Mit der ÖBV durchs Leben
Veranstaltungen und Events 2008
"dancing stars" - Johannes Ramsauer
Burgenländischer "Pas de deux" für Erdling und Himmelstaucher
Erdling und Himmelstaucher, Strandgut, Fossil, Halmenorchester und viele andere von der burgenländischen Seen- und Seelenlandschaft inspirierte Titel bezeichnen auf humorvolle Weise die nahezu abstrakten Acrylmalereien des in Trausdorf an der Wulka lebenden und arbeitenden Künstlers Johannes Ramsauer. Einen Sommer lang bevölkerten seine amorphen Pinselgeschöpfe das ÖBV-Atrium. Der Vernissagenabend geriet zu einem burgenländischen Fest!
„Von der Realität der Natur kommend, um in die Irrealität der Abstraktion einzutreten“, so charakterisierte die Eröffnungsrednerin Frau Dr. Gerlinde Schrammel, Kunsthistorikerin und Mitglied in dem von Ramsauer 2004 gegründeten Kollektiv von Künstelerinnen und Künstlern „KG talstation“ die ausgestellten Arbeiten. Sowohl die Realität der Flora und Fauna des Neusiedlersees wie auch das vom Zeit- und Mediengeist geprägte Gesellschaftsleben fließen dem Künstler in dynamischen Strichen und offenen Farbklecksen aus dem Pinsel auf die blanke Leinwand. Augenzwinkernd kommentiert er in seinen Abstraktionen beispielsweise TV-Serien wie „Dancing Stars“ und „Sex and the City“, aber auch der Titel „Jetzt red i“ kann als gemalter ironischer Nachsatz auf die aktuelle Befindlichkeit gelten.

Es wäre nun vermessen zu behaupten, Ramsauers Gemälde wären blanke Umsetzungen seiner kreativen, bisweilen humoristischen Titelgebung – genau das Umgekehrte ist der Fall: Die schwebenden, tänzelnden Pinselspuren sind seismographische Aufzeichnungen des künstlerischen Bewusst- und Unterbewusstseins, sind keinem bestimmten Kalkül unterzogen, sondern automatistisch gesetzte offene Zeichen, die erst im Nachhinein und oft viel später (manchmal auch von Außenstehenden) durch den Titel mit einer möglichen Interpretation belegt werden.
Dies war, so Ramsauer, ganz sicher bei dem großformatigen Gemälde Halmenorchester der Fall, angesichts dessen ein Atelierbesucher spontan den Titel ausrief. Die in warmen Gelb-, Braun- und Grüntönen gehaltene vertikal geführte Pinselschrift ist in rhythmischen Abständen über das Querformat verteilt. Farbtöne werden oft mit akustischen Tönen in Verbindung gesetzt – in Ramsauers Bild vermag man fast das zarte Tuten einer burgenländischen Halm-Oboe zu hören, das kräftigere einer Blatt-Tuba und die zarten Gräser pfeifen den säuselnden Wind kaum hörbar nach. Lässt man den Blick im Atrium umherschweifen, so vermag die Besucherin und der Besucher der Ausstellung verstohlen tanzende Sterne, sich im Gleichklang bewegendes Strandgut oder Erdling und Himmelstaucher im sensiblen Paartanz zum imaginierten Klang des Halmenorchesters beobachten – natürlich wieder eine rein subjektive Interpretation, aber welch Genuss ist es, sich inmitten der Gemälde Ramsauers in die eigene Phantasie versenken zu dürfen!
Ein Genuss, der vom Künstler durchaus gewollt und gekonnt herbeigeführt wird. In der Serie Ja Natur Ich (in Anspielung auf die bekannte Biomarke einer Lebensmittelkette) führt uns Johannes Ramsauer, ganz zum Philosophen geworden, einen Kosmos von Mikro- und Makroorganismen vor Augen. Die absolute Bejahung der Natur, die Empfindung des ICH als untrennbaren Teil dieser alles umfassenden Natur spiegelt sich in den Gemälden auf poetische Weise wider. Die kleinformatigen, quadratischen Arbeiten sprühen förmlich vor Farblust und vor Freude an der großzügigen Pinselführung. Hier erweist sich Ramsauer nicht nur als einfühlsamer Kolorist (ein herrliches Zusammenspiel von Rotgrün-Kontrasten), sondern auch als unerschöpflicher Erfinder einer Formenwelt, die mit dem Reichtum der Natur zu wetteifern sucht.

Dies gilt augenscheinlich auch für sein grafisches Werk, die gemeinsam mit der Malerei im Atrium präsentierten Linolschnitte. Weitaus strenger komponiert als die Malerei sind sie dennoch Widerhall der Natur. Die Schwarzweiß- und Farbhochdrucke erinnern an Landschaftsformationen, geologische Sedimente, fossile Ausgrabungen. Wie die Gemälde, so kennzeichnet auch die Linolschnitte ein hohes Maß an Bereitschaft für das Ungeplante, Zufällige. Dies hat seine Ursache nicht zuletzt im Entstehungsprozess: Der Künstler verwendet einen Bunsenbrenner um die Platten zu erhitzen, anzusengen und die weichgewordenen Platten nach seinen Vorstellungen zu formen und zu reißen. Das „malträtierte“ Linol kann auch Schab- und Ritzspuren aufweisen, die dem Werk zusätzliche Expressivität verleihen. Die Kraft dieser Arbeiten liegt sicherlich in der Geschlossenheit und Reduktion der Form!

Damit die zahlreichen Besucherinnen und Besucher des Vernissagenabends nicht „entkräftet“ nach Hause gehen mussten, sorgte ein burgenländisches Rahmenprogramm für das Wohl der Gäste: Zu den mitreißenden Klängen der Sänger/-innen und Instrumentalistinnen und Instrumentalisten von „Štokavci – Folklorni ansambl“ wurden burgenländische Weine und Spezialitäten gereicht.
Abschließend möge der Künstler selbst zu Wort kommen. In einem aktuellen Folder zu seinem künstlerischen Werk schreibt Johannes Ramsauer:
"Zum Glück kann man‘s nicht immer in Worte fassen, was Kunst ist. Sie entzieht sich gern jeder Beschreibung, entschwebt gegen den Himmel, wir alle aber müssen ihr nach ..."
Mag. Maria Christine Holter lebt als freischaffende Kunsthistorikerin und Kunstvermittlerin in Wien
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