Mit der ÖBV durchs Leben
Veranstaltungen und Events 2008
Skulpturen von Ignaz Kienast
"Des Stiagnhaus is ned die Kellergossn!“
Archaisch anmutende Momente im ÖBV-Atrium – sieben schwarz gekleidete Frauen inszenieren eine Prozession, Objekte des Künstlers Ignaz Kienast vor sich her tragend, angeführt von den Tuba-, Kontragitarre- und Akkordeonklängen des Wienerlied-Trios Kollegium Kalksburg. Über dessen Kunst, die heimatliche Lehmgrube in Unterstinkenbrunn, und warum ein modernes Bürohaus eben doch nicht ganz einer Kellergasse im Weinviertel entspricht, sprach ÖBVaktiv mit dem Künstler Ignaz Kienast.
ÖBVaktiv: Herr Kienast, Sie waren im Atrium der ÖBV mit der Ausstellung „GE-WANDELT & VER-WANDELT“ vertreten. Wie sind Sie bei Ihren plastischen Arbeiten und der Inszenierung des rituellen Eröffnungsspektakels mit den Räumlichkeiten zurechtgekommen?
Kienast: Die Architektur des Atriums ist sicherlich sehr bestimmend und insofern gar nicht so leicht zu bespielen, speziell für Plastiken. Die Objekte brauchen dann schon eine angemessene formale Ausdehnung, beziehungsweise eine starke Aussagekraft, damit sie in diesem Raum überhaupt bestehen können.
ÖBVaktiv: Das ÖBV-Atrium ist ja schon durch vorangegangene Ausstellungen und Inszenierungen als Kunstraum determiniert. Meiner Erfahrung nach muss man sich auf diesen Raum komplett einlassen oder man ist verloren.
Kienast: Genau. Ich beriet mich diesbezüglich auch mit meiner Lebensgefährtin Martina Gutmann und sie meinte: „Es gibt eigentlich keine schwierigen Räume, es gibt nur schlecht gemachte Ausstellungen!“ Das war eine sehr hohe Latte, die sie mir da gelegt hat, und der Ansporn für eine intensive Auseinandersetzung mit dem Raum. Ich habe dann speziell für diese Ausstellung hohe Metallsockel für die Plastiken angefertigt und auch auf ein älteres Werk zurückgegriffen – da die Raumhöhe von rund 15 Metern ja auch Großplastiken erlaubt –, um den Dimensionen des Atriums gerecht zu werden.
ÖBVaktiv: Sie verweisen hier auf die monumentale Feuersäule (1986–2008) im Zentrum des Atriums, die meines Erachtens Ihre akademischen Wurzeln, die Ausbildung zum Bildhauer und Plastiker bei Wander Bertoni auf der Universität für angewandte Kunst, erkennen lässt.

Kienast: Die Feuersäule war meine erste große Arbeit, die ich in meinem Atelier, dem von mir adaptierten elterlichen Presshaus in Unterstinkenbrunn, realisierte. Ich hatte von Prof. Bertoni während des Studiums (1983–1990; Anm. d. Red.) die Sondergenehmigung erhalten, von der Anwesenheitspflicht auf der Hochschule befreit zu sein und in meinem Atelier arbeiten zu dürfen, weil er meinte, ich hätte vielleicht dort die besseren Ideen zu meinen Plastiken. Und so habe ich begonnen, die Materialien direkt aus dem Weinkeller zu nehmen, im Fall der Feuersäule einen „Ganter“ – das ist einer der beiden Holzbalken auf dem die Weinfässer liegen – und habe daraus die Säule geschnitzt.
ÖBVaktiv: Sie verwenden schon seit rund einem Vierteljahrhundert für Ihre plastischen Objekte – die hier ausgestellten Stelen, Säulen, Stäbe, Pfähle und Objektbilder – fast ausschließlich Materialien aus dem Alltag des Weinbaus und der Landwirtschaft. Man sieht den Hölzern, Korken und Fassteilen auf wohltuende Weise ihre agrarische Vorgeschichte an. Inwieweit sind bei Ihnen Werk und Biografie aufeinander bezogen?
Kienast: Da spielen sicher nicht nur meine Weinviertler Herkunft, sondern auch Auslandsaufenthalte eine entscheidende Rolle: Ich war am Beginn meines Studiums in Israel und habe dort mit Materialien gearbeitet, die ich in der Wüste von Sinai vorfand. Zurückgekehrt, fing ich an, mit Materialien aus dem Weinkeller zu gestalten – mit Dingen, die sonst keiner Bestimmung mehr zugeführt waren, außer dort zu verrotten. Ich zeigte meine ersten auf diese Weise verwirklichten Arbeiten Prof. Bertoni und der meinte: „Endlich machst du etwas, das mit dir zu tun hat.“
ÖBVaktiv: Bei der Recherche für dieses Gespräch ist mir aufgefallen, dass es nach den Säulen bald zu einer Hinwendung zum kultisch aufgeladenen Objekt kommt, was richtungsweisend für Ihr folgendes Werk werden sollte. Ich nehme an, dass die Studienaufenthalte 1990 und 1994 in Ägypten an dieser Veränderung nicht unmaßgeblich beteiligt waren.
Kienast: Ein Bildhauersymposium im Krastal, 1988, war der eigentliche Auslöser. Ich arbeitete dort an einer Stele aus Stein, die heute im Stadtpark von Mistelbach aufgestellt ist – eine dreistufige Stele mit einem Pyramidon als oberen Abschluss. Beobachter meinten damals, darin eine gelungene Symbiose aus dem ägyptischen Obelisken und dem im Weinviertel überall anzutreffenden „Marterl“ (Bildstock) zu erkennen. Ich habe da scheinbar intuitiv etwas geschaffen, was eine Verbindung zwischen Ägypten und dem Weinviertel herstellt. Vor meinem zweiten Ägyptenstipendium erhielt ich neben dem Empfehlungsschreiben von Prof. Bertoni noch eines von Prof. Adolf Frohner. Bei ihm bedankte ich mich mit einer Karte, auf die ich schrieb: „Ich habe den Eindruck, in Ägypten befinden sich die Wurzeln eines Baumes, der bis heute noch wächst!“ Das war für mich also der Inhalt, der Kern der Erkenntnis aus dieser Reise. Scheinbar muss man in die Ferne gehen, damit man die Nähe spüren lernt.
ÖBVaktiv: Neben den künstlerischen Qualitäten Ihrer Plastiken hob Frau Prof. Angelica Bäumer, Kennerin und Liebhaberin Ihres Oeuvres, in der Eröffnungsrede Ihr Engagement für die Erhaltung von heimatlichen Hohlwegen hervor. Was hat sich eine Nicht-Weinviertlerin unter der Schönheit von Hohlwegen vorzustellen?
Kienast: Mit Beginn der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten Weinkeller und Presshäuser in Unterstinkenbrunn. Der Aushub aus dem lehmigen Material wurde mit Stroh vermengt, geformt und getrocknet und damit wurden hier ursprünglich die Presshäuser gebaut – nicht aus gebrannten Ziegeln. Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft war es den Menschen dieser Gegend sehr wichtig, ihre eigenen Presshäuser und Weinkeller zu bauen. Es war ein Aufatmen, ein Zeichen von Freiheit und Stolz, ein Presshaus und einen Weinkeller zu betreiben, mit dem Namen des jeweiligen Besitzers auf der Weinpresse eingearbeitet. Im Zuge der Kommassierung (Grundstückszusammenlegung) in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden einige Hohlwege zugeschüttet, um deren Wiederherstellung ich mich durch diverse Aktionen erfolgreich bemüht habe. Nun sind die alten Wege wieder zu durchwandern und seit 2000 sind sie unter Naturdenkmalschutz. Auch gibt es einen privat angelegten Skulpturenweg, der mittlerweile gern öffentlich genutzt wird. Es ist in weiterer Folge daraus eine landesweite Kampagne zur Revitalisierung von historischen Hohlwegen und deren Befreiung von wilden Mülldeponien geworden. Ich hab mir durch mein Engagement aber sicher nicht nur Freunde gemacht ...

ÖBVaktiv: Kehren wir zum performativen und rituellen Aspekt Ihrer Arbeit zurück. Sie haben eine eigene Begrifflichkeit dafür gefunden und sprechen da beispielsweise von „Prozession“, „Wandelbaren Objekten“ und von „Informationsträgern“, was sowohl die Personen als auch das von Ihnen getragene Kunstobjekt bezeichnet…
Kienast: Wir haben in unserer technischen Welt sehr viele Träger von Informationen, und die basieren heute vorwiegend auf dem Computer. In meinen archaischen Arbeiten sind auch viele Informationen verpackt. Die Arbeiten tragen ja eine Information hinaus und werden zugleich in der Prozession getragen. Der Merkurstab (2000) zielt sehr genau darauf ab, denn Merkur war ja der Vermittler von Botschaften in der Antike.
ÖBVaktiv: Wie haben Sie und die Radikalmusiker Ditsch/Skrepek/Wizelsperger alias „Kollegium Kalksburg“ zueinander gefunden und wie wichtig ist für Sie das Klangerlebnis bei Ihren Prozessionen?
Kienast: Ich verehre diese Musiker seit 20 Jahren! Die Prozession in der ÖBV war bereits die dritte, bei der ich mit dem „Kollegium Kalksburg“ zusammenarbeitete. Die Idee der musikbegleiteten Prozession entstammt aber einer Jugenderinnerung: dem Weinviertler „Initiationsritus“ für 16 Jahre alt gewordene Burschen, die von den Vätern erstmals die Schlüssel zu den Weinkellern erhalten, um dort mit Freunden feiern zu können. Bei so einem prozessionsartigen Zug von jungen Leuten durch die Hohlwege in die Kellergasse in Unterstinkenbrunn stimmte einer in Pseudo-Gregorianik ein „Gstanzl“ an, worauf wir singend weiterzogen – soweit zum damaligen Klangerlebnis. Jeder der sich mit Bildhauerei beschäftigt, wird irgendwann einmal darüber hinaus andere Formen mit einbeziehen wollen, weil die Plastik von alters her mit dem Kultischen verbunden ist und den Religionen gedient hat. Vincenz Wizelsperger hat nach der Prozession in der ÖBV zu mir gesagt: „Naja, des Stiagnhaus is ned die Kellergossn!“, aber ich habe die Einladung des Herrn Generaldirektor i. R. Hauf als eine tolle Herausforderung gesehen und ich hoffe, wir sind ihr gerecht geworden.
Das Gespräch führte Mag. Maria Christine Holter, Kunsthistorikerin und -vermittlerin in Wien.
