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Foto: Piano, 2003, rot-schwedischer Granit

ÖBV-Veranstaltungen und Events 2009
Imagismen – Bewegung in Stein und Öl

Der Künstler Martin Ivic versucht das „Unmögliche möglich zu machen“

„Es hat mich immer gereizt, das Unmögliche möglich zu machen!“, verrät der Bildhauer und Maler Martin Ivic im Gespräch. Die Ausstellung seiner dynamischen Steinskulpturen und Ölgemälde im Atrium der ÖBV ist der beste Beweis, dass Ivic diesem hohen künstlerischen Anspruch durchaus gerecht werden kann. Unter seinen Händen beginnt der Stein sich den Gesetzen der Schwerkraft zu entziehen, das Bild sich ins Unendliche zu öffnen, der Raum zu vibrieren.

Hoch, fast schwebend, ragt die dunkelgrau schimmernde Impala-Stele „Kern“ in den Raum des Atriums empor. Ganz in der Nähe, leicht in die Diagonale verschoben, findet „Piano“ aus rotem Granit seinen Platz und wie hingegossen kauert am Boden die schwarze Diabas-Skulptur „Crawling“.

Foto: Josef Trawöger
Josef Trawöger,
Vorstandsvorsitzender
der ÖBV, begrüßt die Gäste

Einige der von Ivic behauenen Gesteine tragen für den Laien recht exotische Bezeichnungen: Impala ist ein afrikanischer, Piano ein rot-schwedischer Granit, Labrador ein Granit norwegischen Ursprungs und Diabas ein in Deutschland gebrochener Basalt. Der weiße Carrareser Marmor und natürlich die heimischen Arten Waldviertler Granit und Sölker Marmor gehören zu den geläufigeren. Von Ivic im Raum wirkungsvoll in Szene gesetzt, spiegeln die Steine mit ihren vielfältigen Herkunftsorten und Eigenschaften das Leben des kosmopoliten Künstlers wider.

Der von seiner Biografie her kaum als Österreicher, sondern als Europäer zu bezeichnende Martin Ivic fügt in seinem Werk alle kulturellen Prägungen zu einem harmonischen Ganzen zusammen: In Jugoslawien als österreichischer Staatsbürger geboren, jahrelang in Dänemark lebend und in ausgedehnten Reisen Europa und Afrika erkundend, entschloss sich der Suchende Mitte der 1980er Jahre wieder in Österreich Fuß zu fassen.

Foto: GD i.R. Johann Hauf und Prof. Angelica Bäumer
Eine dialogische Laudatio. GD i.R. Johann Hauf und Prof. Angelica Bäumer

Von seiner akademischen Ausbildung behält er sich die Liebe zur Malerei und findet über die Notwendigkeit diverser Brot- und Nebenberufe (u. a. als Restaurator und Steinmetz) 1982 autodidaktisch zur Bildhauerei. Vorerst bearbeitet er Holz, dann Stein. Wie in seiner Malerei, so bedient sich Ivic anfänglich auch in der Bildhauerei einer figurativen, symbolistischen Ausdruckweise, die man nun in einigen aktuellen Plastiken aufs Neue erspüren kann. Allmählich wird die Sprache aber einfacher, klarer und bedient sich der Kraft der abstrakten Form.

Im Foyer der ÖBV begegnet man der aus Diabas gehauenen und mit Diamantschleifern zu einer sanften Woge geglätteten „Zunehmenden Welle“ von 2006, die diesem Stilprinzip zu folgen scheint. Die Inspiration zu dieser eleganten, bewegten Plastik war aber nicht die Erinnerung an ein leises Meeresrauschen, sondern die Tsunami-Katastrophe vom 26. Dezember 2004 in Südostasien, die mindestens 231.000 Menschen das Leben kostete.
So ist es sicher kein Zufall, dass Martin Ivic für dieses Monument jenen dunklen Stein wählte, der in den letzten beiden Jahrhunderten vorwiegend für Grabdenkmäler verwendet wurde. In der „Zunehmenden Welle“ verbinden sich persönliches Erleben und äußere Einflüsse, eine für Ivic charakteristische schöpferische Grundhaltung.

Foto: Wolf Janscha, Maultrommel
Wolf Janscha, Maultrommel

Das Zusammenführen von gegensätzlichen Polen kennzeichnet auch die Arbeit „Diaphan II“ (von griech. diaphainesthai, „durchscheinen“) im Stiegenhaus des Atriums. Hier setzt Ivic Konstruktives mit Organischem, Blockhaftes mit Fließendem, Dichte mit Transparenz und Masse mit Leere in Beziehung. Der verwendete Sölker Marmor unterstützt mit seinen Eigenheiten diese Qualitäten, oder wie Ivic treffend formuliert: „Der Stein hat bei der Ideenfindung viel mitzureden!“ Der Künstler bedient sich gekonnt der Materialität des schwierig zu bearbeitenden heimischen Gesteins – weiße Schichten alternieren mit rosafarbenen, der glattpolierte Marmor mit raubelassenen Einschlüssen von Fremdgestein und an seiner dünnsten Stelle schimmert gelblich das von hinten auftreffende Licht durch die sonst opake Skulptur.

Foto: Diaphon II, 2007/08, Sölker Marmor
Diaphon II, 2007/08, Sölker Marmor

Um zusätzliche Lichtbrechungen, optische und haptische Eindrücke zu erzielen, strukturiert und dynamisiert Ivic die Oberflächen seiner bildhauerischen Arbeiten mit konvexen und konkaven Linienzügen. Linien, Bänder – deren Überschneidungen und Verflechtungen sind auch integraler Bestandteil der Ölgemälde von Martin Ivic, ebenso das Arbeiten in multiplen Schichten – von der vielfarbig grundierten Leinwand über die pastos aufgetragenen Öl- und Leimfarben bis zu den eingegrabenen Pinselstielspuren, die die Gemälde reliefartig überziehen. Es ist ein Flimmern und Vibrieren, verstärkt durch eine nahezu „impressionistische“ Farbigkeit und Pinselschrift, das das Bild optisch aufbricht und in den Raum hin erweitert – Grenzüberschreitungen, Unmögliches möglich machen ...

Konsequenterweise geriet die Ausstellungseröffnung zum Gesamtkunstwerk mit der Musik Wolf Janschas (Maultrommel), dem Tanz von Ulduz Ahmad Zadeh, der Sprache der Laudatoren Hans Hauf und Prof. Angelica Bäumer, mit natürlich den bildnerischen Werken Martin Ivics und nicht zuletzt der prägnanten Architektur des ÖBV-Atriums.

„Imagismen“ überschrieb der Künstler dieses Fest, diese für das Atrium zusammengestellte Retrospektive über die vergangenen 10 Jahre seines Tuns. Die Titelwahl erfolgte in Anlehnung an die Ziele und Inhalte der „Imagisten“. Die Vertreter/-innen des „Imagismus“, einer literarischen Bewegung vom Anfang des 20. Jahrhunderts, verzichteten in der Dichtkunst auf die strenge Befolgung von Regeln hinsichtlich Rhetorik und Metrik, bezogen die Umgangssprache mit ein und huldigten einer präzisen Bildersprache mit klarem, scharfen Ausdruck.

Auf die Bildhauerei und Malerei von Martin Ivic umgelegt, bedeutet dies wohl, dass sich der Künstler der historisch gewachsenen Kunstgattungen Bildhauerei und Malerei zwar bedient, diese aber bis an ihre Grenzen und darüber hinaus auslotet. Im Bestreben, eine eigene, subjektive Bildsprache zu entwickeln, folgt Ivic eher inneren als äußeren Gesetzen und entzieht sich damit gern der eindeutigen stilistischen Zuordnung. Vielmehr hat er sich eine Ästhetik erarbeitet, „die das schöpferische und kreative Vermögen des Menschen im gesellschaftlichen Lebensprozess an sich untersucht und dieser Untersuchung im Stein signifikant Ausdruck verleiht“, wie Clemens K. Stepina im Begleitheft zur Ausstellung festhält.

Foto: Martin Ivic, Ignaz Kienast, Theresia Merzinger und Karin Feyrer
Die Künstler Martin Ivic und Ignaz Kienast und die ÖBV-Mitarbeiterinnen Theresia Merzinger und Karin Feyrer beobachten das Geschehen von oben

Martin Ivic sieht sich als Kunstproduzent, der sich im dichten Gefüge der gesellschaftlichen Bedingungen mit seinen Arbeiten zu behaupten sucht, um der medialen Flut, der Bilderübersättigung etwas Sinnstiftendes, Sinnliches entgegenzusetzen. Dabei bringt sich Ivic mit existentieller Wucht ins Spiel, ohne Rücksicht auf Marktkonformität und Verkaufszwang. Dass seiner Kunst etwas Rückwärtsgewandtes anhafte, winkt er mit einem leisen Lächeln beiseite. Nicht Zeitgeistiges, sondern Überzeitliches zu schaffen, sei sein Anliegen – und dass die Welt dadurch etwas humaner und lebenswerter werde, formuliert Ivic seine ganz persönliche Utopie.

Mag. Maria Christine Holter,
Kunsthistorikerin und -vermittlerin in Wien

Piano, 2003, rot-schwedischer Granit

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