es ist so, für die einzelne Arbeit ist es ein Grundgedanke und für meine Gesamtarbeit ist es so, dass ich mir vorkomme wie in einem Zentrum und die Dinge, die mich interessieren, sind kugelförmig um mich herum. Ich orientiere mich dann in diesem Raum, verfolge mal das Eine und komme so zum Nächsten. Es kann sein, dass ich einmal eine Sache bearbeite und dann wieder etwas aufgreife, das ich vor drei Jahren liegen gelassen habe. Das hat sich damals bis zu einem gewissen Grad erschöpft und dann plötzlich wird es wieder interessant und verbindet sich mit neuen Möglichkeiten. Es ist nicht so, dass ich wie andere Künstler einen Weg ununterbrochen weiter gehe, sondern ich mache immer wieder gerne Umwege und Seitenwege. Das ist natürlich viel interessanter für mich, ich lerne immer wieder so viel Neues kennen und experimentiere sehr viel.
ÖBVaktiv: Immer wieder kommen Reusen in Ihren Arbeiten vor; weil Sie der ästhetische Wert reizt, oder wegen des Inhaltes?
Weer: Ich würde nie etwas machen, nur weil es ästhetisch interessant ist. Die Reuse ist ja als spezielle Form des Netzes etwas, das immer spannend ist. Es besitzt Offenheit und Transparenz und meint gleichzeitig etwas, das Freiheit vortäuscht, aber auch das Gegenteil ist, nämlich einengend und festhaltend. Diese Ambivalenz ist ein Grundgefühl, das ich in allen meinen Netz -Arbeiten auslebe und durchlebe.
ÖBVaktiv: Wozu soll Ihre Kunst da sein?
Weer: Es geht bei jedem Künstler auch darum, sich selber auszudrücken. Mir geht es aber auch darum, die Menschen dazu zu bringen, die Dinge zu hinterfragen. Es geht ja nicht darum, dass man die Dinge so akzeptiert, wie man sie in den Nachrichten hört, ohne dass man sich einen Gedanken dazu macht. Wenn meine Kunst dazu beiträgt, dass sich Menschen eigene Gedanken machen können, dann wird ihr Blick geschärft und dann kann man auch Details erkennen. Wenn man meine Arbeiten von der Ferne sieht, fühlt man sich vielleicht hinters Licht geführt, weil wenn man näher kommt, erkennt man, dass es sich um ein ganz anderes Material handelt, als man dachte. Der konstruktive Skeptiker ist mir sehr sympathisch.
ÖBVaktiv: Welche Bedeutung hat es für Sie, in einem Raum wie dem ÖBV-Atrium auszustellen?
Weer: Es ist schon angesprochen worden, meine Skulpturen sind wie Nomaden und ich stelle sie gerne in Räumen aus, in denen Menschen nicht gleich bewusst ist, dass sie Kunst begegnen werden. Also in Räumen, die nicht nur dazu gemacht sind, dass Menschen dort Kunst betrachten – das finde ich für meine Arbeit sehr spannend.
ÖBVaktiv: Vielen Dank für das Interview. (Sandra Maierhofer, Studentin in Wien)
