Mit der ÖBV durchs Leben
ÖBV-Veranstaltungen und Events 2009
there is no story.
Die junge Künstlerin Letizia Werth hat dennoch viel zu erzählen
Beleuchtetes versinkt in Dunkelheit, Unauffälliges gerät ins Licht. Die Arbeiten der jungen, in Wien lebenden Künstlerin Letizia Werth machen Privates zum Abbild kollektiver Erinnerung. Trotz des programmatischen Ausstellungstitels „There is no story“ war Werth gerne bereit über ihre auf einem riesigen Fundus von Amateurfotografien und Negativen basierenden Grafitbilder mit ÖBVaktiv zu sprechen.
ÖBVaktiv: Der Titel für diese Ausstellung, „There is no story“, ist im bewussten Gegensatz zu den imaginierten Geschichten gewählt, die Ihre Grafitzeichnungen in der Betrachterin oder dem Betrachter auslösen können. Arbeiten Sie gerne mit der Provokation?
Werth: (lacht) Das würde ich gerne mehr! Vielleicht hat der Titel für manche etwas Provokatives, aber ich finde meine Arbeiten an sich nicht wirklich provokant. Der Titel zu dieser Ausstellung geht von einer ganz konkreten Situation aus: Ich habe einmal vor Schülern und Studenten über meine Arbeit gesprochen, und die bohrten immer wieder nach: „Wo ist die Geschichte? Wo ist die Geschichte?“ Meine Antwort, ich könne ihnen zwar etwas erzählen, aber das sei eigentlich nicht DIE Geschichte, that there is no story, wurde schließlich akzeptiert. Ich will damit verständlich machen, dass es in meiner Kunst um das Bild als solches geht.
ÖBVaktiv: Dennoch ertappt man sich als BetrachterIn dabei, hinter die abgebildeten Charaktere blicken zu wollen und sich „stories“ zusammenzureimen.
Werth: Das ist dem Publikum auch nicht verboten. Ich spiele ja mit der kollektiven Erinnerung. Und auch ich denke während der Auswahl und dem Zeichnen über die Geschichten der auf meinen Vorlagefotos abgebildeten Personen nach. Ich weiß etwas mehr als das Publikum, weil ich neben dem Einzelbild noch andere aus der Serie habe, aber es geht mir weniger um die Rekonstruktion von Geschichte(n), als um das Bild, das da schon vorhanden ist und wie ich es umsetzen werde.
ÖBVaktiv: Es geht Ihnen also um die Auswahl der Bildvorlage, um Bildausschnitt und Komposition?
Werth: Ja, genau. Nehmen wir zum Beispiel die Arbeit mit Wiese und Wald etwas total Unspannendes, wo ich mir denke, wer hat das je fotografiert? Und dann gibt es diese Schräge da durch, die mir gefällt. Gerade das Unspektakuläre suche ich mir für meine Bilder aus.
ÖBVaktiv: Daher auch Ihre Affinität zu fehlerhaften Fotos?
Werth: Solche Fotos werden ja als erstes weggeworfen und ich berge dann diese Schätze auf Flohmärkten: Über- und Unterbelichtungen, eingerissene, zerknitterte und gefaltete Schwarz-Weiß-Abzüge, vorwiegend aus den 40er- bis 60er Jahren. Früher verwendete ich meine eigenen Fotos – die Fotografie war ja für mich der erste Schritt weg von der Malerei, wie ich sie in meinen künstlerischen Anfangsjahren betrieben habe.
ÖBVaktiv: Sie meinen während Ihres Studiums an der Akademie der bildenden Künste in Wien, in der Meisterklasse für Malerei bei Hollegha?
Werth: Genau. Ich arbeitete damals sehr gestisch expressiv und großformatig. Spätestens seit meinem Erasmus-Stipendienaufenthalt an der School of Art in Glasgow, wo ich paradoxerweise wieder von dieser Art von Malerei umgeben war, war für mich klar: „Da musst du weg!“ Und so habe ich mich über die Fotografie der Zeichnung genähert.
ÖBVaktiv: Zum rein technischen Aspekt Ihrer grafischen Arbeiten: Obwohl Sie Bleistift verwenden, kann man von Ihren Bildern wohl nicht als klassischen „Bleistiftzeichnungen“ sprechen.
Werth: Die Technik ist zwar Bleistift, aber ich zeichne damit nicht, wie vielleicht angenommen, auf Papier, sondern, wie man hier in der Ausstellung gut sieht, auf ungrundiertem, bisweilen zart eingefärbtem Molino. Manchmal trage ich auch reinen Grafitstaub mit dem Pinsel auf, wie bei der Serie mit den brennenden Häusern. Darüber kommt dann noch ein Acrylfirnis, um die empfindlichen Bildoberflächen zu schützen.
ÖBVaktiv: In der Ausstellung sind auch Zeichnungen zu sehen, die auf Foto-Negativen beruhen. Die Umkehrung der Hell- und Dunkelwerte mündet in eine Umkehrung des Denk- und Sehvorganges. Dadurch entsteht meines Erachtens eine eigene Dramatik. Also doch eine „story“?
Werth: Bei meinen Streifzügen auf Flohmärkten habe ich natürlich auch Negative gefunden. Das Negativ ist ja an sich schon etwas sehr Spannendes, weil man einerseits erkennt, was darauf abgebildet ist und andererseits doch wieder nicht – weil es in diesem Zwiespalt hängen bleibt. Ich wollte vom erzählerischen Aspekt, von der „story“ noch etwas weiter weg in die Abstraktion hinein. Das Negativ kehrt die Realität um, Helles wird Dunkel und vice versa, dadurch abstrahiert sich die Darstellung ungemein und lenkt die Aufmerksamkeit mehr auf bildimmanente Qualitäten.
ÖBVaktiv: Arbeiten Sie mit Hilfe von Projektionen bei der Übertragung?
Werth: Nein. Ich habe das Originalfoto oder -negativ neben mir, schau es an und arbeite davon weg. Dadurch schleichen sich natürlich Fehler ein, die ich aber mag. Im Zuge der grafischen Umsetzung wird die dargestellte Person dann doch zu einer anderen – und, ich würde sagen, meine Bilder werden fokussierter.
ÖBVaktiv: Sie verwenden nicht nur Grafitstaub, sondern auch ganz banalen Hausstaub als Medium. Was interessiert Sie an diesem Material als Grundlage für Ihre Zeichnungen und Installationen?
Werth: Sie sprechen von meinen im Foyer ausgestellten Staub-Stillleben? Hübsch, nicht?
Am Beispiel einer früheren Arbeit, der Installation „Staubgarten“ von 2005, kann ich es besser erklären: Die Arbeit mit Staub ist eine sehr reizvolle Umkehrung. Aus Schmutz entsteht etwas sehr Schönes, ästhetisch Ansprechendes. Erst bei genauem Hinsehen sieht man das Ekelhafte, den Dreck. Und es beginnt ja tatsächlich etwas zu wachsen, der Staub lagert sich mit der Zeit immer dicker auf meinen Installationen ab...
ÖBVaktiv: Bei der Besprechung der Staub-Stillleben hat Elsy Lahner in ihrer Eröffnungsansprache auf das „Vanitas“, das Vergebliche und Vergängliche, hingewiesen. Was hat dieser von der christlichen Ikonografie geprägte Gedanke Ihrer Meinung nach mit unserer und Ihrer Gegenwart zu tun?
Werth: Natürlich bin ich mit dieser Ikonografie vertraut, fühle mich ihr aber nicht verpflichtet. Dennoch gibt es Übereinstimmungen: Staub ist ja geradezu das Sinnbild des Verfalls, der Vanitas. Staub ist ein Überbleibsel und meine Bilder bzw. Installationen sind so gesehen schon Momentaufnahmen der Vergänglichkeit.
ÖBVaktiv: Wir stehen nun inmitten der von Ihnen für das ÖBV-Atrium konzipierten Arbeit, einem überdimensionierten Herzen, das Sie mit schwarzen Isolierbändern direkt auf den Atrium-Boden geklebt haben. Hat Sie der Versicherungsgedanke oder das Logo der ÖBV dazu inspiriert? Was war ihr Konzept zu dieser Arbeit?
Werth: Das Herz fand schon einmal für eine andere Installation zum Thema „Liebe“ Verwendung. Im damaligen Ausstellungsraum war jedoch der Boden schwarz und ich konnte die Herz-Zeichnung mittels weißer Kreide ausführen. Als ich dann das Atrium in Augenschein nahm, war mir schnell klar, dass ich hier ebenfalls eine installative Zeichnung auf den Boden machen möchte, denn der ist ja von überall so gut sichtbar.
ÖBVaktiv: Sie haben die schon bestehende Bodeninstallation von Brigitte Kordina darin problemlos miteinbezogen.
Werth: Ja, das wollte ich von Anbeginn. Es gefällt mir, wie die zwei künstlerischen Eingriffe zusammenwachsen.
ÖBVaktiv: Haben Sie Reaktionen von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der ÖBV- bekommen, denen das ÖBV-Logo mit dem kleinen roten Herzen ja sehr vertraut ist?
Werth: Ja, sehr erfreute. Ich habe ja erst im Zuge der Ausführung erfahren, dass das Herz Teil des Logos ist. Vielleicht hat das Unbewusste mitgespielt, denn ich bekomme ja immer die ÖBV-Einladungskarten zu den verschiedensten Veranstaltungen und war natürlich schon öfter hier. Das Herz meiner Installation ist für mich jedenfalls sehr raumbezogen, weil das Atrium ja tatsächlich das pulsierende Herz, das Zentrum dieses schönen Hauses ist.
Das Gespräch führte
Mag. Maria Christine Holter,
Kunsthistorikerin und -vermittlerin in Wien.

Foto oben: Das Herz der ÖBV in ungewohnter Interpretation – schwarze Isolierbänder auf dem Steinboden im ÖBV-Atrium. Im Hintergrund: Josef Trawöger bei der Eröffnung der Ausstellung.

Viele Zeichnungen Letizia Werths beruhen auf Foto-Negativen.
Foto oben: Erst bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass die hübschen Stillleben aus Staub und dadurch gar nicht so gefällig sind.
Stillleben, 40x50cm, Staub auf Glas, 2009 ©VBK Wien

Foto links:
Verena Brückners Moritaten waren eine passende Ergänzung zu den Arbeiten von Letizia Werth und eine gelungene Überleitung zum Thema Kunstraub-Raubkunst im Roman von Volker Raus.
Gruppenbild mit Blumen
Die Vernissage war ein vielfältiger kultureller Abend. Zum Thema „there is no story“ steuerten bei: Letizia Werth Bilder, Elsy Lahner einführende Worte, Verena Brückner Moritaten und eine Lesung aus seinem Linzer Kunstraub-Krimi Volker Raus, die Begrüßung Vorstandsvorsitzender Josef Trawöger.
