Zu Juan José Molinas Zyklus "Natur ist Natur" im ÖBV Atrium
Nachruf von Maria Christine Holter anlässlich der Finissage am 15.01.2008
Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Freundinnen und Freunde von Juan José Molina!
Eigentlich sollte heute Juan José Molina neben mir stehen und in eigenen Worten über seine künstlerische Arbeit und Intentionen sprechen. Wir dachten auch daran, die Veranstaltung an den Ort der Entstehung seiner Gemälde, in das von der ÖBV großzügigerweise zur Verfügung gestellte großräumige Atelier Molinas zu verlegen, um ihm die Demonstration seiner Arbeitsweise vor Publikum zu ermöglichen.
Die Geschehnisse vom 26. November 2007 haben dies alles undenkbar und unmöglich gemacht. Juan José Molina lässt uns ratlos und traurig mit seinen letzten Werken hier zurück.
Das Tröstliche daran ist, dass wir heute und in Zukunft das tun können, was sich Molina von uns, seinem Publikum, vermutlich gewünscht hätte, nämlich sich mit seiner Kunst ernsthaft auseinanderzusetzen. Diesen Wunsch möchte ich ihm erfüllen und Sie bitten, den Blick vom viel zu früh und freiwillig aus dem Leben geschiedenen Menschen Molina hin zu seinem bleibenden Vermächtnis, seinen Bildern, zu lenken.
Sicherlich wird sich die heutige Betrachtung gegenüber der Sichtweise am Vernissagenabend verändert haben - bei mir und all denjenigen, die die Werke im Atelier oder anlässlich der Präsentation im Atrium der ÖBV zum ersten Mal sahen.
War noch die ungestüme Macht der Natur, die die entwurzelten Protagonisten in Molinas Drama zu erden, zu verwurzeln, werbend zu umschlingen versucht, als ungemein vitale und lebensbejahende Kraft Zentrum der allgemeinen Auffassung, so hat sich die Sichtweise hin zu den schon immer im Werk vorhandenen Dunkelheiten in Molinas Zyklus verschoben.
Er selbst sprach von der grundsätzlichen Dialektik des menschlichen Daseins als „the inner life and the superficial life“, die sich in seinen Arbeiten stets widerspiegelten – Psyche und Physis, Geist und Welt, schwarz /weiß und Farbigkeit, hell und dunkel. Seine gemalten Lebensbühnen ließ er von namenlosen, entindividualisierten Figuren bespielen.
Diese sind meist von existentiellen Nöten gezeichnet, wirken hineingeworfen in ihr Dasein, das sie bisweilen aufbäumend aktiv, ja aggressiv bestreiten, dann wieder in totaler Passivität verharrend hinnehmen. Dramen voll Dynamik, gesteigert noch durch überbordende Gestik und Farbigkeit der Malerei, werden durch formale Details wie Rahmen, geometrische Formen und dem Kunstgriff des „Bildes im Bild“ beruhigt und von dem Künstler scheinbar unter Kontrolle gebracht. Szenen des ungewissen Grauens wechseln sich mit Szenen überirdischer Harmonie ab. Oder enthält jede Sequenz seines Bilderreigens sowohl das Eine als auch das Andere?
Wir stehen heute von Molinas Tod verändert vor seinem letztem Gemälde, das auch er - nicht ohne ironischen Unterton - sein „Letztes Abendmahl“ nannte. Ich hatte es bei der Vernissage als einen eher beglückenden, denn bedrückenden bildgewordenen Schwebezustand erlebt, als eine Vision der Enthobenheit aus dem Kampf der Geschlechter, aus den Alltäglichkeiten und Getriebenheiten der Conditio Humana. Wir können nun nur vermuten, dass in den zuletzt aufgemalten roten Tränen unsere Tränen vorweggenommen wurden, die wir heute weinen – nicht nur wir, sondern viele Freunde, Künstlerkollegen und Weggefährten aus aller Welt, die Molina begleiten durften.
Ricardo Pau-Llosa, Kunstkritiker, Schriftsteller und Förderer Molinas in Miami bezeichnet den 1962 in Barranquilla, Kolumbien geborenen Juan José Molina als einen der wichtigsten und vielversprechendsten bildenden Künstler die Kolumbien in letzter Zeit hervorgebracht hat. In mehreren Aufsätzen würdigte er sein grafisches und malerisches Werk, das aufgrund Molinas Wanderlebens über Galerien und Sammlungen der halben Welt verteilt ist.
In seinem Nachruf mit dem Titel „El Pincel y la Daga“ – der Pinsel und der Dolch - macht Juan Luis Calbarro, als Kenner von Molinas Kunst während seiner Zeit auf Palma di Mallorca, auf ihn als dem Künstler am Scheideweg aufmerksam: am Scheideweg zwischen dem Willen zum Sein und dem Bewusstsein unseres Seins, immer gequält vom scharfen Dolch seiner eigenen Sensibilität. Molinas Galerist in Chicago, Aldo Castillo, hat ebenfalls mit großer Bestürzung Molinas unerwartetes Ableben aufgenommen.
Sie und viele andere, die mit seinem Werk konfrontiert waren, sind von dessen großer Qualität überzeugt. Es ist Juan José Molina posthum, besonders aber seiner Familie und engsten Freunden zu wünschen, dass seine großartigen Kohlezeichnungen, Radierungen und Ölgemälde nicht in Vergessenheit geraten, sondern sich immer wieder Menschen darum annehmen werden und sich von ihnen „be-treffen“ lassen. Möge Juan Josè Molina in seiner Kunst weiterleben!
Mag. Maria Christine Holter
lebt und arbeitet als freie Kunsthistorikerin, –vermittlerin und Kuratorin in Wien.
J.J.Molina
