Veranstaltungen und Events 2008
SternStrahlenSog -
Konzert Tian Guo
ÖBV-Atrium
1010 Wien, Grillparzerstr. 14
29.04.2008 um 18:00 Uhr - Öffentlicher Dienst-Tag
Tian Guo
Xu Fengxia, Guzheng und Gesang;
Giselher Smekal, Klavier und Perkussion;
Balthasar Fischer, Tontechnik und Klangregie.
ÖBV-Atrium als Klangschale oder: Die Wiederentdeckung der Klangfarbe als Träger des Seelischen
Als imaginärer dritter Mitspieler entpuppte sich die Akustik des ÖBV-Atriums bei einem Konzert des Duos Tian Guo. Das – übersetzt – „Himmelsland“ genannte Zusammenspiel von Giselher Smekal und Xu Fengxia war ein im wahrsten Sinne des Wortes Eintauchen in die spektrale Vielfalt von Rhythmus, Klang und Stimme.
Es ist eine alte Weisheit, dass Probleme, Sorgen und Schwierigkeiten etwas von ihrer bedrängenden Gewalt verlieren, je weiter man sich von dem Ort, wo sie ihren Ursprung nahmen, entfernt. Mit anderen Worten: Äußere Distanz sorgt mitunter auch für innere; man gewinnt Abstand von der Alltagssituation, die sich nicht oder wenigstens nicht schnell genug verändern lässt. Und zwar nicht nur deshalb, weil alltägliche Umstände ins Weite rücken, sondern weil die Fremde mit ihren vielerlei faszinierenden Eindrücken eine gänzlich neue Wahrnehmungsebene schafft, die sich quasi wie eine zweite Haut über gewohnte Lebensmuster spannt. Dass mit derlei geografischen Veränderungen bisweilen auch innere Perspektivenwechsel einhergehen oder zumindest die Neugierde auf andere Denkwelten geschürt wird, ist kein Wunder.
Reiselust und die damit verbundenen „positiven Nebenwirkungen“ können sich allerdings auch auf ganz anderem Wege einstellen – nämlich via Kunst oder im konkreten Fall via Musik. Zuletzt erlebt am 14. November 2007 im Rahmen eines Konzertabends im ÖBV-Atrium. Denn mit dem chinesisch-österreichischen Duo Tian Guo trafen, wie Generaldirektor Johann Hauf es auf den Punkt brachte, „zwei Kontinente aufeinander“, die in musikalischer Hinsicht gänzlich neue Akzente setzten. Zumal mit Xu Fengxia und Giselher Smekal zwei Musiker zu Werke gingen, die über Jahre ihre eigene Klangsprache entwickelten und sich nun bereits seit geraumer Zeit auf das gemeinsame Projekt „East meets West“ einlassen.
Xu Fengxia, 1963 in Shanghai geboren, wurde seit ihrem 5. Lebensjahr mit dem Spiel traditioneller chinesischer Saiteninstrumente vertraut gemacht. Darüber hinaus erfuhr sie eine klassische Ausbildung in der Peking Oper und erregte überdies als Bassistin in der ersten Frauen-Rock-Band Shanghais Aufsehen. Seit Anfang der 90er Jahre lebt sie in Deutschland und bewegt sich vermehrt in den Bereich der freien Improvisation.

Giselher Smekal kennt man hierzulande wiederum aus verschiedenen Metiers. Einerseits von Seiten der Komposition, wo der 1945 in Tirol geborene Pianist und Tonsetzer stets die facettenreiche Farbpalette der experimentellen Musikschiene ausschöpft. Andererseits als Gestalter und Moderator diverser Beiträge auf Ö1. An dieser Stelle erwähnt sei die Sendereihe „Mandala“, wo Smekal sein umfangreiches Wissen in Sachen außereuropäischer Musiktradition einbringen konnte. Somit war es nur eine Frage der Zeit, bis die theoretische Auseinandersetzung mit „exotischen“ Musikstilen auch ihre praktische Umsetzung fand.
Erstmals gemeinsam gastierten Fengxia und Smekal alias Tian Guo im Jahr 2005 bei den Gmundner Festwochen. Der Name des Duos kam übrigens, wie Giselher Smekal anmerkte, „zufällig zustande“, und bedeutet im übertragenen Sinn soviel wie „Himmelsland“. Eine schöne Metapher und gleichzeitig die Einleitung einer neuen Etappe im Streben nach musikalischer Entgrenzung. Denn: Tian Guo ist keine Crossover-Formation im Sinne einer Verschränkung von exotisch anmutenden Klanggesten, sondern per se Inspirations- und Improvisationsquelle zugleich. Während Giselher Smekal den klassischen Tonumfang des Klaviers mit taktilen Hilfsmitteln überaus behutsam zu erweitern wusste, verwandelte Xu Fengxia ihre Guzheng (eine klassische chinesische Wölbbrett-Zither) in ein Mittelding aus Zupf-, Streich- und Schlaginstrument.
Die zwei Ausnahmemusiker ließen es im ÖBV-Atrium „grooven“ und tauchten im wahrsten Sinne des Wortes mit Leib und Seele in die spektrale Vielfalt von Rhythmus und Klang ein.
Ein weiterer Höhepunkt des Abends zweifellos: Xu Fengxias Stimme, an der sich der Rhythmus der einzelnen Kompositionen entzündete. Ständig zwischen zungenfertigen Schnalzlauten und lang gehaltenen, meditativen Grundtönen variierend, eröffnete sich auch für europäische Ohren der Zugang zu fernöstlich angehauchten, tiefen Bewusstseinsschichten.
Die Wiederentdeckung der Klangfarbe als Träger des Seelischen war allerdings auch in pianistischer Hinsicht auszumachen. Mit viel Gespür für den poetischen Gehalt einzelner zart hingetupfter Töne schuf Giselher Smekal eine wunderbare Balance zu den von Xu Fengxia evozierten flukturierenden musikalischen Farbveränderungen. Sensitiv gewobene Klangnetze, die das Publikum von Anbeginn in Bann zogen. Im Laufe des Abends gewann man das Gefühl, von Tönen umzingelt zu sein, zumal sich der Raum wie von Zauberhand in eine experimentell anmutende Klangschale zu verwandeln schien. Und – dies sei an dieser Stelle nachdrücklich gesagt - im Spannungsfeld zweier Kulturen die Verbindung von kultischem Zeremoniell, religiöser Innenschau und experimenteller Kompositionstechnik so harmonisch ineinander verwoben erleben zu dürfen, ist fürwahr eine Seltenheit. Verantwortlich hierfür ist in erster Linie die Tatsache, dass Tian Guo das so genannte unergründete Fremde nicht als illuminierenden Hintergrund oder phantastische Requisite einsetzt, sondern als eigenständige Konstante im feinsinnig aufeinander abgestimmten Musikschaffen. Saitenvirtuosin und Pianist lassen den Fluchtlinien der je eigenen Klangvorstellung freien Lauf und finden punktgenau dort zusammen, wo die Kunst der Improvisation gemeinsame Spielräume eröffnet.
Kein Wunder also, dass mitunter auch grafische Partituren zum Einsatz kommen. Wie beispielsweise die Komposition „Himmelsmechanik“, die am Konzertabend mit viel musikalischer Bewegungsfreiheit in zwei Versionen vom kreisrunden Notenblatt gespielt wurde. Mag sein, dass es nicht zuletzt eben diese Facette einer nach allen Seiten hin offenen Musikauffassung ist, die gleichwohl in den Bann zieht, wie an ein Zitat von Karlheinz Stockhausen erinnert, wonach „derjenige in die Welt hinausfliegt, der seiner Seele Flügel gibt“.
Christine Dobretsberger, Journalistin und Geschäftsführerin LINEAart in Wien.
Tian Guo: Vom Himmelsland, vom Himmelsfluss - eine ost-westliche Begegnung
