ÖBV-Veranstaltungen und Events 2006
Leicht-Sinnig - Walter Weer
09.05.2006,
um 18:00 Uhr
ÖBV-Atrium
1010 Wien, Grillparzerstr. 14
Vernissage am Öffentlichen Dienst-Tag der ÖBV, 09.05.2006
Ausstellung bis 30.08.2006
"Von Knoten und Schnüren, Vergessen und Erfahren."
Thomas Fillitz über Walter Weers Netzobjekte.
Die Universalität des Fragments.
Zu den seit 1987 entstandenen Papierobjekten von Walter Weer
Im
Kontext mit der internationalen Entwicklung und zugleich in
hohem Masse eigenständig erweist sich Österreichs
bildende Kunst der achtziger Jahre als pluralistisches Spannungsfeld
einer kaum je zuvor dagewesenen Leistungsdichte. Die Vielfalt
unterschiedlichster künstlerischer Positionen ist für
diese Zeitspanne mit Sicherheit ebenso charakteristisch wie
das individuelle Ausloten höchst spezifischer bildnerischer
Ansätze und Möglichkeiten. Gewissen kollektiven
Trends, die sich deutlich herausschälen, stehen ohne
damit die stilistische Ausformung zu meinen Leistungen gegenüber,
die im besten Sinne des Wortes als spezialisiert anzusehen
sind. Der Begriff "spezialisiert" versteht sich
in unserem Zusammenhang in der Absicht einer vom Künstler
angestrebten sinnvollen Beschränkung.
Die ausreichend kontinuierliche Auseinandersetzung mit einem als wesentlich erkannten bildnerischen Problem gibt dem Maler, Zeichner, Plastiker oder Objektkünstler nicht nur die Chance wirklicher Selbstfindung, sondern auch die Möglichkeit,einer Sache tatsächlich auf den Grund zu gehen. Eine klug angewandte reduktive bildnerische Vorgangsweise gewinnt durch ihren Verzicht auf inflationäre Vielfalt und Beliebigkeit. Beschränkung führt zur besseren, intensiveren Umsetzng, zu einem Mehr an Verantwortung in der Wahl der eingesetzten bildnerischen Mittel und in der Art und Weise, wie mit ihnen umgegangen wird. Je enger das Verhältnis zu Werkstoff und Methode, umso angemessener in der Regel auch das Resultat, das der Künstler erreicht. In Übereinstimmung mit persönlicher Interessen und Anlagen erprobt und bestätigt sich künstlerisches Talent nicht in artistischer Brillanz, sondern in der Herausforderung, die richtig verstandene Spezialisierung und Einschränkung bedingen.
Gleichbedeutend mit der hier skizzierten Seite des Entstehens von Kunst, wenn nicht sogar entscheidender als sie, ist freilich die geistige. Kunst ist essentiell eine Frage der Haltung, die ihrerseits wiederum auf eine große Anzahl entsprechend "synchronisierter" Denkprozesse und die daraus gezogenen Entscheidungen zurückgeht. Geistige Einstellung und persönliche Anschauung werden jedoch auch durch Emotionalität geprägt und von jener Befindlichkeit mitbestimmt, über die vor allem der sensible und aufgeschlossene, in einem tieferen Sinne anteilnehmende und interessierte Zeitgenosse verfügt. Von diesem Ansatz aus läßt sich auch einem, im allgemeinen eher modisch verwendeten Begriff wie "Zeitgeist", jenes Maß an Sympathie und Richtigkeit zubilligen, die ihm auf der Basis emotionalen Erkennens und spontanen Anteilnehmens zustehen. Das einzelne Beispiel und in diesem Sinne auch die hier aufgeworfene Form künstlerischer Spezialisierung verstehen sich als Erkenntnismodell für das Ganze.
Das Werk des 1941 geborenen Wiener Malers, Plastikers und Fotografen Walter Weer ist von diesem Ansatz grundlegenden Verstehens und Deutens von Kunst zu werten. Sein im wesentlichen autodidaktisch, das heißt überwiegend im Sinne von Selbstaneignung und Selbsterfahrung geprägter Werdegang erweist sich in unserem Kontext als Indiz, das zählt. Die seit 1987 entstandenen Papierobjekte des Künstlers, die als jüngster Werkabschnitt den Gegenstand vorliegender Zeilen bilden, sind das in Summe ebenso wie im einzelnen überzeugende Ergebnis sehr persönlicher, tatsächlich profunder bildnerischer Umsetzung. Weers Plastiken aus Papier (bis heute sind mehr als 15O Arbeiten meist kleinerer bis mittlerer Dimensionen entstanden) verfügen in ihrer Eigenart und gestalterischen Sensibilität über Qualitäten, die nicht nur innerhalb der Kunstszene unseres Landes ihresgleichen suchen.
Die Position, die Weers neue Arbeiten abstecken, ist die des Lapidaren und Dialektischen. Die leise Sinnlichkeit der fragilen und dennoch ausreichend festen Objekte fungiert als Schrittmacher einer Ästhetik, die trotz ihrer historischen Bezüge etwa zu Paul Klee, den Dadaisten oder Richard Tuttle über einen Facettenreichtum verfügt, der in dieser Form praktizierter Materialität als Extrakt einer konsequenten Aufgabenstellung und Weiterentwicklung (und nicht als Resultat eventueller epigonaler Anlehnungen) angesehen werden muß.
Die Relativierung künstlerischer Werte und der Aufbruch zu einer neuen Ästhetik, wie beide durch die italienische Arte Povera (Mario Merz, Jannis Kounellis, Lucio Fabro etc.) ausgelöst wurden, findet in den vielgestaltigen Papierobjekten des Wieners gleichsam ihre klassische, kammermusikalische Entsprechung. Walter Weer arbeitet mit neuem, ausgewählt gutem, ja erstklassigem Aquarellpapier. Der Zustand, den seine geknitterten, gefalteten, geleimten, vielschichtig strukturierten und ebenso vielfältig bemalten Plastiken als Endresultat des künstlerischen Vorgangs erhalten, soll konstant die Zeiten überdauern. Zum Unterschied zu früher, als verschiedentlich auch Abfallmaterialien hergenommen wurden und dank dieser, für die Kunst des 20. Jahrhunderts wichtigen Methode, so etwas wie ein bildnerisches Recykling stattfand, geht es Weer gegenwärtig um einen gestalterisch durch und durch kontrollierten, von Hand beeinflußten Vorgang größtmöglicher Genauigkeit und Verantwortung.
Wie er selber sagt, sind seine Papierobjekte weder Readymades im Sinne von Marcel Duchamp, noch Materialbilder mit Spuren fremder Charaktere und Geschichtlichkeit. Knitterungen, Strukturen, Verletzungen und andere plastische Momente sind ebenso Ergebnis seiner künstlerischen Intention und Handhabung wie die höchst differenzierte Bemalung der Arbeiten und ihre formalen Aspekte im großen. Im Gespräch mit dem Autor hat Walter Weer einmal den Ausdruck "Lapidare Trophäen" geprägt. Er hat damit durchaus treffend die Ambivalenz seiner zuletzt wiederholt in Einzelausstellungen gezeigten Papierarbeiten unterstrichen und damit auch indirekt auf die vom Betrachter wahrzunehmende Relativität der Wertigkeit dieser aus reichen Phantasie geborenen Objekte hingewiesen. Was Weer interessiert, ist nicht die relativierende Neubewertung von Objekten aus alten Materialien, die ihr ursprüngliches Bezugsfeld und ihren einstigen Funktionszusammenhang verloren haben, sondern die Verdeutlichung von Wertigkeiten der Kunst, die wir in einer naturgemäß immer relativierenden Skala als solche definieren, angeregt durch die Vorgabe, die Erfindung und die innovatorische Handlungsweise des Plastikers. Weers Formenreichtum versteht sich als Ergebnis einer ausgeprägten räumlichen Begabung, der Phantasie und bildnerische Mobilität, die Lust und Freude am Arbeitsvorgang und die Bereitschaft, sich selbst überraschen zu lassen, zur Seite stehen.
Die
Formgebung seiner Objekte selbst ist Resultat eines komplexen
Vorganges, bei dem zur grundlegenden formalen Vorstellung
auch die Art und Weise der Bearbeitung des Papiers, sowie
die Anzahl seiner Lagen, Überklebungen und Übermalungen
hinzutritt. Der materiellen Vielschichtigkeit dieser scheinbaren
Fragmente im Raum entspricht ihre ästhetische Bandbreite
und die beim Betrachter ausgelöste assoziative Gedankenarbeit.
Weers "Plastische Papiere" sind ausgezeichnete Beispiele
für das Zusammenspiel von Form und Farbe. Es sind im
klassischen Sinn eines Kandinsky autonome, abstrakte Kunstwerke,
die zunächst für nichts anderes stehen als für
sich selbst und demgemäß auch alle Ansprüche
aus dem bildnerisch konkret Gesetzten ableiten. (In dem Maße,
in dem wirwas durchaus legitim, doch nicht immer hilfreich
ist diese Arbeiten assoziativ bestimmen und sie mit Abgrenzungen
wie Höhlen, Wölbungen, Schlingen, Schaukeln, Sockeln
oder Zylindern belegen, schränken wir ihr so ungemein
lebendiges, freies Kräftespiel gegrifflich ein und handeln
gegen deren Offenheit und innere Dynamik.)
Walter Weers Papierobjekte der Jahre 1989 und 1990 definieren die Endgültigkeit des Fragments. Perfekt in ihrer Art bestätigen sie eine durch Spezialisierung (und Pluralität) gekennzeichnete Gesellschaft, die heute wiederum mehr denn je die großen Sinnzusammenhänge sucht und daraus ihre Existenzfragen ableitet. Im übertragenen, philosophischen Sinn, bilden in einem derartigen Prozeß der Neuorientierung und künstlerischen Selbstbestimmung Arbeiten, wie die von Walter Weer, Anhaltspunkte einer Denkweise, in der zur Logik des Intellekts und einer kunsthistorisch differenzierenden Betrachtung die Sinnlichkeit des Moments als Quelle der Kraft und Eingebung hinzukommt. Der Reichtum, den wir in den mit Acryl, Aquarellfarben, Tusche und Gouache bemalten und bezeichneten Arbeiten aus Papier sehen, ist der einer neuen, künstlerisch faktisch vollzogenen, wenn auch im weiten gesellschaftlichen Zusammenhang abstrakten neuen Werterkenntnis. Ähnlich dem Schluß vom Detail zum Ganzen läßt er den Schluß vom Fragment zum Universellen zu.
