ÖBV – Österreichische Beamtenversicherung, Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit – ÖBV Versicherung

Foto:Eva Sarközi Pusztai

Veranstaltungen und Events 2008
„Sensible und ruhende Raumsysteme"

Good vibes!

Eva Sarközi Pusztai präsentiert Kunst, die in Schwingung versetzt und das Zwiegespräch fordert 

Kinetische Metallplastiken und Raumzeichnungen präsentierte die Künstlerin Eva Sarközi Pusztai im Herbst im ÖBV-Atrium in Wien.

Foto: Wolfgang SeierlFür die musikalische Umrahmung des Vernissagenabends sorgte Gitarrist und Komponist Wolfgang Seierl auf der Vihuela, einem in Spanien im 16. Jahrhundert weit verbreiteten Instrument. Im Einklang mit den fragilen Kunstwerken versetzte das zarte Spiel des Saiteninstruments das ÖBV-Atrium und seine Gäste in „good vibes“.

Eva Sarközi Pusztai wurde 1950 in Budapest geboren, lebt und arbeitet aber schon viele Jahre in Wien. KupferskulpturSie schafft, wie sie es selbst gerne benennt „Sensible und ruhende Systeme und Ordnungen“ – das sind einerseits bewegliche Metallobjekte, die durch einen Windhauch oder durch äußerst zarte Berührung in Schwingung versetzt werden können, andererseits in einem Akt des behutsamen zeichnerischen Aufbaus gefertigte Farb- und Bleistiftzeichnungen – Raumgebilde, die den Blick in der Dichte und Geschlossenheit der nahtlos aneinandergefügten Farbflächen gefangen nehmen und zur Ruhe bringen.

Vermittelnd zwischen den beiden Werkgruppen, zwischen Bewegung und Stillstand, stehen die ganz neuen Tinte- und Tuschezeichnungen. Sie fixieren ebenso räumliche Gegebenheiten, überlassen aber durch die beabsichtigten Unschärfen der nass-in-nass gesetzten Tintenflächen und Tuschelinien vieles dem Zufall. Raum und Zeit werden hier zu relativen und ganz subjektiven Erfahrungen.

Raum und Zeit, Stillstand und Bewegung, Harmonie und Ausdruckskraft der Geometrie – das sind Themen, mit denen sich Eva Sarközi Pusztai schon seit ihrem Studium bei Prof. Wander Bertoni auf der Hochschule für Angewandte Kunst beschäftigt. Ausgehend von dichten, festgefügten Marmor-Eisen-Plastiken der späten 80er Jahre entwickelt sie einen Kosmos von immer fragiler werdenden geometrischen Metallkonstruktionen: MetallskulpturDie Schwere und Stabilität des Materials Eisen wird zugunsten von Schwerelosigkeit und Labilität aufgegeben. Von nun an wählt sie gelötete dünne Eisenstäbe und unterschiedlich patinierte bzw. oxydierte Eisenblättchen als ihr bevorzugtes Material. Der Luftraum zwischen den einzelnen Metallstäben und -lamellen wird zum ebenbürtigen Gestaltungsmittel. Man ist stets dazu angehalten, den Raum mitzudenken, die „Fehlstelle“ zu ergänzen und die Einzelteile gedanklich zu einem Ganzen zusammenzufügen.

Das Publikum ist aber nicht nur aufgefordert, die ruhenden Objekte in ihren vielfältigen geometrischen Konstellationen im Raum wahrzunehmen, sondern diesen Raum durch Berührung zu verändern – in Schwingung zu versetzen. Die gerade oder schräge Linie, das Quadrat, das Rechteck oder die Raute treten dabei aus der Fläche in die dritte Dimension und umspielen flexible Volumen und „LuftRaumKörper“.

Meina Schellander schreibt in ihrem Aufsatz über die aktuellen Arbeiten von Sarközi Pusztai, dass die Betrachterin oder der Betrachter durch vorsichtiges Antippen mit den minimalistischen Strukturen kommunizieren könne und durch das Überraschungsmoment der minimalen Veränderung mit Freude belohnt würde. Ein Zwiegespräch mit Kunst, das mit Freude belohnt wird. Welch ein Angebot! Es ist ein kaum wahrzunehmendes Zwiegespräch, das mit großer Behutsamkeit geführt werden muss – oft genügt ein Atemhauch!

Mit Freude belohnt wird man auch angesichts der grafischen Arbeiten, die schon von je her das plastische Werk von Eva Sarközi Pusztai begleitet haben. Neben ihren freistehenden und an der Wand befestigten Metallobjekten vermögen auch ihre Monotypien, Kartondrucke und Zeichnungen, die die aktuellen Raumzeichnungen bereits im Kern vorbereiten, nachhaltig zu begeistern. Raumkonstellationen und Serienräume nennt die Künstlerin die zwei im ÖBV-Atrium ausgestellten Werkgruppen von Farbstiftzeichnungen. Es fällt nicht schwer, sie mit den plastischen Arbeiten in Beziehung zu setzen, denn auch hier geht es weniger um den zeichnerischen Akt, als um das Bauen von Volumen und Räumen. Dazu Eva Sarközi Pusztai:

„Ich bezeichne die Arbeiten auf Papier zwar als Zeichnungen, aber ganz exakt gedacht sind sie Oberflächenbehandlungen. Ich benütze Farbstift und Hand nicht in herkömmlichen Sinn, sondern zu einem bildhauerischen Akt. Die geometrischen Konstruktionen werden durch unzählige kleine Striche zu ‚Gegenständen‘, jedoch zählt der Strich selbst nicht als Ausdrucksmittel, sondern wird zum Werkzeug.“

Tatsächlich verschwindet der einzelne Farb- oder Bleistiftstrich in den dicht aneinandergefügten, monochromen oder farblich fein abgestuften Farboberflächen, die im Zusammenklang Raumsituationen ergeben. Der Blick hält sich aber nicht lange am Detail fest, sondern sucht diese irrealen Räume zu durchwandern, kommt schließlich zum Stillstand und kehrt sich nach innen. Reale Raumandeutungen mit Durchbrüchen, Schichtungen und unterschiedlichen Lichtsituationen werden in der Betrachtung zu inneren Räumen, ruhenden oder beklemmend bedrohlichen Seelenlandschaften.

Den eigenen Spannungen und Schwingungen auf den Grund kommen, Balance suchen, ins Lot finden, zur Ruhe kommen.

Metallskulptur (Detail)

Wenn sich die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung unter die beweglichen und ruhenden Systeme der Eva Sarközi Pusztai begeben, sie vorsichtig in Schwingung versetzen und sich dabei auch in Schwingung versetzen lassen, können sie den künstlerischen Intentionen und Emotionen der Künstlerin auf ganz persönliche Art und Weise nachspüren. Ob vor den metallenen Wandobjekten, den freistehenden sensiblen Systemen, den Farbstiftzeichnungen oder den atemberaubend schönen Tuschezeichnungen, die Ausstellung entwickelt sich erst im Dialog mit dem Publikum zum außergewöhnlichen Kunsterlebnis. (Maria Christine Holter)

Mag. Maria Christine Holter, Kunsthistorikerin aus Wien, hielt auch die Laudatio auf Eva Sarközi Pusztai

 

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