ÖBV – Österreichische Beamtenversicherung, Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit – ÖBV Versicherung

Foto: Atrium

ÖBV-Veranstaltungen und Events 2009
Bürokratie als literarische Inspirationsquelle.

Oder: Die sogenannte „schöne Literatur“ ist zum Verständnis komplexer gesellschaftlicher Zusammenhänge unentbehrlich

Es gibt Reizworte, die bei einem Großteil der Bevölkerung reflexartige Abwehrmechanismen evozieren. Der Begriff „Bürokratie“ zählt zweifelsohne dazu.

Egal, in welchem Zusammenhang das Wort „Bürokratie“ fällt, die Bilder, die damit in Zusammenhang gebracht werden, sind stets dieselben: muffige Amtsstuben, genervte Beamten und Beamtinnen, in die Höhe wachsende Aktenberge sowie tickende Stechuhren. Soviel zu hartnäckigen Vorurteilen. Will man allerdings eine zeitgemäße und somit differenzierte Sichtweise zum Thema Bürokratie bedienen, empfiehlt sich die Lektüre des soeben im Böhlau Verlag erschienenen Werkes der Germanistin Sabine Zelger. Der Titel des Buches „Das ist alles viel komplizierter, Herr Sektionschef!“ entstammt einem Zitat, das Robert Musil im Original einem General zugedacht hatte und von der Autorin zweckdienlich adaptiert wurde, um Bürokratie im Spiegel österreichischer literarischer Reflexionen auszuweisen.

Ein, wie es der neue Vorstandsvorsitzende der ÖBV, Josef Trawöger, im ÖBV-Atrium anlässlich der Präsentation des Buches Anfang März auf den Punkt brachte, „ungewöhnlicher und spannender Ansatz“, der von Sabine Zelger in weiterer Folge näher erläutert wurde.

In ihren Untersuchungen zu Kafka, Herzmanovsky-Orlando, Joseph Roth bis hin u. a. zu Albert Drach und Konrad Bayer macht Sabine Zelger deutlich, dass Literatur komplexe und zum Teil überraschende Erkenntnisse zur Bürokratie-Thematik liefert. Im Zentrum des Interesses stehen immer wieder folgende Fragen: Kann Literatur als Instanz fungieren, um bürokratische Welten abzubilden? Ist Literatur eher Spiegel oder Zerrbild einer von Papierkrieg gespeisten Erfahrungswelt? Seitens der Wissenschaft vernehmen sich die Antworten auf diese Fragen kontroversiell. Faktum für die Autorin ist hingegen, dass, unabhängig davon, ob es sich um konventionell oder experimentell verfasste Werke handelt, die jeweilige Sprache mit lebensnahen Metaphern ausgestattet wird. Bürokratie ist somit – bildhaft gesprochen – in doppelter Hinsicht in der Literatur „gut aufgehoben“. Sei es nun dank der Kunst der Satire oder mittels dokumentarischer Dichtung, um nur zwei Beispiele zu nennen.  

Diskussionsrunde

Ebenso anregend wie Sabine Zelgers Impulsreferat verlief die anschließende, hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion (Moderation: Stefan Krammer), im Rahmen derer Literaturwissenschafterin Evelyne Polt-Heinzl, Politologin Eva Kreisky, Verfassungsexperte Manfried Welan und Sektionschef (i. R.) Raoul Kneucker das Thema Bürokratie aus verschiedenen Erfahrungshorizonten beleuchteten. Kleinster gemeinsamer Nenner aller Beteiligten war die fachkundige Hinwendung zur Literatur. Dementsprechend hoch war auch die Übereinkunft, dass das „Schreckgespenst Bürokratie“ mehr und mehr an Macht verliert, je intensiver man sich – in wissenschaftlicher Hinsicht – damit auseinandersetzt. Für Eva Kreisky fungierte beispielsweise die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Bürokratietheorie „als Brückenschlag zwischen Rechts-, Sozial- und Politikwissenschaft“. Zudem wird auch allzu gerne vergessen, dass die Einführung bürokratischer Strukturen, wie Evelyne Polt-Heinzl anmerkte, „im Grunde einen großen Modernisierungsschritt darstellte und erst mühsam erkämpft werden musste“. Mit anderen Worten: Öffentliche Verwaltung musste zuallererst feudaler Willkür entrissen werden und ist seither dem geltenden Gesetz verpflichtet.

Für einen differenzierten Zugang zum Thema Verwaltung plädierte wiederum Raoul Kneucker, seines Zeichens ehemaliger Sektionschef für wissenschaftliche Forschung und internationale Angelegenheiten im Bundesministerium für Bildung, Forschung und Kultur. Der nunmehrige Honorarprofessor (u. a. an der Universität Innsbruck) brachte den Blick „von innen“ ins Spiel. Demzufolge sei heutzutage die Besetzung des Amtes des Sektionschefs „im Wandel begriffen“ und kaum noch mit früheren Konstellationen vergleichbar. Auf die Frage, inwiefern Literatur die bürokratische Wirklichkeit spiegle, wies Kneucker auf Franz Kafkas Roman „Das Schloss“ hin. Seiner Ansicht nach sei dieses Werk kein Spiegelbild österreichischer Bürokratie, sondern ein Roman der Bürokratietheorie. Aus diesem Grund genieße dieses Werk auch zeitlose Aktualität. Oder wie Verfassungsexperte Manfried Welan es formulierte: „Bei Kafka findet man alles“. Franz Kafka, der bekanntermaßen seinen Lebensunterhalt als Versicherungsbeamter verdiente, gab „den Stimmlosen eine Stimme“ und bettete seine analytische Kraft in Literatur.

Den Verdacht, dass Literatur mitunter auch gewisse Vorurteile und Bürokratie-Klischees bediene, konnte (und wollte) auch Literaturexpertin Evelyne Polt-Heinzl nicht leugnen. Demgegenüber brachte sie aber den Aspekt „der Genauigkeit“ in die Diskussion ein, zweifelsohne eine der ganz großen Qualitäten der Literatur. Deshalb an dieser Stelle eine Reihe von Buchempfehlungen, die im Rahmen der Podiumsdiskussion das Prädikat „lesenswert“ erhielten. Zum Beispiel „Das Don Corleone-Prinzip“ von Horst Bosetzky, oder die Parabeln von Kafka. Ebenfalls empfehlenswert: Texte der Wiener Gruppe, speziell von Konrad Bayer bzw. Gert Jonkes „Die Hinterhältigkeit der Windmaschinen“. In wissenschaftlicher Hinsicht gilt Max Webers Hauptwerk „Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie“ (1921/1922) immer noch als der Klassiker schlechthin.

Apropos Max Weber: Seinen Analysen zufolge zählt zu den Errungenschaften der Bürokratie nicht zuletzt auch die Entpolitisierung selbiger. Eine Tatsache, die auch Eva Kreisky explizit betonte, ergänzt von Manfried Welans Anmerkung, dass sich das Bild der „neuen Bürokratie“, sprich der Manager und Powerpoint-Generation, in der Öffentlichkeit massiv gewandelt habe. Raoul Kneucker meinte zudem, dass der unübersehbare Strukturwandel auch gut in TV-Krimi-Serien sichtbar gemacht werde. Oder anders formuliert: Das neue Image der öffentlich Bediensteten sei einerseits offensichtlich, andererseits immer noch klischeebeladen. Um mit Joseph Roth zu schließen: „Verwaltung ist immer“ – ebenso wie der stete Wunsch nach einer möglichst niedrigschwelligen Handhabung und Gestaltung.

Christine Dobretsberger

Die Autorin ist Journalistin
und Geschäftsführerin von LINEAart in Wien.

 

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